#IKGF#Prognose#Zukunft Dr. Christof Niederwieser gibt Einblicke in über 4.000 Jahre Vorhersagepraktiken der Menschheitsgeschichte. Dabei gibt es zahlreiche Kontinuitäten, Brüche und Fortschritte. Als Beispiele für Kontinuitäten nennt er unter anderem die verschiedenen Lehren der Physiognomik und der Chiromantie (vom Papyrus Ebers über chinesische Antlitzdeutung bis zu den Typenlehren von Kretschmer und Sheldon oder die 2D:4D-Theorie des 21. Jahrhunderts), die Temperamentenlehre (von Hippokrates bis zu den Tools der modernen Management-Diagnostik) und die verschiedenen zyklischen Ansätze der Geschichtsforschung (von archaischen Kalendern über die Geschichtsphilosophien von Oswald Spengler und Arnold Toynbee bis zu modernen Wirtschaftszyklen). Brüche finden wir beispielsweise bei der babylonischen Leberschau, dem Schildkröten-Orakel der Shang-Dynastie, dem Orakel von Delphi, den Auguren und Auspizien im Alten Rom, der Astrologie bis hin zur modernen Zukunftsforschung. Und schließlich gibt es eine Reihe von Fortschritten und Weiterentwicklungen.
Niederwieser erklärt zudem die interkulturellen und epochenübergreifenden sozialen Funktionen der Prognostik: prognostische Praktiken sind Grundlage von Ordnung und Planung, sie sind Macht- und Herrschaftsinstrumente und sie sind wichtig für Visionen und Sinngebung einer Gesellschaft.
Der Vortrag fand statt im Rahmen der Konferenz „Die Zukunft der Prognostik – Was wir heute und morgen vorhersagen können“ (23./24. Juli 2019, Heinrich-Lades-Halle Erlangen). Der Organisator der Konferenz, das Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) "Schicksal, Freiheit und Prognose", ist weltweit eines der größten interdisziplinären Forschungsprojekte über Prognostik. Es befasst sich seit 2009 mit traditionellen Formen der Zukunftsschau in den verschiedensten Kulturen und Epochen der Menschheitsgeschichte. Nun wird die kulturhistorische Perspektive auf Vorhersagen um Gegenwart und Zukunft erweitert in einer einzigartigen Zusammenschau.
Kamera, Ton, Schnitt: Wolfgang Rheindt, Michael Noack.
Ja, wie Prof. Lackner schon erwähnt hat, wir beschäftigen uns ja im IKGF mit den verschiedenen Entwicklungen der Vorhersage-Methoden.
Und wenn wir uns hier mal diesen Zeitraum anschauen, den das IKGF die letzten zehn Jahre geackert hat,
also schlicht die vergangenen 4.000 Jahre, dann fällt auf, dass es hier verschiedene Kontinuitäten gegeben hat,
aber auch verschiedene Brüche und verschiedene Weiterentwicklungen, wo ich jetzt zu Beginn als Einheitung ein paar Beispiele bringen möchte.
Es gibt einige erstaunliche Kontinuitäten, wo Ansätze der Prognostik sich teilweise seit Jahrtausenden bis in die Gegenwart hineinziehen.
Ein Beispiel ist die Physiognomik, also das Schicksal des Menschen ist in seinem Körper eingespeichert.
Die Linien seiner Hände sind die Linien des Lebenswegs.
Muttermal im Gesicht stehen für verschiedene Ereignisse beispielsweise.
Und da sehen wir ja schon, dass in Papyrus Ebers, 1600 v. Chr., in Ägypten das ein großes Thema war,
in Mesopotamien zeitgleich, dann Aristoteles hat auch hier verschiedene Abhandlungen dazu geschrieben.
Und wenn wir so in die frühe Neuzeit eingehen, dann sehen wir, dass gerade in der Renaissance-Zeit,
die Physiognomik, das war eigentlich eine der Leitdisziplinen, die an den damaligen Universitäten gelehrt wurden.
Hier ein schönes Bild aus Diokutas Philosophia von Angrifo von Nettesheim,
oder eben hier aus Terminus Probia von Kallanus, wo die verschiedenen Muttermale im Gesicht prognostisch gedeutet wurden.
