Sind wir bereit für einen Angriff? Diese Frage stellen sich 20.000 Soldaten an einem Morgen im März an einem Flussufer irgendwo in Polen. „Steadfast Defender“ heißt das größte NATO-Manöver seit Ende des Kalten Krieges und wir sind exklusiv dabei: Wir begleiten Tim und seine Kameraden vom Brückenbatallion durch die Übungen, erfahren was multinationale Zusammenarbeit heißt und wie einsatzbereit das Material ist. Wo steht die NATO 75 Jahre nach ihrer Gründung?
Das ist das CRISIS-Team:
Autorin, Regie & Host: Cosima Gill Schnitt: Laura Köhler Kamera: Justus Hamberger Redaktionsleitung: Fabian Janssen & Juana Guschl Produktionsleitung: Nina Schäfer Illustrationen & Motion Design: Monika Mitko Thumbnail: Liv Brell Art Director: Christopher Hesse YouTube-Shorts, TikTok: Amelie Theuer Redakteur:innen: Amelie Theuer, Lisa Ossenbrink, Maya Schulz YT-Shorts, TikTok Schnitt: Linus Ludwig
Produktionsfirma: objektiv media GmbH Eine Produktion im Auftrag des SWR für funk.
(Militärische Rufe)
(Drängende Musik)
(off:) Sie üben in Polen für den Ernstfall.
Es ist Teil der größten NATO-Übung seit Ende des Kalten Krieges.
Jeder Panzer, der rollt, jedes Schiff, das segelt,
jedes Flugzeug, das fliegt,
gerade eben über unsere Köpfe hinweg, sendet doch eine Botschaft.
(off:) Und zwar die: Wir sind einsatzbereit.
(Drängende Musik)
Das Deutsch/Britische Pionierbrückenbataillon
nimmt uns mit bei der NATO-Übung. - Wir sollen uns beeilen, ne?
(off:) Sie sollen eine Fähre bauen, die Fahrzeuge transportieren kann.
Und sie sind von ihren Fähigkeiten überzeugt.
Wir sind halt einfach ... die Schnellsten.
(Drängende Musik)
(off:) Die NATO will zeigen, was sie drauf hat. Doch wo hakt es?
Die Geräte sind 40 Jahre alt.
Ja, wirkt manchmal so ein bisschen aus der Zeit gefallen.
(off:) Sind wir also wirklich bereit, sollte der Ernstfall eintreten?
(Dumpfe Klänge)
Wir sind in Korzeniewo unterwegs, im Nordwesten Polens.
Es ist sechs Uhr morgens.
Die Soldaten, die wir heute begleiten,
sind noch viel früher aufgestanden.
Moin, hi. - Hi, Tim.
Morgen. - Moin.
Tim, was trinkst du da am Morgen erst mal?
Es gibt keinen Kaffee, also muss es gute Energy sein.
Wie viele Stunden hast du geschlafen?
(Motorengeräusche)
Viereinhalb.
Hast du so ein bisschen jetzt auch den Ernstfall im Kopf
bei so einer Übung?
Weil wenn man sich hier umschaut,
sieht's ja danach eigentlich schon aus.
Ich sag mal, der ist jetzt erst mal nicht in Sicht.
Aber wir trainieren halt immer weiter dafür.
Ich wäre bereit, für Deutschland im schlimmsten Fall
auch mein Leben zu lassen.
Ich habe den Eid geschworen,
dass ich für die deutsche Bevölkerung da bin
und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes
so gut ich kann verteidige.
(off:) Tim ist Soldat
beim Deutsch/Britischen Pionierbrückenbataillon.
Mit ihm sind noch rund 20.000 Soldaten aus neun Nationen in Polen.
Ihr Training ist Teil der riesen NATO-Übung "Steadfast Defender".
(Angespannte Musik)
Was sagt so deine Familie, dein Freundeskreis dazu, was du machst?
Ja, manche sind so: "Ahh, dir kann ja was passieren!"
Ja, ist halt ein gewisses Berufsrisiko.
Ich kann auch morgen vom Bus überfahren werden.
