RAINER MARIA RILKE - DAS JÜNGSTE GERICHT (Библия Страшный суд)

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01.11.2024
Dichtung von Rainer Maria Rilke aus: Das Buch der Bilder hier: Aus den Blättern eines Mönchs ersch. 1906 / Rezitation: Unbekannt /
Anmerkung: Es ist viel Wehleidigkeit in unserem Vaterlande, so daß, wenn einer sich nur einmal frei bewegt, alle Nachbarn, an die er rührt, sich geschlagen fühlen! (R.M.Rilke)
Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Maria_Rilke
https://de.wikisource.org/wiki/Aus_den_Bl%C3%A4ttern_eines_M%C3%B6nchs
https://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Barber
https://de.wikipedia.org/wiki/Odd_Nerdrum
Sie werden alle wie aus einem Bade aus ihren Mürbenkräften auferstehn,
denn alle glauben an das Wiedersehen, und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.
Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen, dass die Posaune deiner Reiche rief,
und ihrem Ton ist keine Tiefe tief, da steigen alle Zeiten aus den Steinen,
und alle die Verschollenen erscheinen in welken Leinen, brüchigen Gebeinen
und von der Schwere ihrer Schollen schief, das wird ein wunderliches Wiederkehren
in eine wunderliche Heimat sein. Auch die, die dich niemals kannten, werden schreien
und deine Größe wie ein Recht begehren, wie Brot und Wein.
Allschauender, du kennst das wilde Bild, das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.
Durch dich kommt alles, denn du bist das Tor, und alles war in deinem Angesichte,
ehe es in unserem sich verlor. Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte,
ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte, das deine reife Liebe nie erschuf.
Ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf, ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,
ein Schwanken nicht von deinem Gleichgewichte, ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen
in allen den geborstenen Gebäuden, ein sich entgelten und ein sich vergeuden,
ein sich begatten und ein sich begaffen und ein Betasten aller alten Freuden
und aller Lüste welke Wiederkehr. Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,
ziehen schwarze Vögel, die du nie erschaffen, in ihren Zügen hin und her.
So ringen sie die lange Ausgeruhten und packen sich mit ihren nackten Zähnen
und werden bange, weil sie nicht mehr bluten, und suchen, wo die Augenbecher gähnen,
mit kalten Fingern nach den toten Tränen und werden müde.
Wenige Minuten nach ihrem Morgen bricht ihr Abend ein.
Sie werden ernst und lassen sich allein und sind bereit, im Sturme aufzusteigen,
wenn sich auf deine Liebe heiterem Wein die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen,
um deinem Urteil nah zu sein. Und da beginnt es, nach dem großen Schrein,
das übergroße, fürchterliche Schweigen. Sie sitzen alle, wie vor schwarzen Türen
in einem Licht, das sie wie mit Geschwüren mit vielen grellen Flecken übersät,
und wachsend wird der Abend alt und spät. Und Nächte fallen dann in großen Stücken
auf ihre Hände und auf ihren Rücken, der wankend sich mit schwarzer Last belädt.
Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken unter dem Drucke wie ein dunkles Meer.
Sie sitzen, wie versunken in Gedanken, und sind doch leer.
Was stützen sie die Stirnen? Ihre Gehirne denken irgendwo tief in der Erde,
eingefallen, faltig. Die ganze alte Erde denkt gewaltig, und ihre großen Bäume rauschen so.
Allschauender, gedenkst du dieses Bleichen und Bangen Bildes,
das nicht seinesgleichen unter den Bildern deines Willens hat?
Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt, die, an dir hangend wie ein welkes Blatt,
sich heben will zu deines Zornes Zeichen? O greife allen Tagen in die Speichen,
dass sie zu bald nicht diesem Ende nahen. Vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen,
dem großen Schweigen, das wir beide sahen. Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben,
der diesem fürchterlichen Widerleben, dem Sinn, die Sehnsucht um die Seele nimmt,
einen, der bis auf seinen Grund erkrimmt und wennoch froh durch alle Dinge schwimmt,
der Kräfte unbekümmerter Verbraucher, der sich auf allen Seiten geigt und unversehrt
als unerkannter Taucher in alle Tode niedersteigt. Oder wie hoffst du diesen Tag zu tragen,
der länger ist als aller Tage Länge mit seines schweigend schrecklichen Gesängen?
Ändern die Engel dich, wie lauter Fragen mit ihrem schauerlichen Flügel schlagen,
und sie, wie sie zitternd in den Schwingen hängen und dir mit hunderttausend Augen klagen
und ihres sanften Liedes Stimmen wagen, sich aus den vielen wirren Übergängen nicht mehr zu heben,
zu den klaren Klängen, und wenn die Greise mit den breiten Bergen, die dich berieten,
bei den besten Siegen nur leise ihre weißen Häupter wiegen, und wenn die Frauen,
die den Sohn dir nährten und die von ihm verführten, die Gefährten und alle Jungfrauen,
die sich ihm gewährten, die lichten Birken deiner dunklen Gärten, wer soll dir helfen,
wenn sie alle schwiegen? Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen,
welche sitzen um deinen Thron, grübe sich deine Stimme dann in sein Herz,
sagte dein einsamer Schmerz dann, Sohn, suchtest du dann das Angesicht dessen,
der das Gericht gerufen, dein Gericht und deinen Thron, Sohn?
Hieß es du, Vater, dann deinen Erben leise begleitet niedersteigen zu jenen,
die sich sehnen, wieder zu sterben, das wäre dein letzter Königserlass,
die letzte Huld und der letzte Hass, aber dann käme alles zur Ruhe,
der Himmel, das Gericht und du, alle Gewänder des Rätsels der Welt,
das sich so lange verschleiert hält, fallen mit dieser Spange,
doch mir ist bange, Allschauender, seh, wie mir bange ist,
miß meine Qual, mir ist bange, dass du schon lange vergangen bist,
als du zum ersten Mal in deinem Alles erfassen das Bild dieses blassen Gerichters sahst,
dem du dich hilflos nahst, Allschauender, bist du damals entflogen,
wohin als ich, der ich dich nicht umlohn, verraten will wie alle die Frommen?
Ich will nur, weil ich verborgen bin und müde wie du, noch müder vielleicht,
und weil meine Angst vor dem großen Gericht deiner gleicht,
will ich mich dicht, Gesicht bei Gesicht, an dich heften.
Mit einigen Kräften werden wir wehren dem großen Rate,
über welches die mächtigen Wasser gehen, die rauschen und schnauben,
denn wehe, sie werden auferstehen, so ist ihr Glauben, groß und ohne Gnade.
