Klingt harmlos. In der Anklage gegen Linda Sun spielt sie allerdings eine ziemlich ungewöhnliche Rolle.
Sun war stellvertretende Stabschefin der New Yorker Gouverneurin. Laut Staatsanwaltschaft erledigte sie über Jahre Gefälligkeiten für das chinesische Konsulat.
Und als Dankeschön? Unter anderem mindestens 16 Lieferungen gesalzener Enten nach Nanjing-Art – an ihre Eltern und enge Verwandte.
Doch hinter der kuriosen Geschichte steckt ein viel größeres Thema: „Elite Capture“ – der langfristige Versuch, Einfluss auf Personen mit politischer Macht aufzubauen.
Der komplette Fall ist noch nicht entschieden: Die Jury konnte sich Ende 2025 bei keinem der 19 Anklagepunkte einigen.
📌 Timestamps: 00:00 – Vier Luxusautos und eine gesalzene Ente 01:26 – Wie Linda Sun für China gearbeitet haben soll 07:24 – 26-Millionen-Dollar-Vertrag für die Firma ihres Mannes 10:19 – Einflussnahme statt klassische Spionage? 13:13 – Was hat der Fall mit Deutschland zu tun?
In dieser Folge erklären wir, was hinter dem Begriff „Elite Capture" steckt – und warum diese Form der Einflussnahme auch für Deutschland relevant sein könnte.
Hinweis: Der Prozess gegen Linda Sun ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht abgeschlossen. Alle im Video genannten Vorwürfe stammen aus der Anklageschrift der US-Bundesstaatsanwaltschaft und sind rechtlich nicht bestätigt.
Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen im September 2024.
FBI-Agenten stehen vor einem Anwesen auf Long Island.
Als sie die Garage öffnen, stoßen sie auf vier weiße Luxuswagen, fein aufgereiht.
Einer davon ist ein brandneuer Ferrari.
Im begehbaren Kleiderschrank liegen Handtaschen von Hermes und Chanel, dazu Schweizer Uhren, einer neben der anderen.
Vor ihnen steht Linda Sund, 41 Jahre alt.
Sie war zuletzt stellvertretende Stabschefin der New Yorker Gouverneure.
Sie hat einen Masterabschluss von der Columbia University und einen Bachelor von Barnard College.
Ihr Beamtengehalt lag laut Anklageschrift bei rund 145.000 Dollar im Jahr.
Und genau hier beginnt die Geschichte.
Denn von einem solchen Gehalt kauft man sich normalerweise keine Ferrari.
Die Frage ist also, woher kam das Geld?
Und was hat eine gesalzene Ente damit zu tun?
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Mit Hintergründen und Zusammenhänge, die in den Nachrichten oft zu kurz kommen.
Laut Anklageschrift begann Lindas Sunds Arbeit für das chinesische Konsulat im Jahr 2021.
Damals war Qinggang gerade zum chinesischen Botschafter in den USA ernannt worden.
Auf dem Weg nach Washington D.C. legt er einen kurzen Zwischenstopp in New York ein.
Nach den Chat-Protokollen, die die Staatsanwaltschaft später vor Gericht zeigte,
hatte der damalige chinesische Generalkonsul in New York ein Problem.
Fernsehteams sollten mit ihren Kamera-Equipments in den gesicherten Bereich des Flughafens gelangen,
um die Ankunft des neuen Botschafters zu filmen.
Mitten in der Pandemie war das auf einem amerikanischen Flughafen keine Selbstverständlichkeit.
Lindas Sund soll den Zugang organisiert haben.
Am Tag vor der Ankunft fuhr sie laut Anklage sogar selbst zum Flughafen, um die Sache vor Ort zu klären.
Danach fragt der Generalkonsul, wie er sich bei ihr bedanken könne.
Ihre Antwort? Sie hätte gerne gesalzene Ente nach Nanjing-Art.
Das war eine persönliche Vorliebe.
Lindas Sund wurde 1983 in Nanjing geboren und kam im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern in die USA.
Die gesalzene Ente nach Nanjing-Art gehört zu den bekannten traditionellen Gerichten dieser Stadt.
Das Konsulat wusste also offenbar, was sie mochte.
Und die Sache blieb nicht bei dieser einer Ente-Lieferung.
Laut Anklageschrift wurde später mindestens 16-mal gesalzene Ente nach Nanjing-Art an ihre Eltern und enge Verwandten geschickt.