Aber der Großteil findet es gut.
(off:) Tim hat einen Job:
Fähren bauen mit diesen Amphibienfahrzeugen.
Denn wenn Infrastruktur im Krieg zerstört wird,
soll sein Bataillon zum Beispiel Panzer über Flüsse transportieren.
Morgen, hi. - Morgen.
Wir müssen uns beeilen, ne? - So, zack.
(off:) Die Soldaten üben für einen NATO-Medientag morgen.
Wir dürfen einen Tag vorher
schon exklusiv beim Pionierbrückenbataillon dabei sein.
Der Ernstfall lauert im Hinterkopf,
denn Polen grenzt auch an die Ukraine.
(on:) So gesehen üben wir ja zusammen,
die Briten, die Franzosen, um halt unsere Ostflanke zu schützen.
Sonst haben wir mal geübt.
Nur jetzt mit dem realen Fall, was jetzt zustande gekommen ist ...
denkt man schon mehr darüber nach,
dass das wirklich auch in Kraft treten könnte.
(off:) Denn sollte ein NATO-Staat angegriffen werden,
wird es als Angriff gegen alle angesehen.
Tim und seine Kameraden würden dann wohl helfen,
Gewässer zu überqueren.
Also, das wird gleich zum Boot? - Das wird gleich zum Boot, genau.
Wichtig ist beim Aufsteigen, dass die Tür zu ist.
Sonst haben wir hier eine Badewanne drin.
(off:) Bevor die Amphibie ins Wasser fährt, geht's ab an Deck.
Gleich verwandelt sie sich in eine Fähre.
(on:) Wo sollen wir hin?
Wo sollen wir hin? Hm?
(Metallische Laute)
Okay.
(off:) Im Ernstfall würde alles wohl noch viel schneller gehen.
Es ist wohl noch die ruhigere und sichere Variante,
bei der wir mit an Bord sein dürfen.
(on:) Okay, jetzt geht's ins Wasser.
Hu! (Lachen)
Okay.
(Maschinengeräusche)
Schon irgendwie ein ... surreales Gefühl.
(off:) Eine Fähre besteht aus vier dieser Amphibienfahrzeuge.
Offenbar wird jetzt der Kran rübergefahren,
weil jetzt Rampen gesetzt werden müssen, haben sie mir gerade erklärt.
Ich meine, wenn man sich anguckt,
wie viele Amphibien hier gerade auf dem Wasser sind,
muss das einfach wahnsinnig gut abgestimmt sein.
Schau mal, da sieht man's schon.
Aus den einzelnen Rampen
wird dann wahrscheinlich gleich diese Fähre gebaut.
(Ferne Rufe)
(off:) Tims Einheit ist heute mit mehreren dieser Fähren im Einsatz.
Morgen, am großen Medientag der NATO, soll alles klappen.
(Ferner Ruf)
Es ist eine eingespielte Crew.
So eine Fähre kann zwei Kampfpanzer mit über 70 Tonnen Gewicht
in kurzer Zeit übersetzen.
(Metallische Laute, Motorengeräusche)
Dann können die Panzer verladen werden.
Ein Pressesprecher begleitet uns den ganzen Tag und passt auf,
wen wir fragen und was die Soldaten antworten.
Ganz wichtig: Es klappt hier alles.
Eine Botschaft, die wohl auch wir Journalisten rüberbringen sollen.
Das macht auch Tim klar.
(on:) Wie viele Minuten braucht ihr, um so eine Fähre zu bauen?
Also, das kommt immer drauf an.
Für eine 100-Meter-Brücke beispielsweise
bräuchten wir laut Vorschrift 20 Minuten.
Aber die Zeit, äh ... werden wir auch niemals brauchen.
(Motorengeräusche)
In der Regel vielleicht so zehn Minuten maximal.
(off:) Die Ladung und wir erreichen das andere Flussufer.
Wir haben erfolgreich dem Hochwasser getrotzt.
Hier direkt an der Weichsel zeigt die NATO
morgen Journalisten aus aller Welt, was sie drauf hat.
