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Das Glück der Lerche
von Emmy Hennings
Es war einmal ein Witwer,
der seines Zeichens Kupferschmied war,
und der in seiner Werkstatt von morgens bis abends fleißig mit dem Hammer Kochtöpfe,
Kessel und Pfannen in die rechte, schöne Form brachte.
Da die Werkstatt zu ebener Erde an der Straße lag
und die Tür meistens weit geöffnet stand,
plauderte der Schmied gern mit den Vorübergehenden,
soweit diese zu seiner Bekanntschaft oder Nachbarschaft gehörten.
Wobei er allerdings nicht seine Arbeit unterbrach,
denn er hatte genug zu tun,
weil er nicht nur für sich,
sondern auch für zwei erwachsene Töchter zu sorgen hatte,
die ihm den Haushalt führten.
Da nun die beiden Mädchen schon im heiratsfähigen Alter standen,
fragte man den Vater, oftmals im Scherz,
sagt Meisterschmied,
mit wem gedenkt ihr eure Töchter zu verheiraten?
Die ältere gebe ich nur einem Königssohn,
die jüngere mag nehmen, wer Lust hat.
Und wenn einer keine Lust hat?
Soll's mir auch recht sein,
wenn nur meine Ältere ihren Prinzen bekommt.
Ja, jetzt muss leider gesagt werden, wie die Sache stand.
Die ältere Tochter, die auf den vornehmen Namen Regina hörte,
war ein sehr schönes Mädchen,
blond und blauäugig, hoch und schlank gewachsen,
aber hochmütig und eitel.
Sie putzte so ziemlich den ganzen Tag über an sich herum
und stand für den Rest am Fenster,
um sich von Vorübergehenden bewundern zu lassen,
soweit diesen die Laune danach stand.
Wer aber die schöne, faule Regina näher kannte,
fand wenig Gefallen an dem eingebildeten Mädel.
Anders stand es um die zweite Tochter, die Julia hieß,
aber ihrer schönen Singstimme wegen allgemein
Kupferschmieds kleine Lerche genannt wurde.
Lerche sah nun freilich etwas unansehnlich aus
und war mit ihrer noblen Schwester nicht zu vergleichen.
Sie war zwar sauber und ordentlich, doch bescheiden gekleidet,
aber sie hatte ein nettes, liebes Gesichtchen,
aus dem zwei braune Augen herausguckten,
denen man auf den ersten Blick die Herzensgüte ansah,
zu der jedermann sich hingezogen fühlte.
Je länger man Lerche kannte, umso mehr gefiel sie einem,
während die blendende Schönheit Reginas verblasste,
sobald man den schlechten Charakter des Mädchens erkannt hatte.
Der Vater aber liebte seine ältere Tochter viel mehr
als die kleine, bescheidene Lerche,
die eigentlich diejenige war, die das Haus in Ordnung hielt
und nicht nur den Vater, sondern auch die Schwester bedienen musste.
Regina bekam von ihrem Vater beinahe alles, was sie sich wünschte,
während er die treue kleine Lerche kaum beachtete.
Diese aber sang gleichwohl, am liebsten im Garten,
ihre fröhlichen Volkslieder.
Saß sie nun, mit einer Handarbeit beschäftigt,
auf einer Bank singend im Garten,
kam seit einiger Zeit ein Rotkehlchen dahergeflogen,
setzte sich zahm auf die Schulter des Mädchens,
zwitscherte, trillerte, pfiff und schien sich zu bemühen,
die Töne der Lerche nachzuahmen, was freilich nicht gelingen konnte.
Doch war es recht rollig, dass das Rotkehlchen es trotzdem
unermüdlich immer wieder versuchte.
Hörte die Lerche auf zu singen,
flog das Rotkehlchen auf einen Ast des Pfirsichbaumes,
begann sich lebhaft hin und her zu schaukeln,
als wolle es das Mädchen auf sich aufmerksam machen.
