Der Kaufmannssohn aus Danzig
In meiner letzten Begegnung mit Richard Wagner, festgehalten im Text „Ein Nachmittag mit Richard Wagner in Tribschen am Vierwaldstättersee – August 1869", lag auf dem Beistelltisch neben einer Ausgabe Calderons ein Band, dessen Seiten so abgegriffen waren, als hätte man das Buch nicht gelesen, sondern bewohnt. Es war „Die Welt als Wille und Vorstellung" von Arthur Schopenhauer. Wagner hielt es hoch wie eine Monstranz und sagte jenen Satz, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist: „Dieses Buch hat mein Leben verändert." Am vergangenen Sonntag, dem 22. Februar, jährte sich Schopenhauers Geburtstag zum 238. Mal – Grund genug, den Blick auf jenen Philosophen zu richten, der Wagner verzauberte, Nietzsche entflammte, Thomas Mann inspirierte und das Denken der Deutschen auf eine Weise geprägt hat, die bis heute nachwirkt. Wer also war dieser Arthur Schopenhauer?
Er wurde am 22. Februar 1788 in Danzig geboren, in der Heilige-Geist-Gasse, als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Floris Schopenhauer und seiner deutlich jüngeren Frau Johanna, die später als Schriftstellerin beträchtlichen Ruhm erlangen sollte. Der Vater, ein Mann der Aufklärung und überzeugter Republikaner, hatte für seinen Erstgeborenen eine Kaufmannskarriere vorgesehen – der Name Arthur wurde bewusst gewählt, weil er im Deutschen, Französischen und Englischen gleich geschrieben wird. Als Danzig 1793 unter preußische Herrschaft fiel, zog die Familie nach Hamburg, und der junge Arthur begleitete seine Eltern auf Reisen durch Europa, lebte zwei Jahre bei einer Kaufmannsfamilie in Le Havre und besuchte Schulen in England. Es war eine Erziehung zum Weltbürger, die den Grundstein legte für jene kosmopolitische Weite, die Schopenhauers Denken später auszeichnen sollte.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Im April 1805 wurde der Vater tot im Fleet hinter dem Hamburger Haus aufgefunden – ein mutmaßlicher Suizid, der den siebzehnjährigen Arthur zutiefst erschütterte und ihm zugleich ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Die Mutter zog mit der jüngeren Schwester Adele nach Weimar, wo Johanna Schopenhauer bald einen literarischen Salon unterhielt, in dem sich die geistige Elite der Stadt versammelte. Regelmäßiger Gast war kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Arthur blieb zunächst in Hamburg, quälte sich durch eine Kaufmannslehre, die seinem Naturell so wenig entsprach wie ein Käfig einem Adler, und brach sie schließlich ab, um sich dem Studium zu widmen. Es war eine Entscheidung, die sein Leben – und die Geschichte der Philosophie – für immer verändern sollte.
Weimar, Goethe und der Geist des Ostens
Man kann die Bedeutung Weimars für Schopenhauers geistige Entwicklung kaum überschätzen. Als er 1809 seine Mutter dort besuchte und in ihrem Salon verkehrte, betrat er einen Raum, in dem der Geist der deutschen Klassik noch lebendig atmete. Schiller war erst vier Jahre zuvor gestorben, Goethe stand auf dem Höhepunkt seines Ruhms, und Christoph Martin Wieland, den man den deutschen Voltaire nannte, gehörte ebenso zum Kreis wie die Brüder Schlegel. Es war eine Welt, in der Dichtung und Philosophie keine getrennten Disziplinen waren, sondern zwei Seiten derselben Münze – und der junge Schopenhauer sog diese Atmosphäre auf wie trockener Boden den Regen.
