DER STEPPENWOLF von Hermann Hesse (Teil 2)

Shakespeare & Co
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[Musik]
der Steppenwolf von ham
Hesse Harry Hallers
Aufzeichnungen nur für verrückte
der Tag war vergangen wie eben die Tage
so vergehen ich hatte ihn herumgebracht
hatte ihn sanft umgebracht mit meiner
primitiven und schüchternen Art von
Lebenskunst ich hatte einige Stunden
gearbeitet alte Bücher gewälst ich hatte
zwei Stunden lang Schmerzen gehabt wie
ältere Leute sie eben haben hatte ein
Pulver genommen und mich gefreut dass
die Schmerzen sich überlisten ließen
hatte in einem heißen Bad gelegen und
die Liebe wärmer
eingesogen hatte dreimal die
postempfangen und die
entbehrlichenefe
undcksachenchgesehen hatte meineemüungen
gemacht die gedankenübungen aber heute
aus
beemlichkeitelassen war eine Stunde
spazieren gewesen und hatte schöne
zarteostbarek denmelich geunden
das war sehr hübsch ebenso wie das Lesen
in den alten Büchern wie das liegen im
warmen Bart aber alles in allem war es
nicht gerade ein entzückender nicht eben
ein strahlender ein Glücks und
Freudentag gewesen sondern eben einer
von diesen Tagen wie sie für mich nun
seit langer Zeit die normalen und
gewohnten sein sollten maßvoll angenehme
durchaus erträgliche leidliche laue Tage
eines älteren unzufriedenen Herrn Tage
ohne besondere Schmerzen ohne besondere
Sorgen ohne eigentlichen Kummer ohne
Verzweiflung Tage an welchen selbst die
Frage ob es nicht an der Zeit sei dem
beispieler Adalbert Stifters zu folgen
und beim Rasieren zu verunglücken ohne
Aufregung oder Angstgefühle sachlich und
ruhig erwogen
wird wer die anderen Tage geschmeckt hat
die bösen die mit den Gichtanfällen oder
die mit jenem schlimmen hinter den
Augäpfeln
festgewurzelten teuflisch jede Tätigkeit
von Auge und Ohr aus einer Freude zur
Qual verhexenden
Kopfweh oder jene Tage des
seelensterbens jene argen Tage der
inneren lere und Verzweiflung an denen
uns inmitten der zerstörten und von
Aktiengesellschaften ausgesogenen Erde
die Menschenwelt und sogenannte Kur in
ihrem verlogenen und gemeinen blächernen
jahrmarktsglanz auf Schritt und Tritt
wie ein Brechmittel
entgegengrinst konzentriert und zum gfel
der unleidlichkeit getrieben im een
Kranken ich
wer jene höllentage geschmeckt hat der
ist mit solchen normal und halb und
Halbtagen gleich dem heutigen sehr
zufrieden dankbar sitzt er am warmen
Ofen dankbar stellt er beim Lesen des
morgenblattes fest dass auch heute
wieder kein Krieg ausgebrochen ist keine
neue Diktatur errichtet keine besonders
krasse Schweinerei in Politik und
Wirtschaft aufgedeckt worden ist dankbar
stimmt er die Seiten seiner verrosteten
Leier zu einem gemäßigten einem leidlich
frohen einem nahezu vergnügten dankpsalm
mit dem er seinen stillen sanften etwas
mit Brom betäubten Zufriedenheit halb
und halb Gott langweilt und in der
laudcken Luft dieser zufriedenen
Langeweile dieser sehr dankenswerten
Schmerzlosigkeit sehen die beiden der
Öde nickende halb und Halbgott und der
leicht
angegraute den gedämpften Psalm singende
halb und halben Mensch ein ander wie
Zwillinge ähnlich es ist eine schöne
Sache um die Zufriedenheit um die
Schmerzlosigkeit um diese erträglichen
geduckten Tage wo weder Schmerz noch
Lust zu schreien wagt wo alles nur
flüstert und auf Zehen schleicht
nur steht es mit mir leider so dass ich
gerade diese Zufriedenheit gar nicht gut
vertrage dass sie mir nach kurzer Dauer
unausstehlich verhasst und ekelhaft wird
und ich mich verzweiflungsvoll in andere
Temperaturen flüchten muss
womöglich auf dem Wege der
Lustgefühle nötigenfalls aber auch auf
dem Wege der
Schmerzen wenn ich eine Weile ohne Lust
und ohne Schmerz war und die fadede
Erträglichkeit sogenannter guter Tage
geatmet habe dann wird mir in meiner
kindischen Seele so windig weh und Elend
dass ich die verrostete
dankbarkeitsleier dem schläfrigen
zufriedenheitsgott ins zufriedene
Gesicht schmeiße und lieber einen recht
teuflischen Schmerz in mir brennen fühle
