Das Mozarteum in Salzburg gilt als eine der weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten im Bereich der klassischen Musik, Prof. Claudius Tanski gehört dort zu den Lehrmeistern. Ludger Kusenberg alias Ludger K. hat ihn in Salzburg besucht – und kam mächtig ins Staunen. Nicht nur die malerische Kulisse der Stadt besticht, sondern auch das profunde Wissen, in welches Claudius Tanski uns einweiht. Das Gros seiner Studenten bilden hochtalentierte Asiaten mit gänzlich anderem Disziplinverständnis, Salzburg hat von jeher in vielerlei Hinsicht als Stadt einen Sonderstatus, und wenn wir die Geschichte genau nehmen, dann war Mozart kein Österreicher, sondern … Lauschen Sie diesem Gespräch unter Freunden, dann erfahren Sie alles!
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Hier gibt es aus lizenzrechtlichen Gründen eine, jedoch nur um die Musikanteile, gekürzte Version.
Hier ist Ludgers Welt im Kontrafunk. Mein Name ist Ludger, herzlich willkommen.
Es ist ein wahrhaft goldener Herbst, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Deutschlands Nachbarschaft.
Wir sind heute in Salzburg, eine zum Niederknien schöne Stadt.
Im hiesigen Mozarteum werden talentierte Musiker aus aller Welt zu den besten Musikern der Welt.
An Streichinstrumenten genauso wie am Klavier und auch am Taktstock.
Die Gebäude des Mozarteums verbinden hochmoderne Architektur mit malerischen Bauten in atemberaubender Kulisse.
Allein das ist einen Besuch wert.
Man kommt natürlich gemeinhin nicht einfach so in die Räume des Mozarteums hinein.
Wir aber schon, denn einer der Professoren hier ist ein Freund von mir und mit ihm sprechen wir.
Über Salzburg, über das deutsch-österreichische Spannungsverhältnis, über die Musik, die Kunst und auch darüber,
was Mozart und Beethoven wohl zu dem Irrsinn sagen würden, den Europa gerade politisch durchlebt.
Der Mann an meiner Seite heute ist nicht nur ein profunder Kenner und Ausbilder im Bereich der Mose,
sondern er hat im hohen Alter von Ende 50 auch noch ein Studium der Theologie draufgesetzt.
Darum ist auch der Ort, wo er wohnt, etwas äußerst Besonderes.
Warum? Wie denkt er als deutscher Professor mit Lehrauftrag in Salzburg und Studenten aus aller Welt über die Welt?
Das und mehr klären wir ausführlich mit Herrn Professor Claudius Tanski.
Hallo Claudius!
Hallo Ludger!
Es ist wirklich so, dass ich beeindruckt bin von Salzburg.
Eine tolle Stadt, auch eine sehr, sehr kostspielige Stadt.
Das ist ein Thema, über das wir heute reden.
Wir könnten mehrere Sendungen füllen, wenn ich allein auf deine Vita blicke.
Wir sprechen ein bisschen über Salzburg, Deutschland, Österreich, über die Musik
und wie ich es eben sagte, durchaus auch den Besonderheiten der Gegenwart, die wir durchleben
und mit Blick auf andere Jahrhunderte auch vielleicht anders einordnen können.
Ich danke dir erstmal sehr für die kleine Stadtführung, die du mir hast zuteil werden lassen.
Du weißt ja eine ganze Menge über Salzburg und hast mir eben klar gemacht,
dass Salzburg eine historische Besonderheit hat durch eine Eigenständigkeit und sakrale Prägung.
Erzähl das doch nochmal. Was ist das Besondere hier?
Salzburg ist lange Zeit ein Kirchenstaat gewesen.
Ich würde sagen, der Vatikan in der österreichisch-deutschen Umgebung.
Wenn man vom Mönchsberg an einem der Hausberge von Salzburg auf die Altstadt hinunterblickt,
dann sieht man auch wirklich, ich würde denken, fast mehr Kirchen als im Vatikan.
Und der Erzbischof, der heute auch noch amtiert,
der hat übrigens auch den Zusatznamen Primas Germania,
also hebt ihn sogar über alle deutschsprachigen Bischöfe hinaus,
hat in den vergangenen Jahrhunderten eben auch weltliche Macht besessen,
die unter anderem Wolfgang Amadeus Mozart auch zu spüren bekommen hat.
Und die dann auch ein Grund war, warum Mozart nach Wien gewechselt ist.
Aber es ist tatsächlich ein Kirchenstaat in dem Sinne gewesen,
dass der Erzbischof eben auch weltliche Funktionen hatte
und die auch, ich würde sagen, durchaus wirksam durchgesetzt hat.
Und du als jemand, der Jahrzehnte in Salzburg lebt,
hast du auch gesagt, dass man das heute noch spürt.
Also man kann diese Geschichte gar nicht abschütteln.
Kannst du das beschreiben, warum das so ist?
Echte Salzburger, und ich gehöre ja leider nicht dazu, ich beobachte das nur,
echte Salzburger sind wirklich zu erkennen.
Ob man in Wien ist oder auf der Lagune vor Venedig urlaubt
oder sonst irgendwo, selbst in Vorarlberg.
Es ist schwer zu beschreiben, aber das Ganze so sein,
das Gehabe, das Sprechen, Kopfhaltung und so weiter,
lässt wirklich einen Salzburger auch bis heute unter anderen Österreichern erkennen.
Ich kann das natürlich ein bisschen vielleicht auch von außen sehen.
Also ich bin immerhin jetzt 46 Jahre in Salzburg mit einigen Unterbrechungen.
Ich war auch in Wien und London.
Aber 1978 kam ich eben als Student, ich hatte an der Volkshochschule in Essen-Werden
meine künstlerische Reifeprüfung gemacht und kam dann nach Salzburg.
Also ich bin übrigens auch damals nach Salzburg gekommen
und Zeuge des sogenannten Wunders von Cordoba.
WM Argentinien, Spiel Deutschland Österreich und Hans Krankel,
der berühmte Hans Krankel hat das 3 zu 2 für Österreich geschossen.
Das war für mich der Zusammenbruch einer Welt,
weil bis dahin dachte ich, dass Deutschland immer gewinnt.
Und das war aber nicht so.
Und das war meine erste Erfahrung in Österreich.
Ja, man merkt, das ist auch dein Thema.
Also du bist voller Facetten ein großer Fußballfan
und einige erinnern sich wahrscheinlich daran.
Ich erlaube mir zu erwähnen, Claudius, dass das eine Niederlage seinerzeit war
oder umgekehrt ein Sieg ohne Bedeutsamkeit.
Also es war ausgeschieden.
Das ist aber natürlich, würde ich sagen, jetzt nach all diesen Jahrzehnten,
das ist eben typisch österreichisch.
