Käthe Kollwitz - Gespräch mit dem Tod - Ein Porträt

moriundmori - Kunst und Künstler
14 Abonnenten
6 Videoaufrufe·01.11.2024
"Gespräch mit dem Tod - Käthe Kollwitz - Ein Porträt"
Doku BR 1997, Buch und Regie: Franz Deubzer.
Aufnahme: BR-Alpha 23.07.2009.
Anhand von historischem Filmmaterial und Darstellungen der Werke von Käthe Kollwitz geht der Film den Spuren der Künstlerin nach. Er informiert über ihren Lebensweg und liefert reichhaltiges Anschauungsmaterial für das, was ihre künstlerische Stärke ausmachte: die "Griffelkunst", ihr Umgang mit Feder, Kohle und Bleistift - die Charakterisierung von Menschen durch ein paar Striche.
Jahre hat sie ihren Bruder gepflegt und ihn am Ende so gezeichnet, als alten Mann der dem Ruf des
Todes folgt. Dem Tod ist sie früh begegnet, drei Geschwister starben und das Kind litt schrecklich
unter der Vorstellung auch die Eltern zu verlieren. Ihr ganzes Leben hatte sie ein Gespräch mit dem
Tod, wird später ihre Schwester berichten. Es muss ein vertrautes Gespräch gewesen sein, denn
einer Freundin schreibt Käthe Kollwitz einmal, ich freue mich, dass dir das Bild lieb ist, wo
im Tod der Freund erkannt wird. Auch mir ist es lieb, aber sonst kaum einem. München vor der
Jahrhundertwende. Mit 20 Jahren kommt Käthe Schmidt hierher, auf Wunsch ihres Vaters. Er sorgt sich um
ihre künstlerische Karriere, weil sie sich mit dem Medizinstudenten Karl Kollwitz verlobt hat.
Käthe war in Königsberg aufgewachsen und hatte in Berlin in einer privaten Zeichenschule studiert.
An der Kunstakademie waren Frauen noch nicht zugelassen. Das beschauliche München gefällt ihr,
auch wenn sich die Mädchen der Malschule ein wenig über die Neue mokieren. Eine Kunststudentin und
bürgerlich verlobt. Das Leben in München war anregend und beglückend, aber es erweckte Zweifel
in mir, ob ich wohl getan hätte, mich so frühzeitig durch Verlöbnis zu binden. Die
freie Künstlerschaft lockte sehr und der freie Ton der Malweiber entzückte mich. In der Malklasse
kam ich aber nicht vorwärts. Die Kolleginnen waren viel begabter für die Farbe als ich. Doch
dann las ich zufällig die Broschüre Malerei und Zeichnung. Da merkte ich, ich bin ja gar keine
Malerin. Nun kann sich ihr wahres Talent entfalten. Ihre beste Freundin erinnert sich. Was bei einem
Menschen durch seine Haltung zum Ausdruck kommt oder dadurch wie er sich bewegt, das kam bis auf
die leiseste Regung in den Federstrich hinein, den sie hinzeichnete. Das Unwesentliche war weg,
das Wesentliche war da. So überzeugend, dass man meinte, man hätte es selber entdeckt. Wie war mein
Leben damals stark in Leidenschaft, in Lebenskraft, in Schmerz und Freude. Damals kämpfte ich wirklich
in der Sonne, ein Sohn der Erde. Dann kam das allmähliche Altern und ich ging im Halbdunkel.
Nur selten Sterne, die Sonne lange und ganz untergegangen. Die Füße sind müde und die Glieder
schwer und der Kopf hebt sich nicht hoch. Käthe Kollwitz wird die Griffelkunst, die Arbeit mit
Kohle, Feder und Bleistift zur höchsten Meisterschaft entwickeln. Sie wird die Zeichen ihrer Zeit deuten
und dabei eine Realität entdecken, die den meisten Künstlern verschlossen bleibt. Eine Aufgabe, von
der sie am Ende ihres Lebens sagen kann, nie habe ich eine Arbeit kalt gemacht, sondern immer
gewissermaßen mit meinem Blute. Oft wird Käthe Kollwitz ihren Mann zu seinen Patienten begleiten
und die Not in den armen Vierteln Berlins kennenlernen. Der Künstler ist meist ein Kind seiner Zeit.