als diese bekömmliche
Zimmertemperatur es brennt als dann in
mir eine wilde Begierde nach starken
Gefühlen nach Sensationen eine Wut auf
dies
abgetönte flache normierte und
sterilisierte Leben und eine rasende
Lust irgendetwas kaputt zu schlagen etwa
ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder
mich
selbst verwegene Dummheiten zu begehen
ein paar verehrten Götzen die Rücken
abzureißen ein paar rebellische
Schulbuben mit der ersehnten Fahrkarte
nach Hamburg auszurüsten ein kleines
Mädchen zu verführen oder einigen
Vertretern der bürgerlichen Weltordnung
das Gesicht ins Genick zu
drehen denn dies hasste verabscheute und
verfluchte ich von allem doch am
innigsten diese
Zufriedenheit diese Gesundheit diese
Behaglichkeit
diesen gepflegten Optimismus des Bürgers
diese Fette gedeiliche Zucht des
mittelmäßigen normalen
durchschnittlichen in solcher Stimmung
also beschloss ich diesen leidlichen
Dutzend Tag bei einbrechender
Dunkelheit ich beschloss ihn nicht auf
die für einen etwas leidenden Mann
normale und bekömmliche Weise indem ich
mich von dem bereitstehenden und mit
einer Wärmflasche als Köder versehenen
Bett einfangen ließ sondern indem ich
unbefriedigt und angeekelt von meinem
bisschen tageerk voll Missmut meine
Schuhe anzog in den Mantel schlüpfte und
mich bei Finsternis und Nebel in die
Stadt begab um im Gasthaus zum Stahlhelm
das zu trinken was trinkende Männer nach
einer alten Konvention ein Gläschen Wein
nennen so stieg ich denn die Treppen von
meiner mansade hinab diese schwer Z
steigenden Treppen der Fremde diese
durch und durch bürgerlichen gebürsteten
sauberen Treppen eines hochanständigen
drei
familienmiethauses in dessen Dach ich
meine Klause
habe ich weiß nicht wie das zugeht aber
ich der heimatlose Steppenwolf und
einsamer Hasser der kleinbürgerlichen
Welt ich wohne immer zu in richtigen
Bürgerhäusern das ist eine alte
Sentimentalität von mir ich wohne weder
in Palästen noch in
proletarierhäusern sondern ausgerechnet
stets in diesen
hochanständigen hochlangweiligen
tadellos gehaltenen
kleinbürgnestern wo es nach etwas
Terpentin und etwas Seife riecht und wo
man erschreckt wenn man einmal die
Haustür laut ins Schloss hat fallen
lassen oder mit schmutzigen Schuhen
hereinkommt ich liebe diese Atmosphäre
ohne Zweifel aus meinen Kinderzeiten her
und meine heimliche Sehnsucht nach so
etwas wie Heimat führt mich hoffnungslos
immer wieder diese alten dummen
Wege nun ja und ich habe auch den
Kontrast gern in dem mein Leben mein
einsames liebloses und gehetztes durch
und durch unordentliches Leben zu diesem
Familien und bürgermilieu steht ich habe
das gern auf der Treppe diesen Geruch
von Stille Ordnung Sauberkeit Anstand
und Zahmheit zu atmen der trotz meinem
bürgerhass immer etwas rührendes für
mich hat und habe es
dann über die Schwelle meines Zimmers zu
treten wo das alles
aufhört wo zwischen den bücherhaufen die
zigarrenreste liegen und die
Weinflaschen stehen wo alles
unordentlich unheimisch und verwahlost
ist und wo alles Bücher Manuskripte
Gedanken gezeichnet und durchtränkt ist
von der Not der einsamen von der
Problematik der des Menschseins von der
Sehnsucht nach einer neuen Sinngebung
für das sinnlos gewordene
Menschenleben und nun kam ich an der
Araukarie
vorbei nämlich im ersten Stockwerk
dieses Hauses führt die Treppe am
kleinen Vorplatz einer Wohnung vorüber
die ist ohne Zweifel noch tadelloser
sauberer und gebürsteter als die anderen
denn dieser kleine Vorplatz
strahlt von einer übermenschlichen
Gepflegtheit er ist ein leuchtender
kleiner Tempel der
Ordnung auf einem Parkettboden den zu
betreten man sich scheut stehen da zwei
zierliche Schemel und auf jedem Schemel
ein großer Pflanzentopf im einen wächst
eine azal im andern eine ziemlich
stattliche
arokar ein gesunder strammer kinderbaum
von größter Vollkommenheit und noch die
letzte Nadel am letzten Zweig strahlt
von frischester
abgewaschenheit zuweilen wenn ich mich
unbeobachtet weiß benüze ich diese
