Die Türkei führt seit Jahren Krieg gegen kurdische Milizen in Syrien. Dabei kommen auch deutsche Waffen zum Einsatz – und das, obwohl der wissenschaftliche Dienst des Bundestages den türkischen Angriff als völkerrechtswidrig bezeichnet hat. Worum geht es Ankara in diesem Konflikt? Das erklären wir in unserem heutigen Video.
Kapitel 00:00 Intro 00:26 Wie ist die Situation im Nordosten Syriens? 01:18 Hintergründe des Konflikts 03:25 Geschichte der PYD 04:27 Invasionen türkischer Truppen 06:17 Was hat das alles mit Deutschland zu tun? 08:08 Was ist Eure Meinung?
Das ist das CRISIS-Team: Regie & Inhalt: Konstantin Flemig Producer: Marlene Mogk Produktionsleitung: Christopher Wohlert Kamera & Schnitt: Markus Maiwald Design & Thumbnail: Monika Mitko Redaktionshilfe: Amelie Theuer Produktionsfirma: objektiv media GmbH für funk
In den kurdischen Gebieten Syriens führt ein NATO-Staat Krieg.
Aber worum geht es der Türkei in diesem Konflikt? Und welche Rolle spielt Deutschland bei dem Ganzen?
In dieser Folge von Crisis wollen wir uns genau diese Fragen mal anschauen.
Hallo, ich bin Konstantin und ich konnte mir erst vor wenigen Wochen selbst einen Eindruck davon machen,
wie die Lage im Nordosten Syriens, der hauptsächlich von Kurden bewohnt wird, wie diese Situation da gerade ist.
Ich kann nur sagen, sie ist nicht besonders gut.
Wenn man da glaubt, nur weil man gerade weniger über den Konflikt hört, dass er deswegen aufgehört hätte,
das ist leider nicht der Fall.
Die Leute dort machen sich große Sorgen, sie haben Angst, sie leben in Unsicherheit.
Tausende und Abertausende Menschen leben immer noch in Flüchtlingslagern dort,
weil sie vor Angriffen der türkischen Armee geflüchtet sind.
Es gibt regelmäßig Artilleriebeschuss, es gibt Beschüsse von Drohnen.
Und die Menschen haben einfach große, große Angst, dass es wieder zu einem neuen großen Krieg kommen könnte,
zu einem Einmarsch der Türkei mit Bodentruppen.
Wenn ihr sehen wollt, was ich dort erlebt habe in Nordosten Syriens, dann schaut euch diese Reportage an.
Da seht ihr dann auch meine ganzen Erlebnisse und vor allem auch meine Gespräche mit den Menschen vor Ort.
Wenn wir uns anschauen wollen, was die Hintergründe sind, wie es überhaupt dazu kommen konnte,
dann müssen wir ins Jahr 2011 zurückschauen, nämlich zum Beginn des sogenannten syrischen Bürgerkrieges.
Und den zu umreißen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest hier an dieser Stelle in diesem Umfang.
Das ist aber gerade für den Konflikt, der heute noch im Nordosten Syriens herrscht,
wichtig ist etwa die Entwicklung ab dem Jahr 2013.
Ab da verlor das Regime in Damaskus, also die Assad-Diktatur, die Kontrolle über große Teile des Landes,
unter anderem eben auch im Norden Syriens.
Und in dieses, sag ich mal, Machtvakuum, da stieß unter anderem eine kurdische Partei vor, die PYD.
Die zusammen mit anderen Parteien, auch mit christlichen Gruppen, auch mit arabischen Gruppen,
aber hauptsächlich unter Kontrolle der PYD, die erschuf da einen Protostaat, eine, sag ich mal, eine Selbstverwaltung.
Und diese Selbstverwaltung ab 2013, die geriet dann in den Konflikt mit einer anderen Gruppe im syrischen Bürgerkrieg,
nämlich mit den Dschihadisten und den Fanatikern des sogenannten Islamischen Staates.