Das war damals eigentlich so das anerkannte, das führende Paradigmen-System in der Wissenschaft.
Wir haben sehr, sehr ähnliche Entwicklungen auch in China.
Auch da gab es genau dieselben Ansätze, Muttermal im Gesicht, die Form der Hand, die Linien der Hand, die Form des Körpers.
Was sagen diese Faktoren aus über die Zukunft des jeweiligen Menschen?
Dann am Morgen Dämmern der Französischen Revolution, das war der letzte große physiognomische Boom in Europa,
ausgelöst von Caspar Lavater mit seinen physiognomischen Experimenten.
Im 19. Jahrhundert dann die Phrenologie, also wir sehen, wir kommen immer weiter auch in die moderne Wissenschaft rein,
wo man davon ausgegangen ist, verschiedene Merkmale, Begabungen, Talente, aber vielleicht auch Schwächen,
lassen sich im Gehirn lokalisieren, und zwar an festen Arealen des Gehirns.
Damals hat man die Theorie zugrunde gelegt, der Schädel bildet sich im Laufe der embryonalen Entwicklung ums Gehirn herum,
und deshalb reicht es schon, den Schädel entsprechend abzutasten, um die entsprechenden Charaktermerkmale herauszufinden.
Und neben so nachvollziehbaren Sinnen, wie beispielsweise im Sinn für Logik, im Sinn für Ästhetik,
gab es dann auch so merkwürdige Sinne, wie zum Beispiel ein Vereinlichungssinn, das Sekretar und so weiter.
Aus heutiger Sicht sind das natürlich Systeme, die eher im Bereich des Aberglaubens zuzuordnen sind,
aber einige Forschungsergebnisse aus dieser Zeit, zum Beispiel das Broca-Zentrum im Gehirn,
haben damals schon die Grundlage für die moderne Gehirnforschung gelegt.
Am Ende des 19. Jahrhunderts, Gestadel und Rosen, das sind Verbrecherstigma da,
das war die gängige Lehrmeinung, dass Verbrechen, verbrecherisches Verhalten, ein Rückfall in Atavismen ist,
sprich in evolutionär sehr frühe Entwicklungsstadien, und die sieht man dann auch entsprechend im Gesicht,
durch hohe Augenwülse, durch fliegende Stirn und so weiter.
Es gibt auch Untersuchungen, dass 10.000 Gerichtsfälle, wo es um Schuld oder Unschuld gegangen ist von Menschen,
die sind auf Basis von solchen Gutachten erstellt worden, die aus heutiger Sicht natürlich eher als Abergläubisch anzusehen sind,
die sich aber eigentlich bis rein in die Lastenideologie des Dritten Reichs gehalten haben.
Diese drei Typen hier, die kennen viele von euch wahrscheinlich noch aus den Schulbüchern,
von Ernst Kretschmer, der Leptosom, der Athlet und der Büchniker,
also die drei Körperformen, die auch entsprechend mit verschiedenen Krankheitsdispositionen in Korrespondenz stehen,
und auch mit verschiedenen psychischen Ausnahmezuständen.
Er hat eben in seinen empirischen Studien geglaubt, herausgefunden zu haben,
dass beispielsweise der Dünne, der Leptosom, eher zur Schizophrenie neigt,
während zum Beispiel der Dicke, der Büchniker, mehr zur manischen Depression neigt.
Also auch das hier hat man eigentlich bis in die weiten 90er Jahre hinein in den Psychologiebüchern noch gelernt.
Aus heutiger Sicht wissen wir aufgrund verschiedener methodologischer Mängel,
dass diese Korrespondenzen eigentlich eine Illusion waren.
Und aktuell in der Gegenwart gibt es auch wieder so einen Vertreter der physiognomischen Tradition,
die sogenannte 2G-4G-Theorie, wo man behauptet, aufgrund der Längenverhältnisse von Ringfinger und Zeigefinger
ganz viele Dinge vorhersagen zu können.
Von Krankheitsdispositionen bis hin, ob jemand dominant im Job ist, bis hin zur sexuellen Orientierung.
Und das ist aktuell, zählt es eigentlich, ist es innerhalb von Paradigmen,
ist es in der Wissenschaft gut aufgehoben.