Besonders die Begegnung mit Goethe erwies sich als prägend. Nachdem Schopenhauer 1813 in Jena mit einer Arbeit über den Satz vom zureichenden Grunde promoviert hatte und ein Exemplar an den Dichterfürsten sandte, entwickelte sich ein intensiver Austausch, der sich vor allem um Goethes Farbenlehre drehte. Goethe, der in seinem Kampf gegen Newtons Optik wenige Verbündete fand, entdeckte in dem jungen Philosophen einen der wenigen, die bereit waren, ihm auf diesem Terrain zu folgen. Schopenhauer versuchte, Goethes Beobachtungen mit Kants Transzendentalphilosophie zu verbinden, und veröffentlichte 1816 seine eigene Schrift „Ueber das Sehn und die Farben". Als er jedoch begann, eigene Thesen mit wachsendem Selbstbewusstsein zu vertreten, kühlte die Beziehung ab. In seinen Weimarer Annalen nannte Goethe ihn dennoch einen „meist verkannten, aber auch schwer zu erkennenden, verdienstvollen jungen Mann" – ein Urteil von jener eleganten Ambivalenz, die nur Goethe so meisterhaft beherrschte.
Ebenso bedeutsam war die Begegnung mit dem Orientalisten Friedrich Majer, der Schopenhauer in Johannas Salon mit der altindischen Philosophie bekannt machte – mit den Upanischaden, dem Brahmanismus und dem Buddhismus. Es war eine Begegnung, die in Schopenhauer eine lebenslange Faszination entfachte und seinem Denken jene einzigartige Verbindung von abendländischer Rationalität und morgenländischer Weisheit verlieh, die es von allen anderen philosophischen Systemen des neunzehnten Jahrhunderts unterscheidet.
Die Welt als Wille und Vorstellung
Im Mai 1814 verließ Schopenhauer Weimar nach einem heftigen Zerwürfnis mit seiner Mutter, die seinen düsteren Charakter und seine unerbittliche Kritik an ihrer Lebensführung nicht mehr ertrug, und ging nach Dresden. Dort, in der stillen Abgeschiedenheit der Elbstadt, mit Zugang zu den reichen Bibliotheken und Sammlungen, schrieb er in vier Jahren jenes Werk, das ihn unsterblich machen sollte: „Die Welt als Wille und Vorstellung", erschienen Ende 1818 mit der Jahreszahl 1819 bei Brockhaus in Leipzig.
Das Buch ist ein philosophischer Monolith. In vier Büchern entfaltet Schopenhauer ein System, das Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik zu einem geschlossenen Gedankengebäude verbindet. Der Ausgangspunkt ist Kant: Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist Vorstellung, gefiltert durch die Formen unserer Anschauung und unseres Verstandes. Doch hinter dieser Welt der Erscheinungen liegt etwas, das Kant als „Ding an sich" bezeichnete und für unerkennbar erklärte. Hier setzt Schopenhauers revolutionärer Schritt ein: Dieses Ding an sich ist uns keineswegs verschlossen – wir erfahren es in uns selbst, in jenem blinden, unersättlichen Drang, den er den Willen nennt. Der Wille ist nicht Vernunft, nicht Geist, nicht Gott – er ist ein irrationales, zielloses Streben, das alles durchdringt, vom Stein, der zur Erde fällt, über die Pflanze, die zum Licht wächst, bis zum Menschen, der begehrt, leidet und stirbt.
Es ist eine Philosophie von atemberaubender Konsequenz und abgründiger Düsternis. Wenn der Wille das innerste Wesen der Welt ist und nichts anderes kennt als ewiges Streben, dann ist das Dasein seinem Wesen nach Leiden. Jede Befriedigung ist nur die vorübergehende Stillung eines Mangels, auf die sofort neuer Mangel folgt, und was wir Glück nennen, ist in Wahrheit nur die kurze Abwesenheit von Schmerz. Man kann verstehen, warum Leo Tolstoi nach der Lektüre bekannte, Schopenhauer sei „der genialste aller Menschen", und warum Friedrich Nietzsche schrieb, er gehöre „zu den Lesern Schopenhauers, die, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, dass sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden."