Das klingt zunächst nach einer ziemlich normalen Art, sich zu bedanken.
Aber für die Staatsanwaltschaft waren diese Lieferungen Teil eines viel größeren Zusammenhangs.
Denn die Aufträge, die Lindas Sund laut Anklage für das chinesische Konsulat erledigte, gingen weit über den Flughafenzugang hinaus.
Als sie noch Mitarbeiterin der damaligen Vize-Gouverneurin Kathy Hucho war, soll Lindas Sund sie dazu gebracht haben,
ein Video mit Neunjahresgrößen für das chinesische Konsulat aufzunehmen.
Später soll Lindas Sund gegenüber dem Generalkonsul damit geprallt haben,
die Vize-Gouverneurin höre besser auf sie als der Gouverneur selbst.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihr außerdem vor, mehrfach darauf hingewirkt haben,
dass das Wort Origuren aus offiziellen Reden des Gouverneurbüros verschwand.
In einem anderen Fall soll Lindas Sund eine Einladung der taiwanesischen Vertretung nicht an den Gouverneur weitergeleitet haben.
Der damalige Gouverneur Anjo Komo fehlte deshalb bei der Veranstaltung.
Für sich genommen sind das keine spektakulären Vorgänge.
Ein Wort, das in einer Rede fehlt, eine Einladung, die nicht weitergeleitet wird.
Ein Zugang zum Flughafen, der organisiert wird.
Aber die Staatsanwaltschaft sieht darin kein zufälliges, nebeneinander einzelne Vorgänge.
Sie beschreibt vielmehr ein Muster von Gefährlichkeiten zugunsten der chinesischen Regierung.
Und dafür, so der Vorwurf, erhielt Lindas Sund bzw. ihre Familie verschiedene Vorteile.
Darunter Karten für Carnegie Hall und Ballett-Tickets für das Lincoln Center.
Insgesamt geht es laut Anklageschrift um mehr als 20 Millionen Dollar an illegalen Einnahmen.
Ein weiterer Teil der Anklage führt nach China.
Lindas Sund und ihr Ehemann wurden laut Anklage nach Peking eingeladen.
Und zwar zu den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China.
Die Veranstaltung hatte für die chinesische Führung eine besondere Bedeutung.
Sie war auch mit dem verbunden, was Peking als Einheitsfrauenarbeit bezeichnet.
Nämlich dem Aufbau und der Pflege von Beziehungen zu Menschen außerhalb der kommunischen Partei.
Die Reisekosten soll die chinesische Regierung übernommen haben.
In Peking wohnte das Ehepaar in einem Luxushotel.
Laut Anklageschrift sogar in derselben Präsidentensuite, in der zuvor Michelle Obama übernachtet hatte.
Die Staatsanwaltschaft zeigt vor Gericht außerdem ein Foto von Lindas Sund bei den Feierlichkeiten.
Mit auf dem Bild sind zwei weitere Personen.
Eine von ihnen hatte über Jahre lang dabei geholfen, das Geschäft von Lindas Sunds Ehemann in China auszubauen.
Er handelte mit Meeresfrüchten.
Die andere Person war in chinesischen Politik- und Wirtschaftskreisen sehr gut vernetzt und hatte mehrere offizielle Funktionen.
Für die Staatsanwaltschaft ist das ein Beispiel dafür, wie politische Kontakte und geschäftliche Interessen zusammenliefen.
Und damit wird auch verständlicher, warum der Begriff Elite Capture in diesem Fall eine Rolle spielt.
Einfluss entsteht nicht unbedingt durch eine einzelne große Zahlung.
Manchmal entsteht er über Jahre durch Einladungen, persönliche Kontakte und kleine Gefährlichkeiten.
Eine Präsidentensuite ist dabei natürlich etwas ganz anderes als eine Lieferung von Enten.
Aber beides kann Teil derselben Beziehung sein.
Wenn man der Geldspur folgt, landet man schließlich wieder in New York.
Und zwar im Frühjahr 2020.
Die Corona-Pandemie hatte gerade begonnen und der Bundesstaat New York brauchte dringend medizinische Schussausrüstung.
Laut Anklage manipulierte Linda Sun damals die Lieferantenliste und setzte eine Firma ihres Ehemanns ganz oben auf die Empfehlungsliste.
Die Firma erhielt schließlich einen Beschaffungsvertrag über rund 26 Millionen Dollar für Schutzmasken.