Und innerhalb dieses Konfliktes zwischen den syrischen Kurden und ISIS, dem sogenannten Islamischen Staat,
da kam es zu unfassbar grausamen Schlachten, unter anderem der Belagerung der Stadt Kobane,
später die Rückeroberung der Stadt Raqqa und noch viele andere.
In diesem Konflikt sind auch tausende Kurdinnen und Kurden gestorben, aber am Ende wurde der sogenannte Islamische Staat besiegt,
auch durch massive Hilfe des Westens, denn der hat die syrischen Kurden dort als seine Verbündeten gesehen
und hat sie mit Waffen ausgerüstet, hat sie mit Luftschlägen unterstützt
und amerikanische Elite-Soldaten haben sogar Seite an Seite mit diesen Kämpfern der Partei PYD gegen den Islamischen Staat gekämpft.
Und nach dem Sieg über diesen sogenannten Islamischen Staat sah es so aus, als würden Syriens, Kurden eine Selbstverwaltung da einrichten können,
einen de facto Staat, aber da haben sie die Rechnung ohne die Türkei gemacht.
Denn das ist ein ganz wichtiger Punkt, obwohl der Westen diese Partei, die PYD, als Verbündete angesehen hat,
sind sie für die Türkei nach wie vor Terroristen.
Und das hängt mit der Geschichte dieser PYD zusammen, die ging nämlich direkt aus der PKK hervor.
Die PKK, sorry für diesen ganzen Buchstabensalat gerade, aber die PKK ist eine kurdische Gruppe innerhalb der Türkei,
die dort seit den späten 70ern und besonders in den 80ern einen Guerillakrieg gegen die türkische Armee und die türkische Regierung führt,
Terroranschläge verübt hat und die auch deswegen sowohl in der Türkei als auch in den USA,
als auch in den meisten europäischen Staaten als Terrorgruppe klassifiziert wird.
Die PYD wird nicht als Terrorgruppe gelistet, obwohl sie aus dieser PKK entstanden ist.
Das ist etwas, worauf die Türkei immer hinweist, was sie stark kritisiert, denn die türkische Regierung sagt,
es gibt keinen Unterschied zwischen der PYD und der PKK und deswegen sind beides Terroristen.
Und das war schon immer ein großes Anliegen der Türkei, dass eben diese Partei nicht fast einen de facto Staat an der türkischen Grenze errichten kann.
Und das führte dazu, dass in den vergangenen Jahren die Türkei mehrere Male in Syrien, in diese kurdischen Gebiete einmarschiert ist.
Das erste Mal war 2016, damals war das etwa nördlich der Großstadt Aleppo
und damals hat sich die Türkei im Kampf gegen den islamischen Staat und gleichzeitig gegen die Einheiten der Kurden
einen kleinen Korridor gesichert, der verhindert, dass die kurdisch dominierten Teile im Westen des Landes,
also um das Gebiet Afrin herum, dass die eine direkte Verbindung zu den anderen Teilen dieser kurdischen Selbstverwaltungseinheit herstellen konnten.
Die zweite Invasion traf dann eben dieses Gebiet Afrin, das dann komplett erobert wurde.
Und die letzte dieser Invasionen, das war 2019, damals ist die Türkei dann auch mit verbündeten syrischen Rebellen,
dazu komme ich noch gleich, in dem Gebiet um Serekaniye und in anderen Städten einmarschiert
und hat sich einen großen Streifen Land gesichert, mehrere tausend Quadratkilometer mit hunderten von Städten und Dörfern,
die jetzt praktisch türkisch besetzt sind.
Und ich habe es ja gerade schon angedeutet, diese drei Invasionen, die hatten alle Gemeinsamkeiten,
nämlich, dass die türkische Armee massiv auf islamistische Gruppen zurückgegriffen hat,
also auf syrische Rebellen, die viele Verbindungen zu anderen dschihadistischen Gruppen hatten,
die zum Teil sogar selbst ehemalige Dschihadisten beinhaltet haben.