Also es gelingt etwas, was aber eigentlich, ja es ist einfach der Schönheit willen.
Und es ist einfach um diesen Effekt willen,
dem großen Bruder ein Bein gestellt zu haben.
Und du hast ja eben in der Anmoderation auch gesagt,
wir sprechen auch über Deutschland und Österreich
und es gibt einen ganz wunderschönen Satz über das österreichische Bundesheer
oder die deutsche Armee, was auch immer.
Jedenfalls bei den Deutschen heißt es, die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.
Und bei den Österreichern heißt es, die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
Und das kann ich bestätigen.
So läuft das Leben ab.
Und das macht es so angenehm, in Österreich zu sein.
Und ja, ich möchte es nicht missen.
Ich freue mich jeden Tag.
Ich spürte das auch, als ich hier ankam.
Ich bin ja mit dem Zug aus München angereist.
Und natürlich ist es so, dass die sogenannte Corporate Identity der Bahn
dann auch in Salzburg zu spüren ist.
Aber du hast sofort irgendetwas anderes.
Irgendein Schalter wird da umgelegt.
Und da lautet meine Anschlussfrage,
ob wir in Deutschland das vielleicht zu sehr zusammenfassen.
Also Österreich, kleines Land, da sind alle gleich.
Aber nein, es gibt, du hast es eben angedeutet, durchaus Rivalitäten,
insbesondere Wien und Graz, aber auch Salzburg und Wien.
Absolut, Salzburg und Wien ist eine ganz starke Rivalität,
weil tatsächlich dieses kirchenstaatliche Denken,
ich meine, wer denkt heute noch kirchlicher?
Also auch unter Atheisten ist das einfach da.
Das ist die Rivalität zum großen Zentrum in Wien.
Und das wird auch gelebt.
Also das ist eine vollkommen andere Lebensenergie und Einstellung
in Salzburg oder in Wien.
Oder auch, wenn man natürlich nach Westen geht, in Vorarlberg.
Die Vorarlberger, das sind für die Österreicher die sogenannten Xiberger.
Das ist ja auch alemannischer Dialekt, also das sind eigentlich Schweizer.
Und interessanterweise nach dem Ersten Weltkrieg,
wo das österreichische große Reich zerfallen ist,
gab es eine Abstimmung,
Vorarlberg wollte eigentlich an die Schweiz angeschlossen werden, 1919.
Das ist aber nicht zustande gekommen,
weil die Schweizer die nicht wollten.
Und so mussten sie also bei Österreich bleiben.
Und wenn man nach Vorarlberg kommt, ist man immer ganz erstaunt.
Also die Polizeiautos schauen genau gleich aus wie in Salzburg.
Die Uniformen ist alles gleich.
Und natürlich auch die verschiedenen Geschäfte.
Aber es ist eine andere Sprache
und es ist eigentlich wirklich eine Art von Vorschweiz.
Ja, du hast recht.
Ich habe dort vor langer, langer Zeit das Skifahren gelernt
und auch wieder Verlernen.
Aber diese Animositäten, die hatte ich damals noch nicht so.
Mir klar gemacht heute umso mehr.
Ich darf mich nochmal bedanken für die Einladung zum Frühstück.
Gerne.
Und da hast du mich eingeweiht,
dass die Kellner hier richtige Stars sind.
Und als dann der Kellner kam,
merkte ich, das ist wirklich richtig so.
Erstmal, was war das doch?
Es war ein besonderes Café, wo wir eben waren.
Das war das Café Tomaselli.
Das ist einer der traditionsreichsten Cafés in Salzburg.
Vielleicht wäre noch das Bazaar zu nennen.
Auf der anderen Seite des Flusses, der Salzach.
Das Tomaselli,
so eine alte italienisch-österreichische Familie.
Und das ist so eben,
wie man sich ein österreichisches Café vorstellt.
Also man kann, wenn man länger bleiben will,
dann nimmt man natürlich keinen Kaffee,
beziehungsweise das hat alles Ausdrücke in Österreich.
Großer Brauner, Melange und so weiter.
Und man bestellt einen sogenannten weißen Spritzer,
was in Deutschland ein,
na wie heißt der in Deutschland?
Ein Weißweinschorle, genau.
Und dann hat man ungefähr 30 Zeitungen aus aller Welt
an einem Ständer.
Und da kann man schon mal vier Stunden Zeitung lesen.
Ohne, dass einen der Ober stört.
Also das ist eben ein Ober in Tomaselli oder im Bazaar.
Das sind echte Operndiven.
Und wenn man als deutscher Tourist den Fehler macht zu winken,
Hallo Herr Ober,
dann kommt der nicht.
Und dann kommt der lange nicht.
Und insofern, man muss warten, bis man gefragt wird.
Und dann wird man aber auch wirklich
mit einem weißen Spritzer in Ruhe gelassen.
Ja, so war das spürbar.
Ich habe mich da nicht gescheut,
gerade den Vergleich zum Rheinland,
so ein bisschen mit dem Köbis,
der ja auch eine hohe Position hat.
Ganz genau.
Aber hier ist das etwas, wie soll ich sagen,
etwas erhabener.
Auch diese Klangfarbe in der Stimme
macht es dann doch so,
dass man weiß als Kunde,
ich bin hier klein und du bist groß.
Unabhängig vom persönlichen Einkommen.
Und selbst wenn man also fertig ist
mit dem Frühstück oder mit dem Kaffee
oder was auch immer,
darf man auch nicht den Ober winken zum Teilen,
sondern der muss das entscheiden
und der darf das auch entscheiden.
Er ist der Dirigent sozusagen des ganzen Cafés.
Das ist ja schon eine schöne Verbindung zu Musik,
die wir gleich aufgreifen werden,
denn ich erlaube mir jetzt ganz einfach
und ein bisschen frank und frei
dich auf etwas anzusprechen,
was wir beim Stadtbummel eben erlebt haben,
weil das meines Erachtens viel aussagte
über das Verhältnis Deutschland-Österreich.
Ein Mann blickte auf einen Stadtplan
und du als jemand,
der fast 50 Jahre hier lebt,
als jemand, der sich auskennt,
hast natürlich erkannt,
da braucht vielleicht jemand Hilfe,
hast ihn angesprochen und es entstand daraus.
Aber ich möchte es nicht so hochrechnen,
ein kleines Streitgespräch.
Ja, das würde ich auch sagen.
Und zwar war das so,
also normalerweise gibt es ja
sehr selten noch Leute mit Stadtplan.
Also normalerweise haben sie immer
das iPhone vor der Nase.
Der hatte eben seinen Stadtplan
und ich merkte,
er hatte die Orientierung verloren
und ich wollte ihm einfach helfen.