Dann fragte dieses scherzend,
»Ja, was willst du denn, Rotkehlchen?
Soll ich dir etwas vorsingen?«
Dann zwitscherte das Rotkehlchen,
»Sie! Sie! Sie!«,
was so viel wie »Ja! Ja! Ja!« bedeuten sollte.
Sang das Rotkehlchen aber seinerseits,
wie ihm das Schnäbelchen gewachsen war,
machte die Lerche sich manchmal den Spaß,
das Rotkehlchen nachzuahmen, was nicht gelang.
Und dann schien das Vögelchen leicht gekränkt zu sein,
flog weg, kam aber bald wieder zurück.
Man hätte meinen mögen, dass Rotkehlchen wisse,
wie spät oder wie früh es sei,
weil es pünktlich zu bestimmten Stunden sich einstellte.
Morgens früh saß es eine Stunde vor Sonnenaufgang
am Fensterbrett des Mädchens,
pickte mit dem Schnabel an die Scheiben, um es zu wecken,
begann zu singen, und die Lerche stimmte mit ein.
Regina aber konnte beim Gesang nicht schlafen
und verbot nicht nur ihrer Schwester,
sondern auch dem Rotkehlchen das Singen.
Doch kümmerten sich beide nicht darum
und sangen, wann und so viel sie Lust hatten.
Besonders das Rotkehlchen schien sich ein Vergnügen daraus zu machen,
recht laut zu singen,
wenn Regina ihren Mittagsschlaf halten wollte.
Sie beschwerte sich bei ihrem Vater,
der seine Lerche zur Rede stellte,
sie und das Rotkehlchen müssten das viele Singen unterlassen.
Julia antwortete,
ich habe den ganzen Tag über so viel zu schaffen
und höre nur Schildworte von dir und meiner Schwester.
Regina soll einen Königssohn heiraten,
und wer mich zur Frau nimmt, ist dir gleichgültig.
Aber singen muss ich,
und dem Rotkehlchen könnt ihr es auf keinen Fall verbieten.
Da sagte Regina,
nein, aber wir können ihm den Hals umdrehen.
Untersteh dich, du schlechte Person,
rief ihr die Lerche zu.
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen,
als sie der Vater eine Ohrfeige versetzte.
Spricht man so mit seiner älteren Schwester?
Wenn sie böse ist, ja,
gab die sonst so stille Lerche zurück.
Da aber bekam sie auch noch einen Schlag von der Schwester.
Das Rotkehlchen kam zum Fenster hereingeflogen
und als ob es den Streit verstünde,
nahm es Partei für die Lerche
und pickte Regina mit dem Schnabel im Gesicht herum,
sodass diese laut aufschrie.
Rotkehlchen, was tust du?
rief die Lerche ihm vorwurfsvoll zu,
worauf das Vögelchen wieder fortflog.
Julia ging traurig in den Garten,
setzte sich auf die Bank
und sogleich kam das Rotkehlchen vom Pfirsichbaum herabgeflogen,
setzte sich dem Mädchen auf die Schulter.
Hast du mich, lieb Rotkehlchen?
Sie, sie, sie, sie!
Regina, die am Fenster stand, lachte und sagte,
Aha, das Liebespaar ist wieder beisammen.
Und als einige Tage später der Schmied an der Arbeit war
und ihn die vorübergehenden Abermals fragten,
Kupferschmied, wem gebt ihr eure Töchter?
Das geht euch nichts an,
erwiderte er verdrossen,
fügte aber doch hinzu,
indem er mit dem Hammer seine Kessel bearbeitete,
die ältere bekommt einen Königssohn
und wer die andere nimmt, weiß ich nicht.
Ich, ich, ich!
hörte er plötzlich das Rotkehlchen rufen.
Das machte den Schmied stutzig.
Er glaubte, sich verhört zu haben,
fragte nochmals,
Wer bist denn du, das du heiraten kannst?
