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Die Königin auf der Ragenhildinsel
von Selma Lagerlöw.
Es war einmal ein König,
der von Osten den Nordre Ulf entlanggeritten kam,
um hinab nach Kunga Hella zu ziehen.
Das Jahr neigte sich seinem Ende zu.
Die Luft war schwer und der Himmel grau,
so wie es um diese Zeit oft ist.
Der Pfad, über den der König ritt,
schlängelte sich über hügelige Strandwesen.
Hier und dort guckten Erlengebüsche aus den Rietgrashügeln hervor,
und längs des Weges hatten sie sich so gehäuft,
als wären sie neugierig, den zu sehen, der vorüberritt.
Sie drängten sich sogar hinaus über den Weg,
so dass es dem König schwer wurde, sein Pferd zwischen ihnen durchzuführen.
Die Jahreszeit war so vorgerückt, dass alles entflaubt war
und alles Leben aufgehört hatte in Wiesen und Wald.
Auf dem Boden lagen die Sommerblätter blass und verwelkt,
und von dem langen Herbstregen waren sie zu einer fahlen Decke zusammengedrückt worden,
unter der zahllose Spinnen und Erdschnecken im Winterschlaf lagen.
Grau und neblig war's ringsum her, und der König dachte,
das ist just kein schöner Weg für einen König, um darauf zu reiten.
Aber gerade empor von dem sumpfigen Strandweg,
fast dicht am Wegesrand, erhob sich der schöne Fontinsberg.
Ganz unten am Fuße ward er von einem Rande klargelben Sandes umgürtet,
dann erhob sich lotrecht ein Stück nackte Bergwand,
hierauf lief eine Reihe blaugrüner Fichten um einen schmalen Vorsprung.
Höher hinauf kam zersplittertes Gestein, von kleinen blinkenden Rinnen übersät,
dann eine Reihe Birken mit weißen Stämmen und rotbraunem Geäst, dann wieder ein Sandrand.
Aber oberhalb des Sandes erhob sich ein Berg mit mächtigen, nackten grauroten Felsenwänden,
bis hinauf zu dem tiefgrünen Tannenwald,
der dicht und kräftig oben auf der flachen Bergeshöhe wuchs.
Aber der König hatte keine Freude daran, dem schönen Berg so nah zu sein,
denn Nebelzipfel strichen über die Bergwand und Wolkenzapfen hingen über sie hinab,
und aus allen Klüften und Gehölzen stieg grauer Regenrauch auf.
Und so kam es, dass der vielfarbige Fontinberg den König ebenso grau düngte wie alles andere.
Der König seufzte tief und schwer, indess er durch die Erlenbüsche ritt,
die auf ihn und sein Pferd einen ganzen Regen von großen Tropfen schüttelten.
Mit einem Male wurde ihm so betrübt zumute, wie er da ritt,
dass er kaum je solchen Kummer geführt.
So ergeht es mir immer, dachte er.
Alles ist grau und regnerisch, wohin ich auch komme.
Segle ich auf dem Meere, so steigt der Nebel auf,
sodass ich die Hand vor dem Auge nicht sehe,
und reite ich eines Nachts aus,
so hüllt der Mond sich in die schwärzesten Wolken, um mir nicht leuchten zu müssen.
Ich glaube, selbst wenn ich zum Himmel führe,
sagte der König, würden alle Sterne erloschen sein, bis ich hinkomme.
So ist es mit allem, was ich unternehme,
rief er aus und ballte die Faust, wie er so ritt.
Anderen Königen wurde Pracht und Ehre und Ruhm und Glanz,
aber ich bin ein richtiger König Nebelwetter.
Ich habe nur an Aufruhr zu denken,
und ein großer Teil des Landes verweigert mir den Gehorsam.
Da ging es den alten Königen anders.
Die saßen in Uppsala und regierten das ganze Reich.
Denen konnte es freilich gefallen, König zu sein.
Gott hat es wohl bestimmt, dass es mir alle Zeit so ergehen soll,
sagte er bei sich selbst.
Aber gleichzeitig kämpfte er dagegen an und wollte es nicht glauben.
Er hielt das Pferd an und horchte auf Vogelgezwitscher.
Das wäre ihm ein Zeichen gewesen, dass er sich täuschte.
Aber der Himmel war glatt grau und der Berg stand in Nebel gehüllt,
und alle Vögel waren von dannen gezogen.
Der einzige Laut, den man in der sumpfigen Gegend hörte,
war der leichte Klang von Wassertropfen,
die so weit auf den Erlenzweigen vorgerollt waren,
dass sie sich nicht länger zurückhalten konnten,
sondern zu Boden fielen.
Und das Haupt des Königs sank immer tiefer.
Ich möchte etwas sehen, das brennend rot ist, sagte er.
Etwas Rabenschwarzes wollte ich sehen, das Goldglanz in der Tiefe hat.
Ich möchte klaren Gesang und klingendes Lachen hören.
Wieder sah er sich um, aber alles war unverändert.
Und er merkte, dass selbst der sonst so glitzernde Fluss
dunkel wie die Nacht zwischen den Schilfgestaden dahinfloss.
Da wurde er so niedergeschlagen, dass alles, was er sein Eigen nannte,
ihn hässlich und wertlos dünkte.
Er dachte an seinen schön erbauten Königshof so,
als wäre er eine elende Kühlerhütte.
All seine Siege verwandelten sich in Niederlagen,
und all seine Untertanen schienen ihm schmähliche Schurken oder arme Bettler.
