GÜNTER STRACK EINE WEIHNACHTS GESCHICHTE 1980 #hörspiel #weihnachtshörspiel #krimihörspiel

HOR MAL ZU HORSPIELE & CO
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7 Videoaufrufe·16.12.2024
Hör mal zu, wünsch dir frohe Weihnachten und danke für dein Like.
Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, hat sich vor rund 80 Jahren zugetragen.
Sie geschah in einem kleinen Städtchen am heiligen Abend.
Am Mittag war noch alles in Ordnung.
Auf dem Weihnachtsmarkt zwischen Rathaus und Kirche
roch es nach gebrannten Mandeln, Bratäpfeln und heißem Punsch.
Frauen, Männer und Kinder von Oberschön-Wiesenthalhausen,
so hieß das Städtchen,
schlenderten suchend und prüfend zwischen den Buden umher,
um noch dies oder das zu kaufen,
womit sie ihren Lieben eine Freude bereiten wollten.
Gebt mir eine große Tüte, guter Mann.
Ja, eine große.
Gern, aber gleich.
So.
Danke, guter Mann.
Die werden euch aber schmecken, Kinder.
Langsam, Kinder, langsam.
Die Händler dachten bereits über ihren Verdienst nach und waren zufrieden.
Alles sah nach einem guten Heiligabend aus.
Im Turm der Kirche aber bereitete sich schon das Ereignis vor,
das an diesem Nachmittag in Oberschön-Wiesenthalhausen
noch so viel Aufregung auslösen sollte.
Der Mann heißt Gottlieb Kravčinavček.
Er lebt dort zusammen mit seinen beiden verwaisten Enkelkindern
Christina, die Tinchen genannt,
und Emil, der Emil gerufen wird,
weil man ja aus Emil nicht Mielchen oder sowas machen kann.
Ich bin gleich fertig.
Ich geh mal schnell rauf, Kinder, muss die Turmuhr ölen.
Die geht nach.
Ich komm mit, Großvater.
Nein, nein, du bleibst hier, Emil, es ist kalt da oben.
Nimm ihn doch mit, Großvater.
Ist so gern da oben.
Also gut, dann komm aber.
Zieh dich warm an.
Nicht, nicht, die blöde Mütze, die kratzt.
Die Mütze wird aufgesetzt, basta.
Nein, nein, nein, zum Donnern.
Sie bleibt drauf.
Geh zu, Junge.
Du haust deiner Schwester.
Lass die Mütze auf und die Jacke.
Bleib nicht so lange oben.
Nein, nein.
Oh, meine Alte, du gehst aber falsch.
Na also.
Gottlieb Kravčinavček ist der Türmer und Glöckner von Oberschön-Wiesenthalhausen.
Klar ist er der Türmer und Glöckner.
Sonst würde er nicht mehr den Kindern im Turm wohnen.
Jetzt geh mal weg.
Emils Großvater muss alles machen, was im Turm zu tun ist.
Außer der Uhr müssen auch die Glocken betreut werden.
Dass ihre Halterungen stabil sind, dass die Glockenseile fest sind und sowas alles.
Da ist zu allen Gottesdiensten, Andachten, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen zu läuten.
Da muss Alarm geläutet werden, wenn es brennt in Oberschön-Wiesenthalhausen.
Oder wenn die Rinke, das Flüsschen, an dem die kleine Stadt liegt, Hochwasser führt.
Oder wenn ein Stier ausgebrochen ist.
Oder sonst irgendeine Gefahr droht.
Vom Fenster des Glockenstuhls aus können Gottlieb Kravčinavček und Emil die ganze Ortschaft überblicken.
Da ist zunächst einmal der Marktplatz mit den Verkaufsbuden, die eng beieinander stehen,
als wollten sie sich gegenseitig vor der klirrenden Kälte schützen.
Da ist das Rathaus, in dem Bürgermeister Kikebusch seines Amtes waltet.