Städte als Tempel setze mich über der
Araukarie auf eine Treppenstufe Ruhe ein
wenig falte die Hände und blicke
andächtig hinab in diesen kleinen Garten
der Ordnung
dessen rührende Haltung und einsame
Lächerlichkeit mich irgendwie in der
Seele
ergreift ich vermute hinter diesem
vuhplatz gewissermaßen im heiligen
Schatten der
araokarie eine Wohnung voll von
strahlendem Mahagoni und ein Leben voll
Anstand und Gesundheit mit früh
aufstehen
pfllichterfüllung gemäßigt heitern
Familienfesten sonntäglichem Kirchgang
und frühem schlafen
gehen mit gespielter Munterkeit trabte
ich über den feucht beschlagenen Asphalt
der Gassen tränend und umflort blickten
die laternenlichter durch die
kühlfeuchte trübe und soen träge
spiegellichter aus dem nassen
Boden meine vergessenen jünglingsjahre
fielen mir ein
wie habe ich damals solche finstre und
trübeabende im Spätherbst und Winter
geliebt wie gierig und berauscht sog ich
damals die Stimmungen der Einsamkeit und
Melancholie wenn ich halbe Nächte in den
Mantel gehüllt bei Regen und Sturm durch
die feindliche entblätterte Natur lief
einsam auch damals schon aber voll
tiefen Genießens und voll von von Versen
die ich nachher bei Kerzenlicht in
meiner Kammer auf dem Bettrand sitzend
aufschrieb
nun dies war vorüber dieser Becher war
ausgetrunken und wurde mir nicht mehr
gefüllt war es schade
darum es war nicht schade darum es war
um nichts schade was vorüber war schade
war es um das Jetzt und Heute um all
diese ungezählten Stunden und Tage die
ich verlor die ich nur erlitt die weder
Geschenke noch Erschütterungen
brachten aber gott sei gelobt es gab
auch Ausnahmen es gab zuweilen selten
auch andere Stunden die brachten
Erschütterungen brachten Geschenke
rissen Wände ein und brachten mich
verirrten wieder zurück ans Lebendige
Herz der
Welt traurig und doch zu Innerst
angeregt suchte ich mich des letzten
Erlebnisses dieser Art zu
erinnern es war bei einem Konzert
gewesen eine herrliche alte Musik wurde
gespielt da war zwischen zwei Takten
eines von Holzbläsern gespielten Piano
mir plötzlich wieder die Tür zum jensits
aufgegangen ich hatte Himmel durchflogen
und Gott an der Arbeit gesehen hatte
selige Schmerzen gelitten und mich gegen
nichts mehr in der Welt gewehrt mich vor
nichts mehr in der Welt gefürchtet hatte
alles bejaht hatte an alles mein Herz
hingegeben es hatte nicht lange gedauert
vielleicht eine Viertelstunde aber es
war im Traum jener Nacht wiedergekehrt
und hatte seither durch alle die öden
Tage hin und wieder heimlich
aufgeglänzt ich sah es zuweilen für
Minuten deutlich wie eine goldene
göttliche Spur durch mein Leben gehen
fast immer tief im Kot und Staub
verschüttet dann wieder in goldenen
Funken
vorleuchtend nie mehr verlierbar
scheinend und dennoch bald wieder tief
verloren einmal geschah es nachts das
ich im wachliegen plötzlich Verse sagte
Verse viel zu schön und viel zu
wunderlich als dass ich daran hätte
denken dürfen sie aufzuschreiben die ich
am Morgen nicht mehr wusste und die doch
in mir verborgen lagen wie die Schw Nuss
in einer alten brüchigen
Schale ein andermal kam es beim Lesen
eines Dichters beim Nachdenken eines
Gedankens von descart von Pascal ein
anderes Mal leuchtete es wieder auf und
führte mit goldener Spur weiter in die
Himmel wenn ich bei meiner geliebten
war ach es ist schwer diese gottesspur
zu finden inmitten dieses Lebens das wir
führen inmitten dieser so sehr
zufriedenen so sehr bürgerlichen so sehr
geistlosen Zeit im Anblick dieser
Architekturen dieser Geschäfte dieser
Politik dieser
Menschen wie sollte ich nicht ein
Steppenwolf und ruppiger erimid sein
inmitten einer Welt von deren Zielen ich
keines Teile von deren Freuden keine zu
mir
spricht ich kann weder in einem Theater
noch in einem Kino lange ausen kann kaum
eine Zeitung lesen selten ein modernes
Buch ich kann nicht verstehen welche
Lust und Freude es ist die die Menschen
in den überfüllten Eisenbahnen und
Hotels in den überfüllten cffes bei
