DER MÖRDER VON KÖPENICK #krimihörspiel #missmarple CLAUS WILCKE KATHARINA BRAUREN 1981

HOR MAL ZU HORSPIELE & CO
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Klaus Wilke als Bruno in
Der Mörder von Köpenick
Nach einer wahren Begebenheit
Am 24. Oktober 1930
findet in der Pommerschen Kleinstadt Reetz
bei Ernst Walde eine Schwurgerichtsverhandlung statt.
Angeklagtes Mordes ist ein kleiner, hilfloser Mann,
der sich nur schwer auszudrücken weiß.
Der 26-jährige Wagner-Gehilfe Fritz Bauer.
Ruhe!
Sprechen Sie lauter Angeklagte, die Herren geschworen,
und können Sie sonst nicht verstehen.
Also, Sie geben zu, mit der ermordeten Else Ladwig
intime Beziehungen unterhalten zu haben.
Ja und nein.
Na, was heißt ja und nein?
Ich hab mit der Else etwas gehabt, aber es war doch schon lange vorbei.
Wie lange?
Ich glaube, drei Monate, Herr Vorsitzender.
Wussten Sie, dass Ihre Geliebte ein Kind von Ihnen erwartete?
Na, ich habe Sie etwas gefragt.
Ich wusste es.
Und Sie wollten sie nicht heiraten?
Nein.
Warum nicht?
Wegen Maria.
Sie meinen, die Zeugin Maria Wagner nicht war Angeklagte?
Ja, wir wollten heiraten, Herr Vorsitzender.
Maria erbt einen Bauernhof.
Ich meine, Maria erbt einen kleinen Hof.
Wir hätten ihn sofort übernehmen können.
Sie wollten also Maria heiraten?
Ja, Herr Vorsitzender.
Und dann erfuhren Sie, dass Elsa ein Kind von Ihnen bekommt.
Deshalb haben Sie sie ermordet.
Nein, nein, Herr Vorsitzender.
Gott hilf mir doch.
Ich war es nicht.
Ich bin unschuldig.
Unschuldig beteuert Fritz Bauer immer wieder.
Doch das hilft ihm nichts.
Eine Reihe von Indizien sprechen gegen ihn.
Die Geschworenen kommen zu der Überzeugung, dass er schuldig ist.
Das Strafmaß setzt der Richter fest.
Im Namen des Volkes, der Angeklagte Fritz Bauer
ist wegen heimtückischen Mordes zum Tode verurteilt.
Die bürgerlichen Ehrenrechte sind ihm lebenslänglich abzuerkennen.
Wie Fritz Bauer ergeht es in diesen Jahren vielen.
Sie beteuern ihre Unschuld, werden aber dennoch verurteilt.
Wegen eines Verbrechens, das ein anderer begangen hat.
Ein bestialischer Lustmörder,
der vagabundierend durch die deutschen Lande zieht.
Und der überall seine blutige Spur hinterlässt.
Es ist kurz nach 23 Uhr.
Sehr neblig.
Und es ist kaum noch jemand auf der Straße.
Was haben Sie hier am Bahnkörper zu suchen?
Das geht Sie doch ja nicht an.
Ich bin von der Bahn. Verlassen Sie sofort die Gleise.
Dreck tu ich.
Wie heißen Sie?
Dann kommen Sie mal mit.
Seien Sie doch vernünftig.
Gehen Sie vom Bahnkörper runter, dann ist alles in Ordnung.
Na gut. Von mir aus.
Kommissar Danzer führt ihn an den Bahndamm,
wo sich zahlreiche Neugierige versammelt haben.
Lassen Sie uns durch, Kriminalpolizei.
Na so bitte, nun machen Sie schon Platz.
Was ist denn überhaupt los, Herr Kommissar?
Das werden Sie gleich sehen, Weber. Es wird nicht angenehm für Sie sein.
Wenn Sie es sagen...
Hier liegt sie. Ermordet von einem Sittenstrolch.
Ich hebe das Tuch an, damit Sie sie sehen können.
Oh, das ist ja fürchterlich.
Das arme Mädchen.
Sind Sie an dieser Stelle heute Nacht einem Mann begegnet?
Ja.
Und die Tote haben Sie nicht bemerkt?
Nein.
Also, das ist mir unbegreiflich. Sie liegt doch hier direkt neben dem Bahndamm.
Und von der Tat haben Sie nichts gesehen?
Nein. Als ich hinkam, stand der Mann nur da und glotzte in die Nacht.
Und wenn er nicht am Bahnkörper gestanden hätte,
wäre ich wohl auch vorbeigegangen,
ohne mich überhaupt um ihn zu kümmern.
Der Mann, dem Sie begegnet sind, war der Mörder.
Können Sie ihn uns beschreiben?
Ja, natürlich.
Würden Sie ihn wiedererkennen?
Ja, selbstverständlich.
Gut, dann ist alles einfach.
Diese Geschichte werden wir im Handumdrehen klären.
Kommen Sie mit aufs Präsidium.
Aber Kommissar Danzer irrt sich.
Denn in der Spezialkartei der Sittenpolizei
gibt es kein Foto des Täters.
Danzer schickt einen Bericht über den Mord an Lotte Merkel nach Berlin,
in der Hoffnung, auf diese Weise zum Erfolg zu kommen.
An das Reichskriminalpolizeiamt.
Die neu geschaffene Zentrale für ganz Deutschland
muss jedes Verbrechen gemeldet werden.
