Am ersten November gehörte der Zentralfriedhof den Lebenden, die den Toten Kerzen brachten, und den Toten, die sich nicht dafür bedankten. Heinrich Brenner kam jedes Jahr an diesem Tag. Er sagte sich, es geschehe der Ruhe wegen. Nirgendwo in Wien wurde so wenig geredet, und nirgendwo fiel ein Mann, der mit einer Zigarette zwischen den Gräbern stand, so wenig auf.

Es nieselte. Der Nebel hing zwischen den Zypressen wie nasse Wäsche. Brenner stand in Gruppe 32 A, vor einem Stein, den er seit Jahren nicht mehr las, als hinter ihm eine Stimme sagte: »Herr Kommissar Brenner. Sie haben sich nicht verändert.«

»Das ist keine Auszeichnung«, sagte er und drehte sich um.

Die Frau war klein, in einem schwarzen Lodenmantel, mit einer Laterne in der Hand, in der eine Kerze gegen den Wind kämpfte. Sie mochte einundachtzig sein. Er kannte das Gesicht nicht. Aber er kannte den Blick: den Blick einer Frau, die vor langer Zeit in einem Gerichtssaal gesessen und sich jedes Gesicht gemerkt hatte.

»Ottilie Kranz«, sagte sie. »Sie haben meinen Mann verhaftet. Anton Kranz. Der Juwelenmord in der Josefstadt.«

Brenner nickte langsam. Den Namen hatte er nicht vergessen. Man vergaß die nicht, die man richtig überführt hatte; man vergaß nur die anderen.

Sie gingen zu Fuß zum Gruppengrab der Familie Sperl, vierhundert Meter durch Nebel und Chrysanthemen. Auf dem Stein, unter dem seit dreißig Jahren der Juwelier Leopold Sperl lag, stand ein Strauß weißer Blüten, noch ohne Regentropfen, frisch wie am Morgen.

»Jedes Jahr«, sagte Ottilie Kranz. »Seit Anton verurteilt wurde. Weiße Chrysanthemen, und darunter eine Karte. Immer dieselbe Karte.« Sie zog ein Päckchen aus der Manteltasche, mit einem Gummiband zusammengehalten, und reichte es ihm. »Ich nehme sie jedes Jahr mit. Die Sperls sollen sie nicht finden.«

Brenner hob die Karte unter dem Strauß auf. Drei Wörter, in einer steilen, altmodischen Handschrift: Verzeih mir. Mehr nicht.

»Mein Anton hat in Stein elf Jahre lang gesagt, er sei es nicht gewesen«, sagte sie. »Er ist gestorben mit diesem Satz im Mund. Wer sich jedes Jahr beim toten Sperl entschuldigt, Herr Kommissar, der hat Sperl etwas getan. Ich will wissen, wer. Ich bin einundachtzig, ich habe nicht mehr viele Allerheiligen.«

Brenner rauchte und schwieg. Es war kein schlechtes Argument. Es war nur zu gut vorbereitet.

Beim Hinausgehen fragte er den Totengräber, der mit einer Schubkarre voll Reisig an der Mauer lehnte, wer die Gräber der Sperls pflege. »Die Familie ist ausgestorben«, sagte der Mann. »Seit Jahren zahlt ein Dauerauftrag. Und jeden ersten November liegen Blumen da, und ich hab noch nie einen gesehen, der sie bringt. Als würden sie über Nacht wachsen.« Er spuckte in den Nebel. »Von der Ersten Allee bis zum Tor sieht man alles hier. Aber nur, wenn man es sehen will.«

Im Goldenen Lamm breitete er die Karten auf dem Stammtisch aus, neunundzwanzig an der Zahl, und Mizzi stellte das Bier daneben, ohne die Papiere anzusehen, was bei ihr Taktgefühl war.

Er ging das Material durch, wie er es früher mit Akten getan hatte, langsam, mit dem Daumen am Rand. Dieselbe Hand, Jahr um Jahr, im Alter etwas zittriger. Dasselbe Papier, schlichter Karton, scharf geschnitten. Nur die erste Karte, die von damals, war anders. Sie war dünner, gelblich, und auf ihrer Rückseite, halb vom Schnitt abgetrennt, stand ein Stempel:

Er dachte an den Fall zurück, den er für abgeschlossen gehalten hatte. Leopold Sperl, Juwelier in der Josefstadt, erschlagen in seiner Werkstatt an einem Dienstagabend im Februar, der Tresor offen, die Kasse unberührt. Ein Mord, der nach Raub aussehen sollte und nach Hass roch. Kranz hatte Schulden gehabt, einen Schlüssel, ein Motiv und kein Alibi. Es war ein sauberer Fall gewesen. Brenner hatte sauberen Fällen immer misstraut und diesem trotzdem geglaubt, weil die Uhr dalag, wo sie liegen musste.

Sicherheitsbüro Wien – Asservatenstelle.

Brenner kannte diesen Stempel. Auf Formularen dieser Art hatte man jedes Beweisstück quittiert, das je durch eine Polizeidirektion gewandert war, jede Waffe, jeden Ring, jede Taschenuhr.