Gar nicht weit davon ist das Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr von Oberschön-Wiesenthalhausen.
In diesem schmucken Haus behandelt Dr. Schmerzlich seine Patienten.
Da ist der einzige Spielwarenladen des Städtchens, der Fräulein Mathilde Lemmerzahl gehört, gleich am Markt.
Und da ist der Gasthof, in dem sich die Männer treffen, um zu reden und Bier zu trinken.
Na komm, Emil.
Willst du heute Abend deinen Weihnachtsmusikgruß, Vater?
Aber natürlich, Junge, wie immer am Heiligabend, da warten die Leute im Ort schon drauf.
Solange ich nicht geblasen habe, dürfen die Kerzen an den Christbäumen nicht angezündet werden.
Das ist seit all der Zeit so sitte bei uns in Oberschön-Wiesenthalhausen.
Ich weiß doch, Großvater.
Du kannst gleich zuhören, wenn du willst, Emil.
Ich muss noch ein bisschen üben auf der Trompete, damit's heute Abend klappt.
Ach, eigentlich wollte ich ja rodeln gehen. Tietchen hat gesagt, sie käme auch mit.
Aber ja, geht nur rodeln.
Hast du deinem Großvater gesagt, was du dir wünschst?
Ja, aber er hat gleich mit dem Kopf geschüttet. Vielleicht nächstes Jahr, hat er gesagt.
Ich hab's ihm gar nicht erst gesagt.
Ach, sowas. Gottlieb. Was sind das für Töne. Also sowas.
Der Dicke vor dem Spiegel ist der Bürgermeister von Oberschön-Wiesenthalhausen.
Er heißt Kieke Busch. Johann Jakob Kieke Busch.
Außer Bürgermeister ist er Vorsitzender des Gesangvereins, Kirchenvorstand,
Präsident der Geflügelzüchtergenossenschaft, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr und zu dick.
Seine Frau heißt Friederike.
So, mein Lieber. Ich bin vielleicht bloß ne dumme Frau, aber so dumm,
wie ihr dummen Männer, bin ich noch lange nicht zurück.
Ich muss schon sagen, wenn ich doch so festrieke,
willst du mir vielleicht nicht doch lieber die erste Garnitur anziehen?
Damit du sie in der Wirtschaft bekleckern kannst. Was?
Nein, nein, mein Lieber.
Die alte Uniform ist doch viel zu eng. Ich krieg überhaupt keine Luft mehr. Keine Luft.
Wieso brauchst du Luft als Feuerwehrhauptmann? Wasser brauchst du.
Ihr würdet ja am liebsten Bier nehmen zum Löschen, nicht wahr?
Das greift ja.
Im Übrigen hast du keine Ahnung, wie wichtig gerade die Feuerwehr ist.
Erflick's noch mal.
Wichtig. Heiligabend müsst ihr euch im Dorfklub treffen. Das ist euch wichtig.
Da muss ich doch lachen, Johann.
Gerade am Heiligabend ist die Feuerwehr von geradezu unerhörter Bedeutung, meine Liebe.
Oh, dass ich nicht lache.
Denn am Heiligabend passieren die meisten Zimmerbrände. Aua!
Jetzt ist aber genug.
Es hat geklopft.
Ja, hab ich gehört.
Ja, na und? Willst du nicht hereinrufen?
Nein, das ist deine Sache.
Du bist der Hausherr.
Also gut.
Herein!
Schönen guten Tag, Herr Bürgermeister.
Guten Tag, Frau Bürgermeisterin.
Ah, der Michel. Na, was gibt's denn?
Ein Brief von meinem Gutsherrn, Herr Bürgermeister.
Und auf Antwort sollte ich warten.
Nein, nein, bleib nur mit deinen Stiefeln.
Werte Herr Bürgermeister.
Höflich, höflich, der Herr Gutsbesitzer.
Alles, was recht ist.
Das nenne ich Lebensart.