Ich, ich, ich!
trillerte der Vogel beinahe mit menschlicher Stimme.
Da kam der Kupferschmied auf den Gedanken,
das Vögelchen könne ein verzauberter Königssohn sein.
Man konnte es nicht wissen,
doch mochte es für alle Fälle nicht schaden,
wenn man dem Rotkehlchen einen Käfig auf dem Fensterbrett aufstellte.
Das Vögelchen war dann auch höflich genug,
von solcher Gastfreundschaft Gebrauch zu machen.
Die Tür zum Käfig blieb stets geöffnet,
sodass das Rotkehlchen nach Belieben ein- und ausfliegen konnte.
Eines Morgens kam ein junger Bauernbusche zum Schmied
und fragte ihn,
Habt ihr nicht eine Frau und einen Kochtopf für mich?
Der Schmied, der nicht ganz richtig im Kopf war,
meinte, der Bauer könne ein verkleideter Königssohn sein,
antwortete,
Ich habe eine Tochter, die sehr schön singen kann.
Wäre euch die recht?
Warum nicht?
Eine gute Singstimme weiß ich zu schätzen.
Da rief der Schmied Regina herbei und sagte,
Wollt ihr diese zur Frau?
Könnt ihr sie haben?
Sie singt wie eine Nachtigall.
Wenn sie aber wie eine Krähe singt,
werde ich betrogen sein,
gab der Bauernbusche vorsichtig zu bedenken.
Regina konnte nicht singen,
hoffte aber, sich eine List zu ersinnen
und sagte zum Bauern,
Nehmt vorerst den Kochtopf und kommt in acht Tagen wieder.
Ich bin nur heute nicht gut bei Stimme.
Nein, nein, ich nehme Frau und Kochtopf gleichzeitig.
Lebt wohl!
Die Lerche war auf den Markt einkaufen gegangen
und als sie zurückkam,
sagten Vater und Schwester zu ihr,
Du hast dein Glück versäumt.
Hier war ein Bauer, der um deine Hand angehalten hat.
Ist recht so,
erwiderte die Lerche munter.
Mein Glück wird in acht Tagen kommen.
Da ärgerte sich Regina sehr,
weil der Bauer sie verschmähte.
Sie fühlte sich in ihrem Stolze so sehr gekränkt,
dass sie zu ihrem Vater sagte,
Lass Julia nur heiraten, wen sie will.
Es kann kein verzauberter Königssohn sein,
der sie zur Frau begehrt.
Die Lerche ist hässlich
und die Stimme allein tut's auch nicht.
Du hast recht, Regina.
Du bist schön und wirst deinen Königssohn schon finden.
Als nun der Bauer nach acht Tagen wiederkam,
sagte der Kupferschmied,
indem er ihm die Lerche hinschob,
Hier ist meine Tochter Julia,
genannt die Lerche.
Wollt ihr sie zur Frau, nehmt sie,
aber ohne Ausstattung.
Oh, eine Ausstattung braucht es nicht.
Gebt uns nur einen Kochtopf
und wenn es nicht zu viel verlangt ist,
jenen Vogelkäfig, der auf dem Fensterbrett steht.
Gut meinetwegen.
Da, nehmt den Vogelkäfig,
aber ohne Vogel.
Jawohl, ohne Vogel.
Die Lerche habe ich ja
und das genügt mir.
Die Lerche lächelte den Bauernburschen zu
und dann zogen sie beide
nach kurzem Abschied miteinander von Dannen.
Nun hatte der Kupferschmied absichtlich vergessen,
den jungen Verlobten einen Kochtopf mitzugeben
und kaum waren sie zur Tür hinaus,
als er sich vergnügt die Hände rieb
und zu Regina sagte,
Siehst du, den Kochtopf habe ich gespart
und die Lerche sind wir losgeworden.