Und er bemerkte noch etwas. Die Karten waren nicht gebündelt, wie man Zettel bündelt, die man Jahr für Jahr am Friedhof aufliest. Sie waren geordnet, nach Jahren, die älteste obenauf. Wer ein Rätsel vorlegt, wirft es nicht in die richtige Reihenfolge.

»Interessant«, sagte Brenner zu seinem Bier.

»Was ist interessant?«, fragte Mizzi, die nie fragte.

»Dass jemand dreißig Jahre lang so gewissenhaft bereut, dass er dabei Dienstmaterial verbraucht.« Brenner schob die Karte ins Licht. »Ein Täter entschuldigt sich nicht in der Handschrift eines Beamten. Ein Beamter entschuldigt sich nicht ohne Grund. Und eine Witwe, die ihre Beweise sortiert, hat die Antwort längst im Kopf.«

Mizzi zuckte die Achseln. »Dann frag sie doch.«

»Man fragt nie, wenn man die Antwort schon hat«, sagte Brenner. »Man geht hin und schaut, wer sich freut.«

Hofrat a. D. Karl Pokorny lebte in Grinzing, in einem Haus mit Weinlaube und ohne Gäste. Dreißig Jahre zuvor war er ein junger Kontrollinspektor gewesen, ehrgeizig und exakt, und Brenners Beisitzer im Fall Sperl. Er hatte damals bei Anton Kranz die Taschenuhr des Opfers gefunden, hinter einem losen Brett im Vorzimmer. Die Uhr hatte Kranz an den Galgen geliefert, im übertragenen Sinn, denn das Gesetz kannte keinen mehr.

Pokorny öffnete selbst. Er war nur noch Knochen unter einer Strickjacke und hatte die Hände eines Mannes, der etwas festhält, das es nicht mehr gibt. Als er Brenner sah, schien er nicht überrascht.

Die Stube roch nach Pfeifenrauch, der längst verflogen war, und nach Medikamenten, die es nicht waren. Auf dem Fensterbrett standen sieben Fotografien in Silberrahmen, alle von Menschen, die er nicht mehr anrufen konnte. Brenner zählte sie und sagte nichts. Auf der Anrichte stand eine Vase mit weißen Chrysanthemen, noch nicht ausgepackt, das Papier raschelte im Zug.

»Ich habe geahnt, dass einer von euch kommt«, sagte er. »Ich hatte nur gedacht, es wäre die Staatsanwaltschaft.«

Brenner legte die erste Karte auf den Tisch. Pokorny sah sie lange an.

»Die Uhr«, sagte Brenner.

»Ja«, sagte Pokorny. »Die Uhr habe ich hingelegt.«

Sie saßen einander gegenüber wie früher im Wagen, nur dass jetzt niemand fuhr. Pokorny drehte den Ehering am Finger, der ihm zu weit geworden war. »Sie haben es damals gewusst«, sagte er. »Dass die Uhr zu schön lag. Sie haben nur nie gefragt.«

»Ich habe gefragt«, sagte Brenner. »Mich selbst. Und mir geantwortet, dass ein Mörder, der seine Kleider verbrennt, nicht vergisst, die Uhr mitzunehmen.« Er zog an der Zigarette. »Ich habe damals geglaubt, das spräche für Kranz. Aus Trotz dagelassen.«

»Und heute?«

»Heute glaube ich, dass es für Sie sprach.«

Er erzählte es ohne Pathos, wie man etwas erzählt, das man dreißig Jahre lang in sich zu Ende gesprochen hat. Kranz war Sperls Buchhalter gewesen. Verschuldet, verbittert, mit einer Frau, die sparte, und einem Chef, der nichts verschenkte. Pokorny hatte ihn drei Tage lang vernommen. Am dritten Tag, spätnachts im Dienstwagen, auf der Fahrt zurück in die Zelle, hatte Kranz es gestanden. Das Licht, die Eisenstange, den Blick, mit dem Sperl ihn angesehen hatte. Alles.

»Und am nächsten Morgen hat er widerrufen«, sagte Pokorny. »Kein Zeuge im Wagen. Kein Blut an seinen Kleidern, er hatte sie verbrannt. Die Tatwaffe im Donaukanal. Ein Anwalt, der ihn in einer Woche herausgeholt hätte.« Er hob die Schultern. »Ich hatte die Uhr von Sperl im Asservat. Ich habe sie bei Kranz im Vorzimmer versteckt und am nächsten Tag selbst gefunden. Er war schuldig, Heinrich. Er war es, so wahr ich hier sitze. Und ich bin der Mann, der einen Mörder mit einer Lüge hinter Gitter gebracht hat.«

»Beides«, sagte Brenner.

