MICHAEL KRÜGER - WINTERGEDICHT

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Dichtung von Michael Krüger (Foto) /
Rezitation: Christian Brückner /
Anmerkung: Einer hebt den Stein und schreibt ein Gedicht über die Wahrheit, die sich teilt und versteckt. Einer sieht unter dem Stein die Distel und findet nur Worte für Trauer. Einem springen die Silben aus der Faust. Ein anderer schreit. (M.Krüger aus: Wie sie schreiben)
Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Kr%C3%BCger_(Schriftsteller)
https://www.adwmainz.de/mitglieder/profil/dr-hc-michael-krueger.html
https://www.suhrkamp.de/person/michael-krueger-p-2687
https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2019/8-2019/wenn-der-apfelbaum-nicht-waer/
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Br%C3%BCckner
Die Nässe im Uhrwerk, die kleinmütige Angst vor dem Rost,
die nassen Klamotten und ein Ziehen in den Gelenken,
die nasse Haut, Gott sei Dank Regen.
Die Natur passt sich an.
Wir sprechen beim Frühstück vom Tod,
von seinen gewagten Operationen, seiner Anpassungsfähigkeit.
Wir sprechen von seiner veränderten Physiognomie,
wie sein Bild sie zeigt in der Morgenzeitung,
nach seiner Flucht aufgenommen in einem Warenhaus in der Innenstadt.
So soll der Tod aussehen?
Keiner ärgert sich über das stockige Salz.
Die Eier schmecken schon immer nach Fischmehl,
sagt einer, der dauernd zum Fenster läuft, weil er der Klingel misstraut.
Schnell das Thema wechselnd.
Auch diesen Tod haben wir nicht erfunden.
Die schiefgelaufenen Unterhaltungen,
die Gespräche über ihr Scheitern, die wir der Zeitung entnehmen.
Eine Zeit ist vorüber.
Eine Zeit der gelungenen Wortspiele und der erschrockenen Gesichter
der zunehmenden Welt.
Die Zukunft sitzt frierend am Schreibtisch, ruft einer,
gekrümmt vom Streicheln des Fortschritts.
Ein müder Exzentriker, der sich an die Teetasse klammert.
Ich kenne ihn von früher.
Ein anderer hat das Fenster aufgerissen,
damit wir den Regen hören, mitten im Winter.
Wie übergeschnappt beschreibt er das Geräusch des Regens.
Die Leistungsfähigkeit der Träume.
So viele Ichs.
So viel Tee, um über den Morgen zu kommen in diesem Winter,
der uns so unnachgiebig vorkommt, trotz des Regens.
Die Produktion der Bilder hat nachgelassen.
Die Maschine stottert.
Ihre schöne Regelmäßigkeit, ihre ökonomischen Vorteile,
ihr sanftes Geklapper, das uns geweckt hat am Morgen.
Ihre unbeschränkten Bewegungen sind zum Stillstand gekommen.
Die genialste Erfindung in der Geschichte der Täuschung,
bemerkt einer, hat sich selber zerstört.
Die Schwermut der Dinge, der Geschmack und die Farbe der Illusion,
ihre unwandelbare Substanz, ihre ehrwürdigen Formen der Angstmacherei.
Das wäre zu beschreiben.
Nach einem Spaziergang.
In gemeinsamer Arbeit.
Das wäre unser Beitrag zum Überleben der Genauigkeit.
Das Beobachten des Sterbens einer Bewegung der Hand oder des Kopfes.
Das Aufschreiben der Beobachtung gegen die Angst vor dem weißen Papier,
gegen das grillenhafte Diktat der Nützlichkeit.
Danach, sagt der, der der Klingel misstraut, wäre der Winter vorbei.