Du wirst sehen,
jetzt wird der Königssohn nicht mehr lange
auf sich warten lassen.
Hoffen wir es,
sagte Regina.
Sie gab sich Mühe, die Kessel und Kochtöpfe
wegzuräumen, denn jetzt musste sie
alle Arbeit allein machen.
Da entdeckte sie zufällig ein Loch in einem
der Kochtöpfe und zeigte es ihrem Vater.
Sieh mal, Vater,
hier scheinst du nicht gut gelötet,
nicht ordentlich zusammengeschweißt zu haben.
Der Kochtopf hat ein Loch.
Nun, das ist doch noch nie vorgekommen.
Meine Kochtöpfe, Pfannen und Kessel
haben noch nie Fehler gehabt.
Gut, das mochte
früher gestimmt haben,
aber jetzt nicht mehr.
Es war nicht nur ein Kochtopf, der ein Loch
aufwies, sondern sämtliche Ware
stellte sich, genau gesagt,
als unbrauchbar heraus.
Bei einem Sieb sind die Löcher beinahe
das Wichtigste, aber bei Pfannen
und Kochtöpfen kann man nicht das kleinste
Loch brauchen, im Boden wohlverstanden,
denn oben muss es ja
zugehörig offen sein, sonst könnte man
den Braten ja nicht hineinlegen.
Der Fehler war nicht immer rasch zu entdecken.
Und so kam's auch, dass
Leute beim Schmied Kochtöpfe kauften,
eine Suppe vertrauensvoll zu Feuer
setzten und eine Stunde später
war kein Tropfen Suppe mehr im Kochtopf,
nur das halb angebrannte Fleisch.
Verärgert gingen die Leute
mit dem Kochtopf zum Schmied,
der aber wollte den angerusten Kochtopf
nicht zurücknehmen.
Der hat kein Loch gehabt,
behauptete er und wusste genau,
dass er nicht die Wahrheit sagte.
Was aber sollte der Mann mit seinen
verhexten Pfannen, Töpfen und
Kesseln anfangen?
Das musste ein Kobold gemacht haben.
Man hegte Verdacht gegen das verwunschene
Rotkehlchen, aber das
ließ sich nie wieder blicken,
musste also doch wohl unschuldig an dem Ärgernis sein.
Regina vernachlässigte
den Haushalt so gut sie nur konnte.
Das Faulenzen war nach wie vor
ihre Hauptbeschäftigung.
Die Werkstatt des Kupferschmiedes,
vor allem seine eigene Arbeit,
kam in den denkbar schlechtesten Ruf.
Der Mann hatte keinen Verdienst mehr.
Er zehrte vom wenigen Ersparten.
Kurzum,
es stand nicht mehr gut,
seitdem die kleine Lerche das Haus
verlassen hatte.
Der Schmied bedauerte sein Liebestöchterchen
so schlecht behandelt zu haben,
doch die Reue kam zu spät.
Die Lerche mit ihrem Rotkehlchen
sah man nicht mehr in der Schmiede.
Als aber eines Tages kaum ein Stück
Brot im Hause mehr zu finden war,
kam ein vornehmer Herr in die Werkstatt
und wünschte einiges an Kochgeschirr
einzukaufen.
Sucht euch nur Auswärter her,
sagte der Schmied klein laut.
Er wollte zu gern
einen netten Kupferkessel verkaufen,
doch wusste er ja, wie es mit seiner Ware
stand. Er wagte nichts
anzupreisen. Die Löcher waren
freilich nicht groß, doch war es nicht
redlich, den Kunden unbrauchbare Pfannen
anzuhängen. Der feine Kunde
aber stellte eine ganze Menge Geschirr
beiseite, forderte den Schmied auf,
die Rechnung zu machen, die gleich bezahlt wurde,
während die Ware am nächsten Tag
von einem Boten abgeholt werden sollte.