Also Artikel zu dieser Theorie werden in den renommierten Magazinen wie Nature beispielsweise publiziert.
Im Science Museum in London gibt es einen eigenen Apparat, wo man seine eigene Hand ausmessen kann,
und der sagt dann, ob man jetzt ein Mann oder eine Frau ist,
mit einer beeindruckenden Wahrscheinlichkeit von, ich glaube, 50,3 Prozent,
also knapp an der Zufallswahrscheinlichkeit vorbei,
aber es wird eben aktuell, hat es irgendwie in unserem Paradigmen-System Platz.
Also wir sehen hier eine irrsinnige Kontinuität über Jahrtausende, also von dem methodischen Ansatz.
Zweites Beispiel, die vier Temperamente.
Also wir alle, die wir hier sitzen, es gibt im Grunde vier Typen von Mensch.
Der eine, das ist eher so der Dominante, der sich immer durchsetzen will,
das ist der Feuertyp, der Choleriker klassischerweise.
Dann der eher Soziale, der sich gut einfühlen kann, also der Wassertyp, der Phlegmatiker.
Dann haben wir auch immer so einen eher logisch-analytischen, trockenen Typen dabei,
also das Element der Erde klassischerweise, der Melancholiker.
Und schließlich der pfiffige, der geistig-wendige, der wortgewandte Sanguiniker, der Lufttyp.
Diese Lehre sei schon vor zweieinhalb Tausend Jahren von Hippokrates begründet worden.
Galen hat sie dann 200 nach Christus ausformuliert.
Diese vier Temperamente waren auch, hier zum Beispiel im Spätmittelalter,
in der Frührenaissance, das herrschende Paradigma, um medizinisch tätig zu sein als Arzt.
Zuerst musste man das Temperament in der Vier-Säfte-Lehre des vorherrschenden Körpersafts identifizieren.
Und dann gab es als Folge daraus die Therapie.
Hier eine schöne Bebilderung aus dem Kodex Schürstab aus Nürnberg.
Wir haben aber auch bis ins beginnende 19. Jahrhundert hinein
große Geister wie Kant oder Goethe, die hier ausführliche Traktate über diese vier Typen verfasst haben.
Also wirklich über 2000 Jahre Geistesgeschichte geprägt von diesen vier Typen.
Und dann im Laufe des 19. Jahrhunderts ist es dann langsam in den Bereich des Aberglaubens verschoben worden.
Bis in die 1960er Jahre findige Managementberater draufgekommen sind,
aus diesen vier Typen kann man ja was machen.
Und seitdem gibt es eben Dutzende von diesen Modellen,
das Team-Management-System, bis hin zum Hermann-Brain-Dominance-Instrument,
der behauptet, er hätte es aus Basis der Gehirnforschung entwickelt,
die Fakten hat er aber nichts anderes gemacht, als die seltenen vier Typen einfach in Neusprech,
in Management im Neusprech zu verwackeln.
Das ist dann halt der Feuertyp der Choleriker, also ein Organisator oder Macher oder Dschungelkämpfer.
Der pfiffige Sandliniker heißt beispielsweise dann der Inspirator,
aber es sind die selben vier Typen.
Ich habe da auch letztes Jahr am IKGF eben ein ausführliches Buch zu dem Thema verfasst.
Also wir sehen hier auch die vier Typen, die Vierteilung der Menschheit,
zweieinhalb Tausend Jahre Kontinuität an sich.
Jede Epoche, jede Generation findet da zwar ihre eigene Zeitgeistmaske,
um dieses Modell sozusagen in moderne Sprache einzukleiden,
aber dahinter stehen eigentlich genau die selben Prinzipien.
Und kurz als letztes Beispiel für eine Kontinuität, die zyklische Prognostik,
die Welt und wie so eine Welt verläuft in Kreisläufen,
so wie eben das Jahr, Frühling, Sommer, Herbst und Winter oder eben auch wie das Lebensalter.
Zum Beispiel in der Kultur wird zuerst geboren, dann ist das stürmische Jugendalter,
dann ist das reiche Mannensalter, dann kommt der Abbau der Kräfte und schließlich dann das Kreisentum.
