Lesestunde: „Einer fehlt“ von Thommie Bayer

Kontra Funk
30 Abonnenten
05.09.2024
Source:
https://www.spreaker.com/episode/lesestunde-einer-fehlt-von-thommie-bayer--60947000
In unserer Lesestunde liest der Schriftsteller Thommie Bayer aus seinem aktuellen Roman „Einer fehlt“. Die beiden langjährigen Freunde Paul und Schubert beschließen, nach Wien zu reisen, um ihrem Freund Georg zu helfen. Sie vermuten, dass dieser nach dem Tod seiner Frau in einer tiefen seelischen Krise steckt. Unterwegs erinnert sich Paul an die lange Freundschaft mit den beiden Männern und denkt darüber nach, wie diese sein Leben geprägt hat. „Einer fehlt“ ist im März 2024 im Piper-Verlag erschienen.
in der heutigen Lesestunde lie der
Schriftsteller Tommy Bayer aus einem
aktuellen Roman einer
fehlt die beiden langjährigen Freunde
Paul und Schubert beschließen nach Wien
zu reisen um ihrem Freund Georg zu
helfen sie vermuten dass dieser nach dem
Tod seiner Frau in einer tiefen
seelischen Krise steckt unterwegs
erinnert sich Paul an die Freundschaft
mit den beiden Männern und denkt darüber
nach wie diese sein Leben geprägt hat
einer fehlt
erschien im März
2024 im
pieperverlag das Jahr ist wieder alt
geworden ein Windstoß wird in absehbarer
Zeit in Tagen nicht Wochen die letzten
leuchtenden Farben aus dem Bild wischen
und nur graubraune Flicken eines
Teppichs übrig lassen starre Störche und
graugäns sind vorbeigezogen das müde
Grün der Weinberge und rapswälder mischt
sich mit dem Nebel und wartet ergeben
auf die Erstarrung des
Winters um von dieser Erstarrung nicht
erfasst zu werden träumt sich Paul in
den Süden nach apolien ins Veneto nach
Rom zu träumen ist ihm
selbstverständlich er hat zwei Drittel
seines Lebens fernab der Wirklichkeit
verbracht als professioneller Leser war
er immer im eigenen Kopf unterwegs an
Orten die er sich vorstellen musste in
Leben die er selbst nicht leben konnte
und an Grenzen die man allenfalls im
Schlaf
überschreitet und seit einem Jahr auch
in der
Erinnerung die hat sich mittlerweile zu
einer Kette verbundener Ereignisse
gefügt jeder Fehler hatte Folgen jedes
Unglück einen Grund und jede Gnade war
ein Lohn für sein Geschick eine
weitgehende Fälschung also ein
aufgeräumtes Leben in dem sich Kapitel
an Kapitel reit kein Wort mehr zu viel
oder ungenau ist und kein Zufall mehr
die Wendungen
erklärt manchmal allerdings ist die
Grenze zwischen Erlebtem und gelesenem
so durchlässig dass Paul sich beim
plakieren ertappt und ins geheim
Streichungen vornimmt wenn er irgendeine
Anekdote ein Stück Literatur beigemischt
hat als Lektor bei einem großen Verlag
ist er durch tausende von Texten
gegangen die sich wie ererosole im Raum
seiner Innenwelt verteilt haben und
jederzeit dazwischen schieben konnten
mal als Gedanke oder Satz mal als
Ereignis oder Gefühl aus zweiter Hand
Paul Fährte ein Computer hoch aber noch
bevor er sich seiner morgentlichen
Routine widmen kann unerwünschte E-Mails
löschen erwünschte oder zumindest
akzeptable beantworten durch Facebook
Scrollen auf der Suche nach Nachrichten
und sich dabei verlieren in den Bildern
Behauptungen und Befindlichkeiten die
seine heterogene Schar aus überwiegend
virtuellen Freunden postet ertönt die
amerikanische
bahnübergangsglocke seines Mobiltelefons
und lenkt seine Aufmerksamkeit vom
großen Bildschirm auf den kleinen eine
SMS von
Schubert ich glaube wir müssen uns um
Georg kümmern Paul schreibt was ist los
es dauert keine 30 Sekunden bis Schubert
antwortet Marlin ist gestorben
gestern lange Minuten vergehen bis Paul
klar wird dass er nur geradeaus starrt
nach draußen durchs Fenster ohne
irgendwas zu sehen außer Georgs Frau der
Schönheit die sich nicht ein einziges
Mal ihm gegenüber herzlich oder auch nur
aufmerksam gezeigt hat seit fast 40
Jahren kannte er sie und bis auf wenige
Gelegenheiten bei denen man es längere
Zeit miteinander aushalten musste war
sie zwischen Tür und Angel an ihm
vorbeigehuscht wann immer Schubert und
er kamen war sie auf dem Sprung die
mochte Georgs beste Freunde nicht weil
Sie Georg nicht
mochte warum sie ihn nie verlassen hat
ist ein Rätsel dessen Lösung Paul schon
lange nicht mehr interessiert Georgs
ergebene Liebe hätte jeden Versuch ihre
Kälte erklären oder verstehen zu wollen
zu einer Art von Verrat an ihn em also
blieben ihr Verhalten und PA Abneigung
eine Art von
Tabu der nebelfuchte Geruch von
Holzrauch bringt Paul wieder in sein
Arbeitszimmer zurck die Nachbarin hat
ihren neuen Kaminofen in Betrieb
genommen das Festnetztelefon klingelt
und das Display zeigt die Nummer von
Schubert das ist furchtbar sagt Paul
nachdem er abgenommen hat denn sie
halten sich nie mit Begrüßungsformel auf
ja erwidert Schubert sie ist beim
Zahnarzt gestorben von jetzt auf gleich
der arme Zahnarzt stellt er das mal vor
er dreht sich kurz weg um den Bohrer zu
wechseln und dann liegt da eine
tote Paul schweigt wie meist wenn er mit
Schubert telefoniert an Gesprächen mit
ihm muss man sich nicht übertrieben
beteiligen und das einzige was er in
diesem Moment hätte sagen können Schluck
er hinunter den Schubert auf seine
Herzlosigkeit hinzuweisen ih Heuchelei
weil auch Paul sich eher schockiert als
erschüttert fühlt
ellen hat mich angerufen die sagt er
klingt so fertig dass sie Angst hat er
tut sich was an die ist in Philadelphia
und kann nicht sofort zurückfliegen weil
noch zwei Konzerte mit ihr als Headliner
anstehen in Ihrem Vertrag gibt es kein
Schlupfloch sagt sie sie müsste schon
selber tot sein um das Konzert zu
canceln eine tote Mutter gilt nicht
hältst du das für möglich dass er sich
was antut georg ist doch ein stabiler
