190 Jahre Deutsches Archäologisches Institut - Römisch-Germanische Kommission (1902)

Deutsches Archäologisches Institut
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30.10.2024
Am 17. Mai 2019 feierte das Deutsche Archäologische Institut sein 190-jähriges Bestehen mit einem Wissenschaftsfest in Berlin. Bei einem ganztägigen Forschungskolloquium präsentierten sich die weltweiten Standorte mit Kurzvorträgen.
Am 1. Oktober 1902 nahm die Römisch-Germanische Kommission als vierter DAI-Standort ihre Arbeit in Frankfurt am Main auf. Aus einer kleinen Arbeitsstelle in Nachfolge der Reichslimeskommission entwickelte sich einer der größten DAI-Standorte. Die Forschungen der RGK reichen heute vom Nordatlantik bis zum Schwarzen Meer - wie die beiden Direktorinnen in ihrem Vortrag eindrücklich darstellen.
Meine Damen und Herren, Grenzen überwinden, interkulturell agieren.
Dies zeichnet die Arbeit der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt am Main aus.
Damit knüpfen wir nicht nur an unseren Gründungsauftrag an,
sondern auch die aktuellen Themen und Herausforderungen wie Migration und Globalisierung.
Im Folgenden möchten wir Ihnen anhalts zentraler Themen unserer Arbeit
die aktuellen Länder- und disziplinenübergreifenden Forschungen des Hauses vorstellen.
Dabei werden wir Ihnen zeigen, wie in, mit und durch Archäologie Grenzen überschreiten und interkulturell agieren.
Doch zunächst ein paar Worte zur Römisch-Germanischen Kommission, kurz RGK,
ihrer Gründung und ihrer wissenschaftlichen Diensten.
Seit über 115 Jahren erforscht die RGK von Frankfurt am Main aus
die Vor- und Frühgeschichte sowie Provinzialrömischer Zeit in Europa.
Unser Arbeitsgebiet reicht vom Nordatlantik bis zum Schwarzen Meer.
Auf den hohen Zollen von Trondheim verfügte Kaiser Wilhelm II. 1901 die Gründung der RGK.
Nach Rom, Berlin und Athen nahm sie dann am 1. Oktober 1902 als vierter im Bunde ihre Tätigkeit auf.
Aus einer kleinen Arbeitsstelle entwickelte sich eines der größten Zweiginstitute des DAI.
Heute sind an der RGK über 40 Personen tätig.
Eine kleine Zahl festangestellter Wissenschaftlerinnen wird ergänzt von Mitarbeitern in Forschungsprojekten und in der Infrastruktur.
Geleichtet durch zwei sich in ihrer fachlichen Expertise ergänzenden Direktorinnen wurde und wird die RGK durch ihre Kommission unterstützt,
einem Beirat bestehend aus führenden Fachvertreterinnen aus Universitäten, archäologischen Denkmalpflege und Museen.
Ihren Hauptsitz hat die RGK in Frankfurt am Main.
Seit 2016 haben wir in Budapest eine Forschungsstelle gegründet.
Diese Forschungsstelle wirkt uns als Brückenkopf für neue Forschungsvorhaben im Kabatenbecken und weiter in Südosteuropa.
Unsere Bibliothek ist fast mit 200.000 Medienanheiten im Präsenzbestand einer der größten Spezialbibliotheken für Vor- und Frühgeschichte und Provinzialrömische Archäologie weltweit.
Online recherchierbar und modern verschlagwortet ist sie ein beliebter Arbeitsplatz für Gäste von nah und fern.
Das Archiv beherbergt neben dem Limes-Archiv Nachlässe bedeutender Wissenschaftler.
Unsere Akten und Korrespondenz sind seit 1902 ohne Kriegsverlust erhalten und stellen einen profunden Schatz für wissenschaftsgeschichtliche Projekte dar.
Sie werden derzeit digitalisiert und inhaltlich in der Open Access Datenbank Propyleum Vitae erschlossen.
Unsere Redaktion bringt zwei Zeitschriften, die Germania und den Bericht der RGK, sowie sieben laufende Reihen unter anderem die römisch-germanischen Forschungen heraus.