(on:) Alter Vater, liegt die tief im Wasser.
Das habe ich auch noch nicht gehabt.
(off:) Die Franzosen und Polen sind noch nicht so weit.
Sie bauen ihre Schwimmbrücken direkt daneben.
(on:) Linst man mal so rüber zu den Franzosen und den Polen,
wie die das so machen?
Ja, natürlich, man guckt sich das an.
Aber wir sind halt einfach ... die Schnellsten.
Wenn man das so sagen kann.
(off:) Denn die Franzosen und Polen haben andere Systeme.
Bei der NATO ist eben auch eine Herausforderung,
dass die Zusammenarbeit im technischen Bereich klappen muss.
Oft der Fall, aber nicht immer.
(Angespannte Musik)
Am Flussufer rollen die Amerikaner an.
Auch ihre Panzer sollen über den Fluss gebracht werden.
(on:) Zwei amerikanische Abrams kommen.
Alpha, Ende.
(off:) Oberleutnant Jan kümmert sich heute
um den Funk auf deutscher Seite.
Uns fällt das Material auf, mit dem er arbeitet. Es wirkt alt.
Also, das ist manchmal nicht so einfach,
weil die Verbindungen schwierig reinzukriegen sind.
Und, ja, die Geräte sind 40 Jahre alt.
Und, ähm, wenn man guckt, was für Technik man vor 40 Jahren hatte,
nicht nur bei den Funkgeräten, auch gerade wenn man aufs Internet guckt,
dann wirkt das manchmal so ein bisschen aus der Zeit gefallen.
(off:) Damit ist er offenbar nicht allein.
Die Schwierigkeiten mit den alten Funkgeräten
bei der Kommunikation mit NATO-Partnern
wird auch im aktuellen Wehrbericht erwähnt.
Doch nicht nur die technische Zusammenarbeit,
auch die kulturelle und sprachliche muss geübt werden.
(englisch:)
(off:) So ganz darf es hier keiner aussprechen.
Aber alle wissen, um was es bei der NATO-Übung auch geht.
(off:) Briten und Deutsche
üben auch außerhalb der NATO-Übung als Bataillon gemeinsam.
Gerade rollen die Spanier heran. Auch sie wollen übergesetzt werden.
Schon heute beim Übungstag des NATO-Manövers
treffen Soldaten vieler Nationen aufeinander.
(off:) Nach knapp sechs Stunden auf dem Wasser
geht es jetzt für Tim und seine Kameraden in die Pause.
Die Fähre aus den Amphibien wird abgebaut.
Und sie verwandeln sich zurück in Fahrzeuge.
(Dröhnen)
Jetzt gebt ihr aber Gas. - Ja.
Mittagspause. (Lachen)
Nudeln, Sauerkraut, irgendwie Krakauer da drin.
So schlecht ist es nicht.
Geht, ja? - Ja.
(off:) Tim und seine Kameraden
üben den ganzen Nachmittag auf dem Fluss weiter.
Morgen. Seid ihr bereit? - Klar. Immer.
Also, wir können dich auch heute nachts um zwei wecken?
Gar kein Problem. Und wir bauen einen astreine Fähre hin.
Okay, das ist eine Ansage.
(off:) Am nächsten Morgen ist es so weit.
Die NATO will zeigen, was sie kann.
Die Journalisten sind eingeladen auf eine Burg.
Zum ersten Briefing.
Vorgestellt wird die aktuelle Übung "Dragon-24" in Polen.
Eine von vielen in diesem Jahr.
(Es wird auf Englisch vorgetragen.)
(off:) Viele Karten, viele Statistiken, eine Botschaft.
(flüstert:)
(englisch:)
(off:) Danach werden wir Journalisten in vier Reisebusse verladen
und zum Flussufer gebracht.
Hier findet die Vorführung statt.
Also das sind Bilder, die die Medien auch machen sollen.
Das ist direkt neben dem Pressezelt.
(off:) Vor Ort sind viele Pressesprecher der NATO
und der einzelnen Nationen.