Mensch na ja manchmal sind es die
stabilen die zusammenbrechen weil sie
nicht auf die Idee kommen Hilfe zu
suchen sagt Schubert
en kennt ihren Vater die sagt so hat er
noch nie geklungen tonlos leblos ihre
Angst um ihn schien mir sogar die Trauer
um ihre Mutter zu überlagern oder es ist
eine Art
Übersprungshandlung hast du ihn
angerufen er geht nicht ran ich habe es
viermal probiert festnets Handy E-Mail
keine
Reaktion kennst du irgendwen in Wien der
mal bei ihm vorbeigehen könnte niemanden
der auch ihn
kennt paul hat ein Bild vor Augen es ist
aus einem Film oder aus mehreren Filmen
ein Klischee eine Hand lehrt den Inhalt
einer Pillendose in die andere die wird
zu einem Mund geführt der mit großen
schlucken Wasser oder Alkohol alles
hinunterschluckt ich habe einen Flieger
um 4:30 Uhr der landet um 65 Uhr in
schwächert sagt Schubert kommst du auch
mir wäre woha mit dir an meiner Seite
Paul nickt nur aber dann wird ihm klar
dass ein Kopfnicken am Telefon nicht
funktioniert also sagt er ja und
verspricht sich be Handy zu melden wenn
er angekommen ist dann spät in D Nacht
werden sagt er noch ich nehme das Auto
dann bis gleich sagt Schubert und danke
und dann legte auf auch das ist Standard
bei ihren Telefonaten schubert hat den
Text und Schubert hat das Schlusswort
Annik die Nachbarin ist schon zur Arbeit
aufgebrochen ihren hellgelben bietel hat
Paul beim Telefonieren vorbeiahren sehen
er schreibt ihr einen Zettel dass er für
einige Tage weg müsse sie seine Post
sammeln solle er leider am Abend deshalb
nicht kochen könne und die morgige Fahrt
zum Bauhof mit dem gesammelten Laub
ausfalle nachdem er alle Heizkörper auf
drei gedreht den Koffer geschlossen
Mantel und Mütze darauf gelegt und alle
Pillen in die Umhängetasche gepackt hat
überlegt er ob es sinnvoll wäre ein Buch
mitzunehmen entscheidet sich aber
dagegen er wird nicht zum Lesen kommen
seit einem Jahr stabeln sich Bücher die
er noch einmal lesen will auf dem
Couchtisch der Magus garb Abspann der
Meister und Margarita
aufziehvogel Tom seuer und Jamila aber
die langersehnten Musestunden des
rentnerlebens füllten sich mit Facebook
Netflix und
Blogbeiträgen der Stabel ist zu einer
immer leiser werdenden Mahnung mutiert
das wirkliche Lesen nicht zu vergessen
eine Art Dekoration einem Accessoire
einem Zeichen dem Paul keine Bedeutung
mehr
zugesteht dabei wä das der Plan fürs
neue Leben gewesen
lesen was er will wofür die Zeit nie
reichte weil der Stapel dessen was er
lesen musste nie zur Neige ging
vielleicht braucht er einen anderen Plan
aber noch zeichnet sich keiner ab und
noch hatte die Geduld darauf zu warten
ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst
in der noch immer ungewohnten Ruhe zu
verkümmern nachdem der riesige Wagen aus
der Garage ist klappt Paul die
Seitenspiegel aus und legt die CD mit
dem fünften Klavier Zert von bethofen
bereit einlegen und starten wde sie erst
auf der
Autobahn Niesel Regen löst den Nebel ab
auf der Fahrt hinunter ins Rheintal und
Paul freut sich endlich wieder in
Bewegung zu sein der Grund dafür ist
denkbar traurig und einstweilen hält er
das Bild seines erschütterten Freundes
noch fern aber der vielen Kilometer die
nun vor ihm liegen das Reißen an sich
tun ihm gut als habe der kleine und
ehemals monerne Kurort in dem er seit
einem Jahr wohnt der Alltag mit seinen
gleichmäßigen Verrichtungen und das
Allein sein ihn gelähmt und falle diese
Lähmung jetzt mit jeder Kurve jedem
Kreisverkehr und jeder überquerten
Kreuzung von ihm
ab paul war nie allein bevor er sich
entschloss München zu verlassen nicht
als Kind mit zwei Geschwistern nicht als
Schüler im Internat nicht in den
Wohngemeinschaften seiner Studienzeit
und nicht in all den Jahren als Lektor
zuerst mit Carolin seiner großen Liebe
und dann nachdem sie die Stadt und ihn
verlassen hatte und er sich wieder ins
alte
wohngemeinschaftsfahrwasser gleiten ließ
weil er so die Hypothek für die Wohnung
in der Münchner Maxvorstadt nicht in
voller Höhe von seinem anfangs eher
schmalen Gehalt abknapsen
musste nach Tilgung der letzten Rate war
aus der anfangs nur pragmatischen Lösung
längst eine leb art geworden an der er
nichts mehr auszusetzen hatte so dass er
einfach alles weiterlaufen ließ und sich
vornahm das Abenteuer des Alleinseins
erst als Rentner zu wagen dann aber
richtig Verkauf der Wohnung Umzug in
eine Kleinstadt nahe der Grenzen zu
Frankreich und der Schweiz Nestbau ohne
jeden ästhetischen oder praktischen
Kompromiss und leben in dem Rhythmus der
sich von selbst
einstellt ein Vierteljahr dauerte die
Renovierung bei der sich Paul als
Handlanger nützlich machte jeden
Fortschritt im Blick behielt und jede
Entscheidung vor Ort treffen konnte so
dass am Ende alle Lichtschalter in
derselben Höhe im selben Abstand von den
Türrahmen und vor allem gerade
angebracht waren jeder in die Decke
versenkte Halogenstrahler richtig saß
und die roten Bodenfließen aus Italien
wie ein karrier der See durch die ganze
belletage flossen als hätten sie sie
ihre feste Form erst hinterher
gebildet nachdem die Umzugsfirma alles
aus dem Münchner Lagerhaus gebracht
hatte und er aus der Ferienwohnung aus
und ins fertig gebaute Nest eingezogen
war stand die Nachbarin abends mit Brot
und Salz vor seiner Tür und er lud sie
spontan zum Essen und zur Einweihung des
neuen herds
ein ein paar Tage später revanchierte
sie sich und daraus erwuchs nach und
nach die Routine dass zweimal in der
Woche er und zweimal sie kochte sass er
nur an den Wochenenden abends wirklich
allein war weil sie dann zu ihrer
Tochter nach Altkirch im Sundgau fuhr
