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Lieber Juan, hier wohne ich jetzt.
Die Stadt heißt Gelsenkirchen und liegt im Westen von Deutschland, im Ruhrgebiet.
Sie ist nicht groß, aber die Leute sind reich und alles ist sehr sauber.
Viel reicher und sauberer als bei uns in Havanna.
Alles ist ganz anders hier.
Es ist August, aber es ist kalt.
Es regnet heute und auch gestern hat es geregnet.
Die Sonne scheint nicht oft hier.
In Kuba war es schöner mit dir und mit unseren Freunden.
Ich kenne noch niemanden.
Morgen fängt die Schule an.
Ich schreibe dir bald wieder.
Viele Grüße an alle.
Pedro
Pedro liest die E-Mail noch einmal durch und klickt auf senden.
Dann steht er auf und geht zur Kasse des Internetcafés.
Ein Junge sitzt dort und langweilt sich.
Nochmals vielen Dank.
Ohne deine Hilfe...
Pedro hat heute die erste E-Mail seines Lebens geschrieben.
Der Junge hat ihm erklärt, wie es geht.
Funktioniert doch.
Du hast es schnell gelernt.
Die anderen Ausländer kapieren das nie.
Richtig.
Die Ausländer.
Hier bin ich Ausländer, denkt Pedro.
Das ist noch neu für ihn.
Er spricht noch nicht gut Deutsch, hat einen starken spanischen Akzent.
Er versteht nur schlecht, was die Leute sagen.
In Kuba hat sein Vater ihm immer wieder gesagt.
Du musst Deutsch lernen.
Du weißt doch, in Deutschland spricht niemand Spanisch.
Er hat es auch versucht.
Aber es ist schwer.
Ganz anders als Spanisch.
Ich muss besser Deutsch sprechen, denkt Pedro.
Pedro geht nach Hause.
Es ist eine sehr lange Straße.
Sie geht durchs Stadtzentrum und da dürfen keine Autos fahren.
Fußgängerzone heißt das.
Es gibt Geschäfte dort und Kaufhäuser.
Viele Geschäfte.
Eins neben dem anderen.
Und viele Kaufhäuser.
Pedro sieht die Leute an den Imbissbuden und in den Bäckereien stehen.
Sie essen die ganze Zeit, denkt er.
Hamburger, Currywurst mit Pommes, Döner, Kebab, Pizza.
Pedro kriegt Hunger.
Er hat drei Euro in der Tasche.
Ein Brötchen oder ein Stück Pizza.
Er kauft nichts.
Zu Hause gibt es jetzt Abendessen, denkt er.
Und Mama wird böse, wenn ich nichts esse.
Er will sein Geld ja auch nicht zum Fenster hinauswerfen.
Sein Vater und seine Mutter arbeiten beide.
Vater hat eine Arbeit in einer Fabrik gefunden
und Mutter putzt morgens bei einer deutschen Familie.
Sie verdienen nicht wenig, aber sie schicken Geld nach Kuba
und Pedro hat auch noch zwei jüngere Geschwister.
Sie wohnen im neunten Stock eines zwölfstöckigen Hauses.
Die Wohnung ist okay.
Ein Schlaf- und ein Kinderzimmer.
Ein kleines Wohnzimmer, Küche und Bad.
Pedro gefällt es dort nicht.
Denn die Wohnung hat nicht einmal einen Balkon.
Nur kleine Fenster.
In Kuba haben sie in einem kleinen Haus mit Garten gewohnt
und die Kinder haben den ganzen Tag draußen gespielt.
Seiner Mutter hat er das gesagt.
Da ist sie sehr böse geworden.
Pedro, unser Haus in Kuba war eine Hütte.
Die Toilette war draußen im Garten
und die Küche war klein und schmutzig.
Sieh doch nur, wie schön unsere Wohnung jetzt ist.
Die Familie sitzt schon beim Abendessen.
Wo kommst du denn jetzt her?
Wir haben auf dich gewartet.
Entschuldigung, ich war im Internet-Café
und habe Juan eine E-Mail geschickt.
Petros kleine Geschwister sitzen am Tisch
und reden laut miteinander.
Das tun sie immer.
Morgen beginnt die Schule.
Freust du dich?
Weiß nicht.
So lernst du endlich andere Jungen kennen.
Meinst du?
Am Anfang ist es für alle schwer.
Mit der Zeit?
Vielleicht.
Er will nicht mit seinem Vater sprechen.
Er will gar nicht sprechen.
Nach dem Essen steht er sofort auf
und geht ins Wohnzimmer.
Er macht den Fernseher an.
Deutsch, Deutsch und immer wieder Deutsch.
Er kann es nicht mehr hören.
Was willst du denn?
sagt er zu sich selbst.
Wir sind hier in Deutschland.
Wie sollen sie denn sonst sprechen?
Portugiesisch?
Es gibt einen Krimi.
Das versteht er.
Aber er versteht nur wenig von dem,
was die Leute sagen.
Und jetzt kommen auch noch
seine kleinen Geschwister ins Zimmer.
Sie wollen schon wieder den Kinderkanal sehen.
Sie verstehen zwar auch kaum etwas,
aber das stört sie nicht.
Sie lachen die ganze Zeit.
Pedro steht auf und geht ans Fenster.
Es ist 8 Uhr.
Es ist noch hell draußen
und es regnet nicht mehr.
Vor dem Haus gibt es einen großen Parkplatz.
Dahinter liegt ein Fußballplatz.
Er ist nicht groß.
Gerade richtig zum Trainieren.
