Leben wir bereits in einer Kriegswirtschaft? Staaten sichern Rohstoffe, Technologien und Lieferketten, während die Effizienz an Bedeutung verliert. China und die USA handeln, Europa ringt noch mit den Konsequenzen.
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Rohstoffe, Technologie, Kontrolle – steuern wir auf eine neue Kriegswirtschaft zu?
Eine Analyse von Patrick Langendorf vom 6. Februar 2026. Am Mikrofon Alexander Sieber.
Leben wir bereits in einer Kriegswirtschaft?
Staaten sichern Rohstoffe, Technologien und Lieferketten, während die Effizienz an Bedeutung verliert.
China und die USA handeln. Europa ringt noch mit den Konsequenzen.
Ein Beitrag auf dem Blog des deutschen Ökonomen und Sachbuchautors Daniel Stelter ließ in der vergangenen Woche aufhorchen.
Unter der Überschrift »Willkommen in der Kriegswirtschaft« diskutierte Stelter mit David Barberetz, dem französischen Investor und Autor des Buches »Welcome to the War Economy«.
In dem im Jahr 2024 zuerst auf Französisch veröffentlichten Buch beschreibt Barberetz einen fundamentalen Bruch mit der Logik der Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte.
Die Welt, so seine zentrale These, habe die Friedensökonomie hinter sich gelassen und befinde sich in einer Phase dauerhafter Konfrontation.
Nicht mehr Effizienz, Preis oder Innovation entscheiden über Wohlstand und Macht, sondern die Kontrolle strategischer Engpässe.
Rohstoffe, Energie, Technologie und industrielle Schlüsselkapazitäten.
Staaten handeln wieder wie in Kriegszeiten mit Industriepolitik, Subventionen, Exportkontrollen und politisch gelenkten Lieferketten.
China hat laut Barberetz diesen Paradigmenwechsel früh erkannt und systematisch umgesetzt.
Europa hingegen verharrt in Grundsatzdiskussionen und unterschätzt, dass Sicherheit, wirtschaftliche Resilienz und geopolitische Handlungsfähigkeit zu zentralen Voraussetzungen von Wohlstand geworden sind.
Barberetz' Diagnose ist nüchtern und provokant zugleich.
Wer weiterhin glaubt, Wirtschaft lasse sich von Machtpolitik trennen, hat die neue Weltordnung nicht verstanden.
Kriegswirtschaft im historischen Sinn.
Gerade für uns Deutsche ist der Begriff immer noch historisch vergiftet, verbunden mit totaler Mobilmachung, staatlicher Zwangslenkung und der Unterordnung nahezu aller wirtschaftlichen Aktivitäten unter militärische Ziele.
Als historisches Beispiel gilt das Dritte Reich mit dem sogenannten Vierjahresplan ab 1936 unter Hermann Göring.
In einer damals geheim gehaltenen Denkschrift über die Aufgaben eines Vierjahresplans schließt Adolf Hitler im August 1936 mit den Worten, Zitat,
Ich stelle damit folgende Aufgabe. Erstens, die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein. Zweitens, die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein. Zitat Ende.
Allerdings wurden damals die formalen Eigentumsverhältnisse weitgehend nicht angetastet. Die Kriegsmaßnahmen wurden in den USA wieder beendet, nachdem der Krieg beendet war.
Im Jahr 1939 entstand in Großbritannien mit dem Ministry of Supply eine zentrale Institution der Kriegswirtschaft, die die industrielle Produktion und die staatliche Beschaffung kriegswichtiger Güter koordinierte.
Der Staat griff damit stark in die Marktwirtschaft ein, ohne sie aufzuheben. Preisregulierung, Rationierung und Arbeitslenkung wurden von mehreren Behörden umgesetzt und prägten den Alltag deutlich.
Diese Maßnahmen blieben parlamentarisch kontrolliert, regelmäßig überprüft und von Beginn an zeitlich befristet.
In der Geschichtsforschung besteht weitgehend Konsens darüber, dass sich die Kriegswirtschaften in den USA und Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs fundamental von autoritären Modellen unterschieden.
Mark Harrison, einer der früheren Wirtschaftshistoriker zum Zweiten Weltkrieg, zeigt in seinem Buch The Economics of World War II, dass Marktmechanismen in den USA und Großbritannien dabei nicht aufgehoben, sondern überlagert wurden.
