Dr. Katja Rösler, "Von Scherbenhaufen zur digitalen Ordnung"

Deutsches Archäologisches Institut
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30.10.2024
Dr. Katja Rösler: „Von Scherbenhaufen zur digitalen Ordnung. Warum wir in der Archäologie so gerne Keramik klassifizieren"
In einem weiteren Vortrag der digitalen Reihe des Fördervereins der Römisch-Germanischen Kommission des DAI „Freunde der Archäologie in Europa“ befasst sich Dr. Katja Rösler von der RGK mit Ordnungssystemen, insbesondere Keramikklassifikationen, und deren Potenzial im digitalen Zeitalter.
Liebe Mitglieder der Freunde der Archäologien Europa, liebe Archäologie-Fans.
Ich begrüße Sie im Namen des Vorstands der Freunde der Archäologien Europa recht herzlich
zur zweiten Staffel von Vorträgen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen
der römisch-germanischen Kommission in Frankfurt am Main.
Darf ich mich vorstellen? Ich bin Angelika Wilke und die Vorsitzende
des Fördervereins der Freunde der Archäologien Europa.
Dieser Verein hat sich als Aufgabe die Förderung der wissenschaftlichen Arbeit
an der römischen-germanischen Kommission, kurz RGK, zum Ziel gesetzt.
Unter anderem durch Vermittlung der Erkenntnisse der Wissenschaftler und
Wissenschaftlerinnen der RGK in Gestalt von Vortragsveranstaltungen.
Des Weiteren unterstützt der Förderverein Forschungsprojekte durch finanzielle Zuwendung.
Üblicherweise veranstalten wir regelmäßig Vortragsveranstaltungen in den Räumen der RGK in Frankfurt.
Das hat uns leider Covid-19 zunichte gemacht, diese schönen Aktivitäten,
sodass wir einige Zeit schweigen mussten und der Kontakt zu unseren Mitgliedern auch zum Erliegen kam.
Im vergangenen Mai kam einer unserer Vorstandsmitglieder, Thomas Claus,
auf die geniale Idee, Vorträge per Videos aufzuzeichnen und diese über den YouTube-Kanal
des Deutschen Archäologischen Instituts nach Hause in die Häuser der Mitglieder
und auch der Interessierten der Archäologie zu streamen.
Vier Vorträge wurden mittlerweile aufgenommen, zwei davon bereits auf den YouTube-Kanal gestellt
und das Echo war sehr groß, jeder dieser Vorträge wurde ca. 200 Mal abgerufen.
Das hat uns nun ermutigt, eine zweite Staffel von Vorträgen aufzunehmen,
die dann wohl in der ersten Jahreshälfte 2021 an Sie nach Hause per YouTube-Kanal gestreamt werden soll.
Wir hoffen sehr, dass dieser Weg weiterhin Kontakt zu Ihnen erhalten bleiben kann
und natürlich hoffen wir sehr, dass wir vielleicht im Sommer 2021
wieder einen Live-Vortrag in den Räumen der AGK werden veranstalten können.
Und noch ein Hinweis, jeder kann Mitglied bei den Freunden der Archäologie in Europa werden,
ganz gleich, wo Sie wohnen, in Frankfurt, Berlin, in Halle oder in München, jeder ist herzlich willkommen
und Informationen finden Sie auf der Website der Römisch-Germanischen Kommission.
Nun wünsche ich viel Vergnügen bei den Vorträgen.
Guten Tag, mein Name ist Kerstin Rufmann und ich begrüße Sie ganz herzlich
als zweite Direktorin der Römisch-Germanischen Kommission
zu unserem virtuellen Vortragsreihe des Fördervereins der RGK Freunde der Archäologie in Europa.
Scherben bringen Glück. Für Archäologinnen gilt dieser Spruch auf jeden Fall,
denn so bleibt uns die Vergangenheit materiell überliefert.
Doch eben nicht immer in einer so schönen Form wie hier, sondern oft als Scherbenhaufen.
In Siedlungen finden wir mitunter mehrere Tonnen Keramik
und nicht selten stehen wir vor der Herausforderung einer quellengerechten Massendinghaltung.