Also, der Unterzeichnete wäre Ihnen sehr verbunden,
wenn Sie den Glöckner veranlassen könnten,
am heutigen Heiligabend
nicht nur das traditionelle Sechs-Uhr-Turmblasen zu veranstalten,
sondern darüber hinaus noch um Mitternacht
ein zweites Mal seine Kunst auszuüben.
Kraftschinaftschek, soll er seine Kunst noch machen?
Bitte, meinetwegen, von mir aus.
Ah, da muss ich erst den Feuerwehrleuten Bescheid sagen.
Warum das denn?
Was hat denn die Turmmusik mit der Feuerwehr zu tun?
Ach, das verstehst du nicht, Frau.
Halt dich da raus, das ist nun wirklich Männersache.
Also, denn meine älteste Tochter Luise
wird sich um Mitternacht mit dem Sohn des Herrn Landrats verloben.
Und da wäre es doch für uns eine besondere Freude,
wenn das festliche Ereignis
durch ein kurzes Turmkonzert verschönt werden würde.
Ich bitte dahingehend, auf den Glöckner Einfluss zu nehmen
und ersuche Sie, ihm mitteilen zu wollen,
dass er sich für die gehabte Mühe morgigen Tags
zwei Thaler im Gut abholen kann.
Zwei Thaler?
Spendabel, der Herr.
Da wird sich der Kravzinavtschek aber freuen.
Ja.
Michel, sag deinem Herrn,
ich werde dafür sorgen, das geht in Ordnung.
Sag ihm, der Kravzinavtschek bläst um Mitternacht von Turm.
Ja, Herr Bürgermeister.
Schönen Tag noch.
Na, da musst du aber auch aufpassen,
dass er sich nicht die Nase begisst.
Sonst kriegt er nämlich um Mitternacht
keinen klaren Ton mehr aus seiner Trompete.
Der Kravzinavtschek trinkt nie einen über den Durst.
Richtig, ich hatte vergessen, dass er ja kein Feuerwehrmann ist.
Erlauben wir mal.
Willst du damit vielleicht sagen, dass ich...
Aber nein, Jakob, du bist doch kein Feuerwehrmann.
Was denn hier?
Ich bin kein...
Du bist doch Feuerwehrhauptmann, Jakob.
Ach so.
Ja, ja.
Wir müssen warten.
Immer dieselben, die einem im Wege stehen.
Geht, lasst sie in Ruhe.
Weißt du schon, was du kriegst?
Eine Dampfmaschine, glaube ich,
die hat mein Vater aus der Kreisstadt schicken lassen.
Ich kriege Bücher, die kriege ich immer, jedes Jahr zu Weihnachten.
Der Gute Kamerad und Orobas Kinderkalender.
Nur Bücher?
Vielleicht noch ein Indianerzelt dazu,
habe ich mir jedenfalls gewünscht.
Ein richtiges Indianerzelt?
Ja, und mein Vater hat nämlich in der guten Stube
gestern Abend irgendwas aufgebaut.
Ein richtiges großes Indianerzelt?
Da können wir ja alle rein.
Mindestens fünf oder sechs.
Ich kriege eine Puppenküche mit einem richtigen Herd
zum Kochen und sogar zum Backen.
Da lädst du uns alle zum Mittagessen ein.
Ja, wenn wir hungrig sind vom Indianerspiel.
Ich weiß noch nicht, was ich kriege.
Was hätten wir dir gewünscht?
Eine Puppe und eine Laterne Magiker.
Das ist prima, mit Bildern?
Natürlich mit Bildern, was soll ich denn ohne Bilder?
Ich weiß was, dann können wir im Zelt
nach dem besten Laterne Magiker gucken.
Komm Emil, lass uns heimgehen.
Ach, warum jetzt schon?
Ich kann das hier.
Mir ist kalt.
Und außerdem müssen wir Großvater helfen,
den Christbaum zu schmücken.
Noch zweimal runter.
Na gut, noch zweimal.