ans Kochen hatte er sich schon als
junger Erwachsener gewöhnt cararoline
die behauptete nicht mal ein Ei
hinzubekommen hatte wenig Neigung
gezeigt zum Essen auszugehen und er noch
weniger sich jeden Abend mit
Schinkenbrot Spiegelei oder allenfalls
Spaghetti zufrieden zu geben
ein paar zusammengesammelte Rezepte
später war er ein passabler Koch
geworden nicht die Sorte die sich mit
handgeschmitteten japanischen Messern an
der Kupfer umrandeten Kochinsel spreizt
sondern einer der in überschaubarer Zeit
essbare Hausmannskost auf den Tisch
bringt Caroline dre Jahre war sie
geblieben und dann eine Woche vor ihrem
25 geburtstag mit Georg nach Hamburg
gezogen nach drei zermürbenden Nächten
in denen sie versuchte zu erklären dass
Paul nichts falsch gemacht habe dass es
einfach passiert sei dass sie ihn nicht
verlieren wolle er geord nicht die
Freundschaft kündigen dürfe weil auch
der ihn nicht verlieren wolle half er
ihr die Koffer zum Auto zu tragen in dem
Georg saß und das Lenkrad
anstarrte anfangs glaubte Paul an eine
Episode die nun eben vorbei sei eine
Phase unter anderen im Leben die sich
irgendwann den nachfolgenden angleichen
würde was ihm in diesem Moment in seiner
fassungslosen Lähmung wie ein früher
Tiefpunkt seines Lebens erschien wäre
später ein Mosaikstein Teil des größeren
Ganzen aber die Jahre vergingen amoren
und Bindungen ernsthafte und
spielerische lösteneinander ab ohne dass
sich jemals die Helligkeit und Wärme
eingestellt hätten die das zmin mit
Carolin auf ihn abgestrahlt hat man
liebt nur einmal dachte er manchmal und
wenn das zu früh geschieht dann dehnt
sich die Ebene
hinterher im Lauf der Zeit verstand er
dass all die Frauen die er an sich
heranließ so verschieden sie auch sein
mochten eines gemeinsam hatten sie waren
nicht
Carolin die scheibenwäscher haben ihre
Arbeit eingestellt aber die Fahrbahn ist
noch nass als er auf die Autobahn
einbiegt Paul beschleunigt auf 120 und
stellt den Tempomaten ein dann überlässt
er die CD dem Laufwerk und sich der
Musik die großartige Anlage und der fast
lautlose Motor haben den Ausschlag
gegeben beim Kauf dieser Limousine die
Schönheit und Eleganz der
Inneneinrichtung und äußeren Form taten
ein übriges dazu obwohl die Fahrten zum
Supermarkt in Frankreich oder nach Basel
ins Museum nicht gerade überlaut für so
viel Platz und Luxus Sprachen umso mehr
ist ihm jetzt die Fahrt nach Wien als
Begründung willkommen
Stunden entspanntes gleiten sind ein
Argument Google Maps hat gezeigt dass er
neuerdings nördlich von München nach
Linz weiterfahren kann und nicht mehr
wie beim letzten Mal über Rosenheim und
Salzburg muss weshalb er den Impuls
unterdrückt hat über zürrich und
Innsbruck zu fahren obwohl das die
schönere Strecke gewesen wäre dieses
Auto ist das einzige das er je besessen
hat in der Kleinstadt in der er
aufgewachsen ist gab es immer jemanden
der ihn mitnahm in der Mittelstadt in
der er sein Zivildienst absolviert hat
war es genauso und die München wo er
schließlich landete wäre ein eigener
Wagen nur lästig und angesichts der
glänzenden Möglichkeiten mit u-bahnbus
oder Fahrrad überall hinzukommen auch
überflüssig
gewesen erst mit 40 hat Paul den
Führerschein gemacht weil seine damalige
Freundin Erb in einer Mietwagenfirma war
und mit ihm den Gardasee Verona und
Venedig sehen wollte ohne die ganze Zeit
als Chauffeurin fungieren zu müssen
nachdem die liaon und die Brüche
gegangen war blieben die Vorzugspreise
bestehen so dass er weiterhin nach
Herzenslust in alle Richtungen
verreisßen konnte ohne Plan und ohne
große Vorbereitungen
am Rasthof Bühl nimmt er das erste und
dritte Klavierkonzert aus ihren Hüllen
und als diese beiden verklungen sind
schwingnt er sich schon die Kurven der
geilinger Steige hinauf für einen
normalen Wochentag ist der Verkehr
erstaunlich flüssig sogar vor den beiden
Baustellen die er bis jetzt durchfahren
und im Stuttgarter Raum wo er fest mit
Stau gerechnet
hat schon seit mehr als einer Stunde
gleitet er unter blauem Himmel dahin und
langsam schiebt sich das Bild von Georg
wie eine Folie über das Geschehen
verzweifelt stumpf betrunken oder unter
Tabletten die alles in ein Dämmerlicht
tauchen tot wenn Georgs Tochter Ellen
das für möglich hält ist es nicht so
leicht von der Hand zu weien wie Paul
das instinktiv will er hat Georg nie
hilflos erlebt cholerisch ja impulsiv
und fahriig versteinert vor Schmerz aber
niemals kftlos oder auch nur
desorientiert als er auf ihn aufmerksam
wurde waren sie beide 15 in diesem Alter
hat man die Einsamkeit schon
kennengelernt und mit Glück einen Sinn
für Seelenverwandte
entwickelt georg war neu in die Klasse
gekommen hatte die ersten Wochen während
des Unterrichts nur aus dem Fenster oder
vor sich hineschaut nie zur Tafel nie
zum Lehrer oder gar zu seinen
Mitschülern auf den Fluren hielt den
Kopf gesenkt und war nicht einmal durch
Rempler oder Sticheleien zum aufblicken
zu bewegen und draußen wurde er sofort
unsichtbar er schien sich sobald er das
Portal durchquert hatte in Luft
aufzulösen irgendwas an diesem neuen
Mitschüler war bemerkenswert sei es dass
er ein bisschen aussah wie James Dean
sei es dass er so fremd und verloren
unter den anderen wirkte wie Paul sich
selbst fühlte was auch immer es war es
brachte ihn dazu seinen blickradius so
einzurichten dass dieser Fremdling und
sei es nur am Rande darin auftauchte er
beobachtete
ihn deshalb fiel ihm auf dass Georg nach
ein paar Wochen begann während des
Essens unauffällig Wurst und Schinken in
ein Taschentuch zu sammeln danach sah
Paul ihn im nahen wtchen verschwinden
auf einmal war er zumindest für Paul