Denn als schlecht recycelbares Plastik der Vorgeschichte und Antike
ist es oft das am häufigsten vorkommende Fundmaterial.
Besonders gut erhalten und schnell ansprechbar, auch für den Laien, ist Terra Sigillata.
Das sind großen Mengen in Handwerksbetrieben hergestellte römische Tafelgeschirr.
Aber auch bereits im Neolithikum der Jungsteinzeit gibt es erstaunlich stark standardisierte Gefäße.
Katja Rösler wird an den Beispielen von Keramik aus diesen beiden Epochen zeigen,
warum wir in der Archäologie so gerne Keramik klassifizieren
und worin die Ähnlichkeit mit den Produkten moderner Porzellanfabriken liegt.
Katja Rösler ist seit 2019 wissenschaftliche Projektmitarbeiterin der RGK.
In einem von den zentralen wissenschaftlichen Diensten
der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts geleiteten Projekt
befasst sie sich mit Forschungsdatenmanagement
und dem Transfer von in analogen Büchern publizierten Wissen zu digitalen Daten und Netzen.
Zuvor studierte sie Vor- und Frühgeschichte in Regensburg und Frankfurt,
war an der Universität Leipzig angestellt und hat an der Universität Freiburg
mit einer erkenntnistheoretischen Studie zu Klassifikationen promoviert.
Sie ist also ausgewiesene Spezialistin, wenn es um die Frage geht,
warum und wie Archäologinnen Keramik sortieren und interpretieren.
Freuen Sie sich mit mir also auf einen Vortrag,
in dem wir die Arbeit der Archäologie von der Scherbe zur Geschichtsschreibung mithin verfolgen können.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, vielen Dank,
dass ich im Rahmen der digitalen Vorträge der Freunde der Archäologie in Europa e.V.
meine Forschungen sowie meine Projektarbeit
an der Römisch-Germanischen Kommission zu Ordnungssystemen vorstellen darf.
Ich werde in den kommenden Minuten über das Klassifizieren sprechen,
einer Tätigkeit der Archäologen und Archäologinnen seit jeher nachgehend,
die aber auch in vielen anderen Wissenschaften zum grundlegenden Methodenkanon gehört.
Es handelt sich um die Vorgänge des Sortierens und Ordnens von Objekten nach bestimmten Vorgaben.
Eine sehr bekannte Klassifikation ist etwa die systematische Ordnung der Pflanzen,
das Systema Naturae von Carl von Linné aus dem Jahre 1735.
Sein System sehen Sie hier auf der ersten Folie.
Um Ihnen die Ideen, die sich in der Tätigkeit des Klassifizierens verbergen, näher zu bringen,
habe ich tief in meinen eigenen Küchenschrank gegriffen.
Anhand meines Essgeschirrs, im römischen würde man sagen Tafelgeschirr,
kann ich Ihnen aufzeigen, welche Aussagen durch Klassifikationen gemacht werden können
und wie viel Sie am Ende über mich wissen werden.
An ausgesuchten Beispielen aus der prähistorischen und promovzialrömischen Archäologie
zeige ich Ihnen so dann, welche Erkenntnisse die Forschenden durch Klassifikationen von Geschirr gewonnen haben.
Hier sehen Sie mein Geschirr, vollkommen ungeordnet und in der Menge reichlich.
Würden meine Nachbarn ihr Geschirr auf ihren Tisch stellen, sähe es womöglich ganz ähnlich aus oder auch ganz anders.
Zunächst gilt es also einen Überblick zu bekommen.
Hierzu könnte man nach der äußeren Form sortieren.
Dies ist mein Ergebnis.
Ich habe große und kleine Tassen, tiefe Teller, große und kleine Schüsseln, flache Teller und Platten.
Von diesen Gefäßformen habe ich jeweils etliche Gefäße, die sich alle etwas unterscheiden.
Alle diese Gefäßformen brauche ich, um Essen zuzubereiten und zu servieren.