Meine Entwicklung fiel in die Zeit des frühen Sozialismus. Was kümmerten mich Schönheitsgesetze
wie die der Griechen, die nicht meine eigenen waren? Nicht Mitleid zog mich anfänglich zur
Darstellung des proletarischen Lebens, sondern, dass ich es einfach als schön empfand. Mitunter
sagten sogar meine Eltern zu mir, warum zeigst du nur die düstere Seite? Es gibt doch auch
Erfreuliches im Leben. Darauf konnte ich nichts antworten. Es reizte mich einfach nicht. Die
Arbeiterwelt ist eine vollkommen geschiedene von der Bürgerwelt. Arbeitslosigkeit, Krankheit,
Suff, das geht immer im Kreis. Es herrschen hier vollkommen andere Wertmaße. Später,
als ich Not und Elend der Arbeiter durch nahe Berührung wirklich kennenlernte,
verband sich damit zugleich ein Verpflichtungsgefühl, ihnen mit meiner Kunst zu dienen.
Manchmal wurde man geradezu angeschrieben, rasch, rasch Plakate machen, für die Reisenhilfe,
für die Kinderhilfe, rasch, als ob eine Weckeruhr hinter einem stünde. Aber ich bin einverstanden
damit, dass meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so
ratlos und hilfsbedürftig sind. Mag man tausendmal sagen, dass das nicht reine Kunst ist, die einen
Zweck in sich schließt. Ich will mit meiner Kunst, solange ich arbeiten kann, wirken.
Käthe Kollwitz hatte sich aber immer dagegen verwahrt, lediglich als Darstellerin des
Proletariats abgestempelt zu werden. Sie erfuhr an anderen, aber auch an sich selbst, dass Menschen
nicht nur unter materieller Not und körperlichem Schmerz zu leiden hatten, sondern auch unter den
unumstößlichen Gesetzen des Lebens, unter Trennung und Tod. Als Kind fürchtete ich immer, meine Mutter
könne verunglücken, sie könne in der Badewanne ertrinken oder sich verirren oder sogar sie könne
wahnsinnig werden. Bevor ich zur Welt kam, hatte die Mutter schon zwei Kinder verloren. Ihr ganzes
Leben sprach sie von ihrem ersten Kindchen, das nach einem Jahr starb. Der Tod dieses Kindchens
ist wohl das stärkste in ihrem Leben gewesen. 1914, das Jahr, in dem ich der schwerste Schlag
meines Lebens traf. Von da an datiert für mich das Altsein, das dem Grabe zugehen. Zwei Söhne hat
Käthe Kollwitz, Hans und Peter. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist Peter, der Jüngere, 18
Jahre alt. Er meldet sich freiwillig an die Front. Karl Kollwitz will es ihm ausreden, das Vaterland
braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen. Die Mutter lässt den Sohn gewähren und
bringt ihn zum Bahnhof. 18 Tage später ist Peter Kollwitz tot. Käthe Kollwitz kann den Tod des
Sohnes nicht verwinden. Jahre später fertigt sie eine Bleistiftskizze an, die Freiwilligen. Das
Blatt zeigt den trommelnden Tod, an dessen Seite drei junge Leute sterbend zusammen sind. November
1918. Der Vorwärts schreibt, der letzte Schuss im Weltkrieg ist verhallt. Wer ist der letzte
Gefallene? In unser Leben ist ein Riss gekommen, der nie wieder heil wird. Soll auch nicht. Oft
träumt Käthe Kollwitz von ihrem Sohn. Sie verspricht ein Mahnmal zu schaffen, eine Skulptur,
die ein trauerndes Elternpaar zeigt. 1932, nach 17 Jahren, wird sie das Versprechen einlösen. Als
die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernehmen, werden die Arbeiten von Käthe
Kollwitz aus den Museen entfernt. Ich wollte, man könnte noch einmal lächeln. Ein jeder Krieg wird
mit einem neuen Krieg beantwortet, bis alles kaputt ist. Ich zeichnete noch einmal Berliner
Jungen. Die junge Pferde wittern sie gierig nach draußen, werden aber von der Mutter zurückgehalten.
Das ist mein Testament. Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Käthe Kollwitz erlebt das
Kriegsende nicht mehr. Sie stirbt wenige Tage vor Hitlers Selbstmord in Moritzburg bei Dresden.
Erinnern wir uns noch einmal an die Zeit um die Jahrhundertwende, als in Deutschland der Kaiser
regiert, als es in Berlin noch keine Verkehrsampeln gibt und Damen und Herren nur mit Hut auf die
Straße gehen. Die Filmbilder führen uns die alte Zeit noch einmal vor Augen. Sie zeigen aber auch,
wie fern sie uns gerückt, wie fremd sie uns geworden ist. Was geblieben ist, haben andere
gestiftet. So ist im Jahr 1900 etwa auch diese kleine Bleistiftzeichnung entstanden. Bleiben
meine Arbeiten so in ihrer Wirkung? Auch nach Jahrzehnten? Ja, dann habe ich sehr viel erreicht.