Der aber war ein Deutscher
und hat an meinem Sprechen
auch sofort gemerkt,
dass ich ein Deutscher bin
und fühlte sich also sozusagen beleidigt,
dass ein Deutscher einen Deutschen
in der Getreidegasse die Hilfe anbietet.
Überhaupt nicht.
Er wollte mir zeigen,
dass er sich in Österreich
eigentlich besser auskennt als ich.
Das ging so hin und her
und dann habe ich mir gedacht,
meine Güte,
dann such doch einfach weiter
auf deinem Scheißplan.
Insofern,
das war ein sehr merkwürdiges Erlebnis.
Aber es war natürlich für mich
als Kommandant direkt eine kleine Perle.
Wir haben das vorher nicht einstudiert.
Aber es wirkte fast.
Na klar,
ich bin 46 Jahre in Salzburg,
mehr oder weniger.
Meine Frau ist Schweizerin
und meine Kinder sind in Salzburg aufgewachsen.
Die können echt umschalten
zwischen Schweizerdeutsch
und österreichisch
und salzburgerisch.
Aber bei mir erkennt man das sofort
und es hat auch keinen Sinn,
das zu probieren.
Am Mozarteum haben wir fast nur
ausländische Studenten.
In meiner Klasse war ein einziger Österreicher
Das heißt,
es hat überhaupt keinen Sinn,
das irgendwie kopieren zu wollen.
Außerdem sprechen die in jedem Dorf
gleich einen anderen Dialekt.
Also zum Beispiel aus Oberndorf,
das ist nördlich,
da heißt es Ivor Eini nach Salzburg
und aus Arniv im Süden
heißt es Ivor Ausi nach Salzburg.
Kann auch andersrum sein.
Ich weiß es nicht genau,
aber sie sagen auf jeden Fall was anderes.
Das heißt,
wenn man aus Österreich kommt,
dann sind sie ganz beleidigt.
Deswegen besser beim Hochdeutschen.
Das Einzige, was wirklich wichtig ist,
man muss sich im Verhalten vollkommen umstellen,
weil Österreich hat eine Kultur des Konjunktives.
Das ist eine ganz andere Art
zu kommunizieren.
Konjunktiv ist extrem wichtig,
weil es muss immer ein Fluchtweg
sozusagen offen bleiben
und die Höflichkeit spielt eine ganz große Rolle.
Also am Ende der Altstadt
ist der Cayetana Platz,
da habe ich als Student gewohnt
und dabei gegangen
und da kommen immer die deutschen Busgruppen.
Also die Busse sind auf einem Busparkplatz
nicht weit entfernt
und dann fallen die da in die Altstadt ein.
Und dann kommt dann irgendwer
und sagt, Tag, wo geht es zum Dom?
Und das geht überhaupt nicht in Österreich.
Dann von einem echten Österreicher
werden sie dann in die andere Richtung geschickt.
Weil das muss heißen,
grüß Gott, entschuldigen Sie bitte,
könnten Sie mir sagen,
auch konjunktiv,
könnten Sie mir sagen,
wenn ich aber in Essen bin,
in meiner Heimatstadt,
dann muss ich das umstellen.
Weil da kann ich nicht in einer Apotheke
und sagen, grüß Gott,
entschuldigen Sie bitte,
haben Sie vielleicht Aspirin,
sondern ich muss reinkommen
und sagen, Tag, Aspirin.
Und weil wenn ich da so höflich bin
wie in Salzburg,
dann schauen die schon gleich
nach der Nummer der Krisenintervention
und laufe ich Gefahr,
da nicht mehr rauszukommen.
Das ist eine Nationalität bewegend,
also ich möchte fast sagen Multikulti,
aber nicht so wie die hiesige Politik
das gerne darstellt,
sondern eine andere Form.
Also zum Beispiel der berühmte Philosoph
und auch Schriftsteller Karl Kraus
in den 30er Jahren in Wien,
einer der gefürchtetsten Kritiker
und wirklich eine böse Zunge hat er gehabt,
der hat über Deutsche und Österreicher gesagt,
uns trennt die gemeinsame Sprache.
Was ich sensationell finde,
weil genau so ist es.
Mensch, also ich glaube,
man hört uns beiden an,
dass wir Österreich doch sehr mögen,
auf besondere Art und Weise natürlich,
weil du dort lebst
und auch quasi schon so ein bisschen
zum Österreicher geworden bist
und das kennst und dort gerne bist.
Vergessen wir nicht den Grund,
warum du dann einst nach Österreich gekommen bist,
denn die Musik hat dich dorthin geführt.
Du bist, wenn wir mal zurückgehen,
gelernter Volkfangstudent aus Essen.
Genau.
Ist es richtig,
wenn man dich als Pianist auch bezeichnet?
Ja, das würde ich jetzt sagen.
Also das ist kurz und knapp
die richtige Berufsbezeichnung.
Ich weiß noch,
also ich war ja an der Volkfanghochschule
als Jungstudent,
also das war eine spezielle Sondergenehmigung,
die man hatte
und ich hatte Glück,
dass ich hier aufs Musikschulgymnasium gegangen bin,
was auch die Ecke ist,
wo wir einen tollen Theorieunterricht hatten.
Und ich habe da dann
mit einem Jahr nach meinem Abi
die sogenannte künstlerische Reifeprüfung gemacht
und bin dann eben nach Österreich gegangen.
Also mein Lehrer hier,
der kannte einen Professor aus Salzburg,
der gleich auch in Hannover noch Professor war.
Beliebte Jobwahl,
dass man hin und her fährt
und das doppelte Gehalt bekommt
und der hat dann aber gesagt,
Mensch, dann geh doch nach Salzburg.
Und mein Deutschlehrer hier am Werdener Gymnasium,
der gebürtige Prager,
1913, also Altösterreicher
und in so einer kleinen Umfrage vom Abitur,
Österreich heißt das Matura,
was wollt ihr werden?
Dann habe ich gesagt,
ich bin schon als Jungstudent,
ich möchte Musiker werden.
Dann hat er gesagt,
du, wenn du Musiker werden willst,
dann musst du nach Salzburg.
Weil am Ende des Krieges,
als wir fliehen mussten aus der Tschechei,
sind wir in Salzburg gelandet
und ich kenne alle Leute.
Und dieser Herr Dr. Bittner
hat mir wirklich dann
als junger Student in Salzburg
alle Türen geöffnet.
Was war denn seinerzeit der Plan?
Also hast du es schon von vornherein
darauf angelegt zu sagen,
Mensch, ich bleibe jetzt 50 Jahre hier oder?
Nee, ich weiß noch,
ich bin mit dem Zug gekommen
und da fährt man eben,
also das erste Mal ist die deutsche Grenze ja ganz nah,
also das sind nur vier Kilometer.