So liegen in den Tresoren in Berlin
zahlreiche Akten über Sittlichkeitsverbrechen
mit tödlichem Ausgang.
Verbrechen gibt es überall, nur nicht in Deutschland.
Der Führer hat die Kriminalität beseitigt.
Damit niemand an Zucht und Sicherheit zweifelt,
dringt von den tatsächlichen Verbrechen
so gut wie nichts an die Öffentlichkeit.
So kann ein vagabundierender Mörder
nahezu unbehelligt durch Deutschland ziehen
und seine Untaten begehen.
Holt bloß ab die Leine!
Oder soll ich euch Behne machen?
Bruno! Bruno!
Jetzt reicht es mir aber.
Da wartet euch wer nicht.
Was ist denn das?
Bruno! Bruno!
Kleine, ihr werdet nicht mit uns behnen.
Kinder, lasst den Bruno in Ruhe.
Hört euch das an.
Lasst den feinen Damenmann in Ruhe, Bruno.
Das ist nichts für dich.
Hey, du da, Kutscher, fahr endlich weiter.
Warum fahren Sie denn nicht Kutscher?
Immer sachte, sachte, Fräulein.
Wann kriegen Sie denn wieder mal ein Kind?
Wenn ich in Ruhe Sie pflege.
Mensch, so ein flotten Sportwagen
und so viel Holz vor der Tür.
Die kriegen das alles rin in die kleine Kiste.
Hey, Wachtmeister!
Wachtmeister, sagen Sie dem Idioten doch endlich,
dass er die Kreuzung freimachen soll.
Mann, sehen Sie zu, dass Sie weiterkommen
und reißen Sie keine blöden Witze.
Ist doch klar, Wachtmeister, ich fahr ja schon.
Bald darauf wird Bruno Lütke von einer Polizeistreife angehalten
und auf die Wache gebracht.
Er hat einen Pferdewagen mit Holz beladen.
Sag, Bruno, hast du wieder was ausgefressen?
Na klar, Herr Wachtmeister.
Du verdienst doch genug. Warum hast du auch noch Holz geklaut?
Mit dem Geld reicht doch keiner.
Das wissen Sie doch, Herr Wachtmeister.
Aber man darf doch nicht einfach klauen.
Was kann ich dafür, dass Sie mich immer gleich erwischen?
Du gibst also zu, dass du das Holz klauen wolltest.
Das kann ich leicht tun, Herr Wachtmeister.
Mir passiert ja nichts.
Wie kommst du darauf?
Ich hab doch den Paragrafen 51.
Was hast du?
Mich haben Sie doch schon mal geschnappt
und den mussten Sie mir wieder laufen lassen.
Ich bin doch nicht ganz richtig im Kuppel.
Deshalb kann mir da ja nichts passieren.
Du bist ja gut, Mann.
Warte mal, ich muss eben telefonieren.
Hör mal zu, ich hab Zeit.
Kriminalinspektor Bauer, Herr Staatsanwalt.
Wir haben den Bruno Lütke hier.
Der Förster hat ihm beim Diebstahl von Holz erwischt.
Was? Läuft der immer noch frei herum?
Ja, immer noch.
Ich weiß auch nicht, was man mit dem anfangen soll.
Beim Richter kommen wir nicht mit ihm durch.
Das haben wir schon einmal durchexerziert.
Hören Sie, Inspektor, das ist ja keine große Affäre.
Im Grunde ist der Mann doch harmlos.
Natürlich, Herr Staatsanwalt.
Der Kerl soll das Holz wieder dahin fahren, wo er es geholt hat.
Stauchen Sie mal zusammen und sagen Sie ihm,
dass wir ihm das nächste Mal den Kopf heruntermachen.
Vielleicht hilft es.
Also Bruno, du wirst das Holz wieder zurückbringen
oder es gibt gewaltigen Ärger für dich.
Ja, Wachtmeister, mach ich, wenn es nicht anders geht.
Nein, geht nicht anders.
Sag mal, war es kein Witz, Bruno?
Nein, diesmal nicht, Herr Wachtmeister.
Na, wie geht es dir sonst?
Oh, sonst geht es gut.
Ich habe schon einen dicken Bauch.
Das Fressen schmeckt mir hier so.
Und wie geht es mit der Liebe, Bruno?
Na ja, man hat so kleine Sorgen.
Wissen Sie, da habe ich ein tolles Mädchen gesehen.
Gleich hier, zwei Zimmer weiter.
So eine große Blonde.
Können Sie mir die nicht verschaffen?
Unsere Chefsekretärin?
Bruno, fahr bloß wieder in den Wald.
Ist gut, Herr Wachtmeister.
Am 5. Juli 1936 klingelt es an der Tür von Bertha Israelski,
einer Jüdin, die mitten in Berlin in einem Häuserblock wohnt.
Bertha Israelski zögert, die Tür zu öffnen.
Sie hat Angst, dass die Polizei sie abholen
oder dass man ihr die kärgliche Rente streichen will.
Aber dann klingelt es noch einmal.
Und sie öffnet doch.
Ein untersetzter Mann mit dunkelblauem Anzug und Schirmmütze
grinst ihr ins Gesicht.
Guten Morgen.
Guten Morgen. Was wollen Sie?
Ich habe noch nichts gegessen heute.
Ich habe so einen Hunger.
Können Sie mir nicht was suchen lassen?
Ich habe selbst nicht viel. Ich bin Jüdin.
Sie wissen sicher, was das bedeutet.
Natürlich weiß ich das. Aber wenigstens ein bisschen was.