schwüler aufdringlicher Musik in den
Bars und variits der eleganten
luxusstädte suchen in den
Weltausstellungen auf den Corsos in den
Vorträgen für
bildungsdurstige auf den großen
Sportplätzen ich kann all diese Freuden
die mir ja erreichbar wären und um die
tausend andere sich mühen und drängen
nicht verstehen nicht
teilen und was hingegen mir in meinen
seltenen freudenstunden geschieht das
für mich Wonne Erlebnis tase und
Erhebung ist das kennt und sucht und
liebt die Welt höchstens in Dichtungen
im Leben findet sie es
verrückt und in der Tat WN die Welt
Recht hat wenn diese Musik in den kaffés
diese
massenvergnügungen diese amerikanischen
mit so wenigem zufriedenen Menschen
recht haben dann habe ich Unrecht dann
bin ich
verrückt dann bin ich wirklich der
Steppenwolf den ich mich oft nannte dass
in eine ihm fremde und unverständliche
weltverirrte Tier das seine Heimat Luft
und Nahrung nicht mehr
findet mit diesen gewohnten Gedanken
lief ich auf der nassen Straße weiter
durch eins der stillsten und ältesten
Quartiere der
Stadt da stand gegenüber jenseits der
Gasse in der Finsternis eine alte graue
Steinmauer die ich immer gerne sah sie
stand immer so alt und unbekümmert da
zwischen einer kleinen Kirche und einem
alten Hospital auf ihrer raauen Fläche
ließ ich bei Tage oft meine Augen
ausruhen es gab wenige so stille gute
schweigende Flächen in der innernstadt
wo ja sonst auf jedem halben
Quadratmeter ein Geschäft ein Advokat
ein Erfinder ein Arzt ein Barbier oder
hühneraugenheilkünstler einem seinen
Namen
entgegenschrie auch jetzt wieder sah ich
die alte ma still in ihrem Frieden
liegen und doch war etwas an ihr
verändert ich sah ein kleines hübsches
Portal mit einem Spitzbogen in der Mitte
der Mauer und wurde irr denn ich wusste
wahrhaftig nicht mehr ob dies Portal
immer da gewesen oder neu hinzugekommen
war alt sah es ohne Zweifel aus
uralt vermutlich hatte die kleine
geschlossene Pforte mit ihrer dunklen
Holztür schon vor Jahrhunderten in
irgendeinen verschlafenen Klosterhof
geführt und tat es heute noch wenn auch
das Kloster nicht mehr stand und
wahrscheinlich hatte ich das Tor
hundertmal gesehen und bloß nie
beachtet vielleicht war es frisch bemalt
und fiel mir darum
auf immerhin blieb ich stehen und
blickte aufmerksam hinüber ohne doch
hinüber zuug gehen die Straße dazwischen
war gar so bodenlos erweicht und nass
ich blieb auf dem Trottoir und schaute
bloß hinüber es war alles schon sehr
nächtig und mir schien um die Pforte sei
ein Kranz oder sonst etwas Buntes
geflochten und jetzt wo ich mir Mühe gab
genauer hinzusehen sah ich über dem
Portal ein helles Schild auf dem stand
so schien mir irgendetwas geschrieben
ich strengte die Augen an und
schließlich ging ich trotz Schmutz und
Pfützen
hinüber da sah ich über dem Portal auf
dem alten graugrün der Mauer einen Fleck
matt beschienen und über den Fleck
liefen bewegliche bunte Buchstaben und
verschwanden alsbald wieder kamen wieder
und
verflogen nun haben sie dachte ich
richtig auch dieser alte Mauer zu einer
lichtreklame
missbraucht indessen entzifferte ich
einige der flüchtig erscheinenden Worte
sie waren schwer zu lesen und mussten
halb erraten werden die Buchstaben kamen
mit ungleichen Zwischenräumen so blass
und hinfällig und erloschen so
rasch der Mann der damit sein Geschäft
machen wollte war nicht tüchtig er war
ein Steppenwolf
Arm warum ließ er seine Buchstaben hier
auf dieser Mauer im finstersten Gässchen
der Altstadt Spielen zu dieser Tageszeit
bei Regenwetter wo niemand hier
unterwegs war und warum waren sie so
flüchtig so hingeweht so launisch und
unleserlich aber halt jetzt gelang es
mir hinterinander konnte ich mehrere
Worte
erhaschen die
hießen magisch
Theater Eintritt nicht für jeder Mann
nicht für jeder Mann ich versuchte die
Pforte zu öffnen die schwere alte Klinke
bewegte sich auf keinen Druck das
buchstabenspiel war zu Ende plötzlich
hat er es
aufgehört traurig seiner Vergeblichkeit
inne
geworden ich trat einige Schritte zurück