Der Schmied begann zu rechnen,
hatte aber doch ein recht flaues Gewissen
bei dem Handel und sagte,
Entschuldigt, werter Herr,
habt ihr euch auch alles gründlich angesehen?
Ich muss leider bekennen, dass die Sachen
etwas schadhaft sind. Wie es kommt,
weiß ich selber nicht, aber
Oh, bitte sehr,
entschuldigt euch nicht, Herr Meister,
ich bin sehr zufrieden mit den Pfannen.
Umso besser, werter Herr.
Doch wagte der Kupferschmied gleichwohl
nur eine bescheidene Rechnung aufzustellen.
Er bekam aber das Doppelte
von dem, was er gefordert hatte.
Der Schmied wollte das Geld kaum
annehmen, aber der Herr duldete keine
Widerrede. Nachdem das
Geschäft abgeschlossen war, fragte
der vornehme Kunde,
Wie geht's denn eurer Frau Tochter, Julia,
der Lerche? Ich habe gehört,
sie habe einen Vetter des Königs geheiratet.
Einen Vetter des Königs?
Ihr müsst euch irren.
Soviel ich weiß, hat sie einen Bauernsohn
geheiratet, sonst weiß ich leider gar
nichts von ihr. Ich denke
genug an meine kleine Lerche.
Schon recht mit dem Denken, doch seid
ihr falsch unterrichtet, Meister Schmied.
Eure Tochter wohnt mit ihrem Manne in einem
Schlosse, das einen Tag und eine Nacht von
hier entfernt liegt, doch sind die Herrschaften
auch viel auf Reisen. Jetzt will
ich euch aber nicht länger aufhalten.
Mein Diener holt morgen das Kupfergeschirr
und sollte ich mehr brauchen, werde
ich wieder zu euch kommen.
Es wäre mir eine große Ehre und verbindlichsten
Dank, werter Herr.
So, das war das.
Es lässt sich denken, dass der
Schmied recht froh war, wieder einmal ein gutes
Geschäft gemacht zu haben.
Er eilte zu seiner Tochter,
um ihr die angenehme Botschaft mitzuteilen.
Als er aber erzählte,
wie es mit der Lerche stand, fing
Regina an zu weinen vor Eifersucht.
Der Vater suchte sie zu
trösten und sagte,
Höre, mein Kind, gönne deiner Schwester
ihr Glück. Es wird auch einmal zu dir
kommen. Aber ich glaube
nicht mehr daran, Vater,
antwortete Regina.
Am nächsten Morgen kam ein armselig
gekleideter Bursche an die Tür und bat
Regina demütig um eine Gabe.
Wer bist du? Wie heißt du?
fragte sie.
Reuccio,
antwortete er,
und sonst nichts.
Das war aber mehr als genug, denn
Reuccio heißt in deutscher Sprache
so viel wie Königssohn.
Kaum hatte Regina das Wort
gehört, als sie sich tief vor dem
Betteljungen verneigte und ihn ins Haus
bat. Es war ihr sofort
klar, dass der Prinz nur diese Verkleidung gewählt
hatte, um sie zu prüfen.
Sie war außer sich vor Freude,
rief ihrem Vater, er möge sofort kommen,
der Königssohn sei da.
Na endlich,
dachte der Schmied, war aber
doch etwas stutzig, als er den verkleideten
Prinzen erblickte.
Er sah gar zu zerlummt aus.
Er ging barfuß und
was nicht zu übersehen war,
die Füße waren auffällig unsauber
und Regina hätte gern den Jungen
mit kölnischem Wasser angespritzt,
denn er duftete nicht grad gut.
Aber das machte ja alles nichts.
Ein Königssohn durfte sich solche
Scherze schon erlauben.
Sag, was willst du essen, Reuccio?
Was willst du trinken, süßer
Reuccio? Oh, ich wäre
zufrieden, wenn ich ein dickes Stück Brot bekäme
und eine Schale Milch oder
ein Kartoffelsüppchen, was ihr grad da
habt, ich bin mit allem zufrieden.