Im Oktober wird ferner als Publikumstitel ein Überblick zur 800.000 Jahren Geschichte in Mitteleuropa unter dem Titel Spuren der Menschen erscheinen.
Die technische Abteilung der RGK berät und unterstützt Wissenschaftlerinnen bei der Arbeit im Feld und Labor.
Fernerkundung findet in Kooperation mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum auf Satellitenbasis oder auch durch uns vom Boden gesteuert mit Drohnen statt.
Gerade auf Basis der Drohnenbilder können wir Geländemodelle erstellen.
Durch den Einsatz unserer 14 und 15 Geräte können wir großflächig magnetische Untersuchungen durchführen.
Mit Hilfe von Bohrungen erschließen wir nicht nur Informationen über die Strategie von Fundplätzen, sondern auch über die Nutzung von Siedlungsarealen.
In Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Zentrum in Leipzig werden wir in Zukunft über ADN-Analysen von Bodenbakterien noch mehr über die früheren Lebewesen erfahren.
Mit Hilfe unseres Digitalmikroskops und verschiedener Analysetechniken wie Röntgenfluoreszenz und Suszeptibilitätsmessungen können wir ferner zum Beispiel über Genese, Produktion, Nutzung und Deponierungen viel lernen.
Auf unterschiedlichen Skalen kombinieren wir so Landschaft- und objektarchäologische Ansätze.
Hierzu führen wir neue Methoden ein bzw. entwickeln diese weiter.
Zu allen diesen können Sie an unserer hier vor Ort eingerichteten Station im Lichthof ab Mittagszeit mehr erfahren.
Archäologie und Digitalität
Die systematische Vernetzung von Daten sowie analoge und digitale Welten ist ein weiterer Schwerpunkt der RGK, die sich für den Aufbau eines Forschungsdateninfrastruktur im Rahmen nationaler und internationaler Projekte stark macht.
Neben der Digitalisierung von Publikationen werden Quelleneditionen und Datensammlungen in webgestützten Datenbanken zugänglich gemacht.
Unsere derzeitigen Projekte befassen sich vor allem mit antiken Fundmünzen.
Ferner geht es uns darum, den Korpus der römischen Funde in Barbaricum in eine erweiterbare Webdatenbank umzuwandeln.
Die Vernetzung von Daten und Welten bedarf der Weiterentwicklung von Standardvokabularen wie Thesaurier und Datenmodellierungen, Ontologien.
Aber hier ist die RGK im Rahmen von Projekten zu Dink-Editionen und im Forschungsdatenmanagement aktiv.
Kulturerhalt. Wissen macht es möglich.
Grundlage für die Aufweisung archäologischer Schutzzonen sind heute oft großflächige, noninvasive Untersuchungen von Fundplätzen oder ganzen Landstriche.
Die RGK begleitet im Rahmen europaweiter Projekte Antragstellungen auf, so wie Erhalt des Status Welterber.
die im Zuge des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit oft ihrer Kontexte beraubt wurden.
Die internationale Vernetzung von Archäologinnen und archäologischen Forschungsinstitutionen verstehen wir als eine zentrale Aufgabe der RGK.
So pflegen wir derzeit mit 35 Institutionen aus 13 Ländern von Irland bis zur Ukraine vertragliche Kooperationen.
Nicht weniger wichtig ist, dass die RGK in zahlreichen Gremien des Faches mitwirkt, wie z.B. der European Association of Archaeologists und der Deutsche Verband der Archäologie.
Schon diese winzig kleine Auswahl spiegelt unsere wichtige Position als Schnittstelle zwischen internationalen und nationalen Institutionen wider.
Im Jahr 2018 führte die RGK 45 Forschungsprojekte mit Projektpartnern in über 20 Ländern durch.
Dabei wurden 14 Fundplätze und ihr Umfeld im Rahmen von Feldforschungsprojekten schwerpunktmäßig von Irland über Ungarn bis nach Moldawien untersucht.
Die Karte der aktuellen Projekte der RGK zeigt die Nordwest-Südost-Achse unserer Hauptforschungsgebiete.