Auffällig war für die Staatsanwaltschaft auch, was danach passierte.
In ihrer Steuererklärung für 2020 wies das Ehepaar ein gemeinsames Einkommen von minus 665.000 Dollar aus.
Kurz darauf kauften die beiden ihr Anwesen auf Long Island und eine Eigentumswohnung mit Meerblick auf Hawaii.
Beide Käufe wurden laut Anklage im Bar und ohne Kredit finanziert.
Genau diese Kombination steht im Mittelpunkt der finanziellen Vorwürfe gegen dieses Ehepaar.
Ein offiziell ausgewiesener Verlust auf der einen Seite und gleichzeitig erhebliche Vermögenswerte auf der anderen.
Für die Staatsanwaltschaft ist es schwer mit einem normalen Einkommen zu erklären.
Nach der klassischen Dramaturgie müsste die Geschichte an dieser Stelle eigentlich vorbei sein.
Die Ermittler haben die Luxusautos gefunden, die Staatsanwaltschaft hat ihre Vorwürfe vorgetragen.
Jetzt müsste ein Urteil folgen.
Doch genau das ist nicht passiert.
Am 22. Dezember 2025 konnte sich die Jury nach einem Monat Verhandlungen am Bundesgericht in Brooklyn bei keinem der 19 Anklagepunkte einigen.
In einer Mitteilung an den Richter schrieb die Jury, sie sähe keine Möglichkeiten mehr, ihre unterschiedlichen Positionen zusammenzubringen.
Es gebe grundlegende Differenzen.
Der Richter erklärte den Prozess daraufhin für gescheitert.
Die Staatsanwaltschaft kündigte einen neuen Prozess an.
Wegen verschiedener Verfahrensfragen verschob sich der Termin allerdings mehrfach.
Nach aktuellem Stand soll der neue Prozess am 18. Januar 2027 beginnen.
Lindasson ist deshalb bis heute nicht verurteilt.
Das ist wichtig, weil vieles von dem, was ich euch gerade erzählt habe, aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft stammt.
Ein Schuldspruch liegt nicht vor, die Jury hatte aber auch keine Freispruch ausgesprochen.
Sie konnte sich schlicht nicht einigen.
Und genau das macht diesen Fall sehr interessant.
Denn wenn wir über chinesische Einflussoperationen sprechen, denken viele zuerst an Spionage im klassischen Sinn.
Hacke stehlen Daten, Agenten beschaffen geheime Informationen, Menschen treffen sich heimlich und tauschen Dokumente aus.
Der Fall Lindasson sieht aber ganz anders aus.
Hier geht es um eine Person, die über Jahre in einem politischen System aufgestiegen ist
und dabei enge Beziehungen zum chinesischen Konsulat aufgebaut haben soll.
In der Sicherheitsforschung wird für solche Strategien unter anderem der Begriff Elite Capture verwendet.
Gemeint ist damit der Versuch, Einfluss auf Personen zu gewinnen, die bereits Zugang zu Macht und wichtigen Entscheidungen haben.
Das muss nicht mit einem großen Beschäftigungsgeld beginnen.
Es kann mit einer Einladung anfangen, mit einem Essen, mit einer geschäftlichen Gelegenheit oder eben mit einer gesalzenen Ente nach Nanjing-Art.
Das Entscheidende ist die langfristige Beziehung.
Wenn über Jahre immer wieder Gefälligkeiten ausgetauscht werden, kann irgendwann eine Situation entstehen,
in der jemand die Interesse der anderen Seite berücksichtigt.
Ohne dass es dafür einen einzelnen Moment gibt, den man eindeutig als Bestechung bezeichnen könnte.
Und genau deshalb sind solche Fälle juristisch schwierig.
Wo beginnt also eine normale internationale Beziehung und ab wann wird daraus politische Einflussnahme?
Auch deshalb unterscheidet sich Linda Suns Geschichte von der von Fang Fang aus der ersten Folge unserer Serie Rote Schwalben.
Bei Fang Fang ging es vor allem um politische Nachwuchskräfte.
Sie bewegte sich in einem Umfeld junger Politiker und baute Kontakte auf.
Lange bevor klar war, wer von ihnen später tatsächlich Karriere machen würde.
Linda Sun ging einen anderen Weg.
Sie arbeitete sich selbst innerhalb des politischen Systems nach oben.