Pedro sieht sich über den Platz laufen.
Da läuft er.
Unser Mittelstürmer Pedro Vazeiros.
Sein Gegenspieler will ihn stoppen,
aber Pedro läuft weiter.
Ein Schuss und Tor!
Pedro lächelt.
Wie gern möchte er jetzt
mit seinen Freunden Fußball spielen.
Aber die sind weit weg.
Da hat er eine Idee.
Er holt den Ball aus seinem Zimmer.
Die anderen sitzen immer noch vor dem Fernseher.
Ich gehe noch auf den Fußballplatz,
ruft er ins Wohnzimmer.
Draußen ist es kühl.
Das ist ihm egal.
Er läuft über das Feld,
das Tor vor sich.
Ausländer
Hast du den Neuen gesehen?
fragt Susanne Marta.
Netter Typ, oder?
Ja, und der sieht auch gut aus.
Die dunklen Augen
und dann diese schwarzen lockigen Haare.
Einfach süß.
Und breite Schultern hat er auch.
Na, hübsch ist er ja.
Aber irgendwie gefällt er mir nicht.
Mir schon.
Pedro steht allein in einer Ecke der neuen Klasse.
Es ist Pause.
Er ist etwas rot.
Sehen die anderen mich an?
Sicher sprechen sie über mich.
Der Lehrer hat ihn vorgestellt.
Ihr habt ab heute einen neuen Mitschüler.
Er heißt Pedro und kommt aus Kuba.
Pedro, setz dich doch bitte dort neben Jochen hin.
Der Platz ist frei.
Pedro setzt sich neben einen großen, blonden Jungen.
Hallo Pedro, sagt Jochen und gibt ihm die Hand.
Hallo Jochen, antwortet Pedro.
Soll er noch etwas sagen?
Er spricht so schlecht Deutsch.
Pedro geht jeden Tag in die Schule.
Zu Hause lernt er Deutsch.
Er macht sich Listen mit Wörtern.
Die hängt er an den Kühlschrank,
an den Spiegel im Badezimmer.
Er liest täglich Zeitung
und versucht die Sendungen im Fernsehen zu verstehen.
Es geht nur langsam.
Aber Petros Deutsch wird besser.
Es läuft nicht gut in der Schule,
sagt er eines Tages zu seiner Mutter.
Probleme in der Schule?
Du warst doch immer der Klassenbeste.
Mama, ich verstehe nicht die Hälfte von dem,
was die Lehrer sagen.
Ach Pedro, das wird sicher bald besser.
Seine Mutter macht sich keine Gedanken.
Und Pedro lernt Deutsch.
In der Schule versteht er jetzt immer mehr.
Das geht doch schon viel besser,
sagt auch der Klassenlehrer.
Nur beim Schreiben hast du noch ein paar Probleme.
Aber mach nur so weiter. Du schaffst das schon.
Das denkt Pedro auch.
Die deutsche Sprache ist nicht das Problem.
Das Problem sind seine Mitschüler.
Er hat noch keine Freunde in der Klasse.
Es ist, weil du noch nicht so gut Deutsch kannst,
erklärt ihm Susanne.
Susanne spricht oft mit ihm.
Wie sieht denn diese Susanne aus,
fragt Juan in einer E-Mail.
Nicht schlecht, antwortet Pedro.
Sie hat blonde Haare und blaue Augen.
Eine richtige Deutsche.
Sie ist groß, aber nicht riesengroß
wie andere Mädchen in der Klasse.
Sie trägt die Haare kurz
und zieht sich immer wie ein Junge an.
Pedro sieht in Susanne nur eine Freundin.
Nicht mehr.
Ein anderes Mädchen in der Klasse
gefällt ihm viel besser.
Ihr Name ist Vanessa.
Sie hat lange, rote Haare,
perlweise Zähne und grüne Augen.
Sie ist 16 wie die anderen,
aber sie hat schon den Körper einer Frau.
Die anderen Mädchen tragen Jeans.
Sie ist immer sexy,
mit engen Hosen und langen Stiefeln.
Auch das gefällt Pedro sehr.
Susanne sieht, dass ihn Vanessa interessiert.
Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?
Aber sie hat schon einen Freund.
Es ist dein Banknachbar, Jochen Reinald.
Träumen darf man doch noch, oder?
erwidert Pedro und wird rot.
Nach dem Unterricht bleibt Pedro vor der Schule stehen.
Er wartet auf Vanessa.
Bis morgen, Vanessa, sagt er.
Sie antwortet nicht.
Sie sieht ihn nicht einmal an.
Sie steigt zu Jochen aufs Motorrad.
Armes Schwein, der ist wohl in dich verliebt,
sagt Jochen.
Gut gesagt, mein Lieber.
Ein armes Schwein, das ist er.
Und wie du weißt, habe ich für arme Schweine nichts übrig.
Und für Ausländer auch nicht.
Ich mag Siegertypen, Männer wie dich.
Jochen hört es nicht gern, wenn Vanessa so spricht.
Er kommt aus einer reichen Familie,
hat ein schweres Motorrad und ist immer gut angezogen.
Nur darum ist Vanessa mit ihm zusammen.
Das weiß er gut.
Am Sonntag sind Pedro und seine Familie eingeladen.
Es gibt ein großes Fest bei anderen Ausländern.
Ich möchte nicht so gern mitkommen.
Kann ich nicht zu Hause bleiben,
bittet Pedro seinen Vater.
Du willst nicht mitkommen?
Unsere Freunde sind alle da.
Die essen zusammen, singen und tanzen
und du willst allein zu Hause sitzen?