Privateigentum blieb weitgehend bestehen, Unternehmen produzierten im staatlichen Auftrag und zentrale Eingriffe wie Rationierung und Produktionslenkung waren rechtlich befristet.
Bavarès verwendet den Begriff Kriegswirtschaft im Podcast nicht im historischen, sondern im funktionalen Sinn, wie er deutlich macht.
Gemeint ist keine vollständige staatliche Kommandowirtschaft, sondern eine Ordnung, in der Sicherheits- und machtpolitische Erwägungen systematisch Vorrang vor Effizienz, Kostenminimierung und globaler Arbeitsteilung erhalten.
Die Grenzüberschreitung mit dem Begriff Kriegswirtschaft scheint allerdings bewusst gewählt.
Bavarès' Analyse zwingt uns daher eine unbequeme Frage auf.
Haben wir die Friedensökonomie der Nachwendezeit bereits verlassen?
Ab dem Ende des Kalten Krieges 1989, so Bavarès, herrschte eine Friedenswirtschaft vor.
Die Spielregeln waren ziemlich klar.
Globalisierte Lieferketten, minimale Lagerhaltung, Wettbewerb über Effizienz und Kosten sowie eine begrenzte staatliche Industriepolitik.
Dazwischen erlebte die Weltwirtschaft Phasen der Krisenökonomie, etwa während der Finanzkrise oder der Corona-Pandemie.
Hier griff der Staat durch gesetzliche Regelungen und Subventionspolitik temporär jedes Mal massiv in das Gefüge der Wirtschaft ein.
Die Logik der Marktwirtschaft wurde auch hier am Ende nicht dauerhaft verlassen.
In Anlehnung an Bavarès' Diagnose zeigt sich, dass sich die aktuelle Lage einer klaren Einordnung entzieht.
Von einer klassischen Kriegswirtschaft kann keine Rede sein, da es weder eine umfassende staatliche Zwangslenkung
noch eine systematische Unterordnung der gesamten Wirtschaft unter militärische Ziele gibt.
Gleichzeitig erleben wir eine Zunahme von Handelsbeschränkungen, Subventionen, Industriepolitik und sicherheitspolitischen Vorgaben,
welche tiefer in Investitionsentscheidungen und Lieferketten eingreifen.
Der Markt existiert zwar weiterhin, wird jedoch zunehmend von strategischen Interessen überformt.
Die Spielregeln haben sich verändert, wie Bavarès deutlich macht.
Der neue Kalte Krieg. Macht durch Engpässe.
Spätestens seit dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 2022 ist klar.
Die chinesische Führung denkt Wirtschaft strategisch, nicht randit, sondern Kontrolle über die Engpässe definiert macht.
Seltene Erden, Batterierohstoffe, Halbleiterfertigung, industrielle Automatisierung.
Wer hier dominiert, setzt die Spielregeln.
In seiner Rede auf dem damaligen Parteitag machte Chinas Staats- und Parteichef das deutlich.
Die Rede lieferte keine martialische Kriegsökonomie-Rhetorik, aber beschrieb einen systematischen sicherheitspolitischen Überbau über die Wirtschaft.
Sie vermied jede offene Abkehr von der sozialistischen Marktwirtschaft.
Gleichwohl zog sich ein Leitmotiv durch die Rede.
Wirtschaftliche Entwicklung wird konsequent sicherheitspolitisch gerahmt.
Nationale Sicherheit gilt als Fundament der Entwicklung und wirtschaftliche Sicherheit als deren Bestandteil.
Lieferketten, strategische Ressourcen und Schlüsselindustrien werden explizit als schützenswerte Bereiche definiert.
Der Markt darf weiterhin Ressourcen verteilen, jedoch innerhalb klarer politischer und strategischer Vorgaben der Partei.
Die USA reagierten mit milliardenschweren industriepolitischen Programmen und Subventionen,
wie dem Inflation Reduction Act oder dem Chips and Science Act unter US-Präsident Joe Biden.
Strafzölle, Exportkontrollen und der gezielte Aufbau nationaler Produktionskapazitäten unter seinem Nachfolger Donald Trump markieren den Bruch mit der alten Friedenswirtschaft,
die vor allem auf Globalisierung und Freihandel setzte.