Eigentlich ist der Weihnachtsmarkt fast zu Ende.
Da kommt Gottlieb Kravchenavcek noch angerannt,
um für seine zwei Enkelkinder
wenigstens ein kleines Spielzeug zu kaufen,
wenn das Geld nun schon nicht
zu einem richtigen Geschenk reicht.
Was darf's sein, der Herr?
Ich weiß nicht recht, aber...
Vielleicht eine Puppe für euer Freund und Tochter?
Das ist ein Prachtstück von Puppe.
Mit Schlafaugen, sehen Sie so.
Die ist schön, wunderschön.
Aber wie teuer ist die?
Teuer? Preiswert, was sag ich?
Billig, sportbillig.
Das ist ein Stück, bei dem ich zusetze
elf Groschen und zwanzig Kreuzer.
Um Himmels Willen.
Wie wollen Sie nicht?
Wie wäre es damit?
Handarbeit, wasserfest bemalt,
zwei Groschen.
Wir sind arme Leute, lieber Mann.
Ich hab zwei Kinder zu versorgen.
Ein Mädchen von dreizehn
und einen Jungen von acht.
Und ich hab nur
ein Groschen und dreißig Kreuzer übrig.
Und wenn ich dann noch
Brot und...
Für einen Groschen und dreißig Kreuzer
könnte ich diese beiden Sachen hier hergeben.
Muss halt in Ordnung gebracht werden.
Hier, der Lack ist ab,
das Rad fehlt.
Aber hier ist das Bein,
muss Ihre Frau annähen.
Hallo, kräftige Nacht, Herr Bürgermeister.
Weilen, dass ich dich treffe.
Gute Nachricht.
Ja, was ist denn nun?
Ich geb's euch für einen Groschen.
Nein, danke, ich brauch's jetzt nicht mehr.
Was für gute Nachrichten, Herr Bürgermeister?
Der Gutser hat den Michel geschickt.
Du sollst heute um Mitternacht
noch mal vom Turm blasen.
Seine Tochter feiert Verlobung.
Gut, gut, gut.
Dann geh ich heute um Mitternacht
noch mal auf den Turm.
Ach, das hätt ich gleich sagen müssen.
Du kannst dir dafür
morgen auf dem Gut
zwei Thaler abholen.
Was, zwei?
Ja, ja, zwei Thaler.
Ein Weihnachtsgeschenk
vom Himmel.
Da kann ich dem Emil gleich
das kaufen,
was er sich auf dem Wunschzettel
gewünscht hat.
Dann werde ich auch schon noch
das Richtige bieten
und vielleicht noch etwas Kuchen
und vielleicht für mich sogar
eine Flasche Wein.
Ja, aber betrink dich nicht, hörst du?
Keine Sorge, Herr Bürgermeister.
Wie ein ganzer Engelschor
wenn ich heute Trompeten mache.
Zur gleichen Zeit
sitzen im Gasthof
die Feuerwehrmänner am Stammtisch.
Die Feuerwehr,
Gendarm Bollian,
Bauer Wiesmüller,
der mit der Tabakspfeife,
Postbote Breitfuß,
Bauer Huber
und der Lehrer Hackbart.
Hier, eine Runde für die Feuerwehr,
damit euch nie das Löschwasser ausgeht.
Prost!
Warum kommt der Jakob Klickebusch nicht?
Der wird schon kommen.
Vor Weihnachten
hätte ich noch in aller Ruhe meinen Vieh füttern können.
Geduld, Geduld,
Kamerad Huber,
wie arm sind die, die nicht Geduld besitzen,
sagt schon Shakespeare.
Wer sagt was?
Der englische Dichter Shakespeare,
ein großer Mann.
Von mir aus,
der Bürgermeister soll sich gefälligst her scheren.
Der kommt doch immer zu spät.
Gleich halb vier
krieg ich Ärger mit meiner Frau.
Ich nicht.