nicht mehr unsichtbar in einer Pause
nach dem Mittagessen folgte er ihm
vorsichtig in einigem Abstand und fand
ihn auf einem Baumstumpf sitzend neben
einem zerzausten graurot getigerten
Kater der sich gierig über das Essen
hermachte während Georg ihm Wasser aus
einer olivfarbenen Feldflasche in ein
vom buüffet gestohlenes glasschällchen
goss der Kater zuckte zusammen und
duckte sich fluchtbereit als Paul auf
einen Zweig trat Georg blickte auf und
sagte bleib da sonst haut er ab und Paul
tat wie ihm geheißen du kannst dich
hinsetzen sagte Georg dann bist du
weniger bedrohlich und Paul folgte auch
dieser Anordnung und sah dem jetzt
wieder einentspannten Kater zu dessen
schnurren er über die vielleicht 7 m
Distanz hinweg hören konnte er zündete
sich eine Zigarette an die zwölfte in
seinem Leben er hatte erst vor einer
Woche damit angefangen und musste
manchmal noch Husten diesmal nicht
hast du mir auch eine fragte Georg und
Paul warf ihm das Päckchen zu schaffte
es aber nicht über die ganze Distanz so
dass Georg aufstehen musste um es dort
wo es gelandet war abzuholen der Kater
schaute nur kurz auf und Fras weiter
offenbar vertraute er Georg und ließ
sich auch von dessen schnelleren
Bewegungen nicht aus der Ruhe bringen
Feuer kommandierte Georg und Paul warf
ihm sein Zippo zu diesmal passte die
Distanz und und vor allem das Gewicht
des Feuerzeugs und Georg fing es lässig
auf was machst du hier sehen wen du
fütterst wenn du es jemand sagst bist du
tot ich kann mitsammeln wenn du willst
das Zeug schmeckt sowieso Scheiße gut
sagte Georg Darius braucht Abwechslung
von den ewigen Mäusen und Vögeln die
schwiegen eine Zeit lang und schauten
jeder woanders hin Paul auf den Kater
der sich jetzt putzte und Georg in
Richtung der Dünen die sich an das
wächen
anschlossen warum bist du hier fragte
Georg schließlich ohne den Kopf zu
drehen hier im Wald oder hier in der
Schule Schule ich habe Asthma und der
Arzt sagt es geht vielleicht für immer
weg wenn ich eine Weile hier bin und du
meine alten lassen sich scheiden und ich
bin im Weg sie wollen dir den
Scheidungskrieg ersparen eher wollen sie
sich meine Gegenwart ersparen ich würde
sie nur vom Wesentlichen ablenken sich
nämlich Sachen an den Kopf zu werfen
echt und
metaphorisch der Kater streckte sich
zuerst die Vorderbeine dann die
Hinterbeine dann rieb er seinen Kopf an
Georgs Bein müsste er nicht eine
Perserkatze sein wenn er Darius heißt
müsstest du nicht an deinen Hausaufgaben
sitzen wenn du ein Streber bist wieso
Streber weil du weißt dass Darius ein
persischer König war
Dad es aufweiß bist du auch einer König
nein Streber Asthma und raauen passen
übrigens nicht super gut zusammen Georg
grinste Paul zuckte die Schulter und der
kter putzte sich wieder dann stand er
auf und kam herüber zu Paul schnupperte
an dessen Knie dann an seiner Hand dann
legte er eine Pfote auf Pauls
Oberschenkel und nahm ihn damit
offiziell in den Geheimbund auf
am Rasthof edenbergen kurz vor Augsburg
nach einem Teller Fisch und Chips und
einem Espresso stellt Paul sein Navi ein
und vergewissert sich dass die Strecke
tatsächlich im Norden von München nach
Linz führt der Himmel ist jetzt wieder
grau und niedrig Novemberwetter wie es
sich gehört und dem Anlass angemessen
ist vielleicht hat Georg so viel zu tun
dass er nicht dazu kommt in Trauer zu
versinken Beerdigungsinstitut
Friedhofsverwaltung Notar Standesamt
Paul weiß nicht genau was in so einem
Moment zwingend erforderlich ist weil er
nie damit befasst war sowohl beim Tod
der Eltern als auch seiner beiden Brüder
musste er nur zu Beerdigung erscheinen
und hinterher irgendwelche Papiere
unterschreiben weil immer jemand anderes
da war der die bürokratischen Prozeduren
in die Hand
nahm in wenigen Stunden wird Schubert da
sein und nach dem Rechten sehen dann
sollte zumindest die Unsicherheit ein
Ende haben Schubert war derjenige der
die Nerven behielt wenn Georg vorschnell
alles hin oder umschmeißen wollte oder
Paul verbissen auf etwas behhaarte dass
man längst hätte dran geben können als
freundesrio hatten sie zwar keinen
Anführer aber Schubert kam dieser Rolle
am nächsten einfach weil er niemals
blind wurde nicht vor Kummer nicht vor
Angst und nicht vor
Zorn Paul und Georg studierten in
München und waren am zweiten Tag der
Semesterferien auf dem Weg nach Rom als
Sie Schubert am Brennerpass
auflasen nicht aus Altruismus oder
antibürgerliche Solidarität sondern weil
georg in der Nacht vor ihrer Abfahrt
nicht geschlafen hatte und kaum noch die
Augen offen halten konnte sein
staubgelber forttransit fuh mit Ach und
Krach 110 sie wollten am Abend des
nächsten Tages ein Konzert im Park der
Villa borgese besuchen und es wurde
langsam klar dass das ohne fahrende
Wechsel nicht zu schaffen sein
würde wenn er den Lappen hat dafer mit
sagte Georg als sie den Mann mit
Gitarrenkoffer an der Ausfahrt einer
essoankstelle bemerkten deren riesiges
damals schon veraltetes Plakat mit pack
den Tiger in den Tank weithin zu sehen
gewesen war und Georg zu einem unwi
külichen Blick auf die Tankuhr
veranlasst hatte er hielt an und
bedeutete Paul mit einem Nicken dass er
das Fenster herunterkbeln
sollte Frage ein sagte Georg über Paul
hinweg zu dem Tremper der mit
hoffnungsvollem Gesichtsausdruck
herangekommen war wo soll es hingehen
der Tremper deutete nur mit dem Daumen
über die Schulter in die
fahrtrrichtung Frage 2 hast du einen
Führerschein ja sagte der Mann und sich
eine Strähne seines fast schulterlangen
Haars aus der
Stirn dann vielleicht noch Frage
zweieinhalb sagte Georg und drehte den
Zündschlüssel so dass der Motor ausging