Was wir heute noch von Schopenhauer lernen können
Doch Schopenhauer ist kein Nihilist, und sein Pessimismus ist kein Aufruf zur Verzweiflung. Im dritten Buch seines Hauptwerks entwickelt er eine Ästhetik, die zu den tiefsten gehört, die je geschrieben wurden. Die Kunst, so Schopenhauer, vermag das zu leisten, was die Vernunft nicht kann: sie befreit uns, wenn auch nur für Augenblicke, aus der Knechtschaft des Willens. Im Zustand der ästhetischen Kontemplation hören wir auf zu begehren, zu fürchten, zu hoffen – wir werden zum „reinen Subjekt des Erkennens" und schauen die Dinge, wie sie an sich sind. Unter allen Künsten aber steht die Musik am höchsten, denn sie bildet nicht die Erscheinungen ab, sondern den Willen selbst – sie ist, in Schopenhauers grandioser Formulierung, eine „Abschrift des Willens" und spricht eine Sprache, die jeder Mensch unmittelbar versteht, ohne sie in Begriffe übersetzen zu können.
Und dann das vierte Buch: die Ethik. Hier zeigt sich Schopenhauer von seiner menschlichsten Seite. Das Fundament aller Moral, so argumentiert er, ist nicht die Pflicht, nicht die Vernunft, nicht der göttliche Befehl – sondern das Mitleid. Im Mitleid durchbricht der Mensch die Illusion der Individuation, erkennt im Leidenden sich selbst und handelt nicht mehr aus Eigennutz, sondern aus jenem tiefen Mitgefühl, das die Grenze zwischen Ich und Du aufhebt. Es ist ein Gedanke von verblüffender Modernität, der Schopenhauer zum Vorläufer der Tierethik macht – er war einer der ersten europäischen Philosophen, die das Leiden der Tiere als moralisch relevant betrachteten – und zum Brückenbauer zwischen westlicher Philosophie und buddhistischem Denken. Denn was Schopenhauer philosophisch entfaltet, hatte Buddha zweieinhalbtausend Jahre zuvor gelehrt: dass alles Dasein Leiden ist, dass das Leiden aus dem Begehren entsteht und dass Erlösung in der Aufhebung des Begehrens liegt.
Was können wir heute noch von Schopenhauer lernen? Erstaunlich viel. In einer Zeit, die vom rastlosen Optimismus der Selbstoptimierung beherrscht wird, in der jeder Schmerz als Störung gilt und jedes Scheitern als Motivationsdefizit, erinnert uns Schopenhauer daran, dass das Leiden zum menschlichen Dasein gehört – nicht als Strafe, nicht als Versagen, sondern als Grundbedingung. Das ist keine Resignation, sondern ein Realismus, der befreiend wirken kann, weil er uns von der tyrannischen Pflicht erlöst, permanent glücklich sein zu müssen. Und seine Lehre vom Mitleid als Fundament der Ethik ist in Zeiten wachsender Empathielosigkeit aktueller denn je.
Schopenhauer in Wagners Musik
Doch kehren wir zu jenem Nachmittag in Tribschen zurück, zu Richard Wagner und seinem abgegriffenen Band. Wagner entdeckte Schopenhauer im Herbst 1854, während er an der Walküre arbeitete, in einer Zeit tiefster persönlicher Krise – mittellos, im Exil in Zürich, gescheitert als Revolutionär, gescheitert als Ehemann. Die Lektüre der „Welt als Wille und Vorstellung" traf ihn, wie er später schrieb, wie ein Blitz. Hier fand er, philosophisch formuliert, was er als Künstler immer gespürt hatte: dass die Welt im Grunde Leiden ist und dass die Kunst – und vor allem die Musik – der einzige Weg ist, dieses Leiden zu transzendieren.