»Beides«, bestätigte Pokorny. »Seit dreißig Jahren schenke ich Sperl Blumen und kann nicht sagen, wofür ich mich entschuldige. Dafür, dass ich gelogen habe? Oder dafür, dass ich es nicht bereue?«

Brenner sah aus dem Fenster in den Garten, wo der letzte Wein an der Laube verrottete. Er hatte Mörder gekannt, die ruhiger schliefen als Pokorny. Er hatte Richter gekannt, die weniger wussten als er. »Warum jetzt?«, fragte er. »Dreißig Jahre ist die Karte immer aus Ihrer Hand gekommen. Warum lassen Sie sie plötzlich liegen, wo eine Witwe sie findet?«

»Ich lasse sie nicht liegen«, sagte Pokorny. Er lächelte schief. »Ich habe sie nie liegen lassen. Ich habe sie immer unter die Blumen gesteckt, damit der Wind sie nimmt. Nur eine Person in Wien hat sie in dreißig Jahren jedes Mal wieder eingesammelt.«

Es dauerte einen Augenblick, bis Brenner den Gedanken zu Ende dachte. Dann nahm er den Hut vom Tisch.

Ottilie Kranz öffnete ihm in einer Wohnung in Ottakring, die nach Bohnerwachs und Kohl roch. Sie hatte Tee gekocht. Sie hatte, das sah Brenner sofort, für zwei gedeckt.

»Sie wussten es«, sagte er.

Sie goss ein. »Seit der ersten Karte. Pokornys Schrift kannte ich aus dem Verhörprotokoll. Er hat damals unterschrieben, wie er jetzt schreibt: steil, mit dem Haken am P.« Sie setzte sich. »Und ich wusste noch etwas, Herr Kommissar. Anton hat es getan. Er hat es mir erzählt, an einem Sonntag im Besuchszimmer von Stein, als das Warten schon fünf Jahre alt war. Er hat geweint dabei.«

Auf dem Buffet stand ein Bild: Anton Kranz, kahl, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der um Verzeihung bittet, ohne zu wissen wofür. Ottilie hatte es Jahr für Jahr abgestaubt und nie neu gerahmt.

Brenner stellte die Tasse ab, ohne zu trinken. »Warum haben Sie mich dann gesucht?«

»Weil ein Mörder, den das Gericht zu Recht verurteilt, ein Mörder bleibt«, sagte sie ruhig. »Und ein Mann, der durch eine Fälschung verurteilt wurde, ist ein Justizopfer. Das steht in jeder Zeitung. Ich wollte keinen Namen für den Mörder. Ich wollte den Namen des Mannes, der aus meinem Anton ein Opfer gemacht hat.«

Es war still. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei und ließ die Tassen leise klirren.

»Sie wollen, dass ich einen Fälscher überführe«, sagte Brenner langsam, »damit ein Mörder unschuldig wird.«

»Ja«, sagte Ottilie Kranz. »Ist das nicht Gerechtigkeit? Einer von beiden hat gelogen. Es soll der sein, der es zugibt.«

Brenner stand lange im Treppenhaus, bevor er die Haustür öffnete. Draußen hatte es aufgehört zu nieseln, und der Himmel über Ottakring hatte jenes schmutzige Gold angenommen, das Wien im November als Trost anbietet.

Er hätte ihr den Namen geben können. Ein Anruf, ein Aktenvermerk, und Pokorny wäre in einer Zeitung gestanden, ein zitternder Greis und ein gestürzter Hofrat, und Anton Kranz posthum ein Held des Rechtsstaats. Die Wahrheit hätte dabei nur eines gelitten: ihr Inhalt.

Er ging zurück in die Wohnung, nur noch einmal. »Ich habe den Mann nicht gefunden«, sagte er. »Die Karten führen ins Leere. Wer immer sie schreibt, er ist ein Mensch, der etwas bereut, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

Sie sah ihn an, lange, wie sie ihn damals im Gerichtssaal angesehen hatte. »Dann bleibt Anton ein Mörder.«

Er hätte hinzufügen können, dass er sie verstand. Dass dreißig Jahre eine lange Zeit sind, um mit einem Namen zu leben, den man nicht verteidigen kann. Er tat es nicht. Verständnis war eine Münze, die in diesem Haus nichts mehr galt.

»Er bleibt, was er war«, sagte Brenner. »Das ist mehr, als die meisten von uns zustande bringen.«

Abends saß er im Goldenen Lamm und rauchte. Mizzi brachte ihm das Bier und, ungefragt, den Tafelspitz. Er dachte an eine Karte mit einem Stempel auf der Rückseite, das winzige Versehen eines Mannes, der dreißig Jahre lang zu ehrlich gewesen war, um ein guter Fälscher zu sein.

Gerechtigkeit, dachte er, war ein Wort für Leute, die noch nie einen Fall gelöst hatten.

Er trank aus und bestellte ein zweites.

S.

Weiter zu: Wienkrimi – Die Fälle des Kommissar Brenner - Plus-Artikel zu Fall 7: Hinter »Gruft, Gnade, Gerechtigkeit« - Achtung, Spoiler: Dieser Zusatzartikel verrät die Auflösung von Fall 7. Wer die Geschichte noch nicht gelesen hat, liest sie zuerst: https://ganjing.b3355.xyz/s/0w3ay0z36B

Kommissar Brenner wird wiederkehren.

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