Die wissenschaftliche Arbeit der RGK ist in zwei Forschungsfelder untergliedert.
Im Forschungsfeld 1 werden marginale Räume und Kontaktzonen im Rahmen von Kulturwanderern von der Steinzeit bis zur Bronzezeit untersucht,
während das Forschungsfeld 2 sich mit Grenzüberschreitungen von der Eisenzeit bis zur Spätantike auseinandersetzt.
Alle Projekte sind international aufgestellt und zeichnen sich durch übergreifende Fragestellungen aus.
Von zentraler Bedeutung ist dabei die Zusammenarbeit mit anderen Kultur-, Lebens- und Naturwissenschaften.
Dies möchten wir Ihnen nun anhand konkreter Themen und Projekte genauer vorstellen.
Mobilität und Transfer
Anhand der räumlichen Verbreitung von gleichartigen und fremden Kulturphänomenen
erforschen wir in der Archäologie der Mobilität von Gruppen und Individuen sowie den Transfer von Ideen und Sachgütern.
Gerade durch die Kartierung von metallenen Kleinfunden lassen sich Transalpine und Limes überschreitende Mobilität und Interaktionen zwischen Ostsee und Mittelmeer gut nachvollziehen.
Erst durch großräumige Kartierungen und Vergleiche der Funde und somit eine fächer- und länderübergreifende Forschung wird deutlich,
wie global Dinge schon in der Frühgeschichte verbreitet waren.
Die Archäologie kann besonders gut Mobilität und Transfer über lange Zeiträume und weitere Regionen hinweg erforschen.
Sesshaftigkeit und Landwirtschaft vor 6.000 Jahren
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist dieses Thema.
Im Rahmen des Olschoniexarches-Projekts verfolgt die RGK gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften in Budapest Fragen der Neolitisierung und forscht zu den frühesten Bauern in Mitteleuropa.
Neben bioarchäologischen Analysen liegt ein aktueller Schwerpunkt auf der Untersuchung der Langhäuser,
die sich im 6. Jahrtausend vor Christus vom heutigen Ungarn nach Mittel- und Westeuropa verbreitet haben.
Wir sprechen über das bandkeramische Land Langhaus.
Wichtige Erkenntnisse liefert dabei der eher unansehliche Hüttennehm, wenn er mit neuem Photogrammetrieverfahren untersucht wird.
Olschoniex ist der größte neolitische Fundort in Mitteleuropa.
In dem interdisziplinären mit internationalen Preisen ausgezeichneten Projekt konnte nachgewiesen werden, wie Siedler in neue Gebiete gewandert sind, neue Dörfer gegründet und Felder angelegt haben.
Ein zweiter thematischer Schwerpunkt der RGK befasst sich mit Siedlungsdynamiken und Sozialstrukturen.
Seit dem ehemaligen Direktor der RGK, Behap Bersu, bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts großflächig den über mehrere Jahrtausende besiedelten Goldberg bei Nördlingen untersuchte,
kommt den Siedlungsgrabungen im Forschungsprogramm der RGK eine zentrale Bedeutung zu.
In Ungarn und Kroatien untersuchen wir die nordwestlichsten Siedlungshügel der späten Jungsteinzeit und ihr Umfeld.
So werden in Babska von der RGK parallel zu den Ausgrabungen der Universität Zagreb geomagnetische Untersuchungen und eine engmaschige Beobachtung des Siedlungshügels durchgeführt.
Ferner haben wir dieses Jahr bereits magnetische Untersuchungen und Befliehungen mit Multispektrasensorik auf mehreren Fundplätzen durchgeführt.
Ein weiteres Projekt, das sich mit Fragen zu Siedlungsdynamiken und Sozialstrukturen befasst, erforscht Großsiedlungen der Tripolierkultur.
In der Kupferzeit, also dem vierten Jahrtausend vor Christus, entstanden in heutigen Moldawien und der Ukraine Siedlungen von zuvor unbekannten Ausmaß.
Auf diesen Siedlungen führen wir seit einigen Jahren geomagnetische Untersuchungen durch, die im Boden verborgene Baustrukturen sichtbar machen und dies in hoher Auflösung und auf sehr großen Flächen.