Und das war praktisch so das Kanonenfutter, das die türkische Armee oft vorgeschickt hat,
im Kampf gegen die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten.
Und eine andere Gemeinsamkeit ist, dass alle dieser Invasionen dazu geführt haben,
dass tausende und hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Und in diesen Gebieten, die jetzt von der Türkei kontrolliert werden,
wurden im Nachhinein oft ethnische Araber aus anderen Gebieten Syriens angesiedelt,
während oft Kurden, aber auch andere Araber vertrieben wurden.
Und diese Praxis wurde von Kritikern oft auch als ethnische Säuberung oder als Arabisierungspolitik bezeichnet.
Wenn ihr euch jetzt fragt, was hat das alles eigentlich mit Deutschland zu tun?
Eine ganze Menge. Nämlich zum Beispiel die Tatsache,
dass diese Kriege der Türkei oft auch mit deutschen Waffen geführt wurden.
Und ein sehr bekanntes Beispiel ist der Leopard 2 Kampfpanzer.
Einer der modernsten Panzer der Welt.
Und davon besitzt die Türkei über 350 Stück von Deutschland gekauft.
Und nur für die Größenverhältnisse.
Damit besitzt die Türkei, die türkische Armee, mehr von diesen deutschen Panzern als die deutsche Bundeswehr.
Und dieser Kampfpanzer kam eben auch bei den verschiedenen Militäroperationen in den kurdischen Gebieten Syriens zum Einsatz.
Was in den letzten Jahren immer wichtiger wurde als Waffe in diesem Krieg, das sind Drohnen.
Und das ist besonders eine Art von Drohne, die sogenannte Bayraktar TB2.
Die ist in der Ukraine jetzt auch im Einsatz und wurde dort so zum Symbol des Widerstandes gegen die russische Invasion,
weil sie sehr viele russische Panzer ausgeschaltet hat, auf Seiten der Ukraine.
In den kurdischen Gebieten Syriens ist der Ruf von dieser Drohne aber ein ganz anderer,
wie ich auch aus persönlicher Erfahrung bestätigen kann.
Da sind die nämlich massiv im Einsatz bei Bombardierungen von wichtigen Politikern oder Kämpfern der PYD.
Und diese Drohne wird auch mit deutscher Hilfe hergestellt.
Eine deutsche Firma liefert Elektronik, ohne die diese Drohne nicht funktionieren könnte.
Und die Bundesregierung ist sogar an dieser Firma beteiligt.
Das heißt, sowohl durch Panzer als auch durch Drohnen führt die Türkei gerade Krieg gegen die kurdische Partei im Nordosten Syriens mit deutschen Waffen.
Und das ist insofern besonders heikel, weil der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages in einem Gutachten zum Ergebnis kam,
dass die Türkei sich hier nicht selbst verteidigt, dass dieses Prinzip der Selbstverteidigung hier nicht angewandt werden kann
und dass deswegen diese Militäroperationen völkerrechtswidrig sind, während sie mit deutschen Waffen geführt werden.
Und wie immer interessiert mich jetzt eure Meinung.
Findet ihr, die türkischen Militäreinsätze in Syrien sind gerechtfertigt?
Findet ihr, sie sind nicht gerechtfertigt, sogar völkerrechtswidrig?
Und vor allem, was sollte die deutsche Politik da machen?
Schreibt es mir in die Kommentare und wie immer bin ich sehr gespannt, was ihr da zu sagen habt.
Und ich freue mich auch, selbst mit zu diskutieren und ich freue mich ganz besonders, wenn ihr Crisis weiterhin treu bleibt,
wenn ihr abonniert und auch beim nächsten Mal wieder dabei seid.
Bis dann und ciao.