Kunststück,
als Jung-Junggeselle.
Um die Einsamkeit
ist's eine schöne Sache,
wenn man mit sich selbst in Frieden lebt.
In Frieden lebt?
Sagt das auch der Dingsbomstein-Dichter aus England?
Nein, Goethe.
Aha, Goethe.
Aber ab und zu denke ich schon,
ich wäre ganz gerne verheiratet.
Auf einmal,
alter Junggeselle,
wenn dich noch eine will.
Guten Abend, Herr Bürgermeister.
Guten Abend.
Hallo!
Schon fleißig?
Wo bleibst du denn, Bürgermeister?
Amtsgeschäft.
Völlig überarbeitet, unser Hauptmann.
Schon ganz mager vor Arbeit.
Passt schon nicht mehr in die Uniform.
Du, du solltest nicht so reden.
Wir haben wirklich viel zu tun in letzter Zeit.
Ist das wahr?
Ist wohl wahr.
Hier ist der Platz, Herr Bürgermeister.
Ja, ja, wir haben wirklich sehr viel zu tun.
Tja,
unser Leben wäre 70 Jahre.
Und wenn es hochkommt,
so sind es 80 Jahre.
Und wenn es köstlich gewesen ist,
so ist es Mühe und Arbeit gewesen.
Ach, du liebe Goethe.
Unser Lehrer macht schon wieder Sprüche.
Also dann,
Prost!
Und noch dazu Fromme.
Oh, ja.
Na klar, um Heiligabend.
Ah, ja, ja,
dazu muss ich euch gleich was Wichtiges mitteilen, Männer.
Gibt's ein Freibier?
Seid doch mal ruhig, Herr Gott noch mal.
Ruhe!
Heute um Mitternacht
wird Gottlieb Kravzinavček
noch ein zweites Mal vom Turm blasen.
Damit ihr nicht denkt, das ist ein Alarm.
Nein,
er bläst auf Wunsch des Gutsbesitzers
zur Verlobung seiner Tochter.
Ist das klar?
Der Gutsherr spendiert ihm übrigens dafür
zwei Thaler.
Und, ähm,
wer spendiert uns noch ein Bier?
Der Bürgermeister.
Klarte Hauptmann.
Einen fröhlichen Geber
hat Gottlieb.
Also gut.
Herr Wirth?
Ja, Bürgermeister?
Noch eine Runde auf meine Rechnung.
Voll ein Lämmerzahl.
Ja?
Oh,
der Herr Kravzinavček,
so spät am Heiligen Abend,
müssen Sie nicht bald auf den Turm?
Nein, nein, ich habe noch eine Weile Zeit.
Entschuldigung,
ich habe den Schluck auf.
Ach, den Schluck auf.
Ach, das tut mir aber leid.
Ach, das ist nicht so schlimm.
Ja, ich dachte, ich glaubte,
es wäre schon viel später.
Ja, die dunklen Wolken,
es wird noch viel mehr Schnee geben.
Ja, das fürchte ich auch.
Meine Gicht hat sich schon wieder gemeldet.
Ja, also was kann ich denn für Sie tun,
Herr Kravzinavček?
Ja, ich will noch schnell
eine Blockflöte für die Kinder.
Ja,
aber das kann ich nur machen,
Fräulein Lämmerzahl,
das kann ich nur machen,
Fräulein Lämmerzahl,
wenn ich Sie erst morgen bezahlen muss.
Ich kriege nämlich morgen erst das Geld.
Aber ja,
aber selbstverständlich.
Möchten Sie für Ihr Tintchen eine Blockflöte?
Eine Blockflöte,
ich weiß nicht.
Aber ich weiß,
danach hat sie sich nämlich neulich erkundigt.
Eine Blockflöte
mit einem schönen,
samtgefütterten Etui.
Kostet allerdings auch acht Groschen.
Das ist viel Geld.
Aber die nehme ich.
Hoppla.