Das sind eure Freunde, nicht meine.
Für mich sind eure Feste ein bisschen langweilig.
Pedro, für eine halbe Stunde kommst du mit.
Dann kannst du allein nach Hause gehen, wenn du willst.
Sie fahren in die Wohnung eines kubanischen Freundes.
Viele Leute sind da.
Männer, Frauen und viele Kinder.
Die Musik ist laut, es gibt viel zu essen.
Die Leute lachen und haben viel Spaß.
Pedro sitzt allein.
Warum gehst du nicht zu den anderen?
fragt ihn seine Mutter.
Keine Lust.
Er isst etwas und geht dann.
Allein in der Stadt.
Der Himmel ist grau
und die Leute gehen schnell durch die stillen Straßen.
Manchmal fährt ein Auto vorbei.
Ein typisch deutscher Sonntag.
Warum gehe ich nicht zurück zu dem Fest?
Die lachen und haben Spaß.
Da ist es wie bei mir zu Hause in Kuba.
Er weiß die Antwort selbst.
Das ist nicht mehr mein Zuhause.
Wer weiß, wann ich nach Kuba zurück kann.
Und dann fühle ich mich sicher auch da wie ein Ausländer.
Ausländer in Deutschland, Ausländer in Kuba.
Immer Ausländer.
Fußball
Der Weg nach Hause ist weit.
Mit dem Bus braucht Pedro eine halbe Stunde.
Aber er will nicht mit dem Bus fahren.
Er will lieber zu Fuß gehen.
Er geht schnell.
Sein Weg führt an seiner Schule vorbei.
Ein schönes, modernes Gebäude mit einer großen Turnhalle.
Es gibt doch einen Fußballplatz.
Pedro bleibt stehen.
Die Mannschaft seiner Schule trainiert dort.
Eine gute Mannschaft.
Vielleicht wird sie dieses Jahr Landesmeister.
Jochen, Petros Banknachbar, ist der beste Spieler.
Vielleicht wird er auch Profispieler in der deutschen U21-Mannschaft.
Pedro hat noch nie auf diesem Platz gespielt.
Er ist groß mit einer überdachten Tribüne.
In Kuba gibt es nur wenige so schöne Plätze.
Der Eingang steht offen.
Pedro sieht sich um.
Kein Mensch zu sehen.
Die hat jemand offen gelassen, denkt er.
Da liegt noch ein Ball.
Pedro dribbelt ein bisschen.
Dann schießt er den Ball ins Tor.
Wen haben wir denn da?
Ein Mitschüler steht plötzlich hinter ihm.
Hans.
Am Rand des Spielfelds stehen auch die anderen.
Pedro kennt sie alle.
Frank, Jochen, Thomas, Vanessa und Susanne.
Spiel doch weiter, ruft Jochen.
Das war gar nicht schlecht.
Pedro will nicht.
Du kannst es wohl doch nicht, wie?
Das ist zu viel.
Zu Hause war ich der Beste.
Meine Damen und Herren, der beste Spieler von ganz Kuba.
Aber die anderen lachen nicht.
Als was hast du denn gespielt?
fragt Jochen interessiert.
Als Mittelstürmer.
Wie ich?
Jochen nimmt den Ball, legt ihn auf den Rasen und schießt ihn ins Tor.
Bravo.
Jochen holt den Ball und gibt ihn Pedro.
Und jetzt du.
Pedro geht langsam rückwärts.
Erst 30 Meter vom Tor bleibt er stehen.
Das kann er nicht schaffen.
Ein Dritt.
Der Ball fliegt.
Tor.
Super.
Wirklich gut.
Vanessa sagt nichts mehr.
Willst du nicht in unserer Mannschaft mitspielen?
Du meinst, das geht?
Morgen spreche ich mit dem Trainer.
Ja, dann bis morgen.
Pedro geht.
Eine Hand legt sich auf seinen Arm.
Es ist Susanne.
Ich komme mit.
Nein, ich komme mit.
Hast du keine Angst?
Ach was.
Ich bin hier zu Hause.
Angst wovor denn?
Es wird schon dunkel.
Und du bist ein Mädchen.
Und hier ist um diese Zeit kein Mensch mehr unterwegs.
Wo wohnst du denn?
Nur ein paar hundert Meter von hier.
Dann bringe ich dich nach Hause.
Susanne lächelt.
Ist der lieb, denkt sie.
Ein richtiger Kavalier.
Hoffentlich sehe ich dich bald spielen.
Nun mal langsam.
Sie haben ja noch nicht einmal erlaubt, bei Ihnen mitzuspielen.
Bestimmt fragen sie dich gleich morgen.
Susanne ist sich da ganz sicher.
Und?
Du sprichst jetzt wirklich gut Deutsch.
Vor Susannes Haustür umarmt er sie und gibt ihr einen Kuss auf die Wange.
Bis morgen, Susanne.
Bis morgen.
Sie bleibt vor der Tür stehen und sieht ihm nach.
Diese starken Beine, die breiten Schultern, die dunklen lockigen Haare.
Susanne, sagt sie zu sich.
Er ist in Vanessa verliebt.
Und ich verliebe mich immer in den Falschen.
Oder?
Petro geht in der Novemberkälte nach Hause.
Aber ihm ist nicht kalt.
Und die Stadt ist ihm nicht mehr fremd.
Zum ersten Mal ist er in Deutschland fast glücklich.
Das Spiel.
Am nächsten Morgen gibt es einen Mathe-Test.
Petro hat viel dafür gelernt.
Denn Mathematik ist in Deutschland anders als in Kuba.