Für die Großsiedlungen der Tripolierkultur, im Rahmen des Welterbeantrages, kurz Megasites genannt, sind Bevölkerungszahlen von bis zu 10.000 Bewohnern realistisch.
Eine gesellschaftliche Herausforderung, die eine neue Qualität sozialer Institutionen voraussetzte.
Sie bestanden jedoch in dieser Größe nur für zwei, drei Generationen und das Phänomen der Großsiedlungen verschwindet zudem gänzlich um die Mitte des vierten Jahrtausend vor Christus.
Ein zentrales Forschungsthema der RGK ist daher die Frage nach den Ursachen für die Instabilität von Siedlungsgemeinschaften.
Die von uns untersuchte Siedlung bei Vrable war eine von mehreren scheinbar wohlhabenden, gut befestigten Siedlungen der frühen Bronzezeit, erste Hälfte des zweiten Jahrtausend vor Christus, in der heutigen Südwestslowakei.
Diese fanden offenbar ein jähes Ende und wurden verlassen oder zerstört, wie die niedergebrannten Häuser andeuten.
Die zur Siedlung gehörigen Gräber wurden fast alle sekundär geöffnet.
Dabei wurden Teile der Körper verlagert.
Sehr wahrscheinlich sind dabei auch Dinge, die mit den Toten in Grablagen wieder ernommen wurden.
Haben gewalttätige Auseinandersetzungen mit auswärtigen Gruppen oder etwas soziale Spannungen im Inneren zum Niedergang dieser Orte und den sekundären Graböffnungen geführt?
Diese Frage gehen wir in den nächsten Jahren im Zuge der Auswertungen der Grabungsergebnisse weiter nach.
Zentrale Orte mit überregionaler Bedeutung der Eisenzeit waren die sogenannten Opida, befestigte stadtartige Siedlungen, die den Kelten zugeschrieben werden.
Über viele Jahrzehnte führte die RGK umfangreiche Untersuchungen in Manching bei Ingolstadt, in Alesia in Frankreich und am Dünsberg bei Gießen durch.
Manching ist das am umfangfassendsten Untersuchte Opidum Mitteleuropas.
Obwohl inzwischen fast alle Befunde und Funde vorgelegt sind, dauert deren kombinierte Auswertung weiterhin an.
Die Ausgrabungen am Dünsberg sind heute in neue landschaftsarchäologische Untersuchungen eingebettet.
Künftig wollen wir verstärkt die gesellschaftlichen und ökologischen Grundlagen der unterschiedlichen eisenzeitlichen befestigten Großsiedlungen miteinander vergleichen und weiter nach Osten ausgreifen.
So werden wir die Opida in Vergleich zu anderen befestigten Höhensiedlungen entstehen, wie der zum Beispiel von Horodishte in Moldawien.
Das Thema Grenzen und Raumerschließung hat derzeit Hochkonjunktur.
Nicht nur angesichts politischer Grenzdiskussionen, auch in der Wissenschaft gewann das Thema ab den 1990ern wieder zunehmend an Bedeutung.
So entstand zum Beispiel mit dem sogenannten Border Studies ein bedeutsames interdisziplinäres Forschungsfeld und man setzte sich mit Fragen der Raumproduktion im Zuge des sogenannten Spatial Törn auseinander.
Mit der archäologischen Untersuchung römischer Grenzen führen wir eine Tradition fort, deren Grundlage unsere Vorgängerinstitution, die Reichs-Limes-Kommission, geschaffen hat.
Ursprünglich verfolgten die Ausgrabungen am Limes vor allem Fragestellungen zur chronologischen Entwicklung und der Baugeschichte einzelner Kastelle.
Heute gehen wir dagegen vergleichend den unterschiedlichen Arten nach, mit denen man zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Räumen, Wege und Grenzen zog und so auf sich ändernde geopolitische Situationen reagierte.
Mit Hilfe eines geografischen Informationssystems werden geschichtliche Entwicklungen über große Räume hinweg darstellbar.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Erforschung von Wegen und Durchlässen sowie verschiedenen Arten und Formen kultureller Interaktion.