Da wissen wir mittlerweile, dass ganz viele der prehistorischen Monumentalbauten
eigentlich schon diese Funktion hatten, genau nach den Eckpunkten des Jahresverlaufs der Sonne,
eben nicht nur auszurechnen, wann müssen wir aussehen, wann müssen wir ernten, wann kommt eine große Flut,
sondern eben auch, was passiert, wann kommen Kriege, wann kommen Streitigkeiten,
wann kommen vielleicht irgendwelche Trümpfe und so weiter.
Ganz besonders ausgefeilt waren diese Theorien in Mesoamerika,
also die Kalender der Maya und Tazteken, die sind davon ausgegangen,
dass die einzelnen Tage, das ist nicht nur einfach gut mit der Zeit einhalten,
es sind Wesenheiten, die den Tag sozusagen durch das Dasein tragen und hat ihren eigenen Charakter.
Manche Tage, die sind halt sehr, sehr gut, um beispielsweise sich zu entspannen,
andere, um irgendwas zu schreiben, andere, um Hausarbeit zu machen und so weiter.
Solche Hämorologien finden im Übrigen in fast allen Kulturen der Menschheitsgeschichte,
von China bis Europa und so weiter.
Ja, und in der Gegenwart, da haben wir eben hier die verschiedenen Geschichtszyklen-Theorien,
beginnend mit Jean-Baptiste Rico, das war eigentlich so der Erste,
der das in der abendländischen Philosophie eingeführt hat,
also auch Kulturen durchlaufen diesen Entwicklungsstadium, diesen Kreislauf,
die sind dann halt eben im beginnenden 20. Jahrhundert mit Zeitlängen der Geschichtsforschung
irrsinnig angesagt, Neo-Frobenius, Oswald Spengler, Arnold Toynbee,
ja, so der Untergang des Abendlandes, die Kreisläufe der Kulturen.
Bis eben heute, ja, die verschiedenen Konjunkturzyklen, Innovationszyklen, Wachstumszyklen,
es gibt auch Klimazyklen, Meteorologische Zyklen, hier noch ein paar Beispiele,
der Kontraktgiftzyklus, ja, der auch in der Innovationsforschung bis heute gerne eingesetzt wird,
die Elliott Waves und so weiter.
Ja, also es gibt hier, es sind nur drei Beispiele, es gibt hier sehr, sehr viele Kontinuitäten
in der Geschichte der Pongostic, es gibt aber auch viele Brüche, Systembrüche,
wo eine Zeit lang ein Paradigmensystem die Beschäftigung der Zukunft prägt,
das können im Extremfall sogar Jahrtausende sein,
und irgendwann aber plötzlich kommt ein neues Denksystem, eine neue Logikblase,
die das Alte so komplett ins Kuriositätenkabinett des Aberglaubens verreißt, ja.
Beeindruckend zum Beispiel die Geschichte der Leberschau,
zweieinhalb tausend Jahre hat die Leberschau die Entscheidungen der Herrscher in Mesopotamien beeinflusst,
ja, das heißt, die sind wirklich, die Bawu, also die Seher sind an der Leber umstanden des Opfertiers,
die wurde in verschiedene Areale unterteilt, da gibt es verschiedene Zeichen, Signaturen,
Rötungen beispielsweise, Wurmlöcher und so weiter,
und die werden wirklich ganz akribisch, systematisch gedeutet, im Sinne dann der Antwort auf die Frage.
Ja, und zweieinhalb Tausend Jahre aus heutiger Sicht, abergläubisch,
aber sagen, wie konnten, warum haben die Menschen damals nicht gesehen,
dass das hier nicht funktioniert, aber es hat erstaunlicherweise zweieinhalb Tausend Jahre
sehr, sehr gut funktioniert, um als kognostische, planerische Leitdisziplin einer Hochkultur zu dienen.
Ja, ähnlich jetzt hier in der Shang-Dynastie in China,
ja, da haben über 500 Jahre lang der Kaiser höchstpersönlich,
hat da die Stimmquoten jeden Tag stundenlang befragt, zu sämtlichen Belangen,
nach so banaler Linie, wie sollen wir heute auf die Jagd gehen,
oder wird morgen was Schlechtes passieren, ja.