Und es ist nicht leicht für ihn.
Du bist hier Ausländer und musst besser sein als die anderen,
sagt sein Vater immer wieder.
In der Pause sieht er Jochen mit dem Sportlehrer sprechen.
Vielleicht sprechen sie über mich, denkt Petro.
Soll er Jochen fragen?
Nein.
Petro wartet.
Wenn nicht, dann nicht.
Sollen sie doch ohne mich spielen.
Samstagnachmittag spielt die Schülermannschaft Gelsenkirchen gegen Wanne Eickel.
Spielst du auch mit?
fragt Susanne.
Nein.
Jochen hat mit mir nicht mehr über die Mannschaft gesprochen.
Das kann doch nicht sein.
Hast du ihn denn nicht mehr gefragt?
Nein.
Vielleicht hat er das vergessen, sagt Susanne.
Aber sie glaubt das selbst nicht.
Sie sieht ihn an.
Aber du kommst doch zum Spiel.
Wir können zusammen hingehen.
Hast du keine Lust?
Petro antwortet nicht.
Er hat keine Lust, andere Leute spielen zu sehen.
Wenn er selbst nicht spielen kann.
Petro, ein Fußballspiel.
Unsere Mannschaft spielt gut.
Komm doch mit.
Na gut.
Viele Leute kommen das Spiel sehen.
Das Stadion ist voll.
Die meisten Schüler sind da.
Auch Lehrer und Eltern sind gekommen.
Und viele, die nichts mit der Schule zu tun haben.
Siehst du.
Siehst du, wie viele Leute da sind.
Die kommen, weil es hier guten Fußball zu sehen gibt.
Sie setzen sich zu den anderen aus ihrer Klasse.
Das Spiel beginnt.
Mal hat die eine Mannschaft den Ball.
Dann die andere.
So geht es eine Zeit lang hin und her.
Da nimmt Jochen einem Gegenspieler den Ball ab.
Er schießt sie nach vorne.
Läuft hinterher.
Zwei Spieler der anderen Mannschaft wollen ihn aufhalten.
Aber er ist schneller.
Er schafft es bis ganz nah ans Tor.
Eine zehntel Sekunde Pause.
Konzentration.
Schuss.
Der Ball fliegt über den Rasen.
Tor.
Jochen umarmt seine Mitspieler.
Das Spiel geht weiter.
Wieder ist Jochen am Ball.
Wieder läuft er auf das Tor zu.
Doch ein Gegenspieler tritt ihm gegen das Bein.
Faul.
Jochen liegt auf dem Rasen und hält sich das Bein.
Er will aufstehen.
Es geht nicht.
Die anderen Spieler helfen ihm und bringen ihn vom Feld.
Er spricht mit dem Trainer.
Sie schauen auf die Tribüne.
Sehen sie Pedro an.
Dann kommt auch der Trainer zu Pedro auf die Tribüne.
Du heißt Pedro, stimmt's?
Ja.
Pedro, ich habe niemanden, den ich aufs Feld schicken kann.
Heute sind alle krank.
Du weißt schon, diese dumme Grippe.
Willst du es nicht versuchen?
Ich gebe dir zehn Minuten.
Wenn es nicht gut läuft, bist du draußen.
Typisch deutsch, denkt Pedro.
Alles klar.
Zweite Halbzeit.
Ein Tor für die andere Mannschaft.
Es steht 1 zu 1.
Pedro steht auf dem Feld.
Seit wann war er nicht mehr bei einem richtigen Spiel dabei?
Seit vier oder fünf Monaten?
Oder ist es noch länger her?
Aber jetzt fühlt er sich wie zu Hause.
Das Stadion ist sein Zuhause.
Er läuft.
Da ist der Ball.
Pedro nimmt ihn dem Gegenspieler ab.
Übers Mittelfeld.
Er trippelt den Ball an zwei Gegnern vorbei.
Schafft er es bis ans Tor?
Ein dritter Spieler steht vor ihm.
Pedro sieht nur den Ball.
Er tanzt um den Gegner herum.
Der Ball ist frei.
Vor ihm das Tor.
Pedro schießt.
Tor!
Das Publikum brüllt.
Auf der Tribüne fragt man jetzt.
Wer ist denn das?
Wie heißt er?
Pedro! Er heißt Pedro!
Nur den Namen.
Mehr brauchen sie nicht.
Immer wieder rufen sie seinen Namen.
Pedro! Pedro! Pedro!
Das Spiel geht weiter.
Ein Tor für die Mannschaft aus Wanne-Eickel.
Die Verteidigung ist zu schwach,
kommentiert Jochen auf der Reservebank.
Die Verteidigung!
Noch fünf Minuten.
Wieder ist Pedro am Ball.
Zwischen ihm und dem Tor stehen zwei Gegenspieler.
Links von ihm steht ein anderer Gelsenkirchener, Jens.
Pedro gibt den Ball ab.
Jens läuft nach vorne, will schießen.
Da kommt ein Gegenspieler und tritt ihn von hinten ans Bein.
Jens fällt zu Boden.
Noch ein Foul.
Der Schiedsrichter pfeift.
Elfmeter.
Pedro soll den Elfmeter schießen.
Pedro steht elf Meter vor dem Tor.
Es ist still im Stadion.
Pedro konzentriert sich.
Dem Kopf zwischen den Schultern
läuft er ein Stück und tritt gegen den Ball.
Der Ball fliegt über dem Kopf des Torwarts ins Tor.
Tor!
Pedro! Pedro! Pedro!
3 zu 2.