Römisches findet sich auch jenseits der Grenzen des Römischen Reiches an vielen Stellen in Europa, von Schottland bis zur Krim.
Raumerschließung, Konfrontation und Zusammenleben erforscht die RGK unter anderem exemplarisch anhand der Stadtgründung in Waldgirmes, an der Lahn und rund um Uschow in der Tschechischen Republik.
Bei Waldgirmes konnten wir im Rahmen eines DFG-Projektes ein ziviles, allerdings nur kurze Zeit existierendes administratives Zentrum nachweisen.
Ein Beleg für den Versuch in augustescher Zeit eine römische Provinz östlich des Rheins zu errichten.
Von seiner ehemaligen Bedeutung zeugt unter anderem der vergoldete Pferdekopf, eine Reiterstatue, die in einer Brunnenverfüllung gefunden wurde.
Er war vor kurzem hier auch in Berlin in der großen Ausstellung Bewegte Zeiten zu sehen.
In der Tschechischen Republik und der Slowakei erforscht die RGK seit Längerem römische Lager in einer germanischen Siedlungslandschaft nördlich der Donau.
Mitten im für Nord-Süd-Verbindungen so wichtigen Murawa-Becken liegt dann das mittelitärische zivilische Zentrum am Burgstall von Muschow,
das eine Schlüsselrolle für germanisch-römische Beziehungen spielte.
Hier erforschen wir Fragen der Konfrontation und des Zusammenlebens sowie der Dynamik innergermanischer Beziehungen.
Während unser Bild der römischen Grenzen heute oft vom Hadrianswald und dem obergermanisch-rhetischen Limes geprägt ist,
sicherten die Römer in vielen Bereichen des Imperiums die Wege innerhalb wie auch die Zugänge in die Provinzen ohne eine durchgehend gebaute Grenze.
Im heutigen Rumänien gab es zum Beispiel vor allem Pass- und Straßenkastelle, die den Zugang zur im 2. und 3. Jahrhundert bestehenden Provinz Darkien kontrollierten.
Die RGK leistet durch systematische und weitgehend noninvasive Untersuchungen geeigneter Fundplätze,
Hilfestellungen zum Ausweis von Schutzzonen für einen geplanten Welterbeantrag.
Ähnliche Arbeiten sind in Zukunft auch in anderen Ländern Südosteuropas im Rahmen der Vorbereitung von Welterbeanträgen geplant.
Ein neu begonnenes landschaftsarchäologisches Projekt in der Nähe von Sardau, Kroatien,
untersucht die Nutzung der Regionen um den Wranaer Seen vom Kars-Gebirge mit Höhensiedlung bis ins Meer mit unter Wasser erhaltenen Hafenanlagen.
Projektpartner sind das UNESCO-Unterwasserzentrum und die Regionale Denkmalpflege.
Hier lassen sich ganz hervorragend verschiedene Formen der Raumerschließung vergleichen.
Die eisenzeitliche Bevölkerung, in den Quellen Liburna genannt, trat hier in Kontakt zunächst mit den auf den Inseln stationenmachenden Griechen und später mit der römischen Besatzungsmacht.
Zusammen mit Kolleginnen der TU Darmstadt wurde dieses Jahr Erste Bauhistorische Aufnahmen durchgeführt und ferner konnten wir magnetische Untersuchungen und Bepflegungen vornehmen.
Konflikt- und Bewältigungspraktiken sind ein weiteres Oberthema, das die RGK im Rahmen von Forschungen untersucht.
In einem großen, durch das Land Hessen geförderten sogenannten LOEWE-Schwerpunkt,
prähistorische Konfliktforschung, bronzezeitliche Burgen zwischen Taunus und Karpaten,
erforschen wir gemeinsam mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts
die bislang nur punktuelle untersuchte Zunahme der Zahl befestigter Siedlungen in der europäischen Bronzezeit.