Hans Dragendorff, der Gründungsdirektor der römisch-germanischen Kommission,
dessen 150. Geburtstag wir im letzten Jahr gefeiert haben,
hat in seiner Doktorarbeit ebenfalls einen Überblick über das römische Tafelgeschirr,
die sogenannte Terra Sigillata, erstellt.
Dragendorff studierte in Dorphard, Berlin und dann Bonn,
wo er 1894 mit einer Dissertation zur römischen Keramik
Devasculis Romanum Rupris Capita Selecta promoviert wurde.
1895 in deutscher Fassung in den Bonner Jahrbüchern abgedruckt,
ist diese Arbeit bis heute maßgeblich für die Benennung und Klassifikation römischer Terra Sigillata.
Für seine Doktorarbeit reiste Hans Dragendorff in viele Länder Europas
und trug die Gefäßformen aller ihm bekannten Produktionsstätten zusammen.
Er ordnete die Gefäße, schuf Übersichtstafeln und gab den verschiedenen Formennummern.
Sprechen wir heute von Terra Sigillata Gefäßen,
so benutzen wir diese Nummern und stellen ihnen seinen Namen voran.
So ist das Gefäß mit der Nummer Dragendorff 37 etwa eine tiefe Schale,
die in der Form so wie hier gezeigt aussieht, aber unterschiedliches Dekor aufweisen kann.
Die Klassifikation Hans Dragendorffs ist von andauernder Relevanz.
Sie dient zum Beispiel heute der Benennung und Zuordnung von Funden in verschiedenen Webportalen,
wie etwa dem britischen Portable Antiquity Scheme,
auf dem vor allem Lesefunde registriert werden können.
Sie sehen hier zwei Datensätze von Lesefunden, also zwei Scherben,
die im englischen Dorset gefunden wurden und der Form Dragendorff 33 und 37 zugeordnet werden können.
Solche Fundregister sind für die Archäologie und die Denkmalpflege sehr wichtig.
Zurück zu meinem Geschirr.
In meinem Geschirrbestand gibt es eine Tasse, die Ihnen womöglich bekannt vorkommt.
Es handelt sich um eine sehr geläufige Tassenform mit einer bestimmten Art von Dekor.
Diese Art oder in archäologischen Worten dieser Typ von Tasse ist weit verbreitet und über Generationen hinweg bekannt.
Das Dekor kennen wir im deutschsprachigen Raum unter dem Namen Strohblumenmuster, Strohhalmdekor oder auch Blaumodell beziehungsweise Indischblau.
In Dänemark heißt es Musselmallet und im englischen Immortell.
Die Tasse gehört in Form und Größe zu einem ganz geläufigen Kaffeeservice, wie es die großen Porzellanmanufakturen seit gut 300 Jahren herstellen.
Es ist durchaus möglich, dass meine Nachbarn so eine Tasse haben, vielleicht haben Sie, liebe Zuhörende, ähnliches Geschirr
oder Sie kennen jemanden, der ein derartiges Service besitzt.
Dieses Phänomen einer vielen Personen wohlbekannten Tasse ist ein altes Phänomen.
Bereits im Neolithikum, also vor mehr als 7000 Jahren, gab es in Mitteleuropa eine ähnlich weit verbreitete
und in Relation zur damaligen Bevölkerungsdichte sogar noch häufiger vorkommende Tasse, den sogenannten Kumpf.
Seine typische Verzierung ist Namensgeber für eine neolithische Epoche, die sogenannte Linearbandkeramik.
In einem Zeitraum von etwa 800 Jahren, zwischen 5700 und 4900 vor unserer Zeitrechnung,
werden diese Gefäße in beständiger Form und mit recht einheitlichem Dekor verwendet.
Die Neolithikumsforschung versucht schon lange, das sich wandelnde Dekor räumlich zu gliedern und zeitlich zu deuten.
So auch die ab den 1980er Jahren in Frankfurt am Main lehrenden und arbeitenden Neolithikumsforscher Walter Meier-Arend und Jens Lüning.
Sie haben die Allgegenwart dieser Gefäße und dieses Gefäßstils dazu genutzt, ein zeitliches Gerüst für das Neolithikum aufzubauen.