trat tief in den Schmutz
es kam keine Buchstaben mehr das Spiel
war
erloschen lange blieb ich im Schmutz
stehen und
wartete
vergebens da als ich es aufgab und schon
auf den Bürgersteig zurückgekehrt war
tropften vor mir her ein paar farbige
lichtbuchstaben über den spiegelnden
Asphalt ich
las nur für verrückte
ich hatte nasse Füße bekommen und froh
dennoch blieb ich noch eine ganze Weile
wartend
stehen nichts mehr während ich noch
stand und dachte wie hübsch die zarten
bunten Buchstaben Irrlichter über die
feuchte Mauer und den schwarzglänzenden
Asphalt gegeistert waren fiel mir
plötzlich wieder ein Bruchstück aus
meinen vorigen Gedanken
ein das Gleichnis von der golden
aufleuchtenden Spur die so plötzlich
wieder fern und unauffindbar ist ich
fruhr und ging nun weiter jener Spur
nachträumend voll Sehnsucht nach der
Pforte zu einem
Zaubertheater nur für
verrückte ich hatte inzwischen die
marktgegend betreten wo es an
Abendunterhaltungen nicht fehlte alle
paar Schritte hing ein Plakat und warb
eine Tafel Damenkapelle
variet Kino
Tanzabend aber dies alles war nichts für
mich es war für jeder Mann für normale
welche ich denn überall in Scharen durch
die pforen drängen
sah trotzdem war meine Traurigkeit ein
wenig
aufgehält es hatte mich doch ein Gruß
der anderen Welt berührt ein paar
farbige Buchstaben hatten getanzt und
auf meiner Seele gespielt und an
verborgener Akkorde gerührt ein Schimmer
der goldenen Spur war wieder sichtbar
gewesen ich suchte die kleine
altväterische Kneipe auf in der sich
seit meinem ersten Aufenthalt in der
Stadt vor wohl 25 Jahren nichts geändert
hat auch die Wirtin ist noch die von
damals und manche von den heutigen
Gästen saßen auch damals schon hier am
gleich Platz vor den gleichen
Gläsern ich trat in das bescheidene
Wirtshaus hier war
Zuflucht zwar war es nur eine Zuflucht
wie etwa die auf der Treppe bei der
Araukarie auch hier fand ich nicht
Heimat und Gemeinschaft fand nur einen
stillen Zuschauerplatz vor einer Bühne
auf der fremde Leute fremde Stücke
spielten aber schon dieser Stille Platz
war etwas wert keine Menschenmenge kein
Geschrei keine Musik bloß ein paar
ruhige Bürger an ungedeckten Holztischen
kein Marmor kein
emalblech kein Plüsch kein Messing und
vor jedem ein Abendtrunk ein guter
solider
Wein vielleicht waren diese paar
Stammgäste die ich vom Seen alle kannte
richtige Philister und hatten zu Hause
in ihren philisterwohnungen öder
hausaltäre vor blöden
zufriedenheitsgötzen stehen vielleicht
waren auch sie vereinsamte und
entgleiste Burschen wie ich stille
gedankenvolle seäufer über bankrotten
idealen steppenwölfe und arme Teufel
auch sie ich wusste es
nicht jeden von ihnen zog ein Heimweh
eine Enttäuschung ein Bedürfnis nach
Ersatz hierher der verheiratete suchte
hier die Atmosphäre seiner
Junggesellenzeit der alte Beamte die
Anklänge seiner
studentenjahre alle waren sie ziemlich
schweigsam und alle waren sie Trinker
und saßen gleich mir lieber vor einem
halben Liter elsesser als vor einer
darmkapelle hier warf ich Anker hier war
es für eine Stunde auszuhalten auch für
zwei kaum hatte ich einen Schluck
elsesser genommen so spürte ich dass ich
heute noch nichts gegessen hatte außer
dem
Frühstücksbrot wunderlich was der Mensch
alles schlucken kann wohl 10 Minuten las
ich in einer Zeitung lie durch das Auge
den Geist eines verantwortungslosen
Menschen in mich hinein der die Worte
anderer im Munde breit kaut und sie
eingespeichelt aber unverdaut wieder von
sich
gibt das nahm ich zu mir eine ganze
Spalte
lang und als dann Fras ich ein gutes
Stück von der Leber die man aus dem Leib
eines totgeschlagenen Kalbes geschnitten
hatte
wunderlich das beste war der
elsesser ich habe die wilden heftigen
weine nicht gern wenigstens nicht für
den Alltag die mit starken reizen um
sich werfen und berühmte
spezialgeschmäcke haben ich liebe am
meisten ganz reine leichte bescheidene
Landweine ohne besonderen Namen man kann
viel davon vertragen und sie schmecken