Die ersten Schriftzeichen, die wir aus dem chinesischen Raum haben,
die sind eben oraclesprüchlich, akribisch dann in diesen Schildkrötenpanzern eingraviert worden,
um dann auch ein Archiv von Antworten zu haben,
um zu schauen, ok, warte mal vielleicht in der Deutung, wann es da Fehler geben,
wo müssen wir jetzt dieses ganze Denkgebäude drumherum vielleicht verfeinern,
mit Sonderregeln, mit Spezialregeln, um dann halt doch hier entsprechend künftig besser deuten zu können.
Klassiker-Oracle von Delphi, ja, missionäres Oracle,
hat auch fast tausend Jahre lang die Geschichte der antiken Welt geprägt,
oder in Rom eben die Auguren oder auch diese berlinischen Bücher,
die einfach ein untrennbarer Teil der Entscheidungsfindung der politischen waren.
Ja, bis eben hier in der Renaissancezeit mit der Hochphase 1400 bis 1650 ungefähr die Astrologie,
astrologische Systeme waren ja schon seit den Mesopotamien weit verbreitet,
ursprünglich als Oracle-Deutung, als Zeichendeutung,
dann nach dem 5. fortwestlichen Jahrhundert auch so, wie wir es eigentlich bis heute kennen,
mit dem Messsystem im Tierkreis, dem Planetenklima und so weiter.
Auch im alten Rom hat es da schon Phasen gegeben,
wo Astrologie eigentlich als Herrschaftswissenschaft die Wolken hat,
wo Kaiser wie Marco Aurelius zum Beispiel sogar selbst Astrologen waren
und andere Phasen nach dem Römischen Reich, wo das komplett als Aberglaube abgelehnt wurde,
also Cicero in seinem Buch der Reissagung, also Designatione,
hat ja da irrsinnig das ganze System zerrissen und was das für ein Aberglaube sein mag.
Ja, aber dennoch, über tausend Jahre später in der Renaissancezeit
war es plötzlich wieder die prognostische Leibniz-Diplomatie,
und an allen Universitäten war das eigentlich so, wie man Mathematik können musste,
man musste, ich glaube, dass es Medizin war, welcher Bereich auch immer, auch Astrologie kennen.
Und nach dem 30-jährigen Knie, also in den 1650er-Jahren,
plötzlich innerhalb von wenigen Jahren von einer renommierten prognostischen Disziplin
komplett ins Kuriositätenkabinett des Aberglaubens verschoben worden.
Ja, auch im 20. Jahrhundert gab es interessante Entwicklungen,
um 1900 eigentlich so die Geburt der Vorläufer der modernen Zukunftsforschung.
Damals waren so Expertenteams ganz, ganz angesagt, um sozusagen zu prognostizieren,
wie kann die Welt in 100 Jahren ausschauen.
Zum Beispiel von Arthur Bremer, die Welt im Jahr 2000, ja, da sieht man verbündet aus.
Das ist immer so ein Muster, war das lange Zeit noch,
und trotzdem, dass man einfach gegenwärtige Entwicklungen fortschreibt,
und damals ist gerade ganz neu die Radioaktivität entdeckt worden,
und man ging davon aus, okay, im Jahr 2000,
da kann man hier durch Inhalation von radioaktiven Substanzen,
kann man beispielsweise die Tuberkulose besiegen,
oder man muss auch nicht mehr Brennholz in die Wohnung schleppen,
weil im Kamin da klingt das Wärme und die Feuer des Radios.
Ja, und wir sehen hier, sind mal diese Schwarz-Weiß-Bilder,
das sind aus den wissenschaftlichen Publikationen raus,
wo renommierte Experten ihre Prognosen nach Westen und Islamisten erstellt haben.
Die bunten Bildchen hier, das waren so Kaffeebeilage in Frankreich im 1900.
Also das heißt, das eine eigentlich so nach der hohen Kunst der Wissenschaft berechnet,
antizipiert, das andere eher so Entertainment-Charakter.
Aus heutiger Sicht kann man es inhaltlich wenig unterscheiden, ja.