Pedro der Goldjunge.
Pedro ist immer noch derselbe,
aber sein Leben hat sich sehr verändert.
Pedro ist jetzt der Star der Fußballmannschaft.
Alle kennen ihn.
Man nennt ihn den Goldjungen,
El Pibe de Oro,
wie sie vor vielen Jahren Diego Maradona genannt haben.
Diego Maradona ist klein und sieht ein wenig plump aus.
Pedro ist groß und dünn.
Maradona kommt aus Argentinien
und er ist aus Kuba.
Aber das ist nicht so wichtig.
Beide sprechen Spanisch
und beide werden auf dem Spielfeld zu Zauberern.
Sofort nach dem Spiel
hat der Trainer mit Pedro gesprochen.
Willst du bei uns mitspielen?
Na klar. Als was denn?
Als Mittelstürmer natürlich.
Neben Jochen.
Petros Tage sind jetzt sehr stressig.
Morgens geht er in die Schule,
nachmittags lernt er
und dann geht er zum Training.
Dreimal pro Woche.
Am Wochenende muss er spielen.
Seine Mutter macht sich Gedanken.
Pedro, ist das nicht alles zu anstrengend für dich?
Du hast ja keine freie Minute mehr
und du schläfst zu wenig.
Um Mitternacht gehst du ins Bett
und um sechs Uhr bist du schon wieder auf den Beinen.
Da hast du recht.
Aber morgens muss ich mir noch einmal ansehen,
was ich gelernt habe.
Auf Deutsch ist alles so schwierig.
Wenigstens abends brauchst du doch ein bisschen Ruhe.
Das Training dauert immer so lange.
Das Training?
Das macht mir doch Spaß.
Pedro führt jetzt ein anstrengendes Leben.
Das ist richtig.
Aber das gefällt ihm so.
Wenn er über das Spielfeld läuft,
dem Ball hinterher,
wenn er am Gegner vorbei dribbelt
und natürlich wenn der Ball ins Tor geht
und das Publikum brüllt
Tor! Tor!
Das macht ihn glücklich.
Er schreibt es auch Juan.
Ich habe Freunde gefunden.
Ausländer oder Deutscher,
das ist den anderen jetzt egal.
Ich bin ein guter Fußballspieler.
Und nicht nur das.
Ich bin Pedro, ihr Freund.
Das ist richtig.
Pedro ist jetzt nicht mehr allein.
Oft geht er mit seinen neuen Freunden aus,
mit denen von der Mannschaft
und auch mit Mädchen.
Auch heute, am Donnerstag.
Nach dem Training fahren sie alle zusammen ins Stadtzentrum.
Sie gehen eine Pizza essen.
Die Jungen aus der Mannschaft,
Hans und Jens,
die Verteidiger
und Thomas, der Torwart.
Vanessa und Susanne,
Franziska und Jessica kommen auch mit.
Pedro sitzt neben Jochen.
Sie sind jetzt Freunde.
Mit Jochen kann Pedro über alles sprechen.
Gehst du nicht mehr mit Vanessa?
Man sieht euch gar nicht mehr zusammen.
Nein, das ist vorbei.
Aber...
Ja?
Pedro, ich weiß, dass dir Vanessa gefällt.
Vergiss sie. Die ist nichts für dich.
Warum denn nicht?
Wenn Pedro sich etwas in den Kopf setzt...
Was ist eigentlich mit Susanne?
Die mag dich, das sieht man.
Hübsch ist sie auch und gar nicht blöd.
Nicht so wie Vanessa.
Susanne?
Eine Freundin, nicht mehr.
Hinten am Tisch sitzt Vanessa neben Jens.
Jens Petersen aus der Klasse über ihnen.
Der Typ da,
sagt Jens zu Vanessa,
der geht mir total auf die Nerven.
Der muss weg.
Er meint Pedro, den Mittelstürmer.
Jens spielt jetzt in der Verteidigung.
Das gefällt ihm nicht.
Da kommt dieser Ausländer
und nimmt mir einfach meinen Platz weg.
Das ist nicht richtig.
Vanessa findet das auch.
Nach dem Essen gehen Pedro und Susanne
zusammen nach Hause.
Wie immer sprechen sie viel,
über Gott und die Welt.
Pedro hört ihr gern zu.
Mit Susanne ist es nie langweilig.
Gehen wir morgen Abend
zusammen ins Kino?
Es läuft das Wunder von Bern und...
Er spricht nicht zu Ende.
Oh ja, super!
Zum ersten Mal lädt Pedro sie ein.
An der Tür umarmt er sie,
fester als sonst.
Susanne geht langsam nach oben
in ihre Wohnung.
Morgen! Morgen!
Vielleicht denkt er nicht mehr an Vanessa.
Vielleicht...
Sie ist glücklich.
Sie möchte singen und tanzen.
Zauberpillen!
Samstag gibt es ein wichtiges Spiel.
Pedros Mannschaft
steht auf dem zweiten Platz der Tabelle
und spielt heute gegen den Tabellenersten.
Pedro ist schon früh
auf dem Spielfeld.
Er will sich vor dem Spiel warm laufen
und Stretching machen.
Es ist kalt draußen
und für seine Muskeln ist das immer noch ein Problem.
Am Eingang zum Stadion
steht Vanessa.
Hallo Pedro!
Sie lächelt ihn an.
Ist die schön,
denkt Pedro.
Vanessa trägt einen engen Jeansrock und schwarze Stiefel.
Gehen wir etwas trinken?
Was ist das?
Ein Traum?
Trinken?