Ja, eine Tasse Kaffee und eine Schrippe kann ich Ihnen geben.
Besser als Johannes.
Bitte kommen Sie doch herein.
Danke.
Eine hübsche Wohnung haben Sie.
Ja, ich bin zufrieden.
Und Sie sind immer alleine hier?
Ja.
Ach, komm doch mal, Kleine.
Komm mal her.
Nein, Johannes!
Wir kriegen Sie doch still!
Nein!
Oh!
Die sind...
Mal sehen, ob sie ein paar Piepen hat.
Nichts.
Hör auf, junger Mann! Stoßen Sie mir nicht den Eimer um!
Ich hatte doch einen im Kopf.
Schönen guten Morgen.
In den Zeitungen steht kein Wort über die Mordserie.
Aus dem Äther kommt keine einzige Fahndungsdurchsage.
An den Litfaßsäulen klebt kein Steckbrief.
Denn in dem Ordnungsstaat der Nationalsozialisten
kann und darf es keine Kriminellen mehr geben.
Etwa 24 Stunden nach einem Doppelmord in Grünau,
begangen von Bruno,
befindet sich die Familie Lütke in Berlin-Köpenick
in höchster Sorge.
Mutter, wir müssen endlich etwas wegen Bruno unternehmen.
Es wird immer schlimmer mit ihm.
Wir können ihn nicht mehr länger herumstreuen lassen.
Ich weiß, Herta.
Aber soll ich deinen Bruder einsperren?
Wir haben das doch schon probiert.
Ja, ich weiß. Er reißt durch das Fenster aus.
Soll ich zu den Behörden gehen?
Wer garantiert uns, dass die ihn nicht einfach umbringen?
Mutter, neulich bin ich in dein Schlafzimmer gegangen.
Bruno war da. Er hat mich nicht gehört.
Ja, und?
Er stand vor dem Spiegel und er hatte ein Kleid von dir an
und Stöckelschuhe, die ihm viel zu klein sind.
Mutter, das ist doch nicht normal.
Oh mein Gott, was soll ich bloß tun?
Weißt du eigentlich, was er in seinem Schrank hat?
Nein. Was denn?
Früher hat er den Schrank nie abgesperrt. Jetzt immer.
Wir müssen den Schrank aufbrechen.
Wir können doch keinen Schloss erholen.
Ach was, ich mach das schon. Mit dem Kleideracken geht das.
Das kannst du doch nicht machen, Hertha.
Natürlich kann ich das. Wart mal, ich hab's gleich.
Jetzt!
Hertha, was ist denn?
Mutter, es sind drei Dammenschuhe drin.
Es sind nur linke Schuhe.
Drei verschiedene Größen. Hier.
Mutter Lüdtke kann nicht wissen, was die Schuhe bedeuten.
Sie kann nicht ahnen, dass bei drei Frauenmorden
am Tatort jeweils ein Schuh fehlte,
dass der Mörder ihn mitgenommen hat
und dass die Polizei vor einem Rätsel steht,
das sie jetzt lösen könnte, wenn sie ihr die Schuhe brächte.
Doch Mutter Lüdtke wirft die Schuhe in die Mülltonne.
Und so geht das Morden weiter.
Ich bin Therese Pohl, Herr Kommissar.
Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich Ihnen einige Fragen stellen muss.
Wir müssen so schnell wie möglich handeln, damit wir den Kerl noch erwischen.
Natürlich, es geht schon, Herr Hinz.
Der Kerl ist in den Waldort geflohen.
Wir sind noch hinter ihm her, haben ihn aber aus den Augen verloren.
Inspektor Seifer, trommeln Sie die Leute zusammen.
Sie sollen das ganze Gebiet absuchen.
Ich geb's über Funk durch, Herr Kommissar.
Also, Frau Pohl, wie war das nun mit dem Mann?
Der Verbrecher kam auf mich zu.
Und bevor ich recht wusste, was geschah, war es auch schon passiert.
Es war entsetzlich.
Vor allem wegen der Kinder, die zusehen mussten, wie er versuchte, mich umzubringen.
Können Sie den Mann beschreiben?
Ja, Herr Kommissar.
Er ging mit so seltsamen Schritten, als ob er betrunken wäre.
Er war mittelgroß, sehr kräftig, aber nicht dick.
Er hatte ein breites Gesicht, kleine Augen, kräftige Nase.
Und er hatte sehr kurze Haare und eine Stirnglatze.
Gesprochen hat er nicht?
Nein, nur ein paar Mal so eigenartig gelacht.
Und dann hat er gepfiffen, so durch die Zähne.
Und Ihre Handtasche hat er mitgenommen?
Ja, aber erst, als er vertrieben wurde.
Ich glaube, er hatte es auf etwas anderes abgesehen, als auf die Tasche.
Wie kommen Sie darauf, Frau Pohl?
Ich weiß nicht recht. Die Tasche hätte er gleich haben können.
Nein, nein, dem ging es nicht um Raub. Das war ein Mörder, Herr Kommissar.
Danke, Frau Pohl. Ich muss Sie morgen noch mal sprechen.
Bitte geben Sie meinen Leuten die Adresse.
Ich teile die Meinung von Frau Pohl, Herr Kriminalrat.
Wir haben es mit einem Mörder zu tun. Der Kerl wollte Sie umbringen.
Ich bin überzeugt, dass wir es mit dem Lustmörder zu tun haben,
auf dessen Konto die anderen ungeklärten Fälle in Berlin auch gehen.