löst du mich am Steuer ab klar sie
stiegen aus und packten den wertvoll und
professionell aussehenden
fieberglasgitarrenkoffer und den
wesentlich bescheideneren Seesack des
Mannes auf die Ladefläche hinten im
Wagen dann ließen sie ihn durch die
Schiebetür zur zweiten sitzre einsteigen
Georg setzte sich wieder an Steuer und
sagte erhalte noch bis stärzing durch
dann müsse wie heiße er noch gleich
weiterfahren Schubert sagte der Tremper
nicht wirklich aber ich kann gut Klavier
spielen deshalb nennen mich alle so
Interessantes Klavier fand Georg mit
einer Kopfbewegung in Richtung des
gitarrenkoffers Gitarre kann ich nicht
so gut aber für Straßenmusik reicht's
Georg sagte Georg mit einem Daumen auf
sich gerichtet und Paul diesmal mit dem
Zeigefinger auf seinen Nebenmann
enchanté sagte Schubert polyglot ist ja
auch noch sagte Georg grinzend sie
erwiderte Schubert ebenso grinzend
parloanke inläe und fragte jetzt wieder
auf Deutsch wohin sie wollten Georg
deutete noch immer grinzend nach vorne
in die fahtrichtung Schubert war dem
geplänke gewachsen und sagte drei Männer
ein Ziel unds hat das Schicksal
zusammengeführt Paul der sich zwarierte
aber nicht nur Publikum sein wollte
sagte Rom wir wollen eine Band hören
welche stormy six italienische politrock
Avantgard schräg aber gut Georg fuhr
noch ein paar Kilometer dann gab er auf
wechselte den Platz mit Schubert und war
bereits eingeschlafen als dieser den
Blinker setzte und
losfuhr Paul erfuhr das Schu sich erst
vor kurzem in Stuttgart an der
Musikhochschule eingeschrieben hatte und
antwortete er und Georg studierten in
München Germanistik und Malerei und
Schubert sagte wieder Schicksal
künstlertrio und grinste die
unterhielten sich mit Pausen natürlich
bis zum Gardasee über ihre Pläne Paul
würde schreiben Romane und vielleicht
Reiseführer Schubert wollte später noch
Tontechnik studieren in Nürnberg weil er
fand dass man den ganzen Weg erkunden
sollte bevor man ihn
beschritt den Weg erkunden ohne ihn zu
beschreiten wie soll das gehen fragte
Paul und Schubert sagte ja klar schiefes
Bild gut erkannt du wirst es noch weit
bringen dem war dann nicht so alle
Versuche etwas auf Papier zu bannen
scheiterten daran dass präzise Wortwahl
und ein avanciertes Stilgefühl noch
lange keine Geschichte ergaben
allenfalls
sich mal ein Gedanke darunter eine
Beschreibung oder Reflexion aber niemals
entstand Bewegung oder Charakter niemals
ein zog oder Schwung paul war einer der
wusste wie es geht und vielleicht gerade
deshalb gelang es ihm
nicht als er kurz vor dem Examen dann
ein Praktikum im Verlag machte entdeckte
er in sich den Begleiter den Sidekick
den Autoren brauchten um ihre partielle
Betriebsblindheit zu kompensieren und
merkte dass er damit glücklich war an
einem guten Roman mitzuarbeiten war
besser als einen schlechten zu
schreiben heimw ist es nicht dafür ist
der zeitliche Abstand wohl noch zu kurz
aber ein Gefühl des Aufgehobenseins der
Selbstverständlichkeit weäht Paul an als
er sich München nähert es kommt ihm vor
als atme er bekannte Luft und höre
bekannte Geräusche das stimmt natürlich
nicht denn er hat weder die Fenster
unten noch Klänge wenn wenn er sie hören
würde die Autobahn anders als in jeder
urbanen Peripherie es ist nur das Wissen
dass er so langer Zeit in dieser Stadt
gelebt hat und jetzt eine untergründige
Anziehungskraft ignorieren muss um sich
vom Navi daran vorbei dirigieren zu
lassen dass es ihn und Georg nach
München verschlagen hat war eine der
glücklichen Fügungen in Pauls Leben
nicht nur weil er dort auf Carolin
getroffen ist und so geschmeidig vom
Praktikum in die Stelle als Lektor
gleiten konnte sondern auch weil sich
seinen Schluss die sonnige Altbauwohnung
in der Augustenstraße nicht zu mieten
sondern zu kaufen am Ende als
Investition mit absurd hohem Gewinn
erwies
23 000 Mark hatte sie gekostet und 840
000 € gebracht eine knappe Hälfte des
Geldes besaß er damals schon als Erbe
von seinen Eltern die kurz nacheinander
gestor waren der Vater mit 67 an einer
Staublunge die es Seer Schreinerei
verdankte und die Mutter mit 69 an einem
Herzstillstand dem keine erkennbare
Krankheit vorausgegangen war
angebrochenem Herzen wie man damals
sagte sie hatten eine gute Ehe geführt
ihren Söhnen einen guten Start
ermöglicht sich nicht von deren
pubertären
selbstgerechtigkeitsexzessen erschüttern
lassen und nicht einmal dan kbarkeit
eingefordert dafür dass sie selbst
bescheiden lebten damit Musikunterricht
für Wolfgang Tennis für ingma und das
Internat an der Nordsee für Paul bezahlt
werden konnten paul hat um beide
getrauert er hätte Ihnen gern noch etwas
zurückgegeben Reisen vielleicht die sie
sich selbst nicht gegönnt hatten ein
Original von Horst Jansen den sein Vater
so liebte oder eine Käte kusepuppe für
seine Mutter aber er war da s noch nicht
soweit sich so etwas leisten zu können
sie starben zu
früh es war folgerichtig mit Georg nach
München zu ziehen seit der Darius
Verschwörung waren sie unzertrennlich
hatten sich als Außenseiter Duo
etabliert und einen gewissen Status
erlangt als Schüler sammelten sie in
fast allen Fächern schlechte Noten nur
in Deutsch und Englisch gelang Paul
alles und Georg glänzte in Mathematik
Sport und Geschichte
seltsamerweise nicht in Kunst niemand
hätte vorausgesagt dass er einmal
Professor an der Wiener Akademie sein
würde aber das lag daran dass im
Kunstunterricht nicht Kunst gemacht
sondern betrachtet wurde das Abitur
schaffte nur Paul mit Mühe und einem
Schnitt von 3,9 während Georg
achelzuckend scheiterte für das Studium
der freien Malerei reichte Talent das
Abitur brauchte nur wer Kunsterzieher