Vor dem Spiel?
Ich möchte ja gern, Vanessa,
aber es geht nicht.
Eine Cola?
Ein Glas Mineralwasser vielleicht.
Ach, dieser Sportler!
sagt sie und lächelt wieder.
Zusammen gehen sie
ins Café am Stadion.
Es ist noch leer.
Zwei Stunden vor dem Spiel.
Vanessa spricht mit ihm und lächelt.
Was ist denn nur los?
fragt er sich.
Warum ist sie so nett zu mir?
Hat dir jemand einen Zaubertrank gegeben?
In der Klasse haben sie gestern
die Geschichte von Tristan und Isolde gelesen.
Die trinken da so etwas
und verlieben sich.
Gibt's das?
fragt sich Pedro.
Naja, man weiß ja nie.
Er braucht keinen Zaubertrank.
Er ist sowieso schon
bis über beide Ohren verliebt.
Sie setzen sich an einen Tisch.
Pedro holt eine Tasse Kakao für Vanessa
und ein Glas Wasser für sich selbst.
Sie sprechen über die Schule
und über Fußball.
Sie nimmt seine Hand
und sieht ihm tief in die Augen.
Du wirst sicher einmal
ein großer Fußballspieler.
Dann stehen sie auf.
Pedro muss gehen.
Sie umarmt ihn
und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
So glücklich ist Pedro noch nie gewesen.
Nicht einmal wenn er ein Tor schießt.
Er geht in den Umkleideraum.
Drei seiner Freunde sind schon da.
Na, wie geht's?
fragt er Jochen.
Nicht schlecht. Und bei dir?
Wunderbar.
Weißt du das?
Pedro kann nicht zu Ende sprechen.
Der Trainer kommt herein.
Er sieht böse aus.
Was gibt's?
Ich muss Kontrolle!
Macht eure Taschen auf, Jungs!
Pedro, deine Tasche!
Ja, aber meine Tasche?
Warum?
Der Trainer nimmt Petros Tasche
und nimmt die Schuhe heraus.
Dann das T-Shirt, die Shorts,
ein Handtuch und ein kleines Päckchen.
Was ist das?
Pedro antwortet nicht.
Pedro!
Ich warte!
Ich weiß es nicht.
Das ist nicht meins.
Nie gesehen.
Der Trainer macht das Päckchen auf.
Nun?
Vier kleine Schachteln sind im Päckchen.
Schachteln mit Tabletten.
Der Trainer liest, was auf den Schachteln steht.
Tabletten.
Pedro versteht nicht.
Was für Tabletten?
Zauberpillen.
Was der Spieler so braucht.
Damit läuft er schneller, reagiert schneller
und wird nicht müde.
Pedro versteht noch immer nicht.
Was heißt das?
Mensch, Doping!
Pedro, das ist Doping!
Keiner sagt mir etwas.
Das sind nicht meine.
Davon wusste ich nichts.
Pedro weiß nicht, was er sagen soll.
Okay, Pedro, das war's dann.
Du kannst nach Hause gehen.
Du spielst nicht mehr mit.
Nie wieder!
Aber ich habe...
Nimm deine Tasche und geh!
Und komm mir nicht wieder unter die Augen!
Vorbei.
Pedro versteht die Welt nicht mehr.
Und die hier, die nehme ich mit.
Der Trainer geht.
Das Päckchen mit den Tabletten in der Hand.
Die anderen Jungen sagen nichts.
Auch Jochen nicht.
Pedro nimmt seine Tasche und geht zu ihm.
Ich habe nichts mit diesen Tabletten zu tun.
Aber du glaubst mir ja wohl auch nicht, oder?
Jochen sieht Pedro nicht an.
Wir spielen fair.
Doping gibt's bei uns nicht.
Pedro geht.
Es hat keinen Sinn mehr.
Da kann er tausendmal sagen.
Ich nehme diese Zauberpillen nicht.
Niemand glaubt ihm.
Das Päckchen hat in seiner Tasche gelegen.
Wer hat es in die Tasche gelegt?
Wann und wie?
Pedro sucht Hilfe.
Pedro will noch nicht nach Hause gehen.
Er ist zu traurig.
Mehr als traurig.
Er weiß nicht, wie es weitergehen soll.
Jetzt darf er nicht mehr mitspielen.
Die Freunde wollen nichts mehr von ihm wissen.
Alle.
Niemand glaubt, was er sagt.
Doch, es gibt jemanden, der ihm glaubt.
Susanne.
Ich muss mit Susanne sprechen, denkt er.
Aber Susanne ist nicht zu Hause.
Sie ist im Stadion mit den anderen.
Soll ich hingehen?
Das geht nicht.
Dann fragen mich alle.
Oder sie wissen es schon.
Ich muss sie anrufen.
Das Handy.
Susanne hat ihm ihr altes geschenkt.
Sie hat ein neues Modell.
Susanne antwortet sofort.
Pedro, warum bist du nicht...
Ich spiele heute nicht mit.
Warum denn nicht?
Geht es dir nicht gut?
Nein, doch.
Es ist etwas passiert.
Was denn?
Das kann ich dir am Telefon nicht sagen.
Können wir uns treffen?
Im Café hinter dem Stadion?
Okay, ich komme.
Willst du nicht erst das Fußballspiel sehen?
Ohne dich? Nein.
Fünf Minuten später treffen sie sich im Café.
Hier ist Pedro heute schon einmal gewesen.
Das war vor etwas mehr als einer Stunde.
Da war die Welt noch in Ordnung.
Und jetzt?
Wie siehst du denn aus?