Der Einfluss Schopenhauers auf Wagners reifes Werk ist kaum zu überschätzen. „Tristan und Isolde", jenes Werk, das Wagner selbst als Schopenhauer in Musik bezeichnete, ist die radikalste künstlerische Umsetzung der Willensmetaphysik: zwei Liebende, die erkennen, dass die Welt des Tages – mit ihrer Ehre, ihrer Pflicht, ihren Konventionen – eine Lüge ist, und die sich nach der Nacht sehnen, nach der Auflösung des Ich. Isoldes Liebestod ist, philosophisch betrachtet, kein Tod, sondern die Verneinung des Willens zum Leben – jener Akt der Entsagung, den Schopenhauer als höchste Form der Erlösung beschreibt.
Auch der Ring des Nibelungen, dessen Komposition Schopenhauers Lektüre gleichsam in der Mitte durchschnitt, trägt die Spuren dieser Bekehrung. Wotan, der Göttervater, der am Ende alles verliert, weil sein Wille ihn in immer tiefere Verstrickungen treibt, ist eine zutiefst Schopenhauerische Figur. Und im Parsifal schließlich, Wagners letztem Werk, kulminiert alles: Der reine Tor, der „durch Mitleid wissend" wird, der nicht durch Verstand, sondern durch Mitgefühl zur Erlösung gelangt – das ist Schopenhauers Ethik, verdichtet zu einem Bühnenweihfestspiel, das Wagner selbst nicht mehr Theater nannte, sondern Ritus. An jenem Nachmittag in Tribschen sagte Wagner: „Parsifal wird das alles zusammenführen: den Gral, das Mitleid, die Entsagung. Abendländische Form, morgenländischer Gehalt." Es ist die vielleicht präziseste Beschreibung dessen, was Schopenhauers Philosophie für die deutsche Kultur geleistet hat.
Ein Vermächtnis, das nachklingt
Arthur Schopenhauer starb am 21. September 1860 in Frankfurt am Main, wo er die letzten dreißig Jahre seines Lebens verbracht hatte – als Junggeselle, als Sonderling, als beißender Kritiker Hegels, begleitet von einer Reihe von Pudeln, denen er stets denselben Namen gab: Atma, nach dem Sanskrit-Wort für die Weltseele. Den späten Ruhm, der ihm nach Jahrzehnten der Missachtung endlich zuteilwurde, quittierte er mit jenem galligen Humor, der seine „Aphorismen zur Lebensweisheit" zu einem der meistgelesenen philosophischen Bücher der deutschen Sprache gemacht hat.
Sein Einfluss auf den deutschen Geist ist gewaltig und reicht weit über Wagner und Nietzsche hinaus. Sigmund Freud hat zugegeben, dass Schopenhauers Begriff des unbewussten Willens seiner Lehre vom Unbewussten den Weg bereitet hat. Thomas Mann hat seine großen Romane im Schatten Schopenhauers geschrieben. Ludwig Wittgenstein, Albert Einstein, Hermann Hesse – sie alle haben aus diesem Brunnen geschöpft. Und die Verbreitung des Buddhismus in Deutschland, die uns heute so selbstverständlich erscheint, ist ohne Schopenhauer nicht zu denken: Er war der erste große europäische Denker, der die östliche Philosophie nicht als exotische Kuriosität, sondern als gleichrangige Weisheitstradition behandelte.
Wenn wir also fragen, wer Arthur Schopenhauer war, dann lautet die Antwort: Er war ein Denker, der es wagte, der Welt ins Gesicht zu sehen, ohne zu blinzeln, und der in dieser schonungslosen Betrachtung nicht Verzweiflung fand, sondern Schönheit – die Schönheit der Kunst, die Tiefe des Mitleids und jene stille Gelassenheit, die entsteht, wenn man aufhört, von der Welt zu verlangen, was sie nicht geben kann. Wagner hat das gewusst, als er jenen abgegriffenen Band in Tribschen hochhielt. Und vielleicht sollten auch wir, 238 Jahre nach Schopenhauers Geburt, dieses Buch noch einmal zur Hand nehmen – nicht um pessimistisch zu werden, sondern um zu verstehen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Sapere aude!
S.
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