werden wollte und in die Schule
zurückzugehen ohne Paul und ohne
Horizont wäre das Letzte gewesen was
Georg
wollte nachdem er die Aufnahmeprüfung im
zweiten Anlauf geschafft hatte stand er
eines Vormittags in der
krankenhauswäscherei in der Paul seinen
Zivildienst ableistete und sagte wir
ziehen nach München in dieses Kaff
willst du sagte
Paul auf die Stadt kommt's doch nicht an
sie haben mich angenommen darauf kommt's
an und das hier ist auch ein Kaff oder
hier will ich ja auch nicht bleiben
entweder ich gehe nach Berlin oder
Marburg oder Heidelberg oder Tübingen da
geht's ab Quatsch du kommst mit mir
deine Literatur kannst du überall
studieren wir können zusammen wohnen und
ich schlepp die Mädchen an vergiss nicht
dass du ohne mich noch Jungfrau
wärst das war ein Argument georg war
furchtlos und sah gut aus er hatte es
leicht weibliche Gesellschaft zu
akirieren während Paul so schüchtern war
dass man ihn für überheblich und
verschroben hielt er brauchte Georg wenn
er diesen Teil des Lebens nicht einfach
weglassen wollte und das wollte er
keinesfalls es war der wichtigste Teil
überhaupt es gab immer mal eine
Schwester oder Freundin die mitkam wenn
Georg wieder eine Eroberung gemacht
hatte und manchmal erbarmte diese sich
und wenn es nur war um die Zeit
herumzukriegen während der Georg und
seine Flamme miteinander beschäftigt
waren über Bücher und Filme zu reden war
nicht so abendfüllend wie Paul glaubte
dreimal hatte das bis dahin schon
geklappt die Waren zur selben Zeit
fertig Paul mit Zivildienst und Georg
mit der Bundeswehr und zogen nach
München wo sie in einem ehemaligen
schneiderladen in Heidhausen wohnten bis
Paul den terbentingeruch und die ständig
laufende Musik nicht mehr aushielt Georg
wollte nicht in der Akademie malen weil
sich dort vier Studenten einen
Klassenraum teilten in dem immer nur
Steve Reich AVO pert und Philip Glas
lief und eine militante Nichtraucherin
ständig die Fenster Aufriss er ging nur
zum akzeichnen und zu den mappenterminen
hin mit terbentin in der Nase und Ken
oder Kran oder Genesis im Ohr konnte nun
aber Paul weder lesen noch nachdenken
also setzte er sich tagsüber in die
Bibliothek oder die Maximilians Anlagen
und kam erst abends in die Wohnung
zurück er war froh schließlich das
wgzimmer in der Augustenstraße von einem
komelitonen übernehmen zu können und
ignorierte den besserwisserischen von
ENV Hodscha Besessenen Mitbewohner Karl
so gut es ging die in sich gekehrte und
zugleich seltsam aufmerksam wirkende
Psychologiestudentin die nach einem
halben Jahr einzog tat das ebenso und
wurde eine S schweigende Komplizin beim
Ausblenden der ständigen
geschwätzlawinen des angehenden
Soziologen die hatte dunkles Haar und
blaue Augen und sie war schön und sie
hieß Carolin und sie war die erste Frau
der das Reden über Bücher genauso
abendfüllend erschien wie Paul sie hatte
immer ein Buch zumindest den Griff weit
aber meist aufgeschlagen vor sich liegen
ob sie in ein Marmeladenbrot Biss den
Abwasch erledigte oder sich ihren
dunkelblauen daffelkot mit lederknöpfen
überzog Paul der anfangs angenommen
hatte sie studiere eben fleißig war bald
erstaunt dass die Bücher die sie las nur
in den seltensten Fällen mit Psychologie
zu tun hatten er hätte Freud jung Adler
pearls und watzlaavg erwartet die Namen
kannte er von ingma seinem Bruder der
ebenfalls Psychologie studierte aber es
waren die Namen von Thomas Mann ccho
John fuls und Josef rot die er auf den
Umschlägen sah in Romanen fänd Sie mehr
über die Menschen sagte sie als in der
Fachliteratur zumindest mehr darüber wie
sie als Einzelwesen sind die man nicht
nur beobachtet wie der Forscher die
Mäuse sondern mit denen man fühlt und
erlebt und denen man das Beste wünscht
auch wenn man erwarten muss dass es
schiefgeht die hatte einen Freund der in
Bamberg Mathematik und Sport
unterrichtete und den sie an den
Wochenenden besuchte Paul vermisste sie
dann und kompensierte den Mangel durch
exzessives ausgehen mit geor der kannte
das Münchner Nachtleben schon so gut und
bewegte sich so sicher darin dass er
auch in die Clubs der Amerikaner kam wo
die Getränke billig waren und die Musik
fast immer live von echten Bands
gespielt
wurde zu viel rauchen zu viel trinken
und zu viel hoffen auf eine aufregende
liebesnach was sich oft in einer mal
schmerzhaften und mal angenehmen
Melancholie auflöste wenn Georg schon
längst mit einer Eroberung verschwunden
war und Paul im Morgengrauen alleine
nach Hause schlufte das alles sorgte
dafür dass er den Sonntag und manchmal
auch den Montag verschlief und sich erst
wieder fiing wenn Carolin zurück war die
ihn spöttisch bedauerte wenn er allzu
bleich und ausgelaugt vor dem
Kühlschrank stand und nicht mehr wusste
was er da us hatte hervorholen
wollen seit einer halben Stunde geht es
nur mit 70 Stunden Kilometern voran weil
drei Lastwagen vorausfahen die A94 hat
irgendwann hinter Altötting einfach
aufgehört und wird erst bald jenseits
der Grenze als A8 wieder auferstehen bis
dahin hilft nur Geduld jetzt FHL bloß
noch Schnee denkt Paul als er bei
Braunau im dichten Berufsverkehr mit 30
durch einen Graupelschauer schleicht die
Sichtweite beträgt vielleicht 20 m und
der ungarische Lastwagen vor ihm
derselbe dessen Nummernschild und
Aufschrift auf der Plane er schon
vorwärts und rückwärts aufsagen könnte
ist so ziemlich die einzige Orientierung
in diesem Rauschen und prasseln ein
Glück dass er schon die Winterreifen hat
und ein Glück dass solches Wetter nie
lange anhält und Paul nach ein paar
Kilometern wieder moderat Gas geben und
den Rest der landstraßenstrecke mit 70
dahinleiten