Da habe ich mich schon immer gewundert,
und dann war aber plötzlich Salzburg
und man fährt über die Salzach,
über den Fluss
und wenn man aus dem rechten Fenster schaut,
also aus Deutschland kommend,
hat man die herrlichste Touristenkulisse
der Festung und der Altstadt und so weiter.
Wenn man aber links rausschaut,
dann sieht man das Heizkraftwerk,
was jetzt neu konzipiert worden ist,
aber auch nicht schöner geworden ist.
Und ich sah das Heizkraftwerk
und dachte mir, ach du Scheiße,
hier bleibe ich nicht lang.
Und das ist das Gegenteil geworden.
Erzähl uns ein bisschen was über das Mozarteum.
Das Wort hat natürlich schon sofort eine Wirkung,
aber was passiert dort?
Also stellen wir uns mal ganz dumm,
wer bildet wen aus
und was hat das für Folgen?
Also das Mozarteum ist eine Ausbildungsstätte
natürlich der Musik,
war früher auch Musikhochschule,
ist jetzt inzwischen Universität
und bildet aber inzwischen die gesamten Künste ab.
Also wir haben die Ausbildung am Instrument,
wir haben Ausbildung für Komponisten, für Dirigenten,
wir haben eine eigene Schauspielabteilung,
wir haben auch eine Abteilung für Bildende Kunst.
Also praktisch, ja bis auf Ballett
ist im Grunde genommen eigentlich
die gesamte Bandbreite der Künste abgebildet.
Wir sind Universität,
das heißt man kann Bachelor, Master
und auch den PhD machen.
Was aus meinem Rückblick,
ich bin ja nun jetzt auch bald schon dann pensioniert,
für die Musikausbildung am Instrument ein Fehler ist.
Weil es gibt so derartig viele Nebenfächer,
die man lernen muss
und über die man auch Prüfungen ablegen muss.
Also man kann die nicht einfach so laufen lassen,
dass man zum eigentlichen Üben weniger kommt,
als man sollte.
Und das ist aber am Anfang im Vordergrund.
Also weil die zeitliche Entwicklung ist sowieso anders.
Also wer mit 16 nicht
im Grunde genommen die gesamte Technik
seines Instrumentes beherrscht,
der braucht die gar nicht anfangen.
Und gewisse Sachen,
die kann man auch hinterher lernen
und mit denen kann man sich auch hinterher beschäftigen.
Und wer intensiv Musik betreibt,
ist sowieso aus meiner Sicht ein offener Geist
und wird auch nebenbei,
ohne gezwungen zu werden,
lesen und die Augen und das Herz
und die Seele offen halten.
Und so habe ich das eigentlich gemacht
und ich hatte in der Volkshochschule
alle Nebenfächer schon abgeschlossen.
Musikgeschichte, Kontrapunkt, Harmonielehre,
vom Blattspielen, also Gehörbildung,
tausend Sachen auch.
Sodass ich eigentlich in meiner Zeit
am Mozart-Hirn keine Nebenfächer mehr hatte.
Ich hatte nur Klavier
und habe den ganzen Tag auch geübt
und das hat was genutzt.
Also ich hätte mich natürlich nie getraut,
das zu machen, was wir eben gemacht haben.
Also du, muss ich sagen,
rigoros die Türen öffnen
oder einen Blick durch den Spalt werfen.
Wir haben Menschen beim Üben gesehen,
eine komplette Orchesterprobe.
Ja, das war toll.
Es war unbeschreiblich.
Und mein Eindruck ist,
dass am Mozarteum doch als Studenten
sehr viele Menschen aus Asien sind.
Hat das vielleicht sogar
einen historischen Fingerzeig generell,
was so die Kulturverschiebung anbetrifft?
Wie ist das?
Also ich glaube, der Eindruck ist schon richtig.
Viele Asiaten kommen zum Mozarteum,
die talentiert sind.
Du bildest sie aus.
Was ist da das Besondere?
Also im Klavier ist insofern das Besondere
und natürlich auch bei den Streichinstrumenten
und Blasinstrumenten,
das ist ein 1 zu 1 Unterricht.
Also du hast ja eben den Raum gesehen,
in dem ich unterrichte.
Da sind zwei Flügel drin
und zwar ziemlich teuer,
ein Bösendorfer und ein Steinway
und das sage ich immer den Studenten,
hört mal zu,
das kostet pro Stück 150.000.
Geht damit entsprechend um.
Also fahrt nicht durch den Matsch
und schaut auch,
dass der Ölstand jederzeit okay ist.
Jedenfalls, das ist ein intensiver
1 zu 1 Unterricht
und in meiner Klasse,
also ich hatte bis vor kurzem
17 Studenten
und da würde ich doch sagen
70% Asiaten.
Also nicht mehr nur die klassischen Japaner,
sondern Koreaner,
Taiwanesen, Chinesen,
Thailand habe ich jemanden gehabt.
Ich habe jemanden gehabt
aus Italien, aus Myanmar.
Es gibt vereinzelte Iraner.
Ich hatte auch eine Vietnamesin
und das sind natürlich
Gewichtsverschiebungen.
Die kommen schon nach Salzburg
oder auch überhaupt nach Deutschland
und Österreich,
um sozusagen an den Orten
der klassischen Musik
live diese Atmosphäre zu fühlen.
Andererseits hat sich in diesen Jahrzehnten
die Liebe zur westlichen
klassischen Musik
ausgebildet,
dass eben inzwischen
das Niveau extrem hoch ist
und nicht nur in Japan,
sondern man muss auch dran denken,
in China spielen 25 Millionen
junge Menschen Klavier
und in Universitäten
und Musikhochschulen,
die um einiges besser
ausgestattet sind,
als zum Beispiel das eigentlich
tolle Mozarteum.
Da gibt es in China,
habe ich es erlebt,
dass in jeder Tür
zu einem Übungsraum
so ein kleines James-Bond-Fenster ist.
Man kann von außen reinsehen,
aber von innen nicht sehen,
dass jemand rein sieht.
Das heißt, die wissen die ganze Zeit,
dass sie unter Beobachtung sind
und üben dann entsprechend auch.
Also ich würde denken,
weil eben der Anteil
des wirklich einfachen Fleiß
und Übens,
wie in einem Hochleistungssport
so hoch ist,
manchmal denkt man,
dass die klassische Musik,
was die Ausübung betrifft,
ins Exil gegangen ist.
Nach Asien war ein bisschen so,
wie während des Krieges
die Kunstschätze
in Bergwerken gelagert wurden.
Und das bedeutet aber,
diese Auslagerung ist nicht nur
ein Behalten des Status Quo,
sondern die Interpretation
bekommen ganz neue Aspekte.