Sag schon.
Was ist passiert?
Pedro erzählt dir alles.
Susanne kann es nicht fassen.
Wie können die Tabletten in deine Tasche gekommen sein?
Pedro sieht sie an.
Also glaubst du mir?
Natürlich.
Ich kenne dich doch.
Sind wir Freunde oder nicht?
Danke.
Aber es muss doch eine Erklärung geben.
Wie sind die Pillen?
Oder besser, wer hat die Pillen in die Tasche getan?
Und warum?
Wir brauchen das Motiv.
Was willst du damit sagen?
Hast du vor dem Spiel jemanden getroffen?
Ja, Vanessa und sie...
Vanessa?
Wir sind zusammen hier ins Café gegangen.
Ich habe natürlich nur ein Glas Wasser getrunken.
Sie war...
Sie war so nett zu mir.
Vanessa zu dir?
Moment mal.
Du hast die Getränke geholt, oder?
Natürlich.
Und deine Tasche hast du hier am Tisch stehen lassen.
Was denn sonst?
Dann hat sie das Päckchen in deine Tasche getan.
Vanessa?
Aber nein.
Wie kannst du...
Also, mein lieber Pedro.
Erstens, Vanessa mag keine Ausländer.
Zweitens, Vanessa hasst dich.
Denn du spielst besser als ihr Jens.
Du bist der beste Spieler der Mannschaft.
Ich war der Beste.
Lass mich nur machen.
Die Mannschaft verliert das Spiel.
Ohne Pedro hatte sie keine Chance.
Alle wissen, was passiert ist.
Alle reden darüber.
Auch abends nach dem Spiel.
In der Pizzeria.
Alle haben schlechte Laune.
Vor allem Jochen.
Pedro gedopt.
Es ist wirklich nicht zu glauben.
Ich kann es nicht glauben.
Du hast er doch gesehen.
Die Tabletten waren in seiner Tasche.
Ich habe es mir schon gedacht,
wie der gelaufen ist.
Ach was?
Jochen lässt sie nicht ausreden.
Pedro ist ein großartiger Spieler.
Großartig,
fragt Jens ironisch.
Mit einem Kilo Tabletten im Bauch
spielt auch mein Großvater ganz großartig.
Niemand lacht.
Selten ist das ja nicht,
weiß Hans.
Es sind doch alle gedopt.
Alle großen Sportler.
Fahrradfahrer, Marathonläufer,
Fußballspieler.
Und in der DDR
hat das der Staat selbst organisiert.
Jochen hört ihm nicht zu.
Er denkt an Pedro,
der nicht mehr mitspielt.
Montag sind sie alle in der Schule.
Ein Tag wie jeder andere.
Nicht für Pedro.
Er kommt um acht.
Keine Minute zu früh.
Es ist still in der Klasse.
Alle sehen ihn an.
Wie am ersten Tag.
Aber diesmal sind die anderen nicht neugierig.
Sie sind böse.
Pedro nimmt seine Tasche
und setzt sich neben Susanne.
Sie lächelt ihn an.
Die wissen es alle schon.
Stimmt's?
Ich glaub schon,
aber mach dir keine Gedanken.
Das wird schon wieder.
In der Pause geht Pedro mit Susanne
nach draußen.
Jens, Franz und Hans warten auf ihn.
Pedro, siehst nicht gut aus heute.
Hast du keine Tablette mehr?
Findet er nicht?
Der ist blass heute, unser Pedro.
Alle lachen.
Pedro antwortet nicht.
Komm, lass die doch.
Aber Jens steht schon neben ihm.
Ganz klein heute,
unser großer Mittelstürmer, was?
Ohne seine Tabletten läuft natürlich nichts.
Das ist zu viel.
Pedro brüllt.
Ich nehme keine Tabletten
und habe nie welche genommen.
Du, du!
Susanne nimmt ihn am Arm.
Komm schon, keine Dummheiten, Pedro.
In der vierten Stunde
haben sie Sport.
Alle gehen in die Turnhalle.
Susanne geht zur Lehrerin.
Vanessa geht es heute nicht so gut.
Ich bleibe bei ihr, sagt sie.
Vanessa?
Was hat sie denn?
Bauchschmerzen.
Ich dachte, ich gehe mit ihr einen heißen Tee trinken.
Vielleicht wird es dann besser.
Na gut, dann geht mal euren Tee trinken.
Aber die beiden gehen nicht Tee trinken.
Sie gehen in den Aufenthaltsraum.
Nun sag schon.
Was gibt's denn?
Vanessa versteht nicht,
warum Susanne sie hierher gebracht hat.
Ich wollte mit dir über Jochen sprechen.
Über Jochen?
Mit dem, das hat doch Zeit bis nach der Schule.
Nein.
Susanne sieht jetzt sehr ernst aus.
Nein?
Jochen hat mir gesagt, er will zum Trainer gehen
und ihm von dir erzählen.
Von mir?
Vanessa wird langsam unruhig.
Ja.
Diese Geschichte mit den Tabletten in Petros Tasche
geht ihm nicht aus dem Kopf.
Und da gibt es etwas, was er dem Trainer...
Was denn?
Vanessa ist jetzt sehr blass.
Heute Morgen vor dem Spiel
hat Jochen dich mit Pedro ins Café gehen sehen.
Das hat ihn natürlich neugierig gemacht.
Ich kann doch wohl ins Café gehen,
mit wem ich will.
Jochen hat euch durch das Fenster gesehen.
Pedro ist aufgestanden und hat die Getränke geholt.
Und du?