Ein Königssohn und mit
allem zufrieden.
Regina lächelte ihm liebrecht zu,
ließ sofort die feinsten Wurstwaren
und gekochten Schinken holen,
frische Grasbutter,
Streichkäse und ein Fläschchen
Burgunderwein. Das wurde
dem Reuccio vorgesetzt
und er bewies seinen sehr gesunden Appetit.
Achthundert Gramm feingeschnittener
Schinken verschwanden, als wenn's
nichts wäre, während Regina
seine Vorstellungskunst nicht genug bewundern
konnte. Schmeckt's dir?
Fragte sie zärtlich.
Er schmunzelte.
Müsst ihr da noch fragen?
Als er sämtliche Wurstwaren
und Käsesorten sich einverleibt hatte,
dazu ein halbes Pfund Brot,
lehnte er eine große Schüssel
mit Kirschkompott gleichwohl nicht ab.
Am Abend gab es Fasanenbraten
und auch diesem üppigen Male
zeigte sich der Prinz gewachsen.
Regina hatte ihm zwar
eine Serviette hingelegt, doch rührte
er diese nicht an, sondern benutzte
ein Taschentuch von zweifelhafter Sauberkeit
oder gar den Handrücken, um sich
leicht damit über den Mund zu fahren.
O Vater, dieser Prinz
ist ein hervorragender Schauspieler,
ein wahrer Künstler.
Nein, er ist entzückend!
So sprach
sich Regina über den Königssohn aus
und konnte sich nicht sattsehen
an ihm.
Riuccio, willst du immer bei uns bleiben?
Fragte sie.
Warum nicht, wenn ich dir nicht lästig
falle?
antwortete der Prinz und lächelte behaglich vor sich her.
Er bekam das kleine Zimmer
der Lerche angewiesen, schlief
bis in den hellen Morgen und
ließ sich ein paar Tage hegen und pflegen.
Er fragte nicht viel danach,
ein warmes Bad zu nehmen, was
er sehr nötig hatte, und es war
wirklich erstaunlich, dass sein verwöhnter
Königssohn es aushielt, über 14
Tage die Wäsche nicht zu wechseln.
Er wollte Regina und ihren Vater
eben gründlich täuschen, und die
beiden taten ihm dann auch einige Wochen lang den
Gefallen, als zielten sie den Prinzen
für einen Betteljung.
Allmählich war es doch an der Zeit, dem Spiel
ein Ende zu bereiten.
Der Kupferschmied tippte vorsichtig an und
fragte den Prinzen, ob er noch nicht
daran gedacht hätte, sich eine Frau zu erwählen.
»Oh, eigentlich nicht.
Ich fühle mich nicht schlecht als lediger Mann.«
Nein, diese
Verstellung ging denn doch beinahe zu weit.
Regina aber verlor
die Geduld und fragte ihn eines Tages,
»Reochio, du
weißt, ich heiße Regina, und du magst
selbst beurteilen, ob wir zwei zueinander
passen oder nicht. Ich weiß schon,
warum du zu uns gekommen bist.
Seit heute weiß ich es.«
»Warum denn?« fragte der Prinz
mit einem vollkommen ahnungslosen Gesicht.
»Oh, er spielt seine Rolle
vortrefflich. Das muss man ihm
lassen«, so dachte Regina.
Dann aber sagte
sie, »Jetzt ist genug
gescherzt. Heiraten wir oder
nicht?« »Gut, heiraten
wir, wenn du es gerne willst.«
»Und du, ist es
wirklich dein Wunsch?« »Ich
kann mir doch nichts Angenehmeres denken.«
Nun, dann war
alles gut. Es war
Regina freilich nicht recht, dass die
Hochzeit in aller Stille und ohne
Sang und Klang gefeiert wurde, doch
wollte sie auch diese letzte Prüfung noch
auf sich nehmen und erfolgreich bestehen.