Nun sagen Sie bloß noch, Hinz, dass für die 30 bis 40 anderen Fälle
in ganz Deutschland auch nur ein Täter infrage kommt.
Das ist doch lächerlich.
Ich will vorsichtig sein. Ich beschränke mich auf Berlin.
Es gibt viele Gemeinsamkeiten bei den Zeugenaussagen der verschiedenen Fälle.
Und ebenso viele Aussagen widersprechen sich.
Wir müssen die Öffentlichkeit einschalten. Nur so können wir den Kerl fangen.
Das möchte ich überhört haben.
Herr Kriminalrat, nur wenn wir Informationen an die Öffentlichkeit geben,
können wir weitere Zeugenaussagen bekommen.
Ich sagte Nein, Hinz. Und dabei bleibt es. Haben Sie verstanden?
Ich habe verstanden. Heil Hitler.
Heil Hitler.
Dornierte Idiot. Wer, ich?
Sie doch nicht, Seifert. Ich meine diesen Herrn von der SS.
Er ist dagegen, die Öffentlichkeit zu informieren,
damit nur ja kein Zweifel an unserem Ordnungsstaat aufkommt.
Sie sollten vorsichtig sein. Mit den Braunen ist nicht zu spaßen.
Ist mir klar. Fassen wir mal zusammen, was wir über den Mörder wissen, Seifert.
Also, der Mann ist etwa 30 Jahre alt, stammt aus Berlin und wohnt hier.
Er ermordet Menschen.
Er ermordet vorwiegend Frauen, schleicht sich in ihre Wohnungen,
erwürgt oder erschlägt sie, missbraucht und beraubt sie.
Richtig, Seifert.
Damit verhält er sich ganz anders, als die Polizeischule lehrt.
Danach raubt ein Lustmörder nicht.
Und ein Triebverbrecher mordet fast immer auf die gleiche Weise.
Stimmt auch. Nur bei unserem Täter nicht.
Die Polizeischule sagt, ein Sexualverbrecher mordet meist in regelmäßigen Abständen.
Stimmt auch nicht.
Falls wir es wirklich stets mit einem demselben Täter zu tun haben.
Das ist das Problem, Seifert.
Ist es nun ein einziger oder sind es viele?
Sarah Horn, die jetzt den Judenstern tragen muss,
ist eine stille Frau, die sich nicht mehr aus dem Haus traut
und froh ist, wenn überhaupt jemand mit ihr spricht.
Seit Jahren lässt sie die Wäsche bei Bruno Lüttges Mutter waschen
und Bruno bringt sie ihr zurück.
Und schon früher blieb Bruno immer ein paar Minuten bei ihr sitzen,
um eine Tasse Kaffee zu trinken.
So auch heute.
Na, Frau Horn, haben Sie eine Stulle für mich gerichtet?
Ja, ja, Bruno, wie immer.
Prima, ich habe den ganzen Tag noch nichts gefressen.
Auch eine Tasse Kaffee, Bruno?
Klar doch.
Der Kaffee ist noch ganz frisch. Er ist noch ganz heiß.
So, Bruno.
Na, schmeckt er, der Kaffee?
Schmeckt er?
Na, Bruno?
Bruno!
Hilfe!
Halt's Maul!
Hilfe!
Oh Gott, oh mein Gott.
Er wollte mich umbringen.
Eigentlich müsste Frau Horn zur Polizei gehen und Anzeige erstatten.
Aber sie tut es nicht, weil sie Brunos Mutter schon so lange kennt
und weil sie täglich darauf wartet,
in ein Konzentrationslager deportiert zu werden.
Doch Bruno gibt nicht auf.
Wochenlang belauert er das Haus
und dann eines Tages steigt er die Treppen wieder hoch.
Entschlossen, Frau Horn zu ermorden.
Das Haus ist leer. Prima.
Darauf habe ich gewartet.
Mach schon auf, Frau Horn.
Sind Sie verrückt geworden, Sie Idiot?
Sie können doch nicht warten, bis ich an die Tür komme, was?
Was wollen Sie überhaupt?
Ich wollte zu Frau Horn, will ich.
Die gibt's nicht mehr. Sie ist schon lange abgeholt worden.
Wieso?
Sie wissen doch, was mit ihr los ist. Sie ist ja eine Jüdin.
Man hat sie evakuiert, mit ihrem Mann zusammen.
Die Wohnung hab ich jetzt.
Das ist doch eine Schwannerei, die war mir doch Geld schuldig.
Pech gehabt.
Diesmal ist der vom Staat gesuchte Mörder zu spät dran.
Andere vom Staat bezahlte Mörder sind ihm zuvor gekommen.
Am 29. Januar 1943 verübt Bruno Lüttke
ganz in der Nähe von Köpenick sein letztes Verbrechen.
Es ist ein frostklarer Tag
und der Massenmörder läuft wieder einmal von der Arbeit davon.
Er treibt sich im Stadtwald von Köpenick herum.
Hallo Bruno. Willst du wieder Holz klauen?
Nee, heute nicht. Lass dich bloß nicht erwischen.
Du, hau ab, du!
Sammel 30 Holz. Mal sehen.
Das ist ja Tante Frieda.
Tachchen, Tante Frieda.
Ach, du bist es, Bruno.
Ja, Ecke. Sammelst du Holz?
Ja, das siehst du doch.
Komm, du kannst mir helfen, Bruno,
damit du auch mal was Anständiges tust.
Na klar, wenn es sein muss.
Das sind bloß kleine Zweige. Da hast du ja schon fast alles abgesammelt.