so gut und freundlich nach Land und Erde
und Himmel und
Gehölz ein Becher elsesser und ein Stück
gutes Brot das ist die beste
Mahlzeiten nun aber hatte ich schon eine
Portion Leber in mir aparter Genuss für
mich der selten Fleisch ist und hatte
den zweiten Becher vor mir
stehen auch das war wunderlich dass da
irgendwo in grünen täln von gesunden
braven Menschen Reben gebaut wurden und
Wein gekältert wurde damit hier und dort
in der Welt weit von ihnen entfernt
einige äuschte still schöppelnde Bürger
und ratlose
steppenwölfe sich ein wenig Mut und
Laune aus ihrenchern saugen
konnten meinetwegen mochte es Wunderlich
sein es war gut half die Laune
kam über den wortbrei des
Zeitungsartikels stieg mir nachträglich
ein erleichteres Gelächter auf und
urplötzlich fiel mir die vergessene
Melodie jenes bläserpiano wieder ein wie
eine kleine spiegelnde Seifenblase stieg
sie in mir hoch glänzte spiegelte bunt
und Klein die ganze Welt und ging sanft
wieder
auseinander wenn es möglich gewesen war
dass diese himmlische kleine Melodie
heimlich in meiner Seele wurzelte und
eines Tag es in mir ihre holde Blume
wieder mit allen lieben Farben
emportrieb konnte ich da ganz verloren
sein war ich auch ein verirrtes Tier das
seine Umwelt nicht Begriff so war doch
ein Sinn in meinem törichten Leben etwas
in mir gab Antwort war Empfänger für
Anrufe aus fernen hohen Welten in meinem
Gehirn waren tausend Bilder
gestapelt
giotosche Engel Scharen aus einem
kleinen blauen Kirchengewölbe in Padua
und neben ihnen gingen Hamlet und die
begrenzte
Ophelia schöne Gleichnisse aller Trauer
und alles Missverständnisses in der
Welt da stand im brennenden Ballon der
Luftschiffer gianozu und stieß ins Horn
trug Atila Schmelzle seinen neuen Hut in
der Hand der borubudur sein
skulpturengebirg in die
Lüfte und mochten alle diese schönen
gestalten auch in tausend anderen Herzen
leben es waren noch 10000 andere
unbekannte Bilder und Klänge da deren
Heimat und sehendes Auge und hörendes
Ohr einzig in mir innen
lebte die alte hospitalmauer mit dem
alten verwitterten fleckigen graugrün in
deren Rissen und Verwitterungen tausend
Fresken zu ahnen waren wer gab ihr
Antwort wer ließ sie in seine Seele ein
wer liebte sie wer empfand den Zauber
ihrer zart hinsterbenden
Farben die alten Bücher der Mönche mit
den sanftleuchtenden Miniaturen und die
von ihrem Volk vergessenen Bücher der
deutschen Dichter vor 200 und vor 100
Jen alle die abgegriffenen und
stockfleckigen Bände und die Drucke und
Handschriften der alten Musiker die
festen gelblichen Notenblätter mit ihren
erstarrten
tonträumen wer hörte ihre geistvollen
ihre schelmischen und sehnsüchtigen
Stimmen wer trug ein Herz voll von ihrem
Geist und ihrem Zauber durch eine andere
Ihnen entfremdete Welt wer dachte noch
jener kleinen Zähn zpresso hoch am Berge
über gubio die von einem steinsturz
geknickt und gespalten war und doch das
Leben festgehalten und einen neuen
sperlichen notwipfel getrieben
hatte wer war der fleißigen Hausmutter
im ersten Stock und ihrer blanken
Araukarie
gerecht wer las nachts überm Rhein die
wolkenschriften der ziehenden Nebel
es war der
Steppenwolf und wer suchte über den
Trümmern seines Lebens den
zerflatternden Sinn litt das scheinbar
unsinnige lebte das scheinbar verrückte
hoffte heimlich im letzten irren Chaos
nach Offenbarung und Gottes
näher ich hielt meinen Becher fest den
die Wirtin mir wieder füllen wollte und
stand auf ich brauchte keinen Wein mehr
die goldene Spur war
aufgeblitzt ich war ans ewige erinnert
an Mozart an die Sterne ich konnte
wieder für eine Stunde atmen konnte
leben durfte da sein brauchte nicht
Qualen zu leiden mich nicht zu fürchten
mich nicht zu schämen
der vom kalten Wind gezauste dünne
Sprühregen klirrte um die Laternen und
blitzte mit glasigem Geflimmer als ich
auf die still gewordene Straße
hinaustrat jetzt
wohin hätte ich in diesem Augenblick
über einen wunschzauber verfügt so hätte
sich mir nun ein kleiner hübscher Saal D
geboten Stil lisz wo ein paar gute