Ausgestellt werden Panzer wie in einem Museum.
Wir Journalisten werden auf einen Hang gelenkt.
(englisch:)
(off:) Schaffen es Tim und seine Kameraden,
alles wie geplant vorzuführen?
Die NATO will Stärke zeigen. Auf Wasser, an Land und in der Luft.
(Ohrenbetäubendes Dröhnen)
Mitgeplant hat das Manöver Brigadegeneral Gunnar Brügner.
(englisch:)
(Ohrenbetäubendes Dröhnen)
Das war ein Nachbrenner. - Also, das sind ...
Besser kann man doch nicht zeigen, wofür das Bündnis steht.
Das sind aber auch genau die Bilder, von denen Sie wollen,
dass sie um die Welt gehen, um zu zeigen,
die NATO ist einsatzbereit, oder? - Yes.
Jeder Panzer, der rollt, jedes Schiff, das segelt,
jedes Flugzeug, das fliegt, gerade eben über unsere Köpfe hinweg,
sendet doch eine Botschaft.
Wir stehen mit beiden Beinen auf dem Grund.
Wir können was bewegen.
Wir stehen für die Sicherheit des Bündnisses.
Und wir sind entschlossen, diese Fähigkeiten auch einzusetzen,
wenn das notwendig wird.
(off:) Geplant wurde das Manöver bereits vor rund drei Jahren,
also vor Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine.
Aber dann hat die Realität auch die Planer der NATO-Übung eingeholt.
(Brügner:) Wenn ich dann gleichzeitig sehe, dass das, was wir hier tun,
augenscheinlich ja auch in Russland ...
eng begleitet wird, gesehen wird,
kann ich nur hoffen, dass es auch verstanden wird.
Wenn diese Botschaft rübergeht:
Seht her, das sind wir, dafür stehen wir ein.
Das können wir tun.
Und wir sind auch entschlossen, diese Fähigkeiten einzusetzen,
sollten wir angegriffen werden,
dann möge diese Botschaft dort ankommen, wo sie hingehört.
(Ohrenbetäubendes Dröhnen)
(off:) Doch wie lange wird die NATO noch funktionieren wie heute?
Was, wenn die USA zur NATO weniger beitragen wollen?
Wenn Donald Trump wiedergewählt wird?
Immerhin zahlen die USA mehr als zwei Drittel der Verteidigungsausgaben
in der gesamten NATO.
Kann sich Europa auch ohne die USA verteidigen?
Für mich ist nicht so wichtig, was irgendein politischer Zirkel,
zum Beispiel in Washington, gerade sagt.
Für mich ist entscheidend, was die Amerikaner tun.
Die Vereinigten Staaten sind doch da.
(off:) Gemeint ist ihr Einsatz bei der Übung in Polen.
Und was sagen die Amerikaner selbst dazu?
(englisch:)
Puh ...
(englisch:)
(off:) Es sind die Fragen,
die uns Journalisten beschäftigen bei der Waffenschau der NATO.
Nicht bei allen Geräten ist klar, was sie können.
Jaja. (Technisches Surren, Lachen)
(off:) Am Ende des Medientags treffen wir erneut auf Tim.
Seine Bilanz zur heutigen Performance mit seinen Kameraden?
'Ne Eins. 'Ne glatte Eins.
Also läuft mit der Einsatzbereitschaft?
100-prozentig.
Es macht immer wieder Spaß.
Es ist ein schönes Gefühl, mit anderen Nationen ...
also dieses multinationale Zusammenarbeiten.
(off:) Dass die multinationale Zusammenarbeit klappt,
das haben wir am Medientag gesehen.
Bei 20.000 Soldaten in Polen sicher eine Herausforderung.
(Militärische Rufe)
(off:) 75 Jahre nach Gründung der NATO
sind solche Übungen wohl mehr notwendig denn je.
Denn die sicherheitspolitische Lage ist angespannt
und der Abstimmungsbedarf innerhalb der NATO sehr hoch.
Das haben uns die zwei Tage in Polen gezeigt.
(Angespannte Musik)