Das ist schlecht, Tante Frieda.
Wirst du nicht viele zusammen kriegen?
Ein bisschen was ist es doch.
Ich wüsste was Schöneres.
Mensch, Bruno.
Komm, nimm doch deinen Arm da weg.
Tante Frieda, dann habt ihr doch nichts.
Bruno, das habe ich deiner Mutter.
Jetzt komm.
Nicht der beste Tag. Verstehst du?
Nichts. Nie mehr wirst du was sein.
Verstehst du mir?
Kommissar Franz hält sich nur kurz im Stadtwald auf.
Dann kehrt er ins Polizeiamt zurück
und trommelt Beamte aller Abteilungen zusammen.
Also, ich kann mich irren,
aber ich glaube, dass der Mörder aus Köpenick kommt.
Er muss den Stadtwald genau gekannt haben.
Deshalb möchte ich die Akten von allen Personen vorgelegt haben,
die der Polizei schon einmal aufgefallen sind.
Also die Sittenkarte, Herr Kommissar?
Nein, Heizmüller, alle will ich sehen.
Und wenn es 500 sind. Wir haben ja Zeit, nicht?
Da haben Sie sich aber eine Menge Arbeit vorgenommen.
Ja, ja, das ist mir klar, Heizmüller.
Aber wie gesagt, wir haben Zeit. Also an die Arbeit.
Inzwischen wird Frieda Rösner beerdigt
und Bruno Lütkes Mutter, die die Wahrheit wohl geahnt haben muss,
stirbt ebenfalls.
Immer noch bei der Arbeit, Herr Kommissar?
Ja.
Es ist schon 10 Uhr durch.
Ja, kommen Sie rein, Heizmüller. Zigarette?
Oh ja, danke.
Das war vorhin ein Anruf vom Propagandaministerium.
Ah ja?
Wegen der Fahndungsplakate, die Sie überall haben aufhängen lassen.
Ja, ja, kann ich mir denken, Heizmüller.
Das passt den braunen Herren nicht.
Es ist Ihnen unangenehm. Sie wollen nicht, dass von Verbrechen
irgendetwas an die Öffentlichkeit dringt?
Dann soll das Propagandaministerium die Morde klären.
Solange ich auf diesem Posten bin, lasse ich mir nicht vorschreiben,
was ich zu tun und zu lassen habe.
Das sollten Sie aber nicht so laut sagen, Herr Kommissar.
Auch auf unserem Amt gibt es den einen oder anderen,
der Informationen weitergibt.
An die Gestapo?
Aber was habe ich denn mit denen zu tun?
Ich will einen Mord klären.
Und das mache ich mit kriminalistischen Methoden, weil es nur so geht.
Wie weit sind Sie?
Bei Nummer 478.
Ein Mann, der sich im Wald herumgetrieben hat.
Bruno Lütke.
Bruno Lütke? Den kenne ich doch.
Ja? Denken Sie nach?
Natürlich. Ja, Bruno Lütke.
Vorbestraft wegen Holzdiebstahl, Tierquälerei, sterilisiert.
Der doofe Bruno.
Was ist mit dem doofen Bruno?
Der ist harmlos, Herr Kommissar.
Mit Frauen hat er nie was.
Woher wissen Sie das?
Er wurde noch nie mit einer Frau gesehen.
Das sagt gar nichts. Sie kennen ihn?
Ja, natürlich. Jeder kennt ihn in Köpenick.
Und was treibt der Mann?
Wenn er nicht gerade blau macht, fährt er Wäsche aus.
Sorgen Sie dafür, dass der Mann morgen früh um 8 bei mir erscheint.
Nein, nicht im Büro. In meiner Wohnung.
Bis 4 Uhr morgens brütet der junge Beamte über den Akten.
Er, der Anfänger, der zum ersten Mal einen Mord selbstständig bearbeitet,
wird den alten, routinierten Fachleuten zeigen,
wie man mit Verbissenheit, Fleiß, Logik, Fantasie
und der Kunst mit Menschen umzugehen, einen Mordfall klärt.
Einen?
Nein, nicht einen.
Ziemlich genau 84.
Der doofe Bruno erscheint mit einer halben Stunde Verspätung,
um die Wäsche abzuholen.
Guten Morgen. Kommen Sie rein.
Sie sind Bruno Lüdtke?
Bin ich.
In meine ganze Schönheit.
Brauchen Sie?
Wenn ich schon eine frage.
Danke. Sie haben wohl mächtig viele Zigaretten, wa?
Nein, es geht.
Dann können Sie mir ja noch eine geben.
Danke.
Sag mal, Du bist also der doofe Bruno?
Stimmt, das bin ich.
Und warum lässt Du Dir gefallen, dass Dich die Leute so nennen?
Na, ich bin doch doof, oder nicht?
Das ist doch immer sehr praktisch.
Ich meine, mir kann doch gar nichts passieren, wenn ich mal was ausfresse, wissen Sie?
Ich hab nämlich den Paragraphen 51.
Was ist das?
Na, ich glaube, jetzt sind Sie doof, wa?
Der Paragraph 51, das ist so ne Sache.
Wenn man auf die Pferde eindrischt, kann nüchtern passieren.
Na, ist doch prima. Noch ne Zigarette?
Oh, danke. Prima. Die steck ich mir ein.
Dankeschön.
Sag mal, Bruno, da ist doch eine umgebracht worden.
Hast Du die gekannt?
Na klar, Mensch. Das war doch Tante Frieda. Ich kenn sie schon lange.