Jens Lüning hatte von 1982 bis 2003 an der Universität Frankfurt die Professur für Vorgeschichte
und die Leitung des Instituts für Vor- und Frühgeschichte inne.
Walter Meier-Arend war von 1980 bis 2001 Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt.
Wie diese beiden Archäologen das spezifische Dekor der neolithischen Kümpfe und anderer neolithischer Keramik gedeutet haben,
will ich im Folgenden kurz skizzieren.
Anfang der 1970er Jahre entspinnte sich eine Diskussion zwischen dem Freiburger Professor Edward Sangmeister und Jens Lüning,
damals zunächst Assistent am Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Köln,
um die ideale Repräsentation von zeitlichen Abfolgen, sogenannten relativen Chronologien.
Sangmeister interpretierte Gefäße gleichen Stils als Hinweis auf Personen, die zu einer Kultur gehören,
also einer irgendwie nach außen sich abgrenzenden Gemeinschaft.
So könnten zu gleicher Zeit mehrere Gemeinschaften in einem großräumigen Gebiet leben
und die Archäologie würde sie an den unterschiedlichen Stilen ihrer Gefäße erkennen.
Dementsprechend zeigen Edward Sangmeisters Chronologietabellen hier für den südwestdeutschen Raum
eine sehr verschachtelte Abfolge von sogenannten neolithischen Kulturen.
Die Tabelle ist von unten zu lesen.
Sie beginnt mit der Linearbandkeramik, hier mit der Abkürzung LBK im unteren Drittel der Tabellenspalte dargestellt
und zeigt die Abfolge der Kulturen Großgartach, Rössen, Bischheim und schließlich die sogenannte Michelsberger Kultur
mit den Abkürzungen MK1 bis MK4.
Die diagonalen und vertikalen Trennlinien, die mal gestrichelt, mal durchgezogen sind,
ergeben ein Bild von Gleichzeitigkeiten, Nach- und Vorzeitigkeiten oder anders ausgedrückt von räumlichem Nebeneinander,
das aber in einer chronologischen Abfolge aufgezeigt wird.
Sangmeister steht mit dieser Darstellungsart in der Tradition von älteren Chronologietabellen.
Hier sehen Sie eine Tabelle, die ältere Chronologiesysteme aus den Jahren 1930 bis 1960 zusammenführt.
Diese Tabelle könnte man problemlos die Repräsentation Sangmeisters von 1973 hinzufügen, hier rot umrandet.
Zeit ist hier als verschachtelte Abfolge von Nebeneinander und Nacheinander repräsentiert.
Diese Zusammenstellung von Chronologien wurde von Walter Meier-Arendt erstellt,
der in seiner Dissertation »Die bandkeramische Kultur im Untermaingebiet« aus dem Jahr 1966
den bisherigen Chronologien seinen Entwurf entgegenstellt, hier in der zweiten Spalte von rechts wiedergegeben.
Meier-Arendts Schema zeigt im Gegensatz zu allen anderen Chronologiedarstellungen gleich große Kästchen,
die jeweils durch gestrichelte horizontale Linien voneinander getrennt sind.
Diese vereinfachende Darstellung rechtfertigt Lüning ein paar Jahre später in einer Abfolge von Aufsätzen,
die jeweils auf Erwiderungen Sangmeisters reagieren.
Keramik sei, so Lüning, für die Zeitbestimmung besonders geeignet,
weil sie sich reichlich und in vielen verschiedenen archäologischen Kontexten finde,
etwa auf Siedlungsgrabungen und hier besonders häufig in Abfallgruben,
und man damit mit gutem Gewissen behaupten kann, dass Gefäße zum Lebenskontext aller Menschen gehören.
Lüning konstatiert schlicht, wo im Neolithikum gesiedelt wurde, gibt es in der Regel auch Keramik.
Durch ihre geringe Haltbarkeit zerbricht sie häufig und muss somit in großer Zahl immer wieder erneut hergestellt werden.
So können schon kleine Abweichungen in Form und Dekor der Gefäße erkannt und auf ein zeitliches Nacheinander hinweisen.