Ich? Was?
fragt Vanessa böse.
Du hast das Päckchen in Petros Tasche gelegt.
Das glaubst du doch selber nicht.
Ich?
Ich soll dem Kubaner da...
Jochen hat es gesehen.
Frag ihn selbst.
Aber vielleicht hat er es ja schon dem Trainer gesagt.
So etwas tut Jochen nicht.
Was du getan hast, war auch nicht sehr schön.
Das ist nicht wahr.
Ich habe nichts getan.
Pedro hat nichts getan, Vanessa.
Alle haben ihn gern.
Und jetzt mag ihn niemand mehr.
sagt Vanessa triumphierend.
Das ist der richtige Moment.
Susanne fragt.
Was hast du denn gegen Pedro?
Warum hasst du ihn so?
Den? Hassen?
Das glaubst du doch selbst nicht.
Ja, und jetzt weiß ich auch warum.
Er spielt besser als Jochen.
Viel besser als Jens.
Und als alle anderen.
Ein Ausländer, nicht wahr?
Das darf nicht sein.
Vanessa sagt nichts.
Susanne spricht weiter.
Pedro ist der Beste.
Nicht nur beim Fußball, auch in der Schule.
Leider spricht er Deutsch wie ein Baby.
Aber er lernt schnell.
Und Deutsch ist nicht seine Muttersprache.
Bei ihm zu Hause...
In Kuba.
Warum ist er nicht in Kuba geblieben?
Bei seinen Kamelen.
Die kommen hier zu uns und glauben,
sie machen alles besser.
Alles nehmen sie sich.
Alles was?
Alles. Er ist jetzt unser Mittelstürmer.
Pedro, der Star.
Hast du nicht gehört, wie die Leute
ihm applaudiert haben?
Wie sie brüllen Pedro, Pedro, Pedro.
Und darum hast du ihm das Päckchen
in die Tasche gelegt.
Vanessa sieht sich um.
Der Aufenthaltsraum ist leer.
Ja, ich habe ihm das Päckchen
in die Tasche gelegt.
Jens hat es mir gegeben.
Es war nichts schwierig.
Und es hat gut funktioniert, oder?
Pedro, Pedro, das ist jetzt vorbei.
Danke Vanessa.
Das wollte ich nur hören.
Vanessa sieht sich um.
Aber Susanne, was soll denn das?
Das glaubt dir niemand.
Du bist Pedros Freundin
und niemand wird...
Susannes Tasche ist offen.
Sie zieht ihr Handy heraus und sagt laut.
Okay.
Die Tür zum Aufenthaltsraum geht auf.
Jochen und Hans stehen da.
Jeder sein Handy in der Hand.
Sie lächeln.
Alles klar?
Klar ist klar, sagen die beiden.
Happy End.
Es ist Samstag.
Ein Frühlingssamstag.
Die Sonne scheint über Gelsenkirchen.
Die Mannschaft steht schon auf dem Feld.
Elf junge Männer.
Jochen, Hans, Harry,
Andreas, Thomas,
Michael, Lars,
Peter, Kevin,
Rainer und
Pedro.
Das Publikum ruft seinen Namen.
Er ist wieder da.
Pedro, Pedro, Pedro,
Pedro, Pedro,
Auf der Tribüne sitzt Susanne,
seine Freundin.
Wenn ich heute ein Tor schieße,
ist es für dich!
Er sieht sie an und wirft ihr einen Kuss zu.
Vor dem Spiel geht Jochen zu ihm
und legt ihm eine Hand auf den Arm.
Pedro,
heute müssen wir gewinnen!
Pedro lächelt.
Wir tun, was wir können, oder?
Mehr! Besser!
Petro und Jochen sind jetzt Freunde. Er war der erste, der sich bei Petro entschuldigt hat.
Tut mir leid, wirklich. Warum habe ich dir nicht geglaubt? Wir sind doch Freunde.
Petro hat ihm die Hand gegeben und nichts gesagt.
Alle sind ins Stadion gekommen. Nur Vanessa und Jens sind nicht da.
Seit ein paar Tagen kommen sie auch nicht mehr in die Schule.
Man sagt, sie wollen die Schule wechseln.
Am Montag wird in Petros Klasse gefeiert. Petro steht im Mittelpunkt.
In der linken Hand hält er den Pokal. Mit der rechten umarmt er Susanne.
Eine Mitschülerin bittet ihn um ein Autogramm. Alle lachen.
Lacht nur. Es dauert nicht mehr lange, dann sehen wir Petro nur noch im Fernsehen.
Hat sie recht. Petro bleibt nicht bei seiner Schulmannschaft. Die Zeitung schreibt über ihn.
Ein Trainer der Jugendmannschaft von Schalke 04 will den Goldjungen aus Kuba haben.
Auch Borussia Mönchengladbach ist interessiert.
Doch Mönchengladbach, sagt Petro, ist zu weit weg.
Er will für Gelsenkirchen spielen. Dort ist er zu Hause. Dort wohnt Susanne.
Und Kuba? Das hat er natürlich nicht vergessen. Er schreibt immer noch an seinen Freund Juan.
Lieber Juan, jetzt geht es mir gut. Sehr gut hier. Ich habe viele Freunde.
Ich bin mit Susanne zusammen. Weißt du noch? Sie war von Anfang an nett zu mir.
Auch die Stadt gefällt mir gut. Ich soll jetzt in der Jugendmannschaft von Schalke 04 spielen.
Aber ich denke oft an Kuba und an euch alle. Ich hoffe, ich kann euch bald besuchen.
Bis bald. Petro.