Wann hast Du sie zuletzt gesehen?
Na, da, wo sie umgebracht wurde.
Ich hab doch noch Holz aufgelesen.
Hast Du sie gern gemocht?
Na, das kann man wohl sein.
Aber es war, ich meine, das war ja auch nur ein Weib.
Magst Du Weiber nicht?
Die taugen doch alle nüchtern.
Die wollen einem doch nur das Geld abnehmen.
So, so. Sag mal, Bruno, hast Du sie umgebracht?
Warum fragen Sie mich so doof?
Mann, wer sind Sie überhaupt?
Was wollen Sie von mir? Quatschen Sie nicht so dämlich.
Wär sonst komisch.
Natürlich, Bruno. Du hast sie umgebracht.
So, das langt Ihnen wohl, was?
Aber Sie können schon noch ein paar haben, wenn Sie wollen.
Du bist ein Anfänger, Bruno.
Ich bin Amateurboxer, seit Jahren schon.
Eben hast Du mich überrascht.
Jetzt drehen wir den Spieß mal um.
Das ist ja toll.
Du kannst ja besser boxen als ich.
Da staunst Du, was?
Hier, hast Du eine Zigarette.
Danke. Ja, ein schöner Schlag.
Und jetzt setz Dich.
Wir wollen vernünftig miteinander reden.
Du hast sie umgebracht, nicht?
Ja, Ihnen kriegt es ja sein.
Wie hast Du das gemacht?
Ich habe ihr die Joghurt zu ihr gehalten.
Und dann hat sie Kekse gemacht.
Und dann war sie hin.
Ja, jetzt hast Du Pech gehabt, Bruno.
Ich bin von der Polente.
Das macht nichts. Du bist ein ganz feiner Hund.
Dir sage ich auch noch viel mehr.
Meinst Du, das war die erste?
Ich habe noch ganz andere umgebracht.
Wie viele?
Genau weiß ich das ja nicht.
Kommissar Franz verhaftet Bruno Lüttke,
verhört ihn eine Woche lang,
vergleicht zahllose Akten miteinander
und sammelt Beweise.
Dann fährt er ins Reichskriminalpolizeiamt zur SS.
Hier, Rainer Franz.
Danke, Herr Kriminalrat.
Setzen Sie sich.
Also, ich habe schon mal in Ihren Bericht hineingesehen.
Den Bericht vom Massenmörder.
Ich bin fest davon überzeugt, Herr Kriminalrat,
dass Bruno Lüttke für alle angeführten Taten verantwortlich ist.
Aber Herr Kollege, das kann doch nicht Ihr Ernst sein.
Ja, die träumen wohl schlecht.
Ich glaube ja gern, dass der Mann den Mord im Köpenicker Wald verübt hat.
Aber das langt dann auch.
Herr Kriminalrat, Bruno Lüttke...
Bitte, bitte, bitte.
Sie wollen doch wohl nicht behaupten,
so ein Cretin habe 20 Jahre lang ungehindert
vor unserer Nase morden können, in unserem Staat.
Der Mann ist ja noch nicht mal Jude.
Bitte sehen Sie sich die Akten an, Herr Kriminalrat.
Selbstverständlich werde ich das tun,
damit ich besser schlafen kann heute Abend.
Bleiben Sie nur etwas hier, Herr Franz.
Ich habe da eine Sache in Magdeburg, bei der ich Sie ganz gern einsetzen würde.
Es tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht weg aus Berlin.
Ach so, ich verstehe. Sie wollen an Ihrer Räuberpistole weiter basteln.
Werden wir sehen. Morgen um 9 Uhr sprechen wir uns wieder.
Am nächsten Morgen ist Kommissar Franz
schon um 8 Uhr im Reichskriminalpolizeiamt.
Wenn der Kriminalrat die Akten gelesen hat,
dann muss man, so meint er, ihm freie Hand geben
für weitere Ermittlungen.
Der Kriminalrat kommt früher als erwartet.
Er ist blass und nervös.
Mensch, Franz, das kann doch nicht stimmen.
Herr Hitler, Herr Kriminalrat.
Mann, denken Sie doch an die Konsequenzen.
Wenn die Öffentlichkeit erfährt, dass wir einen solchen Mörder
20 Jahre lang nicht fassen konnten,
noch dazu einen solchen Dorfdeppen, der vor unserer Haustüre sitzt.
Der Dorfdepp und seine Morde sind Tatsachen.
Sie haben sich in die Idee verrannt, dass Lüdtke ein vielfacher Mörder ist.
Sie haben ihn in die Zange genommen.
Er ist ein gutmütiger Trottel.
Er hat Ihnen alles, alles erzählt, was Sie hören wollten.
Mensch, Franz, geben Sie es doch zu.
Nein.
Sagen Sie doch um Gottes Willen, dass es so war und nicht anders.
Nein, ich bin noch nicht lange im Dienst, aber ich bin kein Idiot.
Lüdtke hat immer wieder von Morden gefaselt.
Ich hielt das alles für Geschwätz.
Na also, Franz, da kommen Sie doch schon näher.
Und dann begann Lüdtke, Tatorte zu schildern.
Tatorte von Mordfällen, von denen nur der Mörder wissen kann.
Mit einer Genauigkeit, die beängstigend ist.
Ich habe seine Angaben mit den Akten verglichen.
Es gibt keinen Zweifel, er ist der Mörder.
Schwallerei!
Franz, ich befehle Ihnen, darüber den Mund zu halten.
Ich werde die Sache nach oben melden.
