Prof. Michael Lackner (Erlangen) spricht über das Bedürfnis der Menschen nach Prognostik als anthropologische Konstante. Prof. Lackner ist Gründer und Direktor des Internationalen Kollegs für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) "Schicksal, Freiheit und Prognose", das weltweit eines der größten interdisziplinären Forschungsprojekte über Prognostik ist. Es befasst sich seit 2009 mit traditionellen Formen der Zukunftsschau in den verschiedensten Kulturen und Epochen der Menschheitsgeschichte.
Der Vortrag fand statt im Rahmen der Konferenz „Die Zukunft der Prognostik – Was wir heute und morgen vorhersagen können“ (23./24. Juli 2019, Heinrich-Lades-Halle Erlangen). Der Organisator der Konferenz, das Internationale Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung (IKGF) "Schicksal, Freiheit und Prognose", ist weltweit eines der größten interdisziplinären Forschungsprojekte über Prognostik. Es befasst sich seit 2009 mit traditionellen Formen der Zukunftsschau in den verschiedensten Kulturen und Epochen der Menschheitsgeschichte. Nun wird die kulturhistorische Perspektive auf Vorhersagen um Gegenwart und Zukunft erweitert in einer einzigartigen Zusammenschau.
Herr Präsident, vielen Dank für doch sehr viel Ehre.
Auf Lateinisch würde man sagen non honus, sed honus.
Es ist nicht eine Ehre, sondern auch eine Last, natürlich all das gewagt zu haben.
Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen allen ein herzliches Willkommen zu dieser Tagung zur Zukunft der Prognostik.
Wie Sie bereits angedeutet haben, es ist die erste Tagung, die in diesen Räumen stattfindet.
Unsere anderen Räume sind vielleicht zu klein für das heutige und noch zu erwartende Publikum.
Und es ist auch die erste Tagung, die im Wesentlichen, bis auf zwei Ausnahmen, in deutscher Sprache stattfinden wird.
Wir haben bisher einen eher internationalen Outreach, wie man so schön sagt, gehabt.
Wir haben aber dann auf der anderen Seite natürlich etwas weniger Aufmerksamkeit erlangt im universitären Kontext.
Solche ehrenvollen Ausnahmen, die Prof. Leugering natürlich ganz ausgenommen.
Lassen Sie mich ein paar Worte noch ergänzend zu diesem Forschungskollegen sagen.
Da sehen Sie unsere Premises, die beim heutigen Tag allerdings wirklich weitaus den Temperaturen nicht mehr standhalten würden.
Deshalb sind wir heute hier.
Der Fördervolumen ist genannt worden.
Wir haben insgesamt in den letzten zehn Jahren 80 Kolumbien, 107 Reading Sessions, wo Texte vorgestellt werden,
Texte diskutiert werden, von denen unsere Promoventen in enormer Weise profitieren,
weil man einfach von zehn Anwesenden korrigieren, mehr Namen kann als von einer.
Die Workshops, die Konferenzen, Lecture Series und dergleichen, insgesamt 200 Gastvorträge, seit 209 Videos.
In der Tat muss ich mich korrigieren, nein, es sind 10.000 Anwerte in der Bibliothek mittlerweile.
Und haben mittlerweile ungefähr 156 Postdoc-Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler gehabt,
mit einer Aufenthaltsdauer im Durchschnitt von einem halben Jahr.
Drei Monate sind das Minimum, zwölf Monate sind leider Gottes, muss man manchmal sagen, das Maximum.
Hier sehen Sie ein bisschen die Länderverteilung auch.
Sie sehen, bis auf Afrika haben wir eigentlich alle vier Kontinente bislang bei uns versammeln können.
Einige unserer Publikationen.
Und nun komme ich zu einer sehr merkwürdigen Verbindung.
Genau heute, vor zehn Jahren, haben wir die Eröffnung unseres Forschungsbelegs
unter Anwesenheit des Staatssekretärs vom BMBF, unserer universitären Bürgerträger
und zahlreicher Gäste aus dem In- und Ausland gefeiert.
Und hier sehen Sie auch meinen Co-Direktor Professor Harbers, den ich herzlich begrüße hier, der im Saal heute ist.
Zwei Festvorträge, viel Musik haben die Einweihung begleitet.
Den heutigen Termin aber haben wir uns nicht mit Blick auf jenen vor zehn Jahren ausgesucht
und auch keinen chinesischen Almanach konsultiert, sondern es hat sich einfach als Koinzidenz ergeben.
Und diese Koinzidenz haben wir ganz unlängst erst festgestellt,
mit Hilfe nochmal einer Recherche von meinem Kollegen Christoph Niederwieser.
Aber um eine Koinzidenz, in dem Sinne eine Serendipitous Connection, handelt es sich doch in jedem Fall.