Und der Emil,
der wünscht sich, das weiß ich,
einen Bauernhof.
Da habe ich einen wunderschönen im Fenster.
Ach, den habe ich noch gar nicht gesehen.
Hier.
Ja.
Taubenschlag?
Alles.
Und viele Tiere sind dabei.
Den kann ich aber
sicher nicht zahlen,
Fräulein Lämmerzahl.
Der kostet eigentlich 15 Groschen.
Aber den verkaufe ich vor Weihnachten
bestimmt nicht mehr.
Ich gebe ihn für zwölf.
Oder für zehn.
Das macht zusammen 18 Groschen.
Da verdiene ich kaum etwas.
Aber weil Sie es sind.
18.
Na gut.
Vielen Dank, Fräulein Lämmerzahl.
Haben Sie vielleicht ein Bogen Papier,
dass ich die Sachen einpacke,
damit es die Kinder nicht sehen,
wenn sie schon zurück sind vom Rodeln.
Aber natürlich.
Alles da.
So kann ich Ihnen helfen.
Dankeschön, ich mache das schon.
So, das geht schon.
Danke.
Das ist nett.
Ja, der ist wirklich
sehr schön.
Was machst du, Großvater?
Das hörst du doch, Tine.
Er hat einen Schluck auf.
Einen Schluck auf?
Ich habe einen Schluck auf, ja.
Das kriegen wir schon.
Was habt ihr denn vor?
Ich stehe auf.
Die Arme hoch.
Ich nehme sie schon hoch.
Tief Luft holen.
Halt, halt.
Tief Luft holen.
Ich hole ja.
Die Luft anhalten.
Den Gedanken bis 39 zählen.
Und jetzt an ein weißes Pferd denken.
So ein Quatsch.
Tine, ich habe hier schon alles probiert.
Aber es hilft nicht.
Ich hole das Doktorbuch.
Meinst du denn,
dass da was drinsteht über den Schluck auf?
Ich glaube schon.
Na, schau mal nach.
Das war doch hier drin.
Liegt ganz hinten im Fach.
Ah, hier.
Schleimhaut, Schlickbäder,
Schlottergelenk, Schluck auf.
Schluck auf, Syngultus.
Ein eintümlich schallendes,
krampfhaftes Einatmen
infolge stoßweiser Zusammenziehung
des Zwerchfelses.
Nebenbehandlung der Ursachen
genügt zur Heilung oft
Ablenkung
oder kurzes Erschrecken.
Erschrecken?
Günstig wirken Ferner,
Atem anhalten,
übertrieben starke Ausatmung,
Trinken von Wasser in kleinen Schlucken
und Riechsalz.
Na, außer Riechsalz
habe ich das alles schon probiert.
Aber es hilft nicht.
Vielleicht ein heißes Fußbad
oder ein kaltes.
Ein Wechselfußbad
oder
Milch mit Honig.
Ach, das ist ja alles was gegen Erkältung,
Tietchen, aber doch nicht gegen Schluck auf.
Ich hab's!
Du hast es? Ja, was denn?
Leg dich auf den Rücken
und wir tun dir ein heißes
Bügeleisen auf den Bauch.
Ja, das ist eine gute Idee.
Das versuchen wir.
Fräulein, Tuch, Emil.
Ja, hab ich gleich.
Das hilft schon was, ins Bett.
Na, was ist denn, ins Bett?
Ja, ich lege mich hin.
Du wirst schon sehen,
was das tut.
Höher!
Ist das zu hart?
Ja, ziemlich, Emil, ziemlich.
Drück nicht zu fest.
Nee, nee, ich pass schon auf.
Was ist das?
Wird es denn gar nicht besser?
Ja, das wird immer schlimmer, Tietchen.
Erschrecken hilft Aufstehen,
im Doktorbuch.
Mal sehen.
Was denn, was denn?
So stürmisch, Kind.
Wo brennt's denn?
Ich bin die Tine,
ob der Herr Doktor bitte gleich
zu meinem Großvater kommen kann.
Was hat er denn? Ein Unfall?
Nein, ganz schlimm.
Er kann nicht Trompete blasen vom Turm,
wie sonst immer am Heiligabend.
Na, sowas. Und warum nicht?
Er hat einen ganz fürchterlichen Schluck auf.
Einen Schluck auf?
Immer zu hick und tick.
Damit kann er keine sechs richtigen Töne spielen.
Oje.
Wenn der Herr Doktor doch bitte gleich mal mit...
Aber mein Mann ist nicht da, Kind.
Er ist im Nachbardorf in Niederschönwiesenhütten
bei einer Geburt.
Dann muss ich wohl
dem Herrn Bürgermeister Bescheid sagen.
Ja, Tinchen,
ich kann dir leider nicht helfen.
Tu deine Pflicht
so lange, bis sie deine Freude wird.
Ja, ja, ja, das klingt ja alles
immer ganz hübsch, Herr Lehrer.
Kannst du mal ein paar Wochen ablösen
beim Schweinefüttern und Stallausmisten,
klug Schwätzer. Mal sehen,
ob dir dann die Pflicht zur Freude wird.
Aber das ist doch im weitesten Sinne...
Hallo,
kleine Tine,
suchst du mich?
Ja, Herr Bürgermeister.
Na,
sagen, was passiert, Mädchen?
Warum hast du so ein verdattetes Gesicht?
Sprich, Tinchen,
du brauchst dich vor keinem zu fürchten.
Wenn auch ein paar
ziemlich zum Fürchten aussehen.
Mein Großvater ist...
Er hat...
Er kann nicht blasen um sechs.
Was ist?
Hat er seine Trompete verloren?
Was hat er?
Trompete ohne Tormusik?
Was sollen wir denn da machen?
Ruhe, Ruhe, wenn ich bitten darf.
Nun mal ganz langsam, mein Kind.
Warum kann dein Großvater nicht blasen?
Hat er zu tief ins Glas geguckt?
Gottlieb Karadzinawczyk
trinkt nie über'n Durst.
Sprich, Tinchen, sprich, mein Kind.
Er...
Er hat...
Er hat den Schluck auf.
Schluck auf?
Tu mal mit dem Schluck auf.
So komisch.
Trompete mit Pausen.
Das hab ich noch nie gehört,
dass einer mit dem Schluck auf Trompete bläst.
Vielleicht stimmt's doch.
Hat er schon mal den Atem angehalten?
Wasser getrunken?
Ja, ja.
Hat er schon Kopfstand probiert?
Die Hand hochgehalten.
Wechselfußbäder?
Ja, alles.
Flach auf dem Rücken gelegen?
Alles versucht.
Alles umsonst.
Da muss fix der Doktor her.
Herr Doktor kriegt gerade ein Kind.
Niederschön wie's in Hütten.
Du meinst,
er hilft gerade ein Kind auf die Welt bringen?
Wie?
Tinchen?
Das ist doch jetzt völlig wurscht, Herr Lehrer.
Jetzt geht es nicht um richtiges Deutsch,
jetzt geht's um Grafinasches.
Schluck auf zum Kuckuck-Normal.
Es geht immer um richtiges Deutsch,
Herr Bürgermeister.
Ich habe eine Idee.
Eine Idee? Was denn für eine Idee?
Hört doch mal zu, Briefträger.
Breitfuß hat eine Idee.
Da bin ich aber gespannt.
Ja, dann schieß mal los, Kamerad Breitfuß.
Ich schlage vor,
wir machen die Turmmusik.
Wir? Wie denn?
Ist doch Unsinn, ich kann nicht mal auf den Kamm blasen.
Aber ich?
So eine verrückte Idee.
Richtige Briefträger-Idee.
Moment mal, Moment mal.
So schräg finde ich das gar nicht.
Noch von früher,
als ich damals bei der Militärkapelle war.
Na bitte, und ich habe eine Tube auf dem Dachboden.
Und ich könnte mit der Geige das Meine dazu tun.
Na klar, Leute, ich habe eine Flöte.
Also, ich spiele die Mandoline.
Einen Papen könnte ich zur Not ein wenig.
Aber ich habe keine Pauke.
Auch.
Aber ich habe eine für dich
und eine Trommel für mich.
Und ich probiere es auf meiner Posaune.
Ja, wundervoll.
Damit haben wir ein ganzes Orchester.
Orchestermusik.
Vom Turm.
Fick es noch mal.
Schon 5 Uhr.
Also, jetzt wird es Zeit.
Aber wir müssen noch übeln.
Das geht jetzt nicht mehr los, Männer.
Jeder holt sein Instrument, beeilt euch.
Und seid schnell wieder da.
So schnell, als wenn es brennt.
Du komm, du mach schon.
Hier hast du eine Tasse Kakao, Mädchen.
Soll ich nicht schnell heimlaufen
und meinem Großvater sagen, dass sie alle kommen?
Er macht sich Sorgen.
Nein, nein, Mädchen, du bleibst hier.
Es soll doch eine Weihnachtsüberraschung für ihn sein.
Also, komm, trink deine Tasse Kakao
und du holst sofort deine Tuba vom Boden.
Dann hole ich sofort.
Na los.
Esel
essen
Nesseln gern.
Oh, das war schon
ganz gut.
Esel
essen
Es saßen
zwei zischelnde Schlangen
zwischen zwei spitzigen
Steinen
und zischten
umsonst.
Nichts hilft.
Wohnt ihr nicht hier mit dem Doktor bleibt?
Ich weiß auch nicht.
Es ist schon dunkel.
Zum Verzweifeln.
Alle Kinder in allen Häusern
werden auf deinen Trompete warten,
Großvater.
Ja, ich weiß, Emil, aber
was soll ich denn machen?
Wenn du nur noch mal mit Salzwasser gurgelst
oder sowas.
Salzwasser?
Wie kommst du denn ausgerechnet auf Salzwasser,
Emil?
Weiß auch nicht, Großvater,
aber Fische im Meer haben nie Schluckauf,
glaub ich,
und die schwimmen immer im Salzwasser.
So, Kameraden,
mal es herhören.
Ich sehe,
wir sind komplett.
Es kann also losgehen.
Tientjen wird uns heimlich
die Turmtreppe hochführen
und oben aufschließen.
Es ist jetzt Viertel vor sechs.
Punkt sechs können wir anfangen
zu musizieren.
Aber wir müssen doch wenigstens wissen,
was wir spielen wollen, Herr Bürgermeister.
Ein Mensch ohne Plan
ist wie ein Schiff ohne Steuer.
Heilige Nacht!
Viel zu schwer, das schaffen wir nicht.
Gut, gut, gut,
also dann O Tannenbaum,
das geht immer.
Wir spielen das mal kurz durch,
bloß ein paar Takte, nicht?
Ich zähle bis drei.
Fertig?
Feuerwehr-Oberschön Wiesenthalhausen,
raustreten!
Scheußlich.
Abscheulich.
Grässlich.
So schlimm, Großvater?
Lieber schluck auf als dieses
warme Gesöff.
Findest du denn, Emil,
dass es besser wird?
Bisschen vielleicht.
Probier doch nochmal.
Gut, wenn du meinst,
dass es mir hilft.
Ich glaub schon.
Emil, es geht nicht weg.
Nochmal, Großvater.
Nochmal.
Na sowas.
Ihr wolltet für mich Musik machen.
Das ist aber
sehr lieb von euch.
Mein Gott.
Sechs Uhr.
Mein Schluckauf ist weg.
Wo ist die Trompete?
Und so kann Gottlieb Graf Czinawczek
doch noch seine Weihnachtsmusik
vom Turm blasen.
Untertitel von Stephanie Geiges