Was einen Chinesen
an einem Chopin rührt
ist ja vollkommen anders als bei uns.
Und das ist ja nicht schlecht.
Es kommt was Neues dazu.
Es gibt eine neue Ästhetik.
Wie meine Studenten
zum Beispiel ihre gleichaltrigen Kollegen
und auch Preisträger
bei großen Wettbewerben betrachten,
das ist mir manchmal schon ganz fremd.
Aber es hat seine Berechtigung.
Und ich lerne selber sehr viel dadurch.
Wie läuft es mit der Kommunikation?
Ist es,
so kenne ich das,
nicht so, dass Japaner
grundsätzlich eher nicht Englisch sprechen
und dann ohne dementsprechende Kenntnisse
auch im Hochzeitium kommen
und dann mit Händen und Füßen
man sich verständigt.
Aber ich glaube,
du hast es eben auch schon angedeutet,
dass da nicht nur der Ehrgeiz
der Studenten sich auf die Musik bezieht,
sondern die pauken richtig Deutsch.
Ja, das müssen sie auch.
Also es ist so,
am Anfang nach der Aufnahmeprüfung
gibt es eine Einstufung
und wir sagen,
großartige Arbeit,
die Goethe-Institute leisten.
Also die kommen teilweise auch schon mit A2
oder sogar B1 vereinzelt
mit den Zeugnissen
und werden dann eingestuft.
Allerdings,
da es eben manchmal auch ein paar,
ja, ich würde sagen,
nicht so ganz aufrichtig
erhaltene Zeugnisse gibt,
gibt es auch eine Prüfung.
Aber Musik ist eben ein Hören
auf das Ausüben des Instrumentes.
Die Studenten und Füßen
erklären, was ich meine
und im besten Fall eben auch vorspielen.
Dann checken die das schon.
Und nach einem Jahr
gibt es eine ziemlich schwierige Deutschprüfung,
die bestanden werden muss.
Inzwischen ist es so,
also das geht dann auch auf Englisch
und die Bachelor,
Masterarbeiten,
die dürfen dann auch in dieser Sprache,
also Deutsch oder Englisch verteidigt werden.
Aber das ist Pflicht.
Und gut,
ich würde sagen,
das sind die Hauptsprachen der Musik.
Und wenn ich Deutsch gut kann,
kann das nicht schaden.
Dann verstehe ich den Text der 9. Symphonie
oder der Tauberflöte besser.
Und insofern,
da gibt es auch keinen Widerstand.
Das ist das Schöne am Mozarteum.
Da gibt es keinen Typen in der Klasse,
der keinen Bock hat
oder irgendwie stört oder so.
Im Gegenteil,
im übertragenen Sinne
sitzen die alle vorne auf dem Stuhl
und haben einen guten Job als Lehrer,
würde ich sagen.
Beste Voraussetzung.
Du hast zwischendrin mal kurz Parallelen
zwischen Musik und Sprache angeführt.
Und ich glaube,
du benutzt auch die Sprache,
um eine bestimmte Taktung der Musik
den Studenten klarzumachen.
Weih uns da mal ein.
Ja, also Musik ist im Grunde genommen
eine Sprache,
die eine Hintergrundbedeutung hat.
Also wenn ich den Anfang
eines Trauermarsches spiele,
das jetzt kein Walzer ist
oder kein Vergnügen,
kein Scherzo.
Also da ist schon eine Bedeutung dahinter.
Aber dadurch,
dass die deutsche und die italienische Musik
eben auch an der Sprache
sozusagen sich orientiert,
gibt es bestimmte Akzente,
gibt es bestimmte Hinführungen
zu bestimmten Stellen,
die man eigentlich automatisch macht,
wenn man die Sprache kennt.
Also zum Beispiel,
ich hatte einen Koreaner
weil die koreanischen Namen
kann man sich einfach schlecht merken
und das ist eine Tradition in Korea.
Und ich hatte einen Koreaner
und der hat den zweiten Namen Chris gehabt.
Und da haben wir eine Bachvogel
einstudiert oder versucht einzustudieren
und die geht ungefähr so.
Das ist das Thema.
Und da kann man natürlich
unglaublich viele Fehler machen
in den Schwerpunkten,
in den ganzen Wortspiele,
die man manchmal mit Kindern macht.
Also zum Beispiel die Korante
und viel in die Fertifung.
Und da muss man erstmal überlegen,
was heißt denn das eigentlich?
Wenn man das ganz langsam macht,
fällt es einem ein.
Und genauso ist das mit musikalischen Phrasen.
Auf jeden Fall,
dieser Chris hat unglaubliche,
merkwürdige Akzente gesetzt
und normalerweise ist man auch richtig,
wenn man am Taktanfang
dann den Akzent setzt,
dann hat man sich irgendwann gesagt,
Chris, ich habe eine Idee.
Also das Ding heißt
Mein Name ist Chris
und ich bin ein Südkoreaner
und spiele jetzt Bach.
Da gibt es eben einige Akzente.
Chris ist ganz besonders
und ich habe gesagt,
sie sind ja auch wichtig,
weil sie spielen das.
Und Südkoreaner,
da haben sie genau bei Südkorea
die richtigen Akzente,
um das auszudrücken auf Deutsch.
Sie spielen dieses Thema ganz oft
in der linken Hand,
in der rechten Hand,
zweistimmig und so weiter.
Sie müssen das eigentlich
jetzt nur auf dieses ganze Stück übertragen.
Dann haben sie schon mal
einen relativ guten Ausdruck.
Und das hat er gemacht
und es hat wirklich
nach drei Tagen funktioniert.
Oder Beethoven,
nur drei Noten,
als einen Auftakt
und dann kommt schon gleich eine Pause
Alphonso,
so müssen sie das spielen.
Und mein Kollege Peter Lang
hat auch drei Silben,
aber das kann ich nicht machen.
Ich kann nicht Peter Lang,
das geht nicht,
aber Alphonso geht.
Und das funktioniert wirklich sofort
und solche Dinge motivieren die Studenten
dann wirklich auch wieder gerne
in den Deutschkurs zu gehen.
Und das bringt echt was
und ich meine,
die haben alle gute Ohren.
und sprechen hemmungslos Dialekt.
Also das ist wirklich Wahnsinn.
Aber gut,
dann kommt auch manchmal ein Koreaner
mit irgendwelchen österreichischen Ausdrücken.
Da hat es mich gefeigelt,
zum Beispiel.
Wie sagt man auf Deutsch?
Da hat es mich rausgeworfen
oder ich habe es versemmelt
oder sowas.
Und das ist immer große Freude.
Also wenn wir sagen,
die Sprache der Musik,
das ist eine große Freude.
Absolut.