Sollen Sie entscheiden, wie wir weiterverfahren müssen.
Sonst darf kein Mensch davon erfahren.
Ich verstehe.
Geben Sie eine Meldung an die Zeitung in Köpenick.
Lassen Sie durchblicken, dass Lüdtke vielleicht unschuldig ist.
Ganz knapp natürlich nur.
Und dann machen Sie weiter.
Noch heute.
Der Kriminalrat meldet den Fall dem Reichssicherheitshauptamt.
Von dort geht die Information an Himmler weiter.
Himmler verfügt sofort, dass der Fall Lüdtke
als geheime Reichssache behandelt werden muss.
Auf eine auch nur fahrlässige Indiskretion steht die Todesstrafe.
Eine Sonderkommission von Spezialbeamten wird gebildet.
Er bleibt jedoch unter Polizeiaufsicht.
Aber seine Umwelt tyrannisiert und beschimpft ihn.
Und es hilft ihm gar nichts, dass er immer wieder seine Unschuld beteuert.
Und dann eines Tages, Ende 1943,
holt ihn die Polizei ab.
Ein Kommissar Franz aus Berlin erklärt ihm,
dass er mitkommen müsse.
Lassen Sie meinen Mann in Ruhe.
Lassen Sie ihn. Er hat nichts getan.
Wir lassen ihn nicht gehen.
Wir wissen schon, was Sie mit ihm vorhaben.
Entweder wir gehen alle oder keiner.
Beruhigen Sie sich, Frau Bauer.
Wir brauchen Ihren Mann nur ein oder zwei Stunden.
Er wird das Dorf gar nicht verlassen.
Und wenn Sie ihn doch nicht wiederbringen?
Ich bringe ihn wieder. Verlassen Sie sich darauf.
Steigen Sie ein, Herr Bauer, bitte.
Ja, ja, ich komme ja schon.
Fahren Sie los, schnell.
Wohin bringen Sie mich, Herr Kommissar?
Hören Sie mir gut zu.
Ich glaube, wir haben den Mörder von Else Lattwig gefunden.
Ich bin überzeugt, Herr Bauer, dass Sie unschuldig sind.
Wir werden Sie gleich dem Mann gegenüberstellen,
der die Else wahrscheinlich umgebracht hat.
Sie müssen sich zusammennehmen.
In ein, zwei Stunden haben Sie alles überstanden und dann für immer.
Dann wird jeder wissen, dass Sie unschuldig sind.
Verstehen Sie mich? Ja.
Ich erkläre Ihnen alles später.
Wir sind da.
Wachtmeister, zurück mit den Leuten.
Wir haben hier nichts zu suchen.
Zurück, Leute, zurück.
Ich kann nicht mehr.
Mir wird schlecht. Warum erst jetzt?
Warum nicht gleich?
Bruno Lüttke schildert den Mord an Else Lattwig in allen Einzelheiten.
Damit steht fest, Fritz Bauer ist vollkommen unschuldig.
Kommissar Franz entschuldigt sich bei ihm im Namen der Polizei.
Er will ihm helfen, sich zu rehabilitieren.
Fritz Bauer soll eine Entschädigung bekommen.
Doch er wird sie nie erhalten.
Erst steht ihr die Borniertheit der Behörden im Wege.
Dann kommen die Russen.
Und Fritz Bauer muss mit seiner Familie fliehen.
Kommissar Franz zieht mit Bruno Lüttke durch Deutschland.
Von Tatort zu Tatort.
Überall legt er Mördergeständnisse ab.
Beweist durch detaillierte Schilderungen, dass er wirklich der Täter ist.
Wo sind wir hier, Herr Kommissar?
Im Staatswald von Erlangen, Bruno.
Warst du schon mal hier?
Klar war ich dit.
Dit muss aber schon lange her sein.
Wie lange?
Dit weiss ich nicht.
Vielleicht 5 oder 10 Jahre.
Ich hab auf sie gewartet.
Eine junge Frau?
Ja, sie war noch jung.
Sie kam und dann hab ich dit genauso gemacht wie mit der anderen auch.
Und dann bist du getürmt?
Genau dit hab ich gemacht.
Bist du gleich weggegangen?
Ich bin gleich weggelaufen.
Sieh mal, Bruno.
So hat die Tote gelegen.
Die Hände gefaltet.
Ach so.
Aber dit hab ich doch öfter hier gemacht.
Dit war nämlich sehr wichtig.
Wieso?
Na, wissen Sie, wenn man dit mit die Hände von den Toten so macht,
dann kann einem nichts mehr passieren.
Dann tun sie mir nichts mehr, die Hände.
Ich verstehe, Bruno.
Und damit sind einige weitere Fälle für uns ebenfalls klar.
Aber sind wir nun nicht bald durch?
Ich hab keine Lust mehr zum Reisen.
Noch ist nicht zu Ende, Bruno.
Wir müssen noch nach Ostdeutschland.
Da sind noch 20 Fälle zu klären.
Doch in diesen Tagen,
in denen Kommissar Franz weitere Mordfälle aufklären will,
erscheint ein hoher Offizier vom Reichspropagandaministerium
im Reichskriminalpolizeiamt.
Er sucht den Kriminalrat S. auf,
mit dem auch Kommissar Franz verhandelt hat.
Diese Ermittlungen gegen Bruno Lüttke müssen eingestellt werden, Herr Kriminalrat.
Ist man bei Ihnen zu diesem Schluss gekommen?
Allerdings. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht,
wie dieser Fall enden soll? Wollen Sie Lüttke vor ein Gericht bringen?