Im Rahmen des vielschichtigen Forschungsprogrammes konnten wir unter anderem in Kooperation mit dem Nationalmuseum vom Alba Julia Rumänien
Ausgrabungen in der 30 Hektar großen Höhensiedlung von Teliak und Prospektionen im Umfeld sowie Sichtfeldanalysen durchführen.
Ihre strategische Position im Urtal, die Größe und die massiven Befestigungsanlagen
verdeutlichen die Funktion als Ort überregionaler Güterverteilung in einer sehr erz- und mineralreichen Region.
Dass die Rolle dieses Zentrums nicht stets unumstritten war, belegt die Zerstörung von Teilen des Festigungssystems im 10. Jahrhundert v. Chr.
Die Funde standardisierter Schleuderbleie sind Hinweis für systematische Kriegsführung und Angriffstaktiken.
Mit materiellen Bewältigungspraktiken von Tod und Trauer setzen wir uns gleich in mehreren Projekten auseinander.
Der Frage, was den Mensch sozial und kulturell widerstandsfähig macht, gehen wir im Rhein-Main-Gebiet im Rahmen eines Leibniz-Kooperative-Exzellenzprojektes
zusammen mit Genarchäologen, Sozialpsychologen und Neurowissenschaftlern zusammen nach.
An der RGK erforschen wir dabei, welche Resilienzfaktoren bei Todesfällen den Hinterbliebenen helfen, gut weiterzuleben.
Menschen sind beim Tod von Angehörigen und Gemeinschaftsmitgliedern mit einem ambivalenten Verhältnis von Präsenz und Absenz konfrontiert.
So stellt sich z.B. die Herausforderung des Umgangs mit dem toten Körper und es gibt auch neu zu verteilende Dinge, die dem Toten gehörten oder mit ihm assoziiert wurden.
Gemeinsam mit dem Institut für Historische Anthropologie der Universität Göttingen erforschen wir in einem Pilotprojekt die Transformation von toten Körpern,
am Beispiel der jungsteinzeitlichen Siedlung von Herxheim in Rheinland-Pfalz.
Vor ca. 7000 Jahren wurden hier offenbar die Toten mit Messern aus Feuersteinen zerlegt und die Knochen verstreut bzw. in Haufen deponiert.
Mithilfe mikroskopisch erzeugter Bilder und 3D-Modellen soll rekonstruiert werden, wie diese außergewöhnliche praktizierte Totenbehandlung denn nun genau vor sich ging.
Ein weiteres Thema, das in der RGK erforscht wird, kann mit dem Titel sakrale Räume überschrieben werden.
Wir erforschen dabei jedoch keine religiösen Gebäude oder deren Innenräume, sondern Orte, Landschaften und räumliche Beziehungen,
die durch rituelle Handlungen wie z.B. durch Deponierungen entstehen und weiter genutzt werden.
In der Archäologie werden Fundkomplexe mit mehreren Gegenständen, die häufig isoliert geborgen wurden, oft als Port, Depot, Versteck oder Schatzfund bezeichnet.
Durch präzise Beobachtungen des archäologischen Kontexts, z.B. der Lage der Fundstellen, kann gezeigt werden,
dass manche Deponierungen in direkter Beziehung zu anderen Orten stehen.
Diese sind oft naturräumliche Zusammenhänge, es gibt aber auch Bezüge zu Gräbern, Siedlungsbauten, Kultanlagen oder Tempeln.
Oft werden Deponierungen auch im Krieg und Konflikt durchgeführt und bedürfen dann aber auch der rituellen Bewältigung.
An der RGK erforschen wir zahlreiche Gegenstände und Deponierungen von der Bronzezeit bis zur Spätantike.
Chemische Analysen und Bleiesotopenuntersuchungen liefern Schlüsselinformationen zur Chronologie der Objekte,
zur Herkunft von Mortalen und damit auch zum Materialkreislauf von Gold, Kupfer und Zinn im Wandel der Zeit.
Mit der Universität Oxford ist ein Projekt zu keltischen Münzendeponierungen und Identitätsdiskursen geplant.
Im Rahmen einer Tagung werden wir uns dieses Jahr im Oktober mit spätantiken Deponierungen auseinandersetzen.