Davon hast du uns eben nahegebracht.
Claudius, ich habe mal gehört,
dass die Präzision,
der Ehrgeiz,
die Disziplin
auch zu einer anderen Handhabung führt.
Präzise gefragt.
Früher, also in deiner Generation,
schien es mir durchaus in Ordnung zu sein,
wenn der ein oder andere Ton
mal nicht gesessen hat.
Und heute ist das fast
etwas Sportliches.
Als sei der Computer
derjenige, an dem man sich messen sollte.
Und nicht das spielerisch-menschliche.
Ja, so ist auf jeden Fall die Grundlage.
Und das hat es natürlich enorm
schwieriger gemacht.
Wenn man bedenkt,
man kann ja auf YouTube
oder auch im Internet
die alten großen Meister hören.
Also von Rubinstein
bis Backhaus und Serkin
und bis in den neuesten der großen
und teilweise noch lebenden Meister
wie Alfred Brendel.
Also irgendeine Kleinigkeit,
die nicht präzise war
oder irgendwas ist daneben gegangen.
Das geht bei einem Wettbewerb
heutzutage nicht mehr,
weil eine Karriere heutzutage
mit jungen Pianisten
kann nur beginnen,
wenn man eigentlich bei einem Wettbewerb
auf sich aufmerksam macht.
Also man muss zum Beispiel denken,
die großen Wettbewerbe
wie zum Beispiel Moskau oder Warschau
oder auch Lied,
da melden sich inzwischen
Videos einzuschicken
ohne Schnitt
und wirklich einfach unbearbeitet.
Auch keine Kamerawechsel
oder so weiter.
Und das ist ein Pflichtprogramm,
meistens eine Chopin-Etude
und das muss das höchste Niveau haben,
was man sich vorstellen kann.
Und die arme Jury,
die muss dann eben 300 Videos anschauen
und die 100 Besten raussuchen,
die dann live auftreten.
Und was macht die Jury?
Die einzige Chance
ist dann,
ja, wer läuft jetzt nicht 9,8 auf 100,
sondern nur 9,9.
Und die sind dann draußen.
Und das heißt,
um sowas hat sich ein Rubinstein
niemals gekümmert
oder ein Alfred Cortot
und alle, die ich noch bewundert habe,
Polini und so solche.
Polini war der Erste,
muss man jetzt so sagen,
wo ich ihn erwähne,
der mit 18, 1960
den Chopin-Wettbewerb gewonnen hat
und auf damals Schallplatte
und das war für uns junge Pianisten
wie die Mondlandung.
Also die Mondlandung war 1969,
72 war immerhin noch Apollo 17
und der war für uns
der Astronaut auf dem Pianistenmond.
Das war unglaublich
und ich weiß noch,
mein alter Professor hier am Mozart-Theater
am Erfolg von Hochschule,
der hat gesagt,
ne, ist ja alles geschnitten.
Die haben das im Studio,
haben sie jeden Ton aneinander geklebt.
Und die spielen wie der.
Und heute ist das Standard.
Also wenn sie heute
selbst bei einer wichtigen Musikakademie
wie Mozarteum
oder Royal Academy in London
oder Julliard School in New York,
wenn sie das auf eine Prüfung bestehen wollen,
dann müssen sie die Etude so spielen wie Polini.
Das ist unfassbar.
Also da ist eine ganze Serie
von Hunderten und Tausenden Pianisten,
die vor 50 Jahren
alle Karriere gemacht hätten.
Also gibt es sogar
einiges,
die man auch erkennen kann
in der Art der Darbietung.
Absolut.
Und auch geografisch,
sagst du,
dass es sich anders anfühlt,
dass man die Musik anders wahrnimmt.
Das leuchtet ja auch ein.
Und warum ist das eigentlich so,
zumindest mein Eindruck,
dass im arabischen Raum
keine klassischen Konzerte stattfinden?
Ist das ein Zeichen
für besondere kulturelle Differenzen?
Das wage ich
jetzt wirklich nicht
umfassend zu kommentieren.
Also ja,
im arabischen Raum
gibt es ganz wenige,
obwohl es gab einen Sieger,
Rahman Al-Bakha hieß der.
Der hat immerhin
den ganz großen Wettbewerb in Brüssel,
das ist einer der entscheidendsten der Welt,
gewonnen.
Da gibt es schon herausragende Leute.
Aber natürlich in einem arabischen Land,
wo der Islam eine große Rolle spielt,
gibt es offiziell keinen Bock
auf westliche Musik.
Ja gut, es leuchtet ein.
Ich habe es im Iran,
also Iran ist ja nicht Arabien,
das ist eine eigene Volksgruppe,
aber da habe ich es erlebt.
Ich habe 2001 dort gespielt,
im November.
Ich war sehr viel auf der ganzen Welt
fürs Goethe-Institut unterwegs.
Da war damals der 11. September in New York
und kurze Zeit später
riefen die aus München vom Goethe-Institut an
und haben gesagt,
wir haben jetzt alle abgesagt,
wegen 9-11, 11. September.
Sie fragen ja immer für uns auf der ganzen Welt,
trauen sie sich da hin zu fahren?
Und ich habe mir gedacht,
okay, also im Auge des Orkans
ist es vielleicht am sichersten
und habe gesagt, ich mache das.
Und das war einer meiner schönsten Reisen
und da habe ich dann eben auch erfahren
beziehungsweise richtig mitgekriegt,
dass Iran ja auch ein Land
der klassischen Musik gewesen ist.
Die haben Opern gehabt,
die haben Symphonieorchester gehabt.
Und im dritten Satz
gibt es eine Wiederholung.
Also da kämpft man sich dann
durch die größten Schwierigkeiten durch
und dann denkt man,
okay, jetzt bin ich fast fertig,
aber dann gibt es eine Wiederholung
und da muss man den Teil nochmal spielen.
Dann habe ich mir gedacht,
nee, komm, das schenke ich mir,
ich gehe gleich in die Coda.
Und das hat auch alles gut funktioniert
und hinterher kam jemand
und hat gesagt auf Englisch,
also vielen Dank, war sehr, sehr schön.
Wie haben Sie das denn?
Haben Sie Musik studiert?
Dann hat er gesagt, hören Sie mal.
Also das war 2001,
immerhin ungefähr erst 20 Jahre
nach der Revolution.
Er hat gesagt,
wir sind hier in Opern
und Symphoniekonzerte gegangen.
Ich habe Klavier gespielt,
ich kenne die Stücke alle
und die meisten,
die heute Abend hier sind,
kennen das.
Da habe ich aber wirklich gestaunt
die können das alle besonders gut.