Die zweite große Entwicklung war dann eben das Flugwesen,
ja, die Zeppeline, der erste Motorflug, der gebrühte Ride,
und dann war natürlich in Zukunft alles voller Flugzeuge.
Ja, hier Anmarsch der Luftflotte im Jahr 2010.
Oder die reichen Familien über ganz Afrika hinweg verbringen Tag und Nacht
in 1000 bis 2000 Metern Höhe in angebundenen Lufthäusern.
Oder auch ganz schön hier rechts so, der Ehemann kommt betrunken heim
und der Liebhaber verlässt geschwind durchs Fenster
das schlafgemachte Liebsten mit seinem Flugapparat.
Also wir sehen, da werden eigentlich immer dann so die
verschiedenen Entwicklungen in die Zukunft fortextrapoliert.
Auch die Elektrizität, damals, das war ja auch eine der Premiere in der Elektrotechnik,
hat man gedacht, ok, künftig sogar ein Orchester, das werden zwar lauter so Instrumente sein,
aber das werden lauter so komplizierte Mechaniken, Apparaturen,
die elektrisch besteuert sind, spielen, ja.
Und dann wird halt die Dragonsymphonie nicht von Menschen aufgeführt,
sondern von Musikinstrumenten, die an solchen Apparaten dranhängen.
In den 60er Jahren die Hochphase der Futurologie, ja, da hat man gedacht,
ok, jetzt haben wir hier diese Supercomputer, die ganze Heide, die ganze Räume füllen
und mit diesen Supercomputern können wir zwar noch nicht sofort,
aber sicher schon sehr, sehr bald alles berechnen, bis hin zu künftigen Erfindungen.
Also hier Herman Cain, das war so einer der Federführenden in Amerika,
mit seiner Rand Corporation, der hat so Millionen Bestseller geschrieben,
wie die Welt im Jahr 2000, die Welt im Jahr 2300,
hat auch zu 20 Jahren sehr gut funktioniert.
Im Osten, im damaligen Osten gab es parallel wenige Entwicklungen,
es war die Marxistisch-Leninistische Gesellschaftsprognostik,
auf Basis des wissenschaftlichen Kommunismus, ja, wo man davon ausgegangen ist,
ja, diese Gesetzmäßigkeiten, die Nazi identifiziert hat,
mit denen können wir eigentlich nicht nur diese 4, 5, 6 Jahrespläne machen,
sondern wir können beliebig in die Zukunft sehen und genau sagen, was passiert.
Und dann in den 70er Jahren, mit der Ölkrise, waren die komplett pulverisiert,
es ist dann in der Öffentlichkeit offensichtlich geworden,
dass wir genauso viele Fehlprognosen abliefern.
Aber so sehen wir, wie im Großen, also über Jahrtausende,
wie bei der Leberschauer, wie in kleinen, so Mikrotrends,
wie in der Physiologie der 50er, 60er Jahre,
hier eigentlich immer so Wissenssysteme sich aufräumen,
die zeitlang dann eigentlich als die große Hoffnung der prognostischen Diszipline gehandelt werden
und dann aber auch in sehr, sehr kurzer Zeit wieder von der Bildfläche verschwunden sein können.
Die letzten großen Entwicklungen, die bis heute durchstrahlen,
ja, und die bis heute auch sehr viele segensreiche Entdeckungen gemacht haben,
das war einerseits die Virenforschung, ja, wo man in den 90er Jahren vor allem gedacht hat,
okay, man kann bald schon sämtliches menschliches Verhalten antizipieren, vorhersagen,
da haben sich natürlich dann auch große Märkte drumherum gebildet,
ich erinnere mich da nur an das Neuromarketing,
wo Unternehmensberater in den Zeitraum sehr, sehr gut von ihnen kommen,
die eben gesagt haben, ja, bei uns ist Marketing nicht irgendwie sowas wachsweich kreatives,
sondern wir legen die Leute in Gehirntomografen ein,
und dann können wir ganz genau sagen, was die für Produkte sind.