Mit moderner Technik auf heiligem Boden untersuchen wir Großsteingräber und rituelle Landschaften in Nordwesteuropa.
Megalithbauten kommen in weiten Teilen Europas vor und erregen nicht nur heute unser Interesse,
sondern scheinen auch in der Vergangenheit immer wieder Bezugspunkt für rituelle Handlungen gewesen zu sein.
Durch großflächige geophysikalische Untersuchungen können wir auf zahlreiche weitere,
bislang unbekannte archäologische Befunde erfassen.
So konnte im Rahmen des Projektes von Boyne to Brodgar gezeigt werden,
dass im Tal des Flusses Boyne in Irland, welches aufgrund seiner monumentalen Steingräber übrigens UNESCO-Welterbestatus genießt,
nicht ein Monument allein, sondern ein ganzes Ensemble von ihnen gemeinsam mit dem Naturraum
zu einem immer zunehmend komplexeren sakralen Landschaften verwächst.
Im Umfeld des Ganggrabs von Dau konnten wir ein Erdwerk zerstörungsfrei untersuchen
und in dessen Zentrum einen Megalithgrab entdecken.
Eingebettet in diesen Forschungsabsitz sind auch die 2018 begonnenen Untersuchungen auf der schottischen Orkneyinsel Raussee.
Die Ergebnisse unserer Forschung vergleichen wir mit unseren Kolleginnen aus Schleswig-Holstein und Schweden
und versuchen so die rituellen Landschaften und Großsteingräber besser zu verstehen.
Im Rahmen des Tara Landscape Projekts untersuchen die RGK gemeinsam mit den irischen Partnern
die Produktion und Konzeptualisierung einer sakralen Landschaft durch Raumbezüge in diakroner Perspektive.
Auch der Hügel von Tara weist als frühstes Monument ein jungsteinzeitliches Megalithgrab auf.
In Tara dauerte die Nutzung der kleinen Landschaft über mehrere Jahrtausende an.
Der Ort wird zum regionalen und später sogar zum überregionalen Königssitz.
Kontinuierlich werden Gräber angelegt und Rituale vollzogen.
Die RGK konnte hier gemeinsam mit ihren Paten ca. 60 Hektar, also eine Fläche von 80 Fußballfeldern, untersuchen
und die epochenübergreifende sakrale Bedeutung des Ortes von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter hinein verfolgen.
Ab dem 19. Jahrhundert fungiert er übrigens als Zentralort der irischen nationalen Identität
und heute wird er ferner von neuheitlichen Gruppen für rituelle Praktiken genutzt.
Die Archäologie spielt bei der Sakralisierung der Landschaft eine ambivalente Rolle.
Einerseits zeigt sie die zeitlichen Dimensionen der Raumproduktion auf,
andererseits datiert sie jedoch Monumente um und die mythischen Erzählungen müssen an die neuen Erkenntnisse angepasst werden.
Auch dies wird von uns mithilfe eines praxeologischen Ansatzes zusammen mit Kolleginnen aus den Kulturwissenschaften diskutiert.
Ein weiterer Themenbereich, der die RGK immer wieder beschäftigt, ist die Frage nach Identitäten und Repräsentation.
Hier kurz vorgestellt anhand aktueller Forschungen zu Architektur, Köpfen und Münzen.
Weit von Rom entfernt lassen sich in einem kleinen Tal in Ostserbien Spuren kaiserlichen Einflusses finden.
Seit 2004 ist die RGK an der Erforschung des spätantiken Kaiserpalastes Felix Romulianer bei Gansigrad und seines Umfeldes beteiligt.
Die Anlage soll von Galerius 293 bis 311 n. Chr. gebaut worden sein und besticht durch ihre erstaunliche Erhaltung.
Neben der Architektur selbst, der Verwendung von kostbaren Rohmaterialien und des Nachweises von Sichtachsen zu Grabdenkmännern,
dienten auch Statuen der Repräsentation, so der Porfelkopf eines tetrarchen Kaisers, wahrscheinlich Galerius selbst.