Gefäßformen mit Dekor sind also gerade nicht Anzeiger für räumliche Abgrenzungen von Gemeinschaften,
sondern man sollte sie betrachten wie Mode.
Der Linearband Keramische Kumpf, aber auch meine Tasse mit Strohblumendekor, gehören beide zu einem Modetrend.
Erster war etwa 800 Jahre en vogue, letzterer ist seit dem 18. Jahrhundert gegenwärtig.
Beide sind über verschiedene Gemeinschaften hinweg weit verbreitet.
Lüning schlägt vor, diesen Trendablauf mit einem Spitzoval darzustellen.
Die untere Spitze stellt den Beginn dar, in dem womöglich nur wenige Personen, sogenannte Trendsetter, die neumodischen Gefäße besitzen.
Dann vergrößert sich jetzt die Zahl der Personen, die diesem Trend folgen.
Das Gefäß ist in, wie man heute so schön sagt.
Und das obere spitze Ende symbolisiert den Ausklang des Trends.
Geschirr dieser Art ist altmodisch, wird nicht mehr hergestellt und verschwindet so langsam aus dem Besitz der Menschen.
Unter der Annahme von Modetrends kann ein möglichst feines und möglichst alle neolithischen Siedlungsgebiete umfassendes, kohärentes Chronologiesystem errichtet werden.
Sie sehen hier rechts die Gegenüberstellung von Lünings Schema mit dem bereits bekannten Schema von Sangmeister.
Lüning schreibt dazu, ein Chronologiesystem und ein Netz von derartigen Systemen sollte keine Lücken aufweisen.
Dem trägt eine normale neolithische Kulturentabelle Rechnung, wenn sie die Kulturen in einem rechteckigen Kästchensystem präsentiert.
Bei den häufigen Einwänden gegen die waagerechten Trennungslinien wird verkannt, dass es sich um Zeitgrenzen handelt, die notwendigerweise nur als ein horizontaler Schnitt durch eine vertikale Zeitachse dargestellt werden können.
Es handelt sich um eine unklare Vermischung chronologischer und kultureller Darstellungsweisen, wenn ohne Kommentar schräge oder geschwungene Linien verwendet werden.
Ich komme nun zu meinem letzten Beispiel.
Will ich mein Geschirr in einem Geschirrschrank einräumen, gibt es theoretisch viele Möglichkeiten.
Ich könnte den Geschirrschrank in der Reihenfolge einräumen, in der ich mein Geschirr erhalten habe.
Das älteste Stück sehen Sie unten links, das jüngste oben rechts.
Das wäre sehr individuell und würde viel über meine persönliche Biografie aussagen.
Ich könnte auch nach dem Hersteller des Geschirrs meinen Geschirrschrank einräumen.
Damit stünde das Geschirr mit Strohblumenmuster und die Tassen des Penguin Verlags zusammen.
Dann hätte ich allerdings noch zahlreiche Einzelstücke von unterschiedlichen Herstellern übrig, die ich irgendwie zusammenstellen müsste.
Aber eigentlich ist mein oberstes Gebot, dass alles in meinem Schrank hineinpasst und dass andere Personen, zum Beispiel Besucher oder Besucherinnen, eine Tasse oder einen Teller leicht finden können.
Vor einem ganz ähnlichen Problem standen Keramikspezialistinnen und Spezialisten in Bezug auf römisches Tafelgeschirr.
In den Jahren zwischen 1986 und 1990 traf sich eine Gruppe von provinzialrömischen Archäologinnen und Archäologen,
die ich Ihnen gleich vorstellen werde, um eine gemeinsame Ordnung des unverzierten römischen Tafelgeschirrs zu erschaffen.
Diese Ordnung wurde 1990 als Monografie der RGK unter dem Titel
Auf dem Foto sehen Sie den größten Teil der Autoren.
Von links nach rechts ist das Giuseppe Pucci, Philip Kendrick, vermutlich Bettina Hoffmann,
dann Susanne Sabelicki-Scheffenegger, Elisabeth Ettlinger, Sigmar von Schnurbein, Colin Wells und ganz rechts Katrin Roth-Ruby.