Die Genetik natürlich auch am Ende der 90er mit dem Genschaft,
vor allem mit dem Human Genome Project, war irrsinnig stark in den Medien vertreten,
ja, mittlerweile ist es in der Öffentlichkeit ein bisschen ruhiger geworden,
aber wie wir ja auch von Professor Matthäusen erfahren haben,
gibt es da trotzdem sehr, sehr beeindruckende Fortschritte in der Vorhersage,
ja, und eben die aktuelle Hoffnungsträger, eben die Datenanalytik,
ja, wo man sich eben in den 2010er Jahren verspricht,
bald schon sehr, sehr vieles vorhersagen zu können,
was früher unvorstellbar gewesen wäre.
Ja, wir sind, ich konnte mir denken, wir sind Brüche,
aber wir sind auch Weiterentwicklungen, ja,
und deshalb sind wir eben heute und morgen hier,
deshalb haben wir hier auch die großen Experten,
die Speerspitzen der modernen Zukunftswissenschaften versammelt,
um eben auch zu sehen, was gab es für Fortschritte, ja,
wo der Mensch vielleicht Jahrhunderte, Jahrtausende gehofft hat,
etwas vorhersagen zu können, und heute können wir es.
Ja, in der Meteorologie von Hermann Heske werden wir da einiges hören,
gibt es beeindruckende Fortschritte in der Wetterprognose, ja,
es gibt zum Beispiel auch in der Genitaldiagnostik,
das war so ein Jahrtausende langer Traum,
schon vorhersagen zu können, vor der Geburt wird es ein Junge,
wird es ein Mädchen, heute geht es, ja,
Jahrtausende hat man dann mit verschiedensten Orakeln vergeblich sich um Aussagen bemüht.
Ja, diese drei Muster, die wir hier aus den 4000 Jahren Prognostikforschung haben,
Kontinuitäten, Brüche, aber auch Weiterentwicklungen, Progression,
die wir hier sehen, da gibt es eben zwei verschiedene Entwicklungsverläufe,
die sehr oft passieren, das eine ist eben das etablierte System,
wo plötzlich neue Systeme in kürzester Zeit einfach obsolet werden,
ja, das ist ja das Modewort der Innovationsforschung in den 2010er Jahren,
die sogenannte Disruption, und auch der Hype-Zyklus von Jackie Fan,
der ist sehr, sehr oft eben hier am Werk,
wir sehen es gerade zum Beispiel bei der Kulturologie,
zuerst gibt es halt diese Grundidee,
dann gibt es natürlich irrsinnig große Erwartungen dran,
ja, wo man glaubt, man, alles wird man mit dem hier machen können,
wie aktuell beispielsweise bei der Datenanalytik,
dann kommt man irgendwann darauf, okay, zu einfach ist doch nicht,
dann kommt sozusagen der Kater nach dem Rausch,
aber dann langfristig wendet es sich dann noch auf ein produktives Niveau ein,
ja, wie wir es eben auch bei der Gehirnforschung haben,
wo jetzt diese ganzen Neuromarketing und sowas alles wieder verschwunden,
dieses Rauschen drumherum, aber es ist halt ein solider Kern geblieben,
mit dem wir sehr, sehr gut arbeiten können und prognostizieren können.
Ja, wenn man alle diese prognostischen Entwicklungen
aus der Vorbildperspektive uns anschaut,
dann stellt sich natürlich die Frage,
wie kann es sein, dass manche dieser Vorhersagemethoden,
dieser Prognosimethoden so viele Jahrhunderte oder Jahrtausende
funktioniert haben, obwohl sie aus heutiger Sicht aber Glaube sind.
Das liegt unter anderem daran, dass diese Prognosisysteme
neben der Kernaufgabe der Vorhersage
auch noch verschiedene soziale Funktionen haben.
Ja, und das sind im Wesentlichen, sind das drei.
Das erste, wie Michael Lackner schon angedeutet hat,
im Zentrum steht immer Ordnung und Planung.
Ja, das heißt, wir prognostizieren ja selten einfach nur Assistenzunterreihe,
sondern weil wir damit unsere kommenden Aktivitäten besser planen wollen
und Planungssicherheit zu haben und zum Beispiel wie bei Siemens,
wo wir gleich im Anschluss einiges darüber erfahren werden,
zu sehen, wie wird die Welt im Jahr 2050 ausschauen
und welche Milliardenprojekte müssen wir jetzt schon aufs Gleis bringen,
damit wir auch diese Probleme der Zukunft lösen können.