Musiker mir zwei drei Stücke von Händel
und Mozart gespielt
hätten dazu wäre ich jetzt gestimmt
gewesen und hätte die Kühle edle Musik
geschlürft wie Götter Nektar schlürfen
oh wenn ich jetzt einen Freund gehabt
hätte einen Freund in irgendeiner
Dachkammer der bei einer Kerze grübelt
und die Violine daneben liegen hat wie
hätte ich ihn in seiner nachtstille
beschlichen wäre lautlos durchs winklige
Treppenhaus empor geklettert und hätte
ihn überrascht und wir hätten mit spräch
und Musik ein paar überirdische
Nachtstunden
gefeiert oft hatte ich dies Glück
gekostet einst in den vergangenen Jahren
aber auch dies hatte sich mit der Zeit
von mir entfernt und losgelöst verwälkte
Jahre lagen zwischen hier und
dort zögernd trat ich den Heimweg an
schlug den Mantelkragen hoch und stieß
den Stock aufs nasse
Pflaster mochte ich den Weg noch so
langsam zurücklegen allzu bald würde ich
wieder in meiner manserde sitzen in
meiner kleinen
scheinheimat die ich nicht liebte und
doch nicht entbehren konnte denn die
Zeit war für mich vorüber wo ich eine
winterliche Regennacht laufend im Freien
verbringen
konnte nun in gottesnen wollte mir die
gute abendlaune nicht verdben lassen
nicht vom Regen nicht von der Gicht
nicht von der
Araukarie und wenn kein Kammerorchester
zu haben und auch kein einsamer Freund
mit einer Violine zu finden war so klang
jene holde Melodie doch in mir innen und
ich konnte sie leise summend im
rhythmischen Atem holen doch
andeutend mir selber vorspielen
sinnend Schrit ich
weiter nein es ging auch ohne die
Kammermusik und ohne den Freund und es
war lächerlich sich in machtlosem
Verlangen nach Wärme zu
verzehren
Einsamkeit ist
Unabhängigkeit ich hatte sie mir
gewünscht und mir erworben in langen
Jahren sie war kalt oh ja sie war aber
auch
still wunderbar still und groß wie der
kalte Stille Raum in dem die Sterne sich
drehen aus einem Tanzlokal an dem ich
vorüberkam Scholl mir heiß und roh wie
der Dampf von rohem Fleisch eine heftige
jazzmik entgegen ich blieb einen
Augenblick stehen immer hatte diese Art
von Musik so sehe ich sie verabscheute
einen heimlichen Reiz für mich Jess war
mir zuwider aber sie war mir zehnmal
lieber als alle akademische Musik von
heute sie traf mit ihrer frohen rohen
Wildheit auch bei mir tief in die
triebwelt und atmete eine naive redliche
Sinnlichkeit ich stand einen Augenblick
schnuppernd roch an der blutigen grellen
Musik witterte böse und lüstern die
Atmosphäre dieser sele
die eine Hälfte dieser Musik die
lyrische war schmalzig überzuckert und
troff von
Sentimentalität die andere Hälfte war
wild launisch und kraftvoll und doch
gingen beide Hälften naiv und friedlich
zusammen und gaben ein
ganzes untergangsmusik war es im ROM der
letzten Kaiser musste es ähnliche Musik
gegeben haben natürlich war sie mit Bach
und Mozart und wirklicher Musik
verglichen eine
Schweinerei aber das war all unsere
Kunst all unser Denken all unsere
scheinkultur sobald man sie mit
wirklicher Kultur
verglich und diese Musik hatte den
Vorzug einer großen aufrechtigkeit einer
liebenswerten unverlogenen
negerhaftigkeit und einer frohen
kindlichen Laun
sie hatte etwas vom [ __ ] und etwas vom
Amerikaner der uns Europäern in all
seiner Stärke so knabenhaft frisch und
kindlich
erscheint würde Europa auch so werden
war es schon auf dem Weg dazu waren die
alten Kenner und Verehrer des einstigen
Europa der einstigen echten Musik der
ehemaligen echten Dichtung waren wir
bloß eine kleine dumme Minorität von
komplizierten Neurotikern die morgen
vergessen und verlacht
würden war das was wir Kultur was wir
Geist was wir Seele was wir schön was
wir heilig nannten war das bloß ein
Gespenst schon lange tot und nur von uns
paar Narren noch für echt und lebendig
gehalten war es vielleicht überhaupt nie
echt und lebendig gewesen
war das worum wir Narren uns müten schon
immer vielleicht nur ein Phantom
gewesen das alte Stadtviertel nahm mich
auf erloschen und unwirklich stand im