13 Jahre lang.
Von einer einfachen politischen Mitarbeiterin bis zur stellvertretenden Stabschefin im Büro der Gouverneurin.
Das ist ein ganz normaler Karriereweg.
Zumindest auf den ersten Blick.
Und genau deshalb ist es schwer als Einflussoperation zu erkennen.
Denn jeder einzelne Schritt kann für sich genommen völlig unspektakulär aussehen.
Erst wenn man Jahre später die einzelnen Kontakte und Entscheidungen nebeneinander legt, entsteht ein ganz anderes Bild.
Und damit stellt sich die Frage, was hat das mit Deutschland zu tun?
Vielleicht denkst du jetzt, das ist eine Geschichte aus der New Yorker Landesregierung.
Mit Berlin hat es wenig zu tun.
Aber das Grundproblem ist nicht auf New York beschränkt.
Deutschland ist ebenfalls eine offene Gesellschaft mit vielen politischen Ebenen und intensiven internationalen Beziehungen.
Und vor allem zu China.
Es gibt die Bundesregierung, 16 Landesregierungen, Kommunen und zahlreiche Unternehmen und Verbände, die regelmäßig mit chinesischem Partner zusammenarbeiten.
Diese Kontakte sind an sich nichts Ungewöhnliches und auch nicht automatisch problematisch.
Aber sie schaffen viele Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen.
Man muss dafür nicht unbedingt bis in die Bundesregierung gelangen.
Auch in einem Wirtschaftsministerium eines Bundeslandes oder in einem Unternehmen mit umfangreichen China-Geschäften können einzelne Personen wichtige Entscheidungen beeinflussen.
Deshalb ist die interessante Frage, aus dem Fall in das und vielleicht gar nicht, könnte so etwas in Deutschland passieren.
Sondern, wenn es passieren würde, würden wir es rechtzeitig erkennen.
Was soll eine offene Gesellschaft also tun?
Jeden Kontakt nach China als Sicherheitsrisiko betrachten?
Jedem Politiker, jedem Unternehmer und jedem Wissenschaftler misstrauen, der dort Beziehungen unterhält?
Das wäre keine gute Lösung.
Internationaler Austausch gehört zu einer offenen Gesellschaft dazu.
Das Problem ist nicht der Kontakt an sich.
Die Frage ist, ob dieser Kontakt transparent ist und ob klar bleibt, wessen Interessen jemand vertritt.
Deshalb setzen Experten bei der Bekämpfung ausländischer Einflussnahme vor allem auf Transparenz und klare Regeln.
Wer im Auftrag einer ausländischen Regierung handelt, muss dies gegebenenfalls offenlegen.
Und wenn politische Entscheidungen mit finanziellen oder persönlichen Vorteilen verbunden sind, sollte nachvollziehbar sein, woher diese Vorteile kommen.
Auch im Fall Lindason spielt das amerikanische Foreign Agent Registration Act eine wichtige Rolle.
Das Gesetz soll bestimmte Formen der politischen Tätigkeiten im Auftrag ausländischer Auftraggeber transparent machen.
Aber genau hier liegt die Schwierigkeit.
Das Gesetz arbeitet mit einer juristischen Grenze.
Im wirklichen Leben ist Einflussnahme oft viel weniger eindeutig.
Eine Einladung, ein Geschenk, ein geschäftlicher Kontakt, eine Bitte, die erfüllt wird.
Und irgendwann eine politische Entscheidung.
Jeder einzelne Schritt kann harmlos aussehen.
Die Frage ist, was passiert, wenn man alle Schritte zusammen betrachtet?
Im Fall Lindason konnte die Jury diese Frage nicht eindeutig beantworten.
Der Fall ist damit noch nicht abgeschlossen.
Im Jahr 2027 soll der nächste Prozess beginnen.
Wir bleiben dran.
Falls du die erste Folge unserer Serie Rote Schwalben über Fangfang noch nicht gesehen hast,
die Frau, die ganz gezielt Kontakte zu politischen Nachwuchskräften aufbaute,
den Link findest du am Ende dieses Videos.
Und mich würde interessieren, wo würdest du in einer offenen demokratischen Gesellschaft die Grenze ziehen?
Zwischen internationalem Austausch, den wir ausdrücklich begrüßen,
und ausländischer politischer Einflussnahme, vor der wir uns schützen müssen.
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Vielen Dank fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.