Diese Autorinnen und Autoren haben jeweils sowohl die Keramik von wichtigen römischen Fundplätzen bearbeitet als auch Überblickswerke verfasst.
Für das gemeinsame Ziel verlassen sie jedoch ihr eigenes Forschungsinteresse und widmen sich der Überwindung von geografischen,
produktionsörtlichen, kontextgebundenen und chronologischen Orientierungen von Klassifikationen.
Sie stellen damit ihrer eigenen Klassifikationen ein Rahmenwerk nebenan, das zukünftige Forscherinnen und Forschern die Arbeit erleichtern soll.
Sie sollen nicht mehr ihre je eigene Klassifikation erstellen müssen.
Oberste Klassifikationsebene oder oberste Gruppierung der Objekte sind die Formengruppen.
Hier werden Formenmerkmale wie schräge oder gerundete Wand, ausgeprägte Randlippe oder rundwandige Schalen als Gliederungsmerkmale genannt,
aber auch Hybridformen zusammengefasst.
Diese Formengruppen werden jeweils ausführlich beschrieben und es werden Zusammenhänge und Übergänge zwischen den Gruppierungen benannt und diskutiert.
Innerhalb der Formengruppe erfolgt die Unterteilung in Formen.
Hier sehen Sie die Form 18, wie sie in der Publikation dargestellt wird.
Auf der linken Seite ist der Katalog, auf der rechten Seite sind die Abbildungen wiedergegeben.
Sie können vielleicht schon erahnen, wie hervorragend sich diese Gefäße stapeln ließen.
Die Klassifikation des Konspektus gliedert also das römische Tafelgeschirr in 54 Formen mit zahlreichen Subformen,
die in Formengruppen, hier grau, zusammengefasst werden.
Innerhalb dieser Formengruppen sind Funktionsgruppen weiß umrandet unterscheidbar, also Platten, Teller und Schalen.
Ganze Servise, also Tischservise aus Platten, Teller und Schale, sind jedoch nur in der ersten Formengruppe vertreten.
Die anderen Formengruppen enthalten keine Gefäße aller Funktionsarten.
Funktion ist damit kein klassifikatorisches Kriterium.
Auch die chronologische Stellung ist es nicht, betrachtet man exemplarisch die hier rot markierten frühaugustäischen Gefäße.
Wichtig sind also einzig die formalen Merkmale, die hier in der Überschrift der Formengruppe nochmals zu lesen sind.
Schräge oder gerundete Gefäßwand, ausgeprägte Randlippe, Formen mit Steilrand, rundwandige Schalen, ausladender Rand und Barboutineverzierung,
eine ausschwingende Wand und eine vertikale Randleiste.
Mit dieser Klassifikation haben die Autorinnen und Autoren des Konspektus großen Erfolg.
Unverzierte aretinische Terrasigillata wird seit der Publikation des Konspektus von Forschenden auf diese Weise klassifiziert.
Hier sehen Sie nun wieder mein Geschirr, nach den Vorgaben des Konspektus geordnet.
Geschirr mit ähnlicher Form ist gestapelt.
Alle Teller, die sich in der Form am ähnlichsten sind, also flache kleine Teller, flache große Teller, tiefe Teller und Schüsseln.
Tassen mit ausladendem Rand kann ich ebenfalls stapeln, Tassen mit steilem Rand kann ich nicht stapeln, sie stehen als Gruppen nebeneinander.
Ein kleines Fazit.
Das Klassifizieren, also das Aufstellen von Gruppen, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, ist eine Möglichkeit Objekten mögliche Informationen zu entlocken.
So haben Sie allein über mein Geschirr, das ich auf bestimmte Arten klassifiziert habe, einiges über mich erfahren.
Die Vielzahl an Geschirr hat gezeigt, dass erstens mehrere Personen in meinem Haushalt leben.
Die Übersicht über die Gefäße kann zeigen, welche Esssitten ich habe.
Ich besitze eine weit verbreitete Form von Geschirr, nämlich dasjenige mit Strohhalmmuster und folge damit einem sehr traditionellen mittel- und nordeuropäischen Trend.