Grau die kleine
Kirche plötzlich fiel mir das Erlebnis
vom Abend wieder ein mit der
rätselhaften
spitzbogentür mit der rätselhaften Tafel
darüber mit den spöttisch tanzenden
Licht
hchsterben wie hatten ihre Inschriften
gelautet
Eintritt nicht für jeder Mann
und nur für
verrückte prüfend blickte ich zu der
alten Mauer hinüber heimlich wünschend
der Zauber möge wieder beginegnen die
Inschrift mich verrückten einladen das
kleine Tor mich
einlassen dort vielleicht war das was
ich begehrte
dort vielleicht wde meine Musik
gespielt gelassen sah die dunkle
steinerne wand mich an in tiefer
Dämmerung
zugeschlossen tief in ihren Traum
versunken und nirgends ein Tor nirgends
ein Spitzbogen nur dunkle Stille Mauer
ohne
Loch lächelnd ging ich weiter nickte dem
Gemäuer freundlich zu schlaf wohlmauer
ich wecke dich nicht die Zeit wird
kommen da sie dich einreißen oder dich
mit ihren habgierigen Firmenschildern
bekleben aber noch bist du da noch bist
du schön und still und bist mir
lieb aus einer schwarzen gassenschluch
dicht vor mir gespi erschreckte mich ein
Mensch ein ein er später Heimkehrer mit
müdem Schritt eine Mütze auf dem Kopf
mit einer blauen Bluse
angetan über die Schulter trug er eine
Stange mit einem Plakat vor dem Bauche
trug er am Riemen eine offene lade wie
sie die Verkäufer an jahmärkten
tragen müde schritt er vor mir her sah
sich nicht nach mir um sonst hätte ich
ihn gegrüßt und ihm eine Zigarre
geschenkt im Licht der nächsten Laterne
versuchte ich seine Standarte zu lesen
sein rotes Plakat an der Stange aber es
schwankte hin und her ich konnte nichts
entziffern da rief ich ihn an und bat
ihn mir das Plakat zu zeigen er blieb
stehen und hielt seine Stange etwas
gerader da konnte ich tanzende taumelnde
Buchstaben
lesen anarchistische Abendunterhaltung
magisches Theater Eintritt nicht für
jeden sie habe ich ja gesucht rief ich
freudig was ist das mit ihrer
Abendunterhaltung wo ist sie wann er
lief schon wieder nicht für jeder Mann
sagte er gleichgültig mit schläfriger
Stimme und lief er hatte genug er wollte
heim halt rief ich und lief ihm nach was
haben sie da in ihrem Kasten ich will
ihnen etwas abkaufen
RNE anzuhalten griff der Mann in seinen
Kasten mechanisch zog ein kleines
Büchlein heraus und hielt es mir hin ich
nahm es schnell und steckte es ein
während ich an meinem Mantel knöpfte und
Geld hervorsuchen wollte bog er
seitwärts in einen Torweg zog das Tor
hinter sich zu und war
verschwunden im Hof klangen seine
schweren Schritte auf Steinpflaster erst
dann auf einer hölzernen Treppe dann
hörte ich nichts
mehr und plötzlich war auch ich sehr
müde und hatte das Gefühl es sei sehr
spät und es sei gut jetzt
heimzukommen ich lieef rascher und war
bald durch die schlafende vorstadtgasse
in meine Gegend zwischen den Wall gelang
wo in kleinen saubern Miethäusern hinter
etas Rasen
undu die Beamten und kleinen Rentner
wohnen am Rasen an der kleinen Tanne
vbei erreichte ich die Haustür das
Schüss den drüer für das Licht schlich
an den glasten an den pierten Schränken
und topflanzen vor und schloss meine Stu
auf meine Kleine
scheinheimat wo der Lehnstuhl und der
Ofen das Tintenfass und die mschachtel
der novales und der Dostojewski auf mich
warteten so wie auf andere auf richtige
Menschen wenn sie heimkommen die Mutter
oder Frau die Kinder die mägte die Hunde
die Katzen
warten als ich den nassen Mantel auszog
fiel das kleine Buch mir wieder in die
Hände ich zog es heraus es war ein
dünnes schlecht auf schlechtem Papier
gedrucktes
jahrmarktsbüchlein so wie jene Hefte der
Mensch im Januar geboren oder wie werde
ich in
Tagen um 20 Jahre
jünger aber als ich mich in den
Lehnstuhl genestet und die Lesebrille
aufgesetzt hatte las ich mit
Verwunderung und plötzlich aufschieß
schicksalsgefühl auf dem Umschlag dieses
jahrmarktheftes den
Titel Traktat vom
Steppenwolf nicht für jeder Mann und
folgendes war der Inhalt der Schrift die
ich mit stets wachsender Spannung in
einem Zuge las
Ende Zweiter Teil
[Musik]