Nun zum Inhaltlichen. Unser Ausgangspunkt war die Feststellung,
dass das Bedürfnis nach Prognose eine anthropologische Konstante darstellt.
Sehr einfach. Menschen haben seit jeher ein unstillbares Bedürfnis nach Wissen
über ihre individuelle und kollektive Zukunft gehabt.
Wesentlich für traditionelle Formen der Prognose in China, Europa, aber auch anderswo,
war die Hypothese, dass vormoderne Gesellschaften die Vorhersage sehr häufig
mit kulturspezifischen Vorstellungen zum Schicksal verbunden haben.
Und in diesen Vorstellungen die Idee der Freiheit bzw. des freien Willens
ausgesprochen unterschiedliche Färbungen annehmen.
So ist etwa das Konzept des freien Willens, das die westlichen Kulturen vom biblischen Sündenfall
über die griechische Philosophie, die Scholastik, den deutschen Idealismus
bis zur Gegenwart der Hirnforschung, wenn sie so wollen, beinahe obsessiv beschäftigt hat,
in der chinesischen Kultur praktisch nicht vorhanden.
Wo man mit dem Schicksal, das sich über eine Vorhersage kundtut, verhandeln kann
durch moralische Selbstperfektion oder auch durch Magie,
ist eine Konzeptualisierung des freien Willens nicht dringlich oder nicht notwendig, offenbar.
Das Bedürfnis nach Vorhersagen als anthropologische Konstante erklärt sich unter anderem auch
durch den engen Zusammenhang zwischen Prognose und Planung.
Neben vielen anderen Arbeiten haben wir mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin
ein dreijähriges Forschungsvorhaben mit dem Titel
Unsicherheit als ständiger Begleiter menschlicher Planung und Entscheidung.
Unsicherheit, die nach Experten verlangt, die über ein Wissen verfügen,
das uns Orientierung vermitteln und die Komplexität der offenen Zukunft
auf plausiblen Möglichkeiten reduzieren soll.
Das geschah und geschieht nach wie vor durch die Kombination und Reformulierung
von Daten und Informationen, durch die Bestimmung der Frage,
was als Fakten gewusst oder benannt werden kann und was als näher reduziert gelten darf.
Die vormoderne Zeit hatte ihre Wahrsager, Wettervorhersagen und politischen Berater.
Die Gegenwart erlebt eine andere Form der Professionalisierung des Umgangs mit Unsicherheit,
die in mathematischen Modellen, Big Data etc. verankert ist.
Nun, im Verlauf unserer Forschungen haben wir verschiedene Entdeckungen gemacht
und ich zähle nur einige davon auf.
Zum einen konnten wir feststellen, dass bedeutende Teile der Zukunftsvorhersagen
auch im traditionellen China und besonders im traditionellen China auf Berechnungen beruhen,
deren Parameter man vielleicht als abergläubisch bezeichnen mag,
deren innere Systematik man jedoch nicht verneumen kann.
Deshalb hat der französische Sinologe Kalinowski diese Techniken
auch als Lécions de la Chine traditionell apostrophiert.
Ausgesprochen komplexe Kalkulationen waren etwa für die Erstellung von Kalendern notwendig.
Mutatis Mutandis gibt es auch.
Diese Berechnungen, nächster Punkt, sind im Wesentlichen in der Erkennung von Mustern begründet.
Muster können natürlich sein, natürlich sein, wie bestimmte Himmelserscheinungen,
Wolkenformationen etwa, oder sie können künstlich hergestellt werden,
wie das etwa bei dem chinesischen Wahrsagerklassiker, dem Buch der Wandlungen
und vielen anderen Orakel-Techniken erfahren ist.
Solche Muster, auch die natürlichen, sind ja nicht an und für sich vorhanden,
sondern entstehen erst durch Beobachtung des Menschen, der sie klassifiziert.
Nächster Punkt.
Gleichwohl bedürften diese Vorhersagen, wenn auch ihre Grundlagen
einen systematischen Charakter aufwiesen, eines hohen Maßes an Intuition bei der Interpretation.
Der erfolgreiche Zukunftsexperte, Wahrsager, meine Pflegen,
der ja ähnlich wie der Arzt unter dem stetigen Druck der Erfolgskontrolle stand,
konnte nicht lediglich pure Berechnungen vorweisen,
sondern musste seine Deutung intelligent und eingängig begründen.
Nicht bzw. anders begründet werden mussten freilich Vorhersagen,
die auf Inspiration, Prophetie, Visionen oder Träumen beruhen.
Hier zählte sehr häufig die übernatürliche Autorität,
die dem Seher oder der Seherin die Richtigkeit der Vorhersage garantierte.
Dies führt uns zu einem weiteren Kriterium, dem der Plausibilität.
Die der Heidelberger Assyriologe Stefan Maul als grundlegend
für die jahrtausendewährende Dauer der traditionellen Prognostik in Mesopotamien ansieht
und die mit gewissen Einschränkungen auch für China und andere Kulturkreise gilt.