Und schließlich versuche ich generell Ordnung zu halten.
Diese Fülle an Informationen haben Sie allerdings nur, weil ich anwesend bin und Auskunft geben kann.
Archäologinnen und Archäologen haben es ausschließlich mit Objekten zu tun und müssen daher ihre Objektklassifikationen anders interpretieren.
Archäologen erstellen erstens Übersichtstafeln, um Objekte benennen zu können.
Das Gefäß Tragendorf 37 ist eine Bezeichnung für ein ganz bestimmtes Gefäß, die uns bis heute nützlich ist.
Archäologen nutzen Keramikstile zur behelfsmäßigen, vorläufigen Einteilung von Zeiträumen und schaffen damit Hypothesen,
die durch zukünftige Forschungen verifiziert oder falsifiziert werden müssen.
Und schließlich schaffen sie Gefäßordnungen, die einprägend und neutral sind und damit anderen Forschenden das Leben leichter machen.
Sie brauchen nun nicht mehr für jeden Fundplatz eine eigene Klassifikation zu erstellen.
Sie können die Gefäße in ein bestehendes System einordnen.
Es gibt natürlich noch mehr Gründe zu klassifizieren.
Räumliche Verbreitungen von Objekten habe ich bereits angedeutet und auch Analysen von Herstellungstechniken oder Funktionen sind klassische Forschungsfragen.
Warum wir also in der Archäologie so gerne Keramik klassifizieren, liegt daran,
dass Klassifikationen bei der Formulierung von guten Forschungsfragen helfen und oftmals deren Basis sind.
Ich komme nun zu einem letzten Aspekt, der die archäologische Klassifikation beeinflusst, die Digitalität.
Seit etwa 50 Jahren stehen der Forschung Computer zur Verfügung.
Seit etwa 30 Jahren gibt es das Internet und seine Allgegenwart hat in den letzten 20 Jahren fortlaufend zugenommen.
Digitale Daten, also Daten, die einzeln ohne textlichen Zusammenhang aufbewahrt werden, erweitern das Feld von Möglichkeiten.
Am Beispiel des Konspektus und meinem Geschirr will ich Ihnen das noch kurz erläutern.
Hier sehen Sie wieder, aber diesmal zum letzten Mal, mein Geschirr mit Strohhalmmuster und diesmal so, wie es in meinem Küchenschrank steht.
Es ist nicht nach der Ordnung des Konspektus eingeordnet, sondern tatsächlich nach dem Produktionsort der Porzellanmanufaktur Barreuth.
Will ich diese Zusammenstellung, aus welcher Forschungsfrage heraus auch immer, mit unverzierter aretinischer Terrasigilata erstellen und ziehe dazu den Konspektus heran,
muss ich viel blättern, in Verzeichnissen und Konkordanzen suchen und weitere Kataloge konsultieren.
Durch die Übertragung der Katalogeinträge und Verzeichnisse des Konspektus in Tabellen aber, durch Speicherung der Daten in Datenbanken also, kann ich diese Möglichkeit erleichtern.
In einem Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts entwickeln die im DAI vereinten Abteilungen derzeit gemeinsam passende Digitalisierungs- und Repräsentationswerkzeuge für digitale Daten aus allen Archäologien.
Der Konspektus mit seiner breit anerkannten Klassifikation wird derzeit von meinen Mitarbeitern und mir in der RGK digital transformiert.
Das heißt, die Objektdaten, also alle Informationen, die einem Objekt zugeordnet sind, werden in eine Datenbank übertragen.
Diese Daten und die Abbildung des Konspektus werden online im Webportal des DAI, der eDAI World, abrufbar sein.
Sie stehen als dann im Verbund mit zahlreichen weiteren Daten aus den verschiedensten archäologischen Fächern und archäologischen Arbeitsgebieten.
Durch diese breite Einbettung und Vernetzung werden sie somit hoffentlich zukünftige Forschungen anregen und zu interessanten und weiterführenden Klassifikationen und Forschungsfragestellungen führen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