kann als er die Autobahn endlich
erreicht hat zeigt das Navi nur noch
etwas über 250 km bis Wien also hat er
schon fast 700
geschafft in einem der Autos mit denen
er früher gereist war säße er jetzt
gerädert mit steifem Genick und
schmerzendem Rücken in diesem gähnt er
nur hin und wieder und nimmt sich vor an
der nächsten Raststation Kaffee zu
trinken und auf dem Handy nachzusehen ob
sich Schubert inzwischen gemeldet hat es
ist stumm geschaltet weil Paul nicht in
Versuchung geraten will beim Fahren zu
telefonieren er hätte es auch per
Bluetooth mit der Freisprechfunktion
verbinden können aber das mag er nicht
er käme sich damit auch ohne Publikum
wie ein wichtigter vor wenn er nicht
inzwischen Georg telefonisch erreicht
hat kann es von Schubert keine neuen
Nachrichten geben
das gehört zur neuen Freiheit die Paul
seit einem Jahr genießt nicht erreichbar
zu sein dass er allerdings daran etwas
genießen würde ist zumindest bislang
nicht der Fall er schreibt es sich vor
den Widerspruch zwischen sich selbst
etwas vorschreiben und Freiheit
ignoriert er so gut es geht obwohl es
ihm manchmal albern erscheint dass er
etwas gegen sich selbst durchsetzen und
gleichzeitig unterlaufen will noch immer
fällt es ihm schwer das Handy einfach
stumm oder gar auszuschalten noch immer
kommt es ihm vor wie zumindest
potenziell unterlassene Hilfeleistung
aber sowohl Schubert als auch er selbst
sind auf dem Weg und können nichts tun
außer in Wien ankommen dann wird man
weitersehen bis dahin kann Paul genauso
gut seinen Gedanken und Erinnerungen
nachhängen Schubert fuhr entspannt ließ
sich nicht von der hektischen Drängelei
der Italien Autofahrer nervös machen und
als sie Riva del Garda erreicht hatten
parkte er den klobigen Transporter auch
noch rückwärts in eine nicht allzu große
Lücke am Straßenrand
ein weil jetzt haben wir nämlich Hunger
sagte geörg der aufgewacht war und sich
sofort eine Zigarette angezündet hatte
Brot Salami Rotwein sagte Schubert und
sie stiegen aus schlossen ab und gingen
in Richtung Zentrum er nahm seine
Gitarre mit er Rut aus und ich verdiene
uns ein Abendessen sagte er und Paul
wunderte sich über diese
Selbstsicherheit woher wollte der wissen
ob ihm irgendjemand irgendetwas in den
Hut werfen würde mit seinen fast
schwarzen Locken war er zwar ein
hübscher Junge der auch mit ganz
normalen Jeans und einem ganz normalen
holzfellererhemd auffiel aber das war
nur die halbe Miete die andere Hälfte
war die
Musik an einem Platz nahe dem Ufer
stellte sich Schubert in einen Ark Gang
holte außer der Gitarre auch noch eine
blaurot karriierte englische tweetmütze
aus dem Koffer legte sie vor sich auf
den Boden stimmte und fing an zu spielen
Georg der gerade noch vorgeschlagen
hatte dass man sich ein bisschen weiter
weg positionieren sollte Fall es gar zu
peinlich würde knuffte Paul in den
Oberarm als Schubert catch the wind
anstimmte es klang richtig gut gute
Stimme gute Englisch gutes
Gitarrenspiel schon blieben einzelne
Passanten stehen näherte sich eine
Gruppe junger Leute von der anderen
Seite des Platzes und nach forth time
around erklang Applaus und landeten die
ersten Münzen und Scheine in der Mütze
er wechselte zu italienischen Liedern
spielte zuerst il ragazzo de la vi gluc
dann vagabondo und schließlich Anna
emarco auch sein italienisch langang
über zeugend nicht nur für Georg und
Paul die das nicht wirklich beurteilen
konnten weil ihre Erfahrungen damit nur
aus der Eisele her rührten sondern
offenbar auch fürs Publikum denn niemand
schüttelte den Kopf oder lächelte
verzeihend oder
spöttisch die Gesichter der Zuhörer
waren im Gegenteil zugewandt aufmerksam
manche verträumt andere verzaubert
jüngere Frauen Schienen Augenkontakt mit
Schubert zu suchen jüngere Männer
schauten prüfend und bestätigend drein
ältere Männer wie Frauen schienen in
sich hinein zu horchen als erklänge dort
parallel zur Musik eine Kurzgeschichte
eine Predigt oder ein Liebesbrief aus
ihrem eigenen Leben er riss sie alle hin
als er mit Leonard Cohens solong Marian
aufhörte tanzten zwei ältere Paare
Walzer und neigten anerkennend und
dankend die Köpfe beim letzten
Ton Schubert machte einen
formvollendeten Diener und wirkte dabei
als drüge er einen Frack und verneige
sich vor einem erlesenen Publikum georg
hatte sich spontan bei der Zeile I
forget to pray for the angels and then
the angels forget to pray for us die
Mütze vom Boden genommen und war mit
Bescheiden gesenktem Kopf durch die
Reihen gegangen und als sich das
Publikum zerstreut hatte hing sie schwer
durch Schubert sah hinein und sagte das
reicht für was Besseres als die
Korbflasche ein junges Paar sprach ihn
auf Italienisch an während er seine
Gitarre in den Koffer und den Inhalt der
Mütze in seine Jackentasche packte der
Mann sah aus wie Jackson Brown und die
Frau wie Johny Mitchell Paul hätte zu
gern verstanden worüber sie redeten aber
außer ein paar Worten wie
dormere notte Roma und Grazie aus denen
er sich Schuberts Kopfschütteln und
lächeln mitgezählt zusammenreimen konnte
dass sie eingeladen wurden Schubert aber
ablehnte kam nichts in seinem
Bewusstsein
an wieso kannst du so gut italienisch
fragte er als die beiden sich
verabschiedet hatten der Mann mit einem
Lächeln und die Frau mit einem Kuss auf
Schuberts Wange und bekam zur Antwort
meine Mutter ist aus
Turin auf dem Weg zurück zum Auto
kauften sie in einem alimentari Wein
Salami ein Pecorino
und fades Weißbrot damit setzten sie
sich auf eine Kirchentreppe Schubert
zauberte ein Kellnermesser aus seiner
Tasche und öffnete den
Wein wir haben keine Gläser das ist
barbarisch sagte er wartet ging noch