Die neuen Forschungen ergaben aber nicht nur ein besseres Verständnis für bewusst konstruierten Umlandes,
sondern auch, dass der Palast nicht, wie früher angenommen war, in einer unbebauten Landschaft,
sondern vielmehr an einem bereits lang besiedelten Ort errichtet wurde.
Das deutsch-polnische Drittmittelprojekt Imagenis majestatisch erforscht sogenannte barbarisierte Denare
und deren Bedeutung für die Herausbildung und Selbstdarstellung von Eliten.
Selektieren, kopieren und imitieren als transformative Praktiken gilt dabei besonderes Interesse.
Ein Vergleich der bis 250 n. Chr. datierenden Funde römischer Münzen aus Sanden und Mecklenburg-Vorpommern
lässt eindeutig eine Bevorzugung von Gold- und insbesondere Silbermünzen im sogenannten Barbarikum erkennen.
Vor allem Goldmünzen wurden hier in der Spätantike häufig als Schmuck getragen.
90 % aller Münzen sind gelocht, wobei man bei der Lochung anscheinend Wert darauf legte,
dass beim Tragen der Kaiserkopf richtig orientiert war.
Ob die Identität der römischen Kaiser bei der Selektion oder Imbentation dann wiederum eine Rolle spielte,
wird die weitere Forschung zeigen.
Eine andere moderne Form der Grenzüberschreitung leitet uns jedoch Kopfzerbrechen.
Die meisten Funde im Spätantikermünzen stammen derzeit aus der Ukraine und Rumänien.
Hier sind Raubgräber unterwegs, die den internationalen Kunsthandel beliefern
und dabei wichtige archäologische Kontexte zerstören,
die jedoch für so komplexe Fragen wie die nach Identität und Repräsentation von zentraler Bedeutung sind.
Wir hoffen, es ist uns gelungen, Ihnen zu zeigen,
dass die RGK unterschiedliche Grenzen ganz bewusst überschreitet und dabei interkulturell agiert,
aber eben auch Grenzüberschreitungen und kulturelle Interaktionen in der Vergangenheit erforscht.
Transnationale Vernetzung, Erforschung, Erhalt und Vermittlung lebendigen Kulturerbes
im Rahmen europäischer Forschungsprojekte sind für uns zentral.
Dabei werden Fachepochen und Arbeitsgebietsgrenzen mithilfe der jeweiligen Fachexpertise überschritten.
Die Zusammenarbeit mit Kultur-, Lebens- und Naturwissenschaften ist uns wichtig.
Nur diese ermöglicht die Einführung neuer und Weiterentwicklung von Theorien, Methoden und Konzepten.
Mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte beleben wir alte Traditionen neu
und führen diese in Kombination mit neuen Forschungen fort.
Aktuell relevante Fragestellungen werden dabei aufgegriffen,
wie die nach Konflikt- und Bewältigungspraktiken und Mobilität und Transfer.
Statt vorschneller Gleichsetzung geht es uns aber darum,
Praktiken der Vergangenheit in die Gegenwart mit der jeweiligen Eigenlogik zu übersetzen.
Vorschnelle Vereinnahmungen und politisch motivierte Interpretationen
betrachten wir dementsprechend kritisch und setzen ihnen kontextuelle Analysen entgegen.
Wir kombinieren dabei auf unterschiedlichen Skalen landschafts- und objektarchäologische Ansätze
und führen kontrastierende Vergleiche zwischen Fundplätzen und Regionen,
aber auch Epochen und Akteuren durch.
An Themen beschäftigen wir uns vor allem mit soziokulturellem Wandel,
Raumerschließung und Nutzung, Grenzziehung und Überschreitung,
seien sie nun sozial, kulturell, wirtschaftlich, politisch und oder religiös.
Und falls Sie nach unseren Ausführungen noch weiter an den Aktivitäten der RGK interessiert sind,
empfehlen wir Ihnen unseren neuen Blog, Crossing Borders, Building Contexts,
auf dem Sie in deutscher und englischer Sprache über unsere Arbeit informiert werden.
Kürzere Beiträge bzw. telegrammartige Posts finden Sie dann auf unserer Facebook-Seite
und bei Twitter unter dem Hashtag rgk-dai.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