Und aus meiner Sicht
ist das deswegen,
weil man als kleines Kind in Israel
eben schon die Tora studieren muss
und da wird nicht diskutiert,
ob man Bock hat,
was auswendig zu lernen oder nicht,
sondern man muss und man macht das,
auch wenn man vielleicht
das jetzt nicht unbedingt machen möchte.
Aber das ist so allgemein,
dass es da auch keinen großen Widerstand gibt
und diese Art von Gehirnerziehung
und auch Gedächtniserziehung
gibt es beim Klavierspiel.
Und insofern
auch die kleinen
nichtmusikalischen Israelis,
die sind einfach trainiert.
Und wenn dann einer noch Klavier spielt
oder ein Instrument,
dann kommen diese ganzen Funktionen
im Kopf automatisch zum Tragen.
Und deswegen gibt es also,
Israel hat 9 Millionen Einwohner
und da gibt es so phänomenale,
tolle Pianisten.
Ja, das kommt aus meiner Sicht
durch diese Erziehung.
Wenn man mal,
vielleicht ganz selten,
aber immerhin einmal ein Gedicht auswendig lernen würde.
Das geht gar nicht.
Das muss Spaß machen.
Und dann das noch kurz zu ergänzen,
ich habe eine chinesische Studentin gehabt,
die hat absolviert
und die hat jetzt eine Stelle
in einer größeren deutschen Stadt,
in einer Musikschule
und nach gewissen Erfahrungen
hat sie inzwischen nur junge Chinesen als Schüler,
wo die Eltern eben in dieser deutschen Stadt
leben und arbeiten
und sprechen
und die aber eben mit großer Liebe
und mit Disziplin Klavier spielen
und diese Studentin von mir,
ehemalige, hat mir gesagt,
sie hat einfach keinen Bock
bei irgendwelchen Treffen zu hören,
ja das muss Spaß machen
und das muss spielerisch rüberkommen
und so. Nein, muss es nicht.
Wer das wirklich spielen will,
der hat sowieso Spaß.
Also wenn ich Fußball spielen will,
dann trainiere ich eben auch mal
zwei Stunden Freistöße.
Das ist einfach wichtig
und insofern,
die Landschaft hier
hat sich verändert.
Ich merke schon,
unser Gespräch umspannt die ganze Welt
und auch viele Aspekte,
umso wichtiger ist,
dass wir nicht das vergessen,
was ich zu Beginn angedeutet hatte,
wir kommen wieder zurück ins christliche Salzburg,
denn deine später akademische Laufbahn
hat dich nochmal zum Theologiestudenten
werden lassen
und hier möchte ich auch das Geheimnis lüften,
wo der Standort ist.
Also du lebst mitten in Salzburg,
allerdings nicht in einer
Studentenmansarde,
sondern deine Heimat ist
St. Peter
und was magst du uns darüber erzählen?
Deine Hinwendung zu der Theorie
St. Peter ist das älteste Kloster
im deutschsprachigen Raum.
Interessanterweise 696 gegründet.
Also deutschsprachiger Raum
umfasst auch die Schweiz, Österreich,
Liechtenstein, Teile von Belgien
und so weiter.
Und eine Affinität dazu
zur Theologie und zur Philosophie
vor allen Dingen
und dann hat es sich ergeben,
dass ich leider
die Trümmer meiner Ehe erleben musste
und dann inzwischen
sind es 13 Jahre
und ich wusste,
was ich eigentlich machen will
und es waren dramatische Momente
in meinem Leben
und ich wusste wirklich nicht
und dann kam ein Freund
und sagte,
willst du nicht mal zwei Wochen
im Kloster ausspannen?
Ich kenne den Abt gut
und den rufe ich jetzt mal an
und er hat den angerufen
und inzwischen weiß ich,
dass Abt Korbinian
fast nie ans Telefon geht
und wenn er ans Telefon geht,
dann eigentlich eher sauer
und generell auch nicht,
wenn er die Nummer nicht kennt.
Aber der Freund hat mit seinem Handy angerufen
und da ist der Korbinian
und er hat die Tüten
in Österreich heißt es Nylonsackhallen
vor dem Eingang des Klosters
und dann dachte ich,
also zwei Wochen schaue ich mir das mal an
und mache alles mit,
kriegte den Schock,
erstes Gebete in der Früh,
die Vigil, 5.45 Uhr,
um Gottes Willen,
aber dann habe ich mir gedacht,
okay, wenn ich jetzt hier bin,
dann mache ich das auch mit
und nach zwei Wochen
habe ich mir gedacht,
ich bin ja schon gewöhnt durch die Musik,
das ist eigentlich das,
was ich machen möchte
und dann habe ich gefragt,
kann ich länger bleiben
und dann hat der Abt gesagt,
also sechs Wochen maximal im Gästezimmer
und dann schauen wir weiter
und aus den sechs Wochen
wurde dann eine neue Frist
in einer anderen Abteilung
da im Kloster
und daraus sind jetzt 13 Jahre geworden
und mit einem Philosophie Professor
und Priester dort
und er würde da gerne
irgendwie auch was mit Theologie machen
dann hat er gesagt,
reden Sie nicht so viel,
hier um die Ecke ist gleich die Inskriptionsstelle
von der Uni,
heute Mittag sagen Sie mir,
dass Sie inskribiert sind
und genau das habe ich auch gemacht
und habe dann in den nächsten Jahren
ungefähr die Hälfte eines Theologiestudiums
also es sind insgesamt
bis zum Master 60 Prüfungen etwa
30 habe ich geschafft,
etwas mehr als 30,
mehr als Klavierspielen,
als Lernen und Diskutieren
und das ist aus meiner Sicht
inzwischen ja auch einer
der großen Schwachstellen der Kirche
neben Loben und Preisen
und Beten
hat plötzlich das Diskutieren
und Wässerwissen
überhand genommen
und das ist nicht mein Ding
und insofern bin ich in dieser Weise
zu einem kontemplativen Leben zurückgekehrt
aber ich habe viel gelernt
im Theologiestudium
auch Hebräisch gemacht
und das hat sich echt gelohnt
und das was ich sozusagen
daraus gesogen habe
versuche ich auch in der Musik unterzubringen
und die Rituale in St. Peter
die machst du mit
du sprachst eben von
ich war schockiert
5.45 Uhr
das ist die Vigil
und die ist zusammen mit den Laudes
die Vigil war aber früher
mitten in der Nacht
also 2 Uhr nachts
in Frankreich
da ist das Nachtoffizium
da müssen sie nachts um 2 Uhr raus
das ist etwas
würde ich sagen
flauschiger geworden inzwischen
also es geht um Viertel vor 6 Uhr los
und dann ist die Vigil
und Laudes in einem
dann ist Pause
und um 7 Uhr ist die Frühmesse
bis halb 8
und dann habe ich mich normalerweise
immer dann zum Mozarteum begeben
und irgendwelche Freiwilligen
und wir haben