einmal los um nach einem Laden für
Haushaltswaren zu suchen und kam nach
vielleicht 10 Minuten mit drei bauchigen
Gläsern in einem kleinen Karton
zurück man kann es auch übertreiben fand
ge nicht wenn es um Stil geht sagte
Schubert und schenkte ein und nicht wenn
es um Marzemino geht fügte er noch hinzu
probierte den ersten Schluck und sah
drein wie der Kater aus Alis im
Wunderland aus derselben Tasche wie
vorher das Kellnermesser nahm er jetzt
ein ausklappbares fischermesser mit dem
er Scheiben von der Salami und vom
Pecorino Schnitt die er gnädig wie ein
Patriarch verteilte vom Brot rissen sie
mit den Fingern ab da ging es ohne Stil
Georg helt sich zurück mit dem Wein weil
er bis mindestens Parma weiterfahren
wollte deshalb floss fast der gesamte
Flascheninhalt in Schuberts und Pauls
Kehlen und sie ließen sich beschwingt
und benebelt in den Abend hinein
kutschieren irgendwann fragte Schubert
woher kennt ihr italienische politrocker
und Georg antwortete von einem Festival
in Tübingen dann dösten sie vor sich hin
bis Georg irgendwo südlich von Verona
aufgab und sie sich hinten im Transit
schlafen
legten SMS von Schubert ich habe ein
Hotel in der Maria hilferstraße so
ziemlich direkt um die Ecke von Georgs
Wohnung soll ich für dich auch buchen es
ist 4:30 Uhr also hat er kurz vor dem
Abflug gebucht oder sein Flug ist
verspätet zual schreibt Paul ja bitte
bin in zwei D Stunden auch da er gibt
das Parkhaus im museumskquartier ins
Navi ein und legt sich drei CDs zurecht
eine von Kari Bremnes eine von Lori
Anderson und eine von DotA K jetzt den
Frauenstimmen dran der Espresso hat
geholfen und die kurze Ruhepause paul
ist schon vor Stunden über seinen toten
Punkt hinweggefahren die Zeit zwischen 1
und 3 in der normalerweise schläft aber
die Bewegung auf der Straße vor und
hinter ihm und die ständige
Reaktionsbereitschaft strengen an und er
ist froh dass er nicht mehr lange
brauchen wird bis Wien vielleicht noch
zwei Stunden vielleicht ein bisschen
mehr wenn der Feierabendverkehr seine
letzten Kilometer bremst bis dahin wird
ihn die Musik
tragen während Paul nichts weiter Tat
als aus dem Fenster zu schauen und vor
sich Hinz Träumen hatten Schubert und
Georg sich zweimal am Steuer
abgewechselt die Enge und kurvige
Strecke durch den apenin ohne Rempler
überstanden waren mit 50 oder 60
zwischen Lastwagen und dreirärigen
Kleintransportern Berg aufgefahren und
schließlich auf einem der Pässe
stehenblieben weil sie warten mussten
bis das Kühlwasser nicht mehr dampfte am
frühen Nachmittag näherten sie sich
Plato der Industriestadt vor
Florenz georg hatte in den letzten
Stunden immer wieder auf seine
Armbanduhr geschaut und sagte irgendwann
es tut sich ein gewisses timingprem auf
es war kurz vor Uhr das Konzert sollte
um
anfangen es jetzt noch bis Rom dort zu
einem Parkplatz und von dem zur
willerbugäe schaffen zu wollen war
aussichtslos politrock ist sowieso
unterste Schublade sagte Schubert auch
wenn die Musik was taugt belehrungskunst
ist scheiße sagt wer fragte Georg aber
sein Sarkasmus wurde
ignoriert mit Geschmack gab Schubert
zurück also ich du bist höchstens einer
mit Geschmack du bist nicht jeder mit
Geschmack warf Paul ein selbst wenn du
denkst du bist der Einzige ist die
Bezeichnung jeder falsch das Wort
beschreibt eine Summe es kann nicht für
eine einzelne Figur verwendet werden
stön sagte Schubert und Georg grinste
nur nicht dass du etwa recht hättest
fügte Schubert hinzu jeder Einäugige
unter Blinden würde dir widersprechen
aber dass du dir über sowas Gedanken
machst ist schön jemand muss ja den
Duden
beliefern also nichts mehr mit Rom heute
fragte Georg jetzt und Schubert sagte
Florenz ist direkt vor unserer Nase ich
kann euch das eine oder andere zeigen
und ich habe dort Verwandtschaft und die
sind nicht da und ich krieg den
Schlüssel zum
Gartenhaus er schlug vor das Steuer für
die letzte Etappe zu übernehmen
behauptete sein italienisches Blut
erlaube ihm ohne Nervenzusammenbruch den
straßenkrieg zu bewältigen und nach
weniger als einer Stunde waren sie im
dichten Gewühl des städtischen
Verkehrs Paul l den Stadtplan den
Schubert aus seinem Seesack geholt hatte
und lost sie so gut er konnte gut genug
weiß nicht sie verfuhren sich zweimal
aber Schubert blieb gelassen und
irgendwann Bogen sie in die Einfahrt
einer herrschaftlichen Villa am Hang ein
und rollten über Kies in den einer
riesigen PIN eo sagte Schubert wenn ihr
hier kurz wartet dann gehe ich den
Schlüssel holen auf einem Messingschild
neben der Einfahrt stand der Name de
gaitano der Garten war umgeben von einem
schmiedeeisnen Zaun und bewachsen mit
Platanen und Pinien einer Zypresse und
verschiedenen akkurat in Form
geschnittenen Büschen der Hasen war
gepflegt und hinter dem Herrenhaus
luckte ein Gewächshaus hervor das sah
Paul sich an nachdem Schubert von einem
älteren Herrn eingelassen im Haus
verschwunden war das Gartenhaus eine
ehemalige Remise mit vier Garagen unter
einer pförtnerwohnung die für Gäste
eingerichtet war enthielt zwei Zimmer
mit drei Betten eine wohnliche Küche und
ein kleines
Badezimmer eine junge Frau brachte einen
Korb voller Lebensmittel und einen
zweiten mit Wein und Wasser bezog die
Betten und legte die Hand Tücher bereit
die sie aus einem Schrank im Flur holte
Ben venoti signori sagte sie dann und
ging zurück zum
Herrenhaus du bist ein Prinz oder sowas
sagte Georg und Schubert antwortete kein
Prinz und auch kein sowas nur der Neffe
eines gut situierten
Herrn Tommy Bayer las aus seinem Roman
einer fehlt der im März 2024
im pieperverlag erschienen ist
[Musik]
[Applaus]
[Musik]