Dabei würden mit Sicherheit einige Justizmorde an das Licht des Tages kommen.
Kommissar Franz hat nach meinen Informationen mehrere Fälle gelöst,
in denen andere für die Taten Lüttkes verurteilt
und hingerichtet worden sind.
Mir missfällt, was dieser Franz treibt.
Nicht nur Ihnen. Dieser Mann scheint uns unbedingt unter die Nase reiben zu wollen,
dass ein Schwachsinniger in unserem Staat
jahrelang die ungeheuerlichsten Verbrechen begehen konnte.
Das muss unter allen Umständen vermieden werden.
Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage,
dass eine Lex Lüttke vorbereitet wird.
Schwachsinniges Leben muss vernichtet werden, bevor es Unheil anrichten kann.
Vielleicht sollte Bruno Lüttke bis zum Kriegsende,
sagen wir, konserviert werden.
Sie wollen dieses Ungeheuer am Leben lassen?
Ja, warum nicht? Durch das Leben der Exemplar dieses Idioten
wäre die Lex Lüttke hervorragend zur Popularisierung.
Wir vom Propagandaministerium haben diese Frage natürlich erörtert.
Wir sind dagegen. Lüttke muss liquidiert werden,
ohne Prozess, ohne Aufsehen. Die Akten müssen verbrannt werden
und alle Beamten, die von dem Fall wissen, müssen zu ihrer Schweigepflicht
Ich bezweifle, dass sich die Existenz dieses Massenmörders
tatsächlich noch vertuschen lässt.
Verlassen Sie sich darauf.
In einigen Jahren wird niemand mehr von Bruno Lüttke sprechen.
Wenn wir uns nicht dazu entschließen können, Bruno Lüttke
für unsere Zwecke zu verwenden, dann ist es fraglos richtig,
ihn verschwinden zu lassen.
Schicken Sie Kommissar Franz ein Telegramm.
Er soll die Ermittlungen augenblicklich einstellen
und einen Schlussbericht anfertigen.
Bruno Lüttke kommt ins Untersuchungsgefängnis Wien.
Wir haben dort einige psychiatrische Experimente mit ihm vor.
Das Schicksal Bruno Lüttkes ist besiegelt.
Der Mörder soll liquidiert werden.
Aber das Reichssicherheitshauptamt hat Schwierigkeiten,
jemanden zu finden, der diesen Mord verübt.
Schließlich aber am 8. April 1944 ist es soweit.
Einer der Wiener Ärzte hat sich einverstanden erklärt,
den Massenmörder Bruno Lüttke auch ohne ordentliches Gerichtsurteil
hinzurichten.
Kriminalrat S. holt den doofen Bruno aus seiner Zelle an.
Tag.
Wie lange soll das noch gehen? Ich hab jetzt die Schnauze voll.
Ist schon gut, Bruno. Es ist bald vorbei.
Das hab ich mal gespannt.
Wo kennen Sie denn den?
Was habt ihr denn heute mit mir vor?
Nur ein kleines Experiment. Tauert nicht lange.
Immer noch nichts von Berlin gehört?
Ich will hier raus. Wien ist eine ganz miese Stadt.
Hier gibt es nicht mal was Vernünftiges zu fressen.
Nein, ich habe noch nichts von Berlin gehört.
Ich glaube, die Kerle pennen. Haben Sie auch schon früher getan.
Sonst hätten Sie mir ja wohl viel früher erwischt, wa?
Kann schon sein.
Das kann schon sein.
20 Jahre.
Die Nazis sind wohl noch doofer als ich.
Bloß der Franz.
Der Franz, der ist in Ordnung.
Wenn der eine Woche nicht kommt,
mach ich nicht mehr mit.
Er wird schon kommen.
Das ist ja ein Krankenzimmer.
Was habt ihr denn nun wieder mit mir vor?
Es dauert nicht lange.
Danach bist du fertig und kannst wieder nach Berlin.
Na ja, dann will ich mal nicht sein.
Wo sind denn die Ärzte?
Die kommen gleich.
Also, ich habe so ein komisches Gefühl.
Da ist doch was los heute.
Da stimmt doch was nicht.
Doch, alles in Ordnung.
Was sagen Sie, Herr Littke?
Können wir hier anfangen?
Du sollst Hemd und Jacke ausziehen, Bruno.
Warum?
Ich meine, das muss doch einen Sinn haben.
Frage nicht.
Also, Jutz.
Jacke und Hemde.
Das sind Muskeln, wa?
Leg dich hin, hier auf das Bett.
Mein Gott, das auch noch.
Den linken Arm ein bisschen.
Was soll denn das?
Nur zur Beruhigung, es piekt ein bisschen.
Es ist schon vorbei.
Kann ich wieder aufstehen?
Du bleibst noch einen Augenblick liegen.
Na, sehr gut, wenn Sie das so wollen.
Ihr müsst mir doch auch mal was Gutes tun.
Ich habe schon so viele für euch getan.
Doktor?
Er hat das Bewusstsein verloren.
In einigen Minuten ist er tot, ist aus, vorbei.
Es gibt keinen Frau Littke mehr.
Das Versagen der deutschen Polizei wird vertuscht.
Der Skandal bleibt ungesühnt.
Als der Kampf um Berlin entbrennt,
ist ein Kriminalbeamter der früheren Sonderkommission
geistesgegenwärtig und mutig genug,
eine Kopie des Schlussberichtes über Bruno Lüttke an sich zu nehmen.
