Von meinem ersten Vorgesetzten lernte ich, dass ein Beamter eine dreifache Loyalitätspflicht zu erfüllen hat. Er muss gegenüber seinen Vorgesetzten, gegenüber den Gesetzen und schließlich gegenüber seinem Gewissen loyal sein. Nicht jede Loyalitätspflicht ist gleich stark. Das erste Loyalitätsband gegenüber den Vorgesetzten sollte so dünn wie ein Faden sein, selbst wenn man den Vorgesetzten persönlich nahesteht, das Loyalitätsband gegenüber dem eigenen Gewissen sollte das stärkste sein, andernfalls ist man der falsche Mann oder die falsche Frau auf dem richtigen Posten.
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Hans-Georg Maaßen, wenn aus Loyalität Linientreue wird.
Ein Artikel von Gastautor Hans-Georg Maaßen vom 27.
Mai 2021
Von meinem ersten Vorgesetzten lernte ich,
dass ein Beamter eine dreifache Loyalitätspflicht zu erfüllen hat.
Er muss gegenüber seinen Vorgesetzten,
gegenüber den Gesetzen und schließlich gegenüber seinem Gewissen loyal sein.
Nicht jede Loyalitätspflicht ist gleich stark.
Das erste Loyalitätsband gegenüber den
Vorgesetzten sollte so dünn wie ein Faden sein.
Selbst wenn man den Vorgesetzten persönlich
nahesteht, das Loyalitätsband gegenüber dem eigenen Gewissen sollte das stärkste
sein. Andernfalls ist man der falsche Mann oder die falsche Frau auf dem richtigen Posten.
Man muss sich noch im Spiegel wiedererkennen wollen.
Auch wenn es schwerfällt und für die Karriere schädlich ist.
So muss man seinen Vorgesetzten mitunter
auch klarmachen, dass nicht alles, was sie wünschen, auch rechtlich erlaubt und
praktisch möglich ist. Man muss den Mut haben zu sagen.
Das dürfen sie nicht wollen.
Es besteht ein Unterschied zwischen Loyalität und gefügigem Gehorsam.
Dagegen besteht für Beamte keine
Loyalitätspflicht gegenüber einer bestimmten Politik, Partei oder Ideologie.
Ein derartiges Loyalitätsverständnis widerspricht dem Status eines Beamten in
der freiheitlichen Demokratie. Das war ganz anders in der DDR, wo jeder
Staatsangestellte ein hohes Maß an ideologischer Loyalität aufweisen musste.
Man nannte es Linientreue.
In Staaten wie der DDR wird die persönliche
Loyalität gegenüber den Vorgesetzten durch sehr viel Gehorsam und die
Gesetzesbindung durch parteische Linientreue ersetzt.
Ich musste während meines Beamtenlebens
immer wieder an die Loyalitätspflichten des Beamten denken.
Zum Beispiel immer dann, wenn neue Minister
ihre persönlichen Mitarbeiter aus den Bundestagsbüros mitbrachten und beförderten.
Sie hatten ein anderes Loyalitätsverständnis.
Es waren Leute, die ihr ganzes berufliches
Schicksal an das ihres Chefs banden und ihm deshalb besonders sehr viel gegenüber
verstanden. Oder es war ein treuer Parteisoldat, für den der Chef austauschbar
war, der aber die ideologischen oder parteipolitischen Ziele sehr genau exekutierte.
Natürlich gab es schon immer den Typ Beamten, der die persönliche Karriere als
wichtiger ansah als die Loyalität gegenüber dem Recht und dem Gewissen.
Die Zeiten haben sich in den letzten 30
Jahren allerdings erheblich verändert, vor allem aber die Leute, die politisch
relevante Funktionen innehaben. Es ist schlimmer geworden.
2015 war insoweit für mich auch ein
besonderes Erlebnis, als ich wahrnahm, dass immer häufiger leitende Beamte in
Besprechungen mit Politikern Zusagen über das rechtlich Mögliche und Machbare, über
die Kosten oder über die praktische Realisierung von politischen Vorstellungen
machten. Diese Zusagen waren aus meiner Perspektive entweder mit vielen Risiken
behaftet oder von Anfang an nicht realistisch.
Gleichwohl ist ein solcher Typ Mensch für
gewöhnliche Politiker sehr angenehm, da von ihm keine Probleme ausgehen, kein
Widerspruch erfolgt und er bereit ist, ihnen die Wünsche von den Lippen abzulesen.
Das nennt man Vorauseilendengehorsam.
Diese Fehlentwicklung ging allerdings noch weiter.
Als ich 2018 aus dem aktiven Dienst ausschied, sagte mir ein Kollege
Wie konntest du nur der Kanzlerin widersprechen?
Das tut man nicht.
Das war eine Geisteshaltung und Dienstauffassung, die ich nicht teilte.
Man muss als Beamter widersprechen, wenn es notwendig ist.
Es erinnerte mich an vergangen geglaubte
Zeiten und an den Bericht über den psychisch gestörten Kaiser Wilhelm II.
und seine hohen Beamten und Generale, die
der Kaiser bei seinen Nordlandfahrten auf dem Deck seiner Yacht hatte antreten und
zu seiner kaiserlichen Belustigung Sackhüpfen und Bockspringen ließ.
Zur damaligen Zeit ist darüber nicht
berichtet worden, weil die Beamten es vermutlich aus Scham verschwiegen.
Vor dieser servilen Loyalität von
Beamteten Bockspringern hatten unser Volk und unsere europäischen Nachbarn immer
wieder Angst. Eine ähnliche Entwicklung ist inzwischen in unseren Parteien
feststellbar. Nach dem Grundgesetz sind Abgeordnete in einer sehr komfortablen
Situation. Sie sind nur ihrem Gewissen und natürlich den Gesetzen unterworfen.
In der Praxis kann sich ein Abgeordneter
auf diese Freiheit zwar berufen, muss aber, wenn er vom offiziellen Parteikurs
abweicht, mit Problemen rechnen. Es folgen subtile Sanktionen wie die, dass
parteiinterne Dissidenten ausgegrenzt, von karriereträchtigen Funktionen
ausgeschlossen oder zukünftig einfach nicht mehr aufgestellt werden.
Es ist die bekannte Linientreue, die erwartet wird, die heute Loyalität oder
innerparteiliche Geschlossenheit genannt wird.
Das Credo lautet, wer der Parteilinie oder der Parteiführung widerspricht, schadet
der Partei, weil er den politischen Gegner in die Karten spielt und ihn damit
munitioniert. Auffallend ist, dass genauso die Bolschewiki argumentierten, um
politische Abweichler zu verfolgen, Kritik an der Linie der Partei unterstützt die
Konterrevolutionäre und zeigt, dass man noch kein hinreichendes
revolutionäres Bewusstsein hat. So lebendig ist Lenin immer noch.
Die Aussage meines früheren Vorgesetzten machte mir noch etwas anderes deutlich.
Es ist richtig, dass die persönliche Loyalität nur ein dünner Faden ist.
Dieser Faden muss schon dann reißen, wenn erwartet wird, dass man aus
Pflichterfüllung und Loyalität zu kaiserlichen Bockspringern und Sackhüpfern
wird. Aber vor allem dann muss der Faden reißen, wenn aus rechtsgehorsam und
Gewissenstreue parteisches Soldatentum und Linientreue werden.
Über den Autor Hans-Georg Maaßen ist deutscher Jurist und politischer Beamter.
Von August 2012 bis zu seiner Versetzung in den einstweiligen Ruhestand im November
2018 war er Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz.