DER STEPPENWOLF von Hermann Hesse (Teil I)

Shakespeare & Co
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113 Videoaufrufe·31.12.2024
Hermann Hesse, der Steppenwolf, Vorwort des Herausgebers.
Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes,
welchen wir mit einem Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte,
den Steppenwolf nannten.
Ob sein Manuskript eines einführenden Vorwortes bedürfe, sei dahingestellt.
Mir jedenfalls ist es ein Bedürfnis, den Blättern des Steppenwolfes einige beizufügen,
auf denen ich versuche, meine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen.
Es ist nur wenig, was ich über ihn weiß, und namentlich ist seine ganze Vergangenheit
und Herkunft mir unbekannt geblieben.
Doch habe ich von seiner Persönlichkeit einen starken und, wie ich trotz allem sagen muß,
sympathischen Eindruck behalten.
Der Steppenwolf war ein Mann von annähernd 50 Jahren,
der vor einigen Jahren eines Tages im Hause meiner Tante vorsprach
und nach einem möblierten Zimmer suchte.
Er mietete die Mansarde oben im Dachstock und die kleine Schlafkammer daneben,
kam nach einigen Tagen mit zwei Koffern und einer großen Bücherkiste wieder
und hat neun oder zehn Monate bei uns gewohnt.
Er lebte sehr still und für sich, und wenn nicht die nachbarliche Lage unserer Schlafräume
oder manche zufällige Begegnung auf Treppe und Korridor herbeigeführt hätte,
wären wir wohl überhaupt nicht miteinander bekannt geworden,
denn gesellig war dieser Mann nicht.
Er war in einem hohen, von mir bisher bei niemandem beobachteten Grade, ungesellig.
Er war wirklich, wie er sich zuweilen nannte, ein Steppenwolf,
ein fremdes, wildes und auch scheues, sogar sehr scheues Wesen
aus einer anderen Welt als der meinigen.
In wie tiefe Vereinsamung er sich aufgrund seiner Anlage und seines Schicksals hineingelebt hatte
und wie bewusst er diese Vereinsamung als sein Schicksal erkannte,
dies erfuhr ich allerdings erst aus den von ihm hier zurückgelassenen Aufzeichnungen.
Doch habe ich ihn immerhin schon vorher durch manche kleine Begegnungen und Gespräche
einigermaßen kennengelernt und fand das Bild, das ich aus seinen Aufzeichnungen von ihm gewann,
im Grunde übereinstimmend mit dem freilich blasseren und lückenhafteren,
wie es sich mir aus unserer persönlichen Bekanntschaft ergeben hatte.
Zufällig war ich in dem Augenblick zugegen, wo der Steppenwolf zum ersten Mal unser Haus betrat
und bei meiner Tante sich einmietete.
Er kam in der Mittagszeit, die Teller standen noch auf dem Tisch
und ich hatte noch eine halbe Stunde Freizeit, ehe ich in mein Büro gehen mußte.
Ich habe den sonderbaren und sehr zwiespältigen Eindruck nicht vergessen,
den er mir beim ersten Begegnen machte.
Er kam durch die Glastür, wo er vorher die Glocke gezogen hatte, herein
und die Tante fragte ihn im halbdunklen Flur, was er wünsche.
Er aber, der Steppenwolf, hatte seinen scharfen, kurzhaarigen Kopf witternd in die Höhe gereckt,
schnupperte mit der nervösen Nase um sich her und sagte,
noch ehe er Antwort gab oder seinen Namen nannte,
»Oh, hier riecht es gut.«
Er lächelte dazu und meine gute Tante lächelte auch.
Ich aber fand diese Begrüßungsworte eher komisch und hatte etwas gegen ihn.
»Nun ja«, sagte er, »ich komme wegen des Zimmers, das Sie zu vermieten haben.«
Erst als wir alle drei die Treppe zum Dachboden hinaufstiegen, konnte ich den Mann genauer,
ansehen.
Er war nicht sehr groß, hatte aber den Gang und die Kopfhaltung von großgewachsenen Menschen.
Er trug einen modernen, bequemen Wintermantel und war im übrigen anständig, aber unsorgfältig
gekleidet, glattrasiert und mit ganz kurzem Kopfhaar, das hier und dort ein wenig grau
flimmerte.
Sein Gang gefiel mir anfangs gar nicht.
Er hatte etwas Mühsames und Unentschlossenes, das nicht zu dem scharfen, heftigen Profil
und auch nicht zum Ton und Temperament seiner Rede passte.
Erst später merkte und erfuhr ich, daß er krank war und daß das Gehen ihm Mühe machte.
Mit einem eigentümlichen Lächeln, das mir damals ebenfalls unangenehm war, betrachtete
er die Treppe, die Wände und Fenster und die alten, hohen Schränke im Treppenhaus.
Dies alles schien ihm zu gefallen und schien ihm doch zugleich irgendwie lächerlich.
Überhaupt machte der ganze Mann den Eindruck, als komme er aus einer fremden Welt, etwa
aus überseeschen Ländern zu uns und finde hier alles sehr hübsch, aber ein wenig komisch.
Er war, wie ich nicht anders sagen kann, höflich, ja, freundlich.
Er war auch mit dem Haus, dem Zimmer, dem Preis für Miete und Frühstück und allem
sofort und ohne Einwände einverstanden, und dennoch war um den ganzen Mann herum eine
fremde und, wie ihm erscheinen wollte, ungute und feindliche Atmosphäre.
Er mietete das Zimmer, mietete noch die Schlafkammer zu, ließ sich über Heizung, Wasserbedienung
und Hausordnung unterrichten, hörte alles aufmerksam und freundlich an, war mit allem
einverstanden, bot auch sogleich eine Vorauszahlung auf die Miete an, und doch schien er bei all
dem nicht recht dabei zu sein, schien sich selber in seinem Tun komisch zu finden und
nicht ernstzunehmen, so, als sei es ihm seltsam und neu, ein Zimmer zu mieten und mit Leuten
deutsch zu sprechen, während er eigentlich und im Innern mit ganz anderen Sachen beschäftigt
wäre.
So etwa war mein Eindruck, und er wäre kein guter gewesen, wenn er nicht durch allerlei
kleine Züge durchkreuzt und korrigiert worden wäre.
Vor allem war es das Gesicht des Mannes, das mir von Anfang an gefiel.
Trotz jenem Ausdruck von Fremdheit gefiel es mir, es war ein vielleicht etwas eigenartiges
und trauriges Gesicht, aber ein waches, sehr gedankenvolles, durchgearbeitetes und vergeistigtes.
Und dann kam, um mich versöhnlicher zu stimmen, dazu, daß seine Art von Höflichkeit und
Freundlichkeit, obwohl sie ihm etwas Mühe zu machen schien, doch ganz ohne Hochmut war,
im Gegenteil, es war darin etwas beinahe rührendes, etwas wie flehendes, wofür ich erst später
die Erklärung fand, das mich aber sofort ein wenig für ihn einnahm.
Noch ehe die Besichtigung der beiden Räume und die anderen Verhandlungen beendet waren,
war meine Mittagszeit abgelaufen, und ich mußte in mein Geschäft gehen.
Ich empfahl mich und überließ ihn der Tante.
Als ich am Abend wiederkam, erzählte sie mir, der Fremde habe gemietet und werde dieser
Tage einziehen.
Er habe nur darum gebeten, seine Ankunft nicht polizeilich zu melden, da ihm, einem kränklichen
Mann, diese Formalitäten und das Herumstehen in Polizeistuben und so weiter unerträglich
sei.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie das mich damals stutzig machte und wie ich meine
Tante davor warnte, auf diese Bedingung einzugehen.
Gerade zu dem Unvertrauten und Fremden, das der Mann an sich hatte, schien mir diese Scheu
vor der Polizei allzu gut zu passen, um nicht als verdächtig aufzufallen.
Ich legte meiner Tante dar, dass sie auf dies ohnehin etwas eigentümlicher Ansinnen, dessen
Erfüllung unter Umständen recht widerliche Folgen für sie haben könne, einem völlig
Fremden gegenüber unter keinen Umständen eingehen dürfe.
Aber da stellte sich heraus, dass die Tante ihm die Erfüllung seines Wunsches schon zugesagt
hatte und dass sie überhaupt sich von dem fremden Menschen schon hatte einfangen und
bezaubern lassen.
Denn sie hat niemals Mieter aufgenommen, zu denen sie nicht in irgendein menschliches,
freundliches und tantenhaftes oder vielmehr mütterliches Verhältnis treten konnte, was
denn auch von manchen früheren Mietern reichlich ausgenützt worden ist.
Und in den ersten Wochen blieb es denn auch so, dass ich an dem neuen Mieter mancherlei
auszusetzen hatte, während meine Tante ihn jedes Mal mit Wärme in Schutz nahm.
Da diese Sache mit dem Unterlassen der polizeilichen Meldung mir nicht gefiel, wollte ich wenigstens
erfahren, was die Tante über den Fremden, über seine Herkunft und Absichten wisse.
Und da wußte sie schon dies und jenes, obwohl er nach meinem Weggang um Mittag nur noch
ganz kurz dageblieben war.
Er hatte ihr gesagt, er gedenke, sich einige Monate in unserer Stadt aufzuhalten, die Bibliotheken
zu benutzen und die Altertümer der Stadt anzusehen.
Eigentlich paßte es der Tante nicht, daß er nur für so kurze Zeit mieten wollte, aber
er hatte sie offenbar schon für sich gewonnen, trotz seinem etwas sonderbaren Auftreten.
Kurz, die Zimmer waren vermietet, und meine Einwände kamen zu spät.
»Warum hat er das wohl gesagt, daß es hier so gut rieche?«
fragte ich.
»Da sagte meine Tante, welche manchmal recht gute Ahnungen hat.«
»Das weiß ich ganz genau.
Es riecht hier bei uns nach Sauberkeit und Ordnung und nach einem freundlichen und anständigen
Leben.
Und das hat ihm gefallen.
Er sieht aus, wie wenn er daran nicht mehr gewöhnt wäre und es entbehrt hätte.«
»Nun ja«, dachte ich, »meinetwegen.«
»Aber«, sagte ich, »wenn er an ein ordentliches und anständiges Leben nicht gewöhnt ist,
wie soll das dann werden?
Was willst du machen, wenn er unreinlich ist und alles verdreckt, oder wenn er zu allen
Nachtstunden besoffen heimkommt?
Das werden wir ja sehen«, sagte sie und lachte, und ich ließ es gut sein.
Und in der Tat waren meine Befürchtungen unbegründet.
Der Mieter, obwohl er keineswegs ein ordentliches und vernünftiges Leben führte, hat uns nicht
belästigt noch geschädigt.
Wir denken noch heute gerne an ihn.
Im Innern aber, in der Seele, hat dieser Mann uns beide, die Tante und mich, doch sehr viel
gestört und belästigt und, offen gesagt, bin ich noch lange nicht mit ihm fertig.
Ich träume nachts manchmal von ihm und fühle mich durch ihn, durch die bloße Existenz
eines solchen Wesens, im Grunde gestört und beunruhigt, obwohl er mir geradezu lieb geworden
ist.
Zwei Tage später brachte ein Fuhrmann die Sachen des Fremden, der Harry Haller hieß.
Ein sehr schöner Lederkoffer machte mir einen guten Eindruck, und ein großer, flacher Kabinenkoffer
schien auf frühere, weite Reisen zu deuten.
Wenigstens war er beklebt mit den vergilbten Firmenzetteln von Hotels und Transportgesellschaften
verschiedener, aber überseescher Länder.
Dann erschien er selbst, und es begann die Zeit, in der ich diesen sonderbaren Mann allmählich
kennenlernte.
Anfangs tat ich von meiner Seite nichts dazu.
Obwohl ich mich für Haller von der ersten Minute an, in der ich ihn sah, interessierte,
tat ich in den ersten paar Wochen doch keinen Schritt, um ihn anzutreffen oder ins Gespräch
mit ihm zu kommen.
Dagegen habe ich allerdings, dies muß ich gestehen, schon von allem Anfang an den Mann
ein wenig beobachtet, auch zuweilen während seiner Abwesenheit sein Zimmer betreten und
überhaupt aus Neugierde ein klein wenig Spionage betrieben.
Über das Äußere des Steppenwolfes habe ich einige Angaben schon gemacht.
Er machte durchaus und gleich beim ersten Anblick den Eindruck eines bedeutenden, eines
seltenen und ungewöhnlich begabten Menschen.
Sein Gesicht war voll Geist, und das außerordentlich zarte und bewegliche Spiel seiner Züge spiegelte
ein interessantes, höchst bewegtes, ungemein zartes und sensibles Seelenleben.
Wenn man mit ihm sprach und er, was nicht immer der Fall war, die Grenzen des konventionellen
überschritt und aus einer Fremdheit heraus persönliche eigene Worte sagte, dann mußte
unser einer sich ihm ohne weiteres unterordnen.
Er hatte mehr gedacht als andere Menschen und hatte in geistigen Angelegenheiten jene
beinahe kühle Sachlichkeit, jenes sichere Gedachthaben und Wissen, wie es nur wahrhaft
geistige Menschen haben, welchen jeder Ehrgeiz fehlt, welche niemals zu glänzen oder den
anderen zu überreden oder Recht zu behalten wünschen.
Eines solchen Ausspruches, welcher aber nicht einmal ein Ausspruch war, sondern lediglich
in einem Blick bestand, erinnere ich mich aus der letzten Zeit seines Hierseins.
Da hatte ein berühmter Geschichtsphilosoph und Kulturkritiker, ein Mann von europäischem
Namen, einen Vortrag in der Aula angekündigt, und es war mir gelungen, den Steppenwolf,
der erst gar keine Lust dazu hatte, zum Besuch des Vortrages zu überreden.
Wir gingen zusammen hin und saßen im Hörsaal nebeneinander.
Als der Redner seine Kanzel bestieg und seine Ansprache begann, enttäuschte er manche Zuhörer,
welche eine Art von Propheten in ihm vermutet hatten, durch die etwas geschniegelte und
eitle Art seines Auftretens.
Als er nun zu reden begann und zum Beginn den Zuhörern einige Schmeicheleien sagte
und für ihr zahlreiches Erscheinen dankte, da warf mir der Steppenwolf einen ganz kurzen
Blick zu.
Einen Blick der Kritik über diese Worte und über die ganze Person des Redners, oh, einen
unvergesslichen und furchtbaren Blick, über dessen Bedeutung man ein ganzes Buch schreiben
könnte.
Der Blick kritisierte nicht bloß jenen Redner und machte den berühmten Mann durch seine
zwingende, obwohl sanfte Ironie zunichte, das war das wenigste daran.
Der Blick war viel eher traurig als ironisch, er war sogar abgründig und hoffnungslos traurig.
Eine stille, gewissermaßen sichere, gewissermaßen schon Gewohnheit und Form gewordene Verzweiflung
war der Inhalt dieses Blickes.
Er durchleuchtete mit seiner verzweifelten Helligkeit nicht bloß die Person des eitlen
Redners, ironisierte und erledigte die Situation des Augenblicks, die Erwartung und Stimmung
des Publikums, den etwas anmaßenden Titel der angekündigten Ansprache.
Nein, der Blick des Steppenwolfes durchdrang unsere ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue,
die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten,
seichten Geistigkeit.
Ach, und leider ging der Blick noch tiefer, ging noch viel weiter als bloß auf Mängel
und Hoffnungslosigkeiten unserer Zeit, unserer Geistigkeit, unserer Kultur.
Er ging bis ins Herz alles Menschentums, er sprach berät in einer einzigen Sekunde den
ganzen Zweifel eines Denkers, eines vielleicht Wissenden aus an der Würde, am Sinn des Menschenlebens
überhaupt.
Dieser Blick sagte, schau, solche Affen sind wir, schau, so ist der Mensch.
Und alle Berühmtheit, alle Gescheitheit, alle Errungenschaften des Geistes, alle Anläufe
zu Erhabenheit, Größe und Dauer im Menschlichen fielen zusammen und waren ein Affenspiel.
Ich habe damit weit vorgegriffen und, eigentlich gegen meinen Plan und Willen, im Grunde schon
das Wesentliche über aller gesagt, während es ursprünglich meine Absicht war, sein Bild
nur allmählich im Erzählen meines stufenweisen Bekanntwerdens mit ihm zu enthüllen.
Nachdem ich nun denn so vorgegriffen habe, erübrigt es sich, noch weiter über die rätselhafte
Fremdheit Hallers zu sprechen und im Einzelnen zu berichten, wie ich allmählich die Gründe
und Bedeutungen dieser Fremdheit, dieser außerordentlichen und furchtbaren Vereinsamung ahnte und erkannte.
Es ist besser so, denn ich möchte meine eigene Person möglichst im Hintergrunde lassen.
Ich will nicht meine Bekenntnisse vortragen oder Novellen erzählen oder Psychologie treiben,
sondern lediglich als Augenzeuge etwas zum Bild des eigentümlichen Mannes beitragen,
der diese Steppenwolf-Manuskripte hinterlassen hat.
Schon beim allerersten Anblick, als er durch die Glastür der Tante hereintrat, den Kopf
so vogelartig reckte und den guten Geruch des Hauses rühmte, war mir irgendwie das
Besondere an diesem Manne aufgefallen, und meine erste naive Reaktion darauf war Wiederwille
gewesen.
Ich spürte, und meine Tante, die im Gegensatz zu mir ja ganz und gar kein intellektueller
Mensch ist, spürte ziemlich genau dasselbe, ich spürte, dass der Mann krank sei, auf
irgendeine Art geistes- oder gemüts- oder charakterkrank, und wehrte mich dagegen mit
dem Instinkt des Gesunden.
Diese Abwehr wurde im Lauf der Zeit abgelöst durch Sympathie, beruhend auf einem großen
Mitleid mit diesem tief und dauernd Leidenden, dessen Vereinsamung und inneres Sterben ich
mit ansah.
In dieser Periode kam mir mehr und mehr zum Bewusstsein, daß die Krankheit dieses Leidenden
nicht auf irgendwelchen Mängeln seiner Natur beruhte, sondern im Gegenteil nur auf dem
nicht zur Harmonie gelangten großen Reichtum seiner Gaben und Kräfte.
Ich erkannte, daß Haller ein Genie des Leidens sei, daß er, im Sinne mancher Ansprüche Nietzsches,
in sich eine geniale, eine unbegrenzte, furchtbare Leidensfähigkeit herangebildet habe.
Zugleich erkannte ich, daß nicht Weltverachtung, sondern Selbstverachtung die Basis seines
Pessimismus sei, denn so schonungslos und vernichtend er von Institutionen oder Personen
reden konnte, nie schloß er sich aus.
Immer war er selbst der Erste, gegen den er seine Pfeile richtete, war er selbst der
Erste, den er hasste und verneinte.
Hier muss ich eine psychologische Anmerkung einfügen.
Obgleich ich über das Leben des Steppenwolfes sehr wenig weiß, habe ich doch allen Grund
zu vermuten, daß er von liebevollen, aber strengen und sehr frommen Eltern und Lehrern
in jenem Sinne erzogen wurde, der das Brechen des Willens zur Grundlage der Erziehung macht.
Dieses Vernichten der Persönlichkeit und Brechen des Willens nun war bei diesem Schüler
nicht gelungen.
Dazu war er viel zu stark und hart, viel zu stolz und geistig.
Statt seine Persönlichkeit zu vernichten, war es nur gelungen, ihn sich selbst hassen
zu lernen.
Gegen sich selber, gegen dies unschuldige und edle Objekt, richtete er nun zeitlebens
die ganze Genialität seiner Fantasie, die ganze Stärke seines Denkvermögens.
Denn darin war er trotz allem durch und durch Christ und durch und durch Märtyrer, daß
er jede Schärfe, jede Kritik, jede Bosheit, jeden Hass, dessen er fähig war, vor allem
und zuerst auf sich selbst losließ.
Was die anderen, was die Umwelt betraf, so machte er beständig die heldenhaftesten und
ernstesten Versuche, sie zu lieben, ihnen gerecht zu werden, ihnen nicht wehzutun.
Denn das Liebe deinen Nächsten war ihm ebenso tief eingebläut wie das Hassen seiner selbst.
Und so war sein ganzes Leben ein Beispiel dafür, daß ohne Liebe zu sich selbst auch
die Nächstenliebe unmöglich ist, daß der Selbsthass genau dasselbe ist und am Ende
genau dieselbe grausige Isoliertheit und Verzweiflung erzeugt wie der grelle Egoismus.
Aber es wird nun Zeit, daß ich meine Gedanken hintan stelle und von Wirklichkeiten spreche.
Das Erste also, was ich über Herrn Haller in Erfahrung brachte, teils durch meine Spionage,
teils durch Bemerkungen meiner Tante, bezog sich auf die Art seiner Lebensführung.
Daß er ein Gedanken- und Büchermensch war und keinen praktischen Beruf ausübte, war bald zu sehen.
Er lag immer sehr lange im Bett, oft stand er erst kurz vorm Mittag auf und ging im Schlafrock
die paar Schritte von der Schlafkammer zu seinem Wohnzimmer hinüber.
Dies Wohnzimmer, eine große und freundliche Mansarde mit zwei Fenstern, sah schon nach wenigen Tagen anders aus
als zur Zeit, da es von anderen Mietern bewohnt gewesen war.
Es füllte sich und mit der Zeit wurde es immer voller.
An den Wänden wurden Bilder aufgehängt, Zeichnungen angeheftet,
zuweilen aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder, die häufig wechselten.
Eine südliche Landschaft, Fotografien aus einem deutschen Landstädtchen, offenbar der Heimathallers, hingen da,
farbige, leuchtende Aquarelle dazwischen, von denen wir erst spät erfuhren, daß er sie selbst gemalt hatte.
Dann die Fotografie einer hübschen jungen Frau oder eines jungen Mädchens.
Eine Zeit lang hing ein siamesischer Buddha an der Wand.
Er wurde abgelöst durch eine Reproduktion der Nacht von Michelangelo, dann von einem Bildnis des Mahatma Gandhi.
Bücher füllten nicht nur den großen Bücherschrank, sondern lagen auch überall auf den Tischen,
auf dem hübschen alten Sekretär, auf dem Divan, auf den Stühlen, auf dem Boden herum.
Bücher mit eingelegten Papierzeichen, die beständig wechselten.
Die Bücher nahmen beständig zu, denn er brachte nicht nur ganze Packen von den Bibliotheken mit,
sondern bekam auch sehr häufig Pakete mit der Post.
Der Mann, der diese Stube bewohnte, konnte ein Gelehrter sein.
Dazu passte auch der Zigarrenrauch, der alles einhüllte,
und die überall herum liegenden Zigarrenreste und Aschenschale.
Ein großer Teil der Bücher jedoch war nicht geleerten Inhalts.
Die große Mehrzahl waren Werke der Dichter aus allen Zeiten und Völkern.
Eine Zeit lang lagen auf dem Divan, wo er oft ganze Tage liegend zubrachte,
alle sechs dicken Bände eines Werkes herum mit dem Titel
»Sophiens Reise von Memel nach Sachsen« vom Ende des 18. Jahrhunderts.
Eine Gesamtausgabe von Goethe und eine von Jean-Paul schien benutzt zu werden,
ebenso Novalis, aber auch Lessing, Jacobi und Lichtenberg.
Einige Dostoevsky-Bände staken voll von beschriebenen Zetteln.
Auf dem größeren Tisch zwischen den vielen Büchern und Schriften
stand häufig ein Blumenstrauß.
Dort trieb sich auch ein Aquarellierkasten herum,
der aber stets voller Staub war, daneben die Aschenschalen
und, um auch dies nicht zu verschweigen, allerlei Flaschen mit Getränken.
Eine strohumflochtene Flasche war meist mit italienischem Rotwein gefüllt,
den er in der Nähe in einem kleinen Laden holte.
Manchmal war auch eine Flasche Burgunder zu sehen, so wie Malaga,
und eine dicke Flasche mit Kirschgeist sah ich innerhalb recht kurzer Zeit nahezu leer werden,
dann aber in eine Stubenecke verschwinden und,
ohne daß der Rest sich weiter verminderte, verstauben.
Ich will mich über die von mir getriebene Spionage nicht rechtfertigen
und gestehe auch offen, daß in der ersten Zeit
alle diese Anzeichen eines zwar von geistigen Interessen erfüllten,
aber doch recht verbummelten und zuchtlosen Lebens
bei mir Abscheu und Misstrauen hervorriefen.
Ich bin nicht nur ein bürgerlicher, regelmäßig lebender Mensch,
an Arbeit und genaue Zeiteinteilung gewohnt,
ich bin auch abstinent und Nichtraucher.
Und jene Flaschen in Hallas Zimmer gefiel mir noch weniger als die übrige malerische Unordnung.
Wie mit Schlaf und Arbeit, so lebte der Fremde auch
in Bezug auf Essen und Trinken sehr ungleichmäßig und launisch.
An manchen Tagen ging er überhaupt nicht aus
und nahm außer dem Morgenkaffee gar nichts zu sich.
Zuweilen fand die Tante als einzigen Rest seiner Mahlzeit eine Bananenschale liegen,
aber an anderen Tagen speiste er in Restaurants,
bald in guten und eleganten, bald in kleinen Vorstadtkneipen.
Seine Gesundheit schien nicht gut zu sein.
Außer der Hemmung in den Beinen, mit denen er oft recht mühsam seine Treppen stieg,
schien er auch von anderen Störungen geplagt zu sein.
Und einmal sagte er nebenbei,
er habe seit Jahren nicht mehr richtig verdaut, noch richtig geschlafen.
Ich schrieb es vor allem seinem Trinken zu.
Später, als ich ihn zuweilen in eines seiner Wirtshäuser begleitete,
war ich manchmal Zeuge, wie er rasch und launisch die Weine hinuntergoß,
richtig betrunken aber, habe weder ich noch sonst jemand ihn je gesehen.
Nie vergesse ich unsere erste persönliche Begegnung.
Wir kannten einander nur so, wie eben Zimmernachbarn in einem Mietshaus sich kennen.
Da kam ich eines Abends aus dem Geschäft nach Hause
und fand zu meinem erstaunen Herrn Haller beim Absatz der Treppe
zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk Sitz.
Er hatte sich auf die oberste Treppenstufe gesetzt
und rückte beiseite, um mich vorbeizulassen.
Ich fragte ihn, ob er nicht wohl sei, und bot mich an, ihn vollends nach oben zu begleiten.
Haller sah mich an, als ich merkte, dass ich ihn aus einer Art von Traumzustand geweckt hatte.
Langsam begann er zu lächeln, sein hübsches und jämmerliches Lächeln,
mit dem er mir so oft das Herz schwer gemacht hat.
Dann lud er mich ein, mich neben ihn zu setzen.
Ich dankte und sagte, ich sei nicht gewohnt,
auf der Treppe vor anderer Leute Wohnungen zu setzen.
»Ach ja,« sagte er und lächelte stärker,
»Sie haben recht, aber warten Sie noch einen Augenblick,
ich muß Ihnen doch zeigen, warum ich hier ein wenig sitzen bleiben mußte.«
Dabei deutete er auf den Vorplatz der Wohnung im ersten Stock, wo eine Witwe wohnte.
Auf dem kleinen, parkettbelegten Platz zwischen Treppe, Fenster und Glastüre
stand ein hoher Mahagonischrank an der Wand, mit altem Zinn darauf,
und vor dem Schrank am Boden standen, auf zwei kleinen, niedern Ständerchen,
zwei Pflanzen in großen Töpfen, eine Azalee und eine Araukarie.
Die Pflanzen sahen hübsch aus und waren immer sehr sauber und tadellos gehalten,
das war auch mir schon angenehm aufgefallen.
»Sehen Sie«, fuhr Haller fort, »dieser kleine Vorplatz mit der Araukarie,
der riecht so fabelhaft, ich kann hier oft gar nicht vorbeigehen,
ohne eine Weile Halt zu machen.
Auch bei Ihrer Frau Tante duftet es ja gut und herrscht Ordnung und höchste Sauberkeit,
aber der Araukarienplatz hier, der ist so strahlend rein,
so abgestaubt und gewichst und abgewaschen, so unantastbar sauber,
daß er förmlich ausstrahlt, ich muß da immer eine Nase voll einatmen.
Riechen Sie es nicht auch, wie da der Geruch von Bodenwachs
und ein schwacher Nachklang von Terpentin zusammen mit dem Mahagoni,
den abgewaschenen Pflanzenblättern und allem, einen Duft ergibt,
einen Superlativ von bürgerlicher Reinheit, von Sorgfalt und Genauigkeit,
von Pflichterfüllung und Treue im Kleinen.
Ich weiß nicht, wer da wohnt, aber es muß hinter dieser Glastür ein Paradies
von Reinlichkeit und abgestaubter Bürgerlichkeit wohnen,
von Ordnung und ängstlich rührender Hingabe an kleine Gewohnheiten und Pflichten.
Da ich schwieg, fuhr er fort.
Glauben Sie bitte nicht, daß ich ironisch spreche.
Lieber Herr, nichts liegt mir ferner, als diese Bürgerlichkeit und Ordnung
etwa verlachen zu wollen.
Es ist ja richtig, ich selbst lebe in einer anderen Welt, nicht in dieser,
und vielleicht wäre ich nicht imstande, es auch nur einen Tag lang
in einer Wohnung mit solchen Araukarien auszuhalten.
Aber wenn ich auch ein alter und etwas ruppiger Steppenwolf bin,
so bin doch auch ich der Sohn einer Mutter.
Und auch meine Mutter war eine Bürgersfrau und zog Blumen
und wachte über Stube und Treppe, Möbel und Gardinen
und bemühte sich ihrer Wohnung und ihrem Leben,
so viel Sauberkeit, Reinheit und Ordentlichkeit zu geben,
als nur immer gehen wollte.
Daran erinnert mich der Hauch von Terpentin, daran die Araukarie.
Und da sitze ich denn hier und da,
sehe in diesem stillen, kleinen Garten der Ordnung
und freue mich, daß es das noch gibt.
Er wollte aufstehen, hatte aber Mühe damit und wies mich nicht ab,
als ich ihm dabei ein wenig half.
Ich blieb schweigsam, aber ich unterlag,
ebenso wie es zuvor meiner Tante ergangen war,
irgendeinem Zauber, den der seltsame Mensch zuweilen haben konnte.
Wir gingen langsam miteinander die Treppe hinauf
und vor seiner Türe, schon die Schlüssel in der Hand,
blickte er mir nochmals voll und sehr freundlich ins Gesicht und sagte,
Sie kommen aus Ihrem Geschäft?
Nun ja, davon verstehe ich nichts,
ich lebe so etwas abseits, etwas am Rande, wissen Sie.
Aber ich glaube, Sie haben auch Interesse für Bücher und dergleichen.
Ihre Tante sagte mir einmal, daß Sie das Gymnasium absolviert haben
und ein guter Grieche waren.
Nun, ich habe da heute Morgen einen Satz bei Novalis gefunden.
Darf ich Ihnen den zeigen?
Sie werden auch Freude daran haben.
Er nahm mich mit in sein Zimmer, wo es stark nach Tabak roch,
zog ein Buch aus einem der Haufen heraus, blätterte, suchte.
Ach, das ist gut, sehr gut, sagte er.
Hören Sie einmal den Satz.
Man sollte stolz auf den Schmerz sein.
Jeder Schmerz ist eine Erinnerung unseres hohen Hanges.
Fein, 80 Jahre vor Nietzsche.
Aber das ist nicht der Spruch, den ich meinte, warten Sie.
Da habe ich ihn.
Also, die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie es können.
Ist das nicht witzig?
Natürlich wollen sie nicht schwimmen.
Sie sind ja für den Boden geboren, nicht fürs Wasser.
Und natürlich wollen sie nicht denken, sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken.
Ja, und wer denkt, wer das Denken zur Hauptsache macht, der kann es darin zwar weit bringen,
aber er hat doch eben den Boden mit dem Wasser vertauscht.
Und einmal wird er ersaufen.
Er hatte mich nun eingefangen und interessiert, und ich blieb eine kleine Weile bei ihm.
Und von da an kam es nicht selten vor, dass wir auf der Treppe oder auf der Straße,
wenn wir uns trafen, ein wenig miteinander sprachen.
Dabei hatte ich im Anfang, ebenso wie bei der Araukarie, immer ein wenig das Gefühl,
dass er mich ironisierte.
Aber es war nicht so.
Er hatte vor mir, wie vor der Araukarie, geradezu Hochachtung.
Er war von seiner Vereinsamung, seinem Schwimmen im Wasser, seiner Entwurzelung so bewusst überzeugt,
dass tatsächlich und ohne jeden hohen Zuweilen der Anblick einer alltäglichen bürgerlichen Handlung,
die Pünktlichkeit zum Beispiel, mit der ich zu meinen Bürostunden ging,
oder der Ausspruch eines Dienstboten oder Trambahnschaffners, ihn begeistern konnte.
Zuerst erschien mir das recht lächerlich und übertrieben, so eine Herren- und Bummlerlaune,
eine spielerische Sentimentalität.
Aber mehr und mehr mußte ich sehen, dass er in der Tat unsere kleine bürgerliche Welt
aus seinem luftleeren Raume, aus seiner Fremdheit und Steppenwolfigkeit heraus,
geradezu bewunderte und liebte, als das Feste und Sichere, als das ihm Ferne und Unerreichbare,
als die Heimat und den Frieden, zu denen ihm kein Weg gebannt war.
Er zog vor unserer Zugängerin, einer braven Frau, den Hut jedes Mal mit einer wahren Ehrfurcht.
Und wenn meine Tante sich einmal mit ihm ein wenig unterhielt
oder ihn auf eine Reparaturbedürftigkeit an seiner Wäsche,
auf einen hängenden Knopf an seinem Mantel aufmerksam machte,
dann hörte er mit einer merkwürdigen Aufmerksamkeit und Wichtigkeit zu,
als gäbe er sich eine unsägliche und hoffnungslose Mühe,
durch irgendeinen Spalt in diese kleine, friedliche Welt einzudringen und dort heimisch zu werden,
sei es auch nur für eine Stunde.
Schon bei jenem ersten Gespräch, bei der Araukarie, nannte er sich den Steppenwolf,
und auch dies befremdete und störte mich ein wenig.
Was waren das für Ausdrücke?
Aber ich lernte den Ausdruck nicht nur durch Gewöhnung gelten zu lassen,
sondern bald nannte ich den Mann bei mir selbst in meinen Gedanken nie mehr anders als den Steppenwolf
und wüsste auch heute noch kein treffenderes Wort für diese Erscheinung.
Ein zu uns in die Städte und ins Herdenleben verirrter Steppenwolf.
Schlagender konnte kein anderes Bild ihn zeigen, seine scheue Vereinsamung,
seine Wildheit, seine Unruhe, seine Heimweh und seine Heimatlosigkeit.
Einmal konnte ich ihn einen ganzen Abend lang beobachten,
in einem Symphoniekonzert, wo ich ihn zu meiner Überraschung in meiner Nähe sitzen sah,
ohne daß er mich bemerkte.
Erst wurde Hände gespielt, eine edle und schöne Musik,
aber der Steppenwolf saß in sich versunken und ohne Anschluß,
weder an die Musik noch an seine Umgebung.
Unzugehörig, einsam und fremd saß er,
mit einem kühlen, aber sorgenvollen Gesicht vor sich niederblickend.
Dann kam ein anderes Stück, eine kleine Symphonie von Friedemann Bach,
und da war ich ganz erstaunt zu sehen,
wie nach wenigen Takten mein Fremdling anfing zu lächeln und sich hinzugeben.
Er sank ganz in sich hinein und sah, wohl zehn Minuten lang,
so glücklich versunken und in gute Träume verloren aus,
daß ich mehr auf ihn als auf die Musik achtete.
Als das Stück zu Ende war, erwachte er, setzte sich gerade,
machte Miene aufzustehen und schien gehen zu wollen,
blieb dann aber doch sitzen und hörte auch noch das letzte Stück an.
Es waren Variationen von Rega,
eine Musik, die von vielen als etwas lang und ermüdend empfunden wurde.
Und auch der Steppenwolf, der anfangs noch aufmerksam und gutwillig zugehört hatte,
fiel wieder ab. Er steckte die Hände in die Taschen und sank wieder in sich hinein,
diesmal aber nicht glücklich und träumerisch, sondern traurig und schließlich böse.
Sein Gesicht war wieder fern, grau und erloschen.
Er sah alt und krank und unzufrieden aus.
Nach dem Konzert sah ich ihn auf der Straße wieder und ging hinter ihm her.
In seinen Mantel verkrochen schritt er unlustig und müde in der Richtung nach unserem Viertel davon.
Vor einem kleinen, altmodischen Wirtshause aber blieb er stehen,
sah unschlüssig auf die Uhr und ging dann hinein.
Ich folgte einem augenblicklichen Gelüste und ging ihm nach.
Da saß er an einem kleinbürgerlichen Wirtstisch.
Wirtin und Kellnerin begrüßten ihn als bekannten Gast und ich grüßte und setzte mich zu ihm.
Eine Stunde saßen wir dort, und während ich zwei Gläser Mineralwasser trank,
ließ er sich einen halben und dann noch einen Viertelliter Rotwein geben.
Ich sagte, daß ich im Konzert gewesen sei, aber er ging nicht darauf ein.
Er las die Etikette meiner Wasserflasche und fragte, ob ich keinen Wein trinken wolle, zu dem er mich einlade.
Als er hörte, daß ich nie Wein trinke, machte er wieder sein hilfloses Gesicht und sagte,
Ja, da haben Sie recht, ich habe auch jahrelang enthaltsam gelebt und auch lange Zeiten gepfastet,
aber zurzeit stehe ich wieder im Zeichen des Wassermanns, einem dunklen und feuchten Zeichen.
Und als ich nun scherzend auf diese Anspielung einging und andeutete,
wie unwahrscheinlich es mir sei, daß gerade er an Astrologie glaube,
dann nahm er wieder den zu höflichen Ton an, der mich oft verletzte, und sagte,
Ganz richtig, auch an diese Wissenschaft kann ich leider nicht glauben.
Ich ging und empfahl mich, und er kam erst sehr spät in der Nacht nach Hause,
aber sein Schritt war der gewohnte, und wie immer ging er nicht so gleich zu Bett.
Ich hörte das als sein Zimmernachbar ja genau,
sondern hielt sich wohl noch eine Stunde bei Licht in seinem Wohnzimmer auf.
Auch einen anderen Abend habe ich nicht vergessen.
Da war ich allein zu Hause, die Tante war nicht da, und es läutete an der Haustür,
und als ich öffnete, stand da eine junge, sehr hübsche Dame,
und als sie nach Herrn Haller fragte, erkannte ich sie.
Es war die auf der Fotografie in seinem Zimmer.
Ich zeigte ihr seine Tür und zog mich zurück.
Sie blieb eine Weile oben.
Bald darauf aber hörte ich sie miteinander die Treppe hinab und ausgehen,
lebhaft und sehr vergnügt in scherzenden Gesprächen.
Ich war sehr erstaunt, dass der Einsiedler eine Geliebte habe,
und eine so junge, hübsche und elegante,
und alle meine Vermutungen über ihn und sein Leben wurden mir wieder ungewiß.
Aber eine kleine Stunde später kam er schon wieder nach Hause, allein,
mit schwerem, traurigem Schritt,
mühte sich die Treppe hinauf und schlich dann stundenlang
in seinem Wohnzimmer leise auf und ab,
richtig wie ein Wolf im Käfig geht.
Die ganze Nacht bis fast zum Morgen war Licht in seinem Zimmer.
Ich weiß über dieses Verhältnis gar nichts und will nur hinzufügen,
noch einmal sah ich ihn mit jener Frau zusammen in einer Straße der Stadt.
Sie gingen Arm in Arm, und er sah glücklich aus,
ich wunderte mich wieder, wie viel Anmut, ja Kindlichkeit,
sein versorgtes, einsames Gesicht gelegentlich haben konnte,
und begriff die Frau und begriff auch die Teilnahme,
die meine Tante für diesen Mann hatte.
Aber auch an jenem Tage kam er abends traurig und elend nach Hause.
Ich traf ihn an der Haustür an.
Er hatte, wie manches Mal,
unter Mantel die italienische Weinflasche bei sich
und saß mit ihr die halbe Nacht in seiner Höhle oben.
Er tat mir leid.
Aber was war das auch für ein trostloses, verlorenes und wehrloses Leben,
das er führte?
Nun, es ist genug geplaudert.
Es bedarf weiter keiner Berichte und Schilderungen,
um zu zeigen, dass der Steppenwolf das Leben eines Selbstmörders führte.
Aber dennoch glaube ich nicht, dass er sich das Leben genommen hat,
damals, als er unversehens und ohne Abschied,
aber nach Bezahlung aller Rückstände unsere Stadt eines Tages verließ
und verschwunden war.
Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört
und bewahren noch immer einige Briefe auf, die noch für ihn ankamen.
Zurück ließ er nichts als sein Manuskript,
das er während seines hiesigen Aufenthaltes geschrieben hat
und das er mit wenigen Zeilen mir zueignete,
mit dem Bemerken, ich könne damit machen, was ich wolle.
Es war mir nicht möglich, die Erlebnisse, von denen Hallas Manuskript erzählte,
auf ihren Gehalt an Realität nachzuprüfen.
Ich zweifle nicht daran, dass sie zum größten Teil Dichtung sind,
nicht aber im Sinn willkürlicher Erfindung,
sondern im Sinne eines Ausdrucksversuches,
der tief erlebte seelische Vorgänge im Kleide sichtbarer Ereignisse darstellt.
Die zum Teil fantastischen Vorgänge in Hallas Dichtung
stammen vermutlich aus der letzten Zeit seines hiesigen Aufenthaltes
und ich zweifle nicht daran,
dass ihnen auch ein Stück wirklichen äußeren Erlebens zugrunde liegt.
In jener Zeit zeigte unser Gast in der Tat ein verändertes Benehmen und Aussehen,
war sehr viel außer Hause, zuweilen auch ganze Nächte,
und seine Bücher lagen unberührt.
Die wenigen Male, die ich ihn damals antraf,
schien er auffallend lebendig und verjüngt,
einige Male geradezu vergnügt.
Gleich darauf folgte allerdings eine neue schwere Depression.
Er blieb tagelang im Bett, ohne Essen zu begehren,
und in jene Zeit fiel auch ein außerordentlich heftiger,
ja brutaler Zank mit seiner wieder aufgetauchten Geliebten,
der das ganze Haus revoltierte und für welchen Hallertags darauf
meine Tante um Entschuldigung gebeten hat.
Nein, ich bin davon überzeugt, dass er sich nicht das Leben genommen hat.
Er lebt noch. Er geht irgendwo auf seinen müden Beinen
die Treppen fremder Häuser auf und ab,
starrt irgendwo auf blank gescheuerte Parkettböden
und auf sauber gepflegte Araukarien,
sitzt Tage in Bibliotheken und Nächte in Wirtshäusern,
oder liegt auf einem gemieteten Kanapé,
hört hinter den Fenstern die Welt und die Menschen leben
und weiß sich ausgeschlossen, tötet sich aber nicht.
Denn ein Rest von Glaube sagt ihm, dass er dies Leiden,
dies böse Leiden in seinem Herzen zu Ende kosten
und dass dies Leiden es sei, woran er sterben müsse.
Ich denke oft an ihn. Er hat mir das Leben nicht leichter gemacht.
Er hatte nicht die Gabe, das Starke und Frohe in mir zu stützen und zu fördern.
Oh, im Gegenteil. Aber ich bin nicht er.
Und ich führe nicht seine Art von Leben, sondern das meine,
ein kleines und bürgerliches, aber gesichertes und von Pflichten erfülltes.
Und so können wir seiner in Ruhe und Freundschaft denken,
ich und meine Tante, welche mehr über ihn zu sagen wüsste als ich,
aber das bleibt in ihrem gütigen Herzen verborgen.
Was nun die Aufzeichnungen Hallers betrifft,
diese wunderlichen, zum Teil krankhaften, zum Teil schönen und gedankenvollen Fantasien,
so muß ich sagen, daß ich diese Blätter, während sie mir zufällig in die Hand gefallen
und ihr Urheber mir nicht bekannt gewesen, gewiß entrüstet weggeworfen hätte.
Aber durch meine Bekanntschaft mit Haller ist es mir möglich geworden, sie teilweise zu verstehen,
ja, zu bildigen.
Ich würde Bedenken tragen, sie anderen mitzuteilen,
wenn ich in ihnen bloß die pathologischen Fantasien eines Einzelnen,
eines armen Gemütskranken sehen würde.
Ich sehe in ihnen aber etwas mehr, ein Dokument der Zeit,
denn Hallers Seelenkrankheit ist, das weiß ich heute,
nicht die Schrulle eines Einzelnen, sondern die Krankheit der Zeit selbst,
die Neurose jener Generation, welcher Haller angehört
und von welcher keineswegs nur die schwachen und minderwertigen Individuen befallen scheinen,
sondern gerade die starken, geistigsten, bedarftesten.
Diese Aufzeichnungen, einerlei wie viel oder wenig realen Erlebens ihnen zugrunde liegen mag,
sind ein Versuch, die große Zeitkrankheit nicht durch Umgehen und Beschönigen zu überwinden,
sondern durch den Versuch, die Krankheit selber zum Gegenstand der Darstellung zu machen.
Sie bedeuten ganz wörtlich einen Gang durch die Hölle,
einen bald angstvollen, bald mutigen Gang durch das Chaos einer verfinsterten Seelenwelt,
gegangen mit dem Willen, die Hölle zu durchqueren,
dem Chaos die Stirn zu bieten, das Böse bis zu Ende zu erleiden.
Ein Wort Hallers hat mir den Schlüssel zu diesem Verständnis gegeben.
Er sagte einmal zu mir, nachdem wir über sogenannte Grausamkeiten im Mittelalter gesprochen hatten,
diese Grausamkeiten sind in Wirklichkeit keine.
Ein Mensch des Mittelalters würde den ganzen Stil unseres heutigen Lebens
noch ganz anders als grausam, entsetzlich und barbarisch verabscheuen.
Jede Zeit, jede Kultur, jede Sitte und Tradition hat ihren Stil,
hat ihre ihr zukommenden Zartheiten und Härten, Schönheiten und Grausamkeiten,
hält gewisse Leiden für selbstverständlich, nimmt gewisse Übel geduldig hin.
Zum wirklichen Leiden zur Hölle wird das menschliche Leben nur da,
wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden.
Ein Mensch der Antike, der im Mittelalter hätte leben müssen, wäre daran jämmerlich erstickt,
ebenso wie ein Wilder inmitten unserer Zivilisation ersticken müsste.
Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten,
zwischen zwei Lebensstile hineingerät, dass ihr jede Selbstverständlichkeit,
jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verloren geht.
Natürlich spürt das nicht ein jeder gleich stark.
Eine Natur wie Nietzsche hat das heutige Elend um mehr als eine Generation voraus erleiden müssen.
Was er einsam und unverstanden auszukosten hatte, das erleiden heute Tausende.
Dieses Wortes musste ich beim Lesen der Aufzeichnungen oft gedenken.
Haller gehört zu denen, die zwischen zwei Zeiten hineingeraten,
die aus aller Geborgenheit und Unschuld herausgefallen sind.
Zu denen, deren Schicksal es ist, alle Fragwürdigkeit des Menschenlebens
gesteigert als persönliche Qual und Hölle zu erleben.
Darin, scheint mir, liegt der Sinn, den seine Aufzeichnungen für uns haben können
und darum entschloß ich mich, sie mitzuteilen.
Im Übrigen will ich sie nicht in Schutz nehmen, noch über sie aburteilen.
Möge jeder Leser dies nach seinem Gewissen tun.
Ende 1. Teil