oder du hast im Laufe des Gesprächs
Parallelen gezogen
Musik und Sport
Musik und Sprache
jetzt sind wir ja
bei dir in St. Peter
und da erlaube ich mir zu fragen
hat die Musik auch etwas göttliches
also finden wir Gott in der Musik
verzeih mir das
ja ja absolut
ganz genau
also Sport und Musik
da gab es früher samstags im WDR
wir haben halt Gott und Musik
ja genau
ich weiß nicht ob das
oder einer von den
jedenfalls gab es mal eine
sogenannte Evangelisation
Werbung
in Gelsenkirchen
ein großes Plakat
an Gott kommt keiner vorbei
und da hat unten drunter
einer geschrieben
das weiß ich nicht mehr
habe ich vergessen
natürlich hat Musik
ja eigentlich entsteht ja Musik
auch im Mittelalter
sozusagen aus
dem mönchischen Leben
aus dem Lob Gottes
und einer der
entscheidendsten Vertreter
bis heute ist natürlich
Johann Sebastian Bach
also ohne den Glauben
ohne Gott und ohne Religion
ist er nicht denkbar
und insofern das Schöne ist
dass eben Musik eben auch
eine internationale Sprache ist
man muss jetzt nicht
französische Grammatik
oder chinesische Laute studieren
um das zu verstehen
und es ist tatsächlich
aus meiner Sicht
ein Eintauchen in eine
metaphysische Welt
die uns so
in der greifbaren Welt
nicht gelingen kann
und das
hat alle seine Vorteile
und Nachteile
das traurige in der Musik
dass du das sozusagen
dokumentieren kannst
ist sie für immer weg
und das ist auch etwas
was ich mit meinen Studenten
immer praktisch in der ersten
Stunde mache
Asiaten die also bestanden haben
macht man so entweder auf Englisch
oder mit Hand und Fuß
eine Stunde aus
dann kommen die
dann spielen die was vor
und so und dann macht man
einen kleinen Plan
und in der Hälfte sage ich
Entschuldigung, was haben wir
jetzt gerade gemacht?
Schauen die mich verständlich
so das an, merke ich immer
und denke was ist mit dem los
ja wie was
ja was haben wir gemacht
ich möchte wissen was sie
gemacht haben
dann kommt es ja aber ich
habe Ihnen doch vorgespielt
und dann sage ich
ja können Sie das beweisen
dann sagen die ja aber
Sie haben das doch jetzt
gerade gehört oder
und dann kommt jemand um die Ecke
und ich sage schauen Sie
wenn wir den jetzt fragen
und der sagt ich glaube das nicht
dass du gerade vorgespielt hast
was haben Sie denn anzubieten
um das glaubhaft zu machen
eigentlich nur mich als Zeugen
und jetzt stellen Sie sich mal
vor Sie kommen 10.000 Kilometer
von Japan geflogen
Ihre Eltern zahlen Ihren
Unterhalt da hier ziemlich teuer
ist meistens mieten Sie
noch ein Klavier oder ein
Flügel sogar für Sie
damit Sie dieses Studium auch
übend richtig schaffen können
es kostet ein Schweinegeld
und Sie haben mir eben was
vorgespielt und das ist weg
können Sie nicht mal von der
Wand abkratzen
also was haben Sie davon
was ist die Gegenleistung
und dann schauen Sie mich
völlig verständnislos an
und sind dann auch ganz
sicher dass man das eben doch
hat natürlich Sie haben das
ja entschieden das zu machen
ich habe es auch entschieden
als ich jung war das zu machen
kostet was es wolle
aber Sie müssen sich klar
darüber sein dass das eine
Dimension des Lebens eröffnet
die nicht für jeden sofort
verständlich und greifbar ist
die aber wenn man es gut
macht und schön macht
und erfolgreich vielleicht auch
Freude anderen bringen kann
dann kann man auch noch
stundenlang weiterbrauchern können
und was ich anfangs andeutete
die Frage wie würden die
großen Komponisten über das
hier und jetzt denken
das ist quasi schon zwischen
den Zeilen herausgekommen
Claudius eine Sache noch
die mich beschäftigt
die dich beschäftigt
und andere auch
insbesondere Menschen aus
Österreich eine
kessgestellte Frage von mir
also mein Sohn ist ja in
Salzburg in die Volksschule gegangen
und der kam dann irgendwann
zurück und war ganz
verunsichert ja weil wir haben
natürlich zu Hause besprochen
dass die Eltern aus Augsburg waren
weil eben meine Frau aus
Basel ist und ich aus Essen
also wir sind keine Salzburger
also meine Frau kann sehr gut
den Salzburger Dialekt
nachsprechen also das ist fast
sogar provozierend gut
aber ich kann es nicht
ich bin Salzburger Bürger
und Schweizer Bürger
also er hat beide Staatsbürgerschaften
aber du bist kein Österreicher
dann hat er eben auch gesagt
ja aber die Eltern von Mozart
die waren ja aus Augsburg
und so und das was dann
als Argument noch dazu kommt
und das aber dann offen lässt
die Frage ist
dass zur Zeit Mozart
eben Salzburg teilweise
ein Kirchenstaat war
also eigentlich hätte man
die Bayerische Fahne
über dem Rathaus zu sehen
das heißt
die beste Flucht ist zu sagen
Mozart ist Salzburger
da kann man nichts falsch machen
und adelt die Stadt
und kann auch guten Gewissens
sich eine Mozart Kugel reinziehen
das ist eine sehr schöne Antwort
das war ein sehr schönes Gespräch
ich danke dir sehr dafür
große Freude
ich darf übrigens auch verraten
dass Claudio Stanzki
also ich kann viele Sachen
sogar auswendig
und die Lieblingssache ist
wer hinten sitzt
wird nie geblitzt
und bei meinen verschiedenen Touren
mit dem Auto nach Essen
habe ich mir oft gewünscht
hinten zu sitzen
prima, danke dir herzlich
wir sehen uns wieder
und alles Gute in Salzburg
und für die Zukunft was auch immer
der auch, vielen Dank
das war Ludger Sveld
es ist ja so, dass wir unser Programm umstellen
möglicherweise wird nächsten Mittwoch
schon unsere Live-Sendung wiederkommen
mit dem Titel
Wir harren der Dinge
Sie, liebe Hörer, können mich auch live sehen
als Kabarettist
und werden an Informationen kommen
wenn Sie das möchten
es stehen einige hochinteressante Live-Termine an
in den nächsten Monaten
unter anderem München
und auch Bonn und Berlin sowieso
also ich freue mich drauf
trotz allem
Ludger-KDE
Tschüss
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Humbug und Gedudel
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