Eine Vorhersage kann für die Zukunftsplanung nur in dem Maße Verwendung finden,
wie sie Horizonte des Möglichen eröffnet.
In zahlreichen Fällen ist mein soeben gebrauchter Plural vom Horizontell
ein wirksamer Schutz sowohl des Vorhersagenden als auch des Klärenden.
Ambiguität ist gewissermaßen die ehrliche Form der Plausibilität.
Wo allzu eindeutige Aussagen gemacht werden, verringert sich der Raum der Entscheidungsfindung
und die Rezipienten der Prognose werden zu deren Sklaven.
Daher kannten sowohl das traditionelle China als auch die Delphische Pythia
häufig kryptische Aussagen, die die Interpretationsfähigkeit der Rezipienten
in hohem Maße herausforderten.
Ein wichtiger Punkt in vormodernen Prognosen ist die Frage der Ethik.
Sowohl vom Fragenden wird eine Haltung erwartet,
die die Aufrichtigkeit und Dringlichkeit der Frage in den Vordergrund stellt.
Das geschah zum Teil in der vormodernen Zeit durch umfangreiche Rituale der Reinigung.
Aber auch vom Prognostiker wird eine in hohem Maße moralische Einstellung gefordert.
Das Postulat der Verantwortung für die gestellte Vorhersage bis hin zu Belohnung und Bestrafung
durchzieht die Berichte über die Lebensläufe der entsprechenden Experten.
Daher nimmt die Frage nach der Verifikation einer Prognose und deren Konsequenzen
einen ganz bedeutenden Raum ein.
Vorhersagen, die sich als eindeutig falsch erwiesen,
wurden im alten China mit Auspeitschung und in manchen Fällen mit Empfohle bestraft.
Die Gewichtung von Prognosen für Individuen einerseits und Kollektive andererseits
schwankt im Laufe der menschlichen Geschichte.
In der modernen hat man den Eindruck, dass die an Kollektive gerichteten Vorhersagen überwiegen.
Allerdings zeigte eine von den Wissenschaftshistorikern Alfons Labisch,
Stephan Maul und mir an der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopold Diener ausgerichtete Tagung
unter dem Titel Kann Wissenschaft die Zukunft vorhersagen,
dass die für Individuen bestimmte Prognose zum Beispiel in der forensischen Psychiatrie
durchaus noch eine Rolle spielt und wir werden auch einen solchen Vortrag hören.
In weiten Teilen der Welt spielen vormoderne Techniken der Prognose
bis zum heutigen Tage eine bedeutende Rolle.
Unser Forschungskolleg hat sich in seiner Arbeit der erstaunlichen Kontinuität
dieser lebensweltlichen Praktiken angenommen,
unter anderem im Zusammenhang mit der Vorstellung der sogenannten Multiple Modernities.
Diese Fragestellung mag für unsere heutige Tagung nur eine untergeordnete Rolle spielen,
doch sei die Lebendigkeit vormoderner Traditionen in der Prognostik zumindest erwähnt.
Wenn ich also bislang von vormodernen Praktiken gesprochen habe,
so gilt diese Bestimmung nur mit gewissen Einschränkungen,
denn auch moderne und Gegenwart sind zumindest im Kontext nicht westlicher Kultur
und vielleicht auch nach einer gewissen Zeit
durchaus noch im Wanne älterer Vorstellungen zu Schicksal und Prognose zu sehen.
Ich kann Ihnen eine ganz kleine Anekdote berichten.
Wir haben eingeladen vor drei Jahren den Vizepräsidenten
einer bedeutenden chinesischen Akademie der Wissenschaften,
Mitglied der Kommunistischen Partei,
und mit allen Würden sozusagen dieses Landes, Volkshaushalt China, ausgestattet.
Und er kam dann drei Tage später.
Und auf meine Frage hin, warum er denn drei Tage später gekommen sei,
antwortete er ja, er habe zwei Wahrsager befragt,
die ihm ein besseres Datum für seine Reise angegeben hätten.
So viel zur Gegenwart.
Unsere heutige Tagung markiert einen neuen Schritt für unsere Forschung am IKGF.
Nach bald zehn Jahren von Arbeit und zu traditionellen Formen der Prognostik
möchten wir uns unter einem Blickwinkel, der sowohl Kontinuitäten als auch Brüche beinhaltet,
gegenwärtigen Formen der Zukunftsvorhersage öffnen.
Hier möchte ich ganz besonders meinem Kollegen Herrn Christoph Niederwieser danken
für seine umsichtige Mitwirkung bei der Vorbereitung dieser Tagung
und für seinen guten Einsatz, der nicht zuletzt seiner Befassung mit Kontinuitäten und Brüchen
in der Geschichte der Prognostik zu verdanken ist.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.