Der Kupferschmied musste
dem Schwiegersohn sogar den Anzug kaufen,
doch hoffte er, der König würde
ihm die Auslagen ersetzen.
Zwei Tage nach der Hochzeit wünschte
Regina von ihrem Gatten zum Königspalast
geführt zu werden. Der Prinz
stellte sich zuerst, als wisse er nicht
einmal, wo sich das Schloss befinde.
Aber es war nur gut, dass Regina es
wusste, sonst wären sie wohl niemals
hingekommen. Als sie
nun beide vor dem Schlosse standen, fragte
Regina. »Nun, was ist denn?
Warum treten wir nicht ein?«
»Ja, kann man denn dort eintreten?
Das wusste ich gar nicht.
Muss man nicht die Wachen um Erlaubnis fragen?«
»Jetzt hör endlich mit deinem Theater
auf. Ich hab jetzt genug davon.
Du bist doch der Königssohn und ich bin
deine Frau, die künftige Regina.
Das Schloss gehört doch dir.
Du bist doch der Prinz.«
»Seit wann denn? Ich glaube, du bist
verrückt geworden. Ich heiße
Riocchio, aber ich bin kein Königssohn.
Wäre ich ein Prinz?
Nun, ich will lieber nicht sagen, was ich denke.«
Er kam auch nicht so weit,
noch mehr zu sagen, denn Regina
versetzte ihm eine kräftige Ohrfeige.
Doch der Prinz blieb ihr nichts
schuldig und weigte Regina
seinerseits durch, sodass die Leute
herbeigeeilt kamen und fragten,
was es hier für Streitereien gäbe.
»Ach, es ist nur
die Tochter des Kupferschmiedes, die sich
mit ihrem Manne schlägt,« hieß es.
»Das fängt ja zeitig an,«
sagten die Leute und schüttelten die Köpfe.
Regina aber ließ den ganzen
Riocchio stehen und eilte weinend
nach Hause, wo sie ihrem Vater
berichtete, wie sie mit ihrem Königssohn
hereingefallen.
»Die Schande, die Schande!
Das überlebe ich nicht!«
So jammerte Regina tagelang.
»Beruhige dich, mein Kind.
Wir werden zu deiner Schwester reisen,
und das wird eine Ablenkung für dich sein.
Wir haben doch durch Julia immer noch
eine vornehme Verwandtschaft, und selbst
wenn wir diese nicht hätten, wollen wir
die kleine Lerche einmal besuchen.«
So reisten denn beide fort
und kamen nach einem Tag und
einer Nacht zu einem Schloss, vor dem
freilich auch Wachen standen.
Julia aber blickte gerade zum
Fenster hinaus, erkannte Vater
und Schwester von Weitem, und
die Wache verneigte sich vor der schönen Regina
besonders tief und öffnete
die Flügeltüren weit.
Schon auf der Treppe kam Julia,
die junge Kronprinzessin, mit ausgebreiteten
Armen den Besuchern entgegen.
Umarmte Vater
und Schwester, und vor so viel
Güte fühlte auch Regina ihr Herz
weich werden. Sie hatte
Julia viel abzubitten,
doch diese wollte gar nichts davon hören und
war nur glücklich, mit den Ihrigen ausgesöhnt
zu sein. Der Gatte von
Julia vertrug nicht, als Prinz angesprochen
zu werden. Er sagte nur,
»Wir sind unter uns
Lerche und Rotkärlchen, und
das heißt auf Italienisch
Allodola
und Pedilosso.«
Danke fürs Zuhören!
Wenn dir das Märchen gefallen hat
und du noch nicht schläfst, würde
ich mich über einen Daumen nach oben und einen
Kommentar freuen. Und falls du
noch nicht schlafen kannst, findest du hier
ein weiteres Märchen. Bis bald!