Ja, Prognosen dienen auch als Stabilisatoren der Gesellschaft,
sorgen dafür, dass wir gemeinsame Grundannahmen haben
oder zumindest auch gemeinsame Themen haben,
wo wir in Diskussionen miteinander treten können.
Visualisierung von Entscheidungsprozessen,
also wenn beispielsweise im alten Rom Cicero, der ja selbst Agur war,
mit seinem Agur-Kollegen am freien Feld gestanden ist
und dann gedeutet hat, ob jetzt eben im südwestlichen Teil
dieses Sterlingspaar auseinander umtanzt,
ob das jetzt eher eine Entzweihung mit dem neuen Volkstribunen bedeutet
oder eine Kooperation, ja, dann hat man da eine gemeinsame Projektionsfläche,
um all ihre Gedanken drum herum zu bauen
und um damit zu einer Entscheidung zu kommen.
In der heutigen BWL beispielsweise würde man da Kästchen und Teile zeichnen,
ja, für so einen Entscheidungsprozess,
aber ob man jetzt Kästchen und Teile als Projektionsfläche nimmt
oder den Flug zweier Vögel ist methodisch eigentlich kein großer Unterschied,
es funktioniert nämlich genauso.
Ja, dann sind viele Prognosesysteme,
gerade dann, wenn sie institutionalisiert sind,
sind natürlich auch Macht- und Herrschaftsinstrumente.
Deshalb geht es wirklich darum, handfeste Machtinteressen abzusichern,
die Verantwortung für Entscheidungen an höhere Instanzen zu delegieren,
ja, also nicht der König hat hier seinen Erzfeind eiskalt umbringen lassen,
sondern es war die Entscheidung der Götter,
der Orakelspruch hat eben frevlerisches Verhalten offenbart,
deshalb müsste er hingerichtet werden.
Ja, und in der heutigen Zeit, es war nicht der Personalleiter,
der hier schon wieder seinen Rotary oder Lions Club Kumpel den Dropshot gegeben hat,
sondern es war eine Entscheidung von diesen ganz neutralen,
objektiven Persönlichkeits- und Einigungstests in der Managementdiagnostik,
ja, das ist das selbe Denken dahinter,
und natürlich auch die Legitimation von Entscheidungen,
die Begründung von Entscheidungen.
Und schließlich hat das Ganze auch noch den Überbau,
die Sinnkomponente, die ganz, ganz wichtig ist bei der Vorhersage.
Prognosen geben uns nämlich im einfachsten Fall,
es ist eine Unterhaltung, geben uns auch inspiriert.
Wahlprognosen beispielsweise,
wo wir morgen von der Corinna Meier und dem Window Rockies einiges hören werden.
Das sind natürlich auch Quotenbringer in den Medien,
das liest man sich gerne durch in intellektuellen Kreisen vor Wahlen,
trifft man sich sogar auf, um gemeinsam zu wetten,
und der am ehesten am Ende, dem es dran ist, hat gewonnen.
Das ist sozusagen das intellektuelle Beleihgießen.
Das heißt, dieser Unterhaltungsfaktor ist immer noch mit dabei,
Sinnstiftung und Motivation,
das ist die gemeinsame Zukunftsvision,
die gemeinsame Zukunftsszenarien zu entwickeln
und gemeinsam daran mitzuarbeiten,
dass wir auch diese wünschenswerten Zukunft erreichen.
Und schließlich eben auch Inspiration,
uns gemeinsam über die Zukunft Gedanken zu machen.
Ja, und in diesem Sinne wünsche ich Ihnen, wünsche ich uns allen
inspirierende zwei Tage mit vielen neuen Erkenntnissen und Einblicken
in die Gegenwart und in die Zukunft der Prognostik.
Ich freue mich schon auf die dort Referenten, die wir hier haben.
Wir werden auch jeweils nach dem Referaten Diskussionsrunden haben,
wo nicht nur die Experten untereinander,
sondern wo alle hier mit diskutieren können, Fragen stellen können.
Ich wünsche euch zwei inspirierende Tage und bedanke mich für die Aufmerksamkeit.