Dass rohstoffreiche Regionen wie Grönland plötzlich zum geopolitischen Brennpunkt werden, ist Ausdruck dieser Logik.
Gegenüber Reportern machte Trump Mitte Januar im Weißen Haus deutlich, worum es seinem Land geht.
Die USA, so Trump, müssten Grönland besitzen, um zu verhindern, dass China und Russland das täten.
Europa. Paradigmenwechsel nur auf rhetorischer Ebene.
Europa hingegen tut sich schwer. In Sonntagsreden wird der Paradigmenwechsel anerkannt, praktisch dominiert jedoch das Beharren auf alten Denkmustern.
So sprach der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz, SPD, kurz nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs im Bundestag am 28. Februar 2022, von einer Zeitenwende.
Der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz, CDU, erklärte in seiner Neujahrsansprache, Zitat,
Wir haben es selbst in der Hand, jede dieser Herausforderungen aus eigener Kraft zu meistern. Wir sind nicht Opfer äußerer Umstände. Wir sind kein Spielball von Großmächten. Zitat Ende.
Die Annahme, man könne wirtschaftliche Offenheit, klare Handelsregeln und geopolitische Neutralität gleichzeitig bewahren, scheint sich zunehmend als Illusion zu erweisen.
Wie die Politikwissenschaftler Henry Farrell und Abraham Neumann 2019 in einem international vielbeachteten Aufsatz Weaponized Interdependence festhielten,
haben globale Wirtschaftsverflechtungen sicherheitspolitische Folgen, weil sie die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Staaten erhöhen, die zuvor weitgehend autonom waren.
Interdependence bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Staaten wirtschaftlich so stark miteinander verflochten sind, dass jede Störung unmittelbare Folgen für andere Staaten hat.
Diese Macht erlaubt es, Netzwerke zu nutzen, Zitat, um Informationen zu sammeln oder wirtschaftliche und informationelle Flüsse zu unterbrechen,
Verwundbarkeit aufzudecken und auszunutzen, politische Kursänderungen zu erzwingen und unerwünschtes Verhalten abzuschrecken.
Die Globalisierung hat damit Strukturen geschaffen, in denen Institutionen, die eigentlich zur Steigerung von Markteffizienz und zur Senkung von Transaktionskosten geschaffen wurden,
für Zwangs- und Druckmittel eingesetzt werden können.
Mehr Staat ohne klare Prioritäten.
Der russische Angriff auf die Ukraine war für Europa ein sicherheitspolitischer Schockmoment.
Das deutsche Sondervermögen für die Bundeswehr, steigende Verteidigungsausgaben und eine Neubewertung der Rüstungsindustrie markieren zweifellos einen Kurswechsel.
Doch diese Maßnahmen bleiben fragmentiert.
Sie reagieren auf Krisen, ohne eine kohärente industrie- und sicherheitspolitische Gesamtstrategie zu formulieren.
Während China Produktionsketten integriert und die USA ihre Industrie mit fiskalischer Wucht schützen,
ringt Europa um Beihilferegeln, das Verbrenner aus und Kompetenzverteilungen zwischen Brüssel und den Mitgliedstaaten.
Die Folge ist ein hybrides System.
Mehr Staat, aber ohne klare Prioritäten.
Mehr Regulierung, aber ohne strategische Bündelung.
Mehr Geld für Sicherheit, aber ohne gesellschaftliche Debatte über Zielkonflikte.
Kriegswirtschaft oder hybride Übergangsform?
Spricht man also bereits von einer Kriegswirtschaft?
Im strengen Sinne, nein.
Es gibt keine umfassende Zwangslenkung, keine Priorisierung ziviler Produktion zugunsten militärischer Erfordernisse und auch keine Abschaffung marktwirtschaftlicher Mechanismen.
Doch ebenso wenig leben wir noch in einer Friedenswirtschaft.
Zu zentral sind heute Fragen der Resilienz, der Kontrolle kritischer Technologien und der geopolitischen Abhängigkeiten.
Treffender ist der Begriff einer hybriden Übergangsökonomie.
Marktmechanismen gelten zwar weiterhin, werden aber zunehmend von sicherheitspolitischen Erwägungen überlagert.
Effizienz wird relativiert durch Redundanz, Kostenvorteile durch Versorgungssicherheit, globale Optimierung durch regionale Kontrolle.
Dies ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer neuen Weltordnung.