Aber gegen all das ließe sich noch rankämpfen, dachte er,
wenn ich nicht meine Königin hätte.
Das ist das Härteste von allem.
Es ist doch ohnehin schon schwer genug zu leben,
ohne dass ich noch damit gequält werde, an eine Frau zu denken.
Die Sorge, die ich für das Reich trage, ist so groß,
dass sie mir keine ruhige Stunde lässt.
Und doch verlangen die Menschen von mir, dass ich mir eine neue Last aufbürde.
Denn es verhielt sich so,
dass der König mit einer norwegischen Königstochter vermählt war,
und es war eine reiche und mächtige Prinzessin, die seine Königin hieß.
Aber das Unglück wollte es,
dass man sie dem König schon angetraut hatte, als sie noch ein Kind war.
Man hatte das so einrichten müssen, damit kein anderer kam und sie wegschnappte.
Aber nun dünkte es den König,
dass er viel lieber ihrer verlustig gegangen wäre.
Schon seit dem Hochzeitstage hauste die Königin auf einer kleinen felsigen Insel,
die im Nordreuf gerade gegenüber von Kunga Heller lag und Ragenhildinsel genannt wurde.
Dort hatte man einen Turm aus Stein gebaut, damit sie wohlbehütet dort aufwuchs,
bis sie so alt wurde, dass ihr Gatte sie an seinen Hof führen konnte.
Aber der König hatte all die Zeit über daheim in seinem Reich gesessen
und sie hatten sich gar nicht getroffen.
Und obgleich der König wohl wusste, dass die Königin herangewachsen war,
und obgleich viele ihn daran erinnerten, dass er sie nun heimführen sollte,
konnte er sich doch kein Herz fassen, sie an seinen Hof zu bringen.
Er schützte schwere Zeiten und er schützte Aufruhr vor,
und Jahr um Jahr ließ er die Königin in dem grauen Turm mit ein paar alten Frauen,
die ihr aufwarteten, und sie bekam nichts anderes zu sehen als den grauen Fluss.
Nun war er endlich auf dem Wege, um die Königin zu holen.
Aber während er so an sie dachte, war ein solcher Missmut über ihn gekommen,
dass er sich von seinem Gefolge getrennt hatte, um allein zu reiten
und ungestört gegen seinen Kummer ankämpfen zu können.
Er kam nun aus den Erlen heraus und ritt über eine weite Wiese.
Wenn Sommer gewesen wäre, hätte er hier große Herden von Kühen und Schafen gesehen.
Aber nun war es gänzlich öder, nichts anderes zu erblicken als
aufgewühlter Boden und abgeweidete Grashügelchen.
Und der König gab seinem Pferde die Sporen und ritt, so rasch er konnte,
über die Wiese, um nicht noch missmutiger zu werden, als er schon war.
Er war ein tapferer Mann und hätte die Königstochter an einem verzauberten
Schlosse gefangen gesessen, von Riesen und Drachen bewacht,
er wäre spaunstreis geritten gekommen, um sie zu befreien.
Aber nun wollte es das Unglück, dass sie wohl verwahrt in ihrem Turm saß und auf ihn wartete
und dass niemand auf der ganzen weiten Welt sie ihm streitig machte.
Er bereute es bitter, dass er sich schon mit ihr vermählt hatte.
Alles, was groß und stolz und schön ist, das bleibt mir verweigert, sagte er.
Nicht einmal das ist mir beschieden, mir mein Weib erkämpfen zu können.
Und er ritt immer langsamer und langsamer, denn nun lief der Weg einen steilen Hügel hinan
und unterhalb desselben fing die lange Straße von Kunga heller an.
Aber von der Spitze des Hügels sah der König deutlich die kleine Ragenhildinsel vor sich,
wo seine Königin saß und auf ihn wartete.
Er sah, wie düster sie mitten in dem schwarzen Ulf lag.
Er sah die grauen Torfwelle über den fahlen Erdboden laufen.
Er sah die grauen Steinwände des Turmes.
Alles düngte ihn unheimlich und abschreckend.
Da war kein Heidekrauthügelchen, das ihm entgegenglühte.
Kein grünes Helmchen leuchtete auf der Weide.
Der Herbst hatte alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet, als er über Land gezogen.
Aber wonach der König sich sehnte, das war blitzendes Rot,
ein scharfes Schwarz, das in Gold spielt, und er glaubte zu sehen,
dass hier nicht der rechte Platz war, um das zu finden.
Je länger er den Turm ansah, desto klarer wurde es ihm,
dass er aus dem Felsen selbst hervorgewachsen sein musste.
Es schien ihm unmöglich, dass er auf gewöhnliche Weise von Menschen errichtet sein sollte.
Der Berg selbst war es, der einmal hatte wachsen wollen,
so wie die Erde zu Wald und Gras wächst, und so war der Turm entstanden.
Und er begriff, wie er so schwer und grauenvoll und bedrückend geworden.
Wie er nun an seine Königin dachte, die dort aufgewachsen war,
schien es ihm, dass sie einem grob behauenen Steinbild gleichen müsse,
wie er es über dem Eingangstor einer Kirche gesehen.
Er dachte sie sich nicht anders als seine graue Gestalt mit langem,
unbeweglichem Gesicht und plattem Körper, und mit Händen und Füßen,
die zweimal länger und breiter waren, als die irgendeines Menschen noch je gewesen.
Aber das ist mein Schicksal, dachte der König und ritt weiter.
Und er kam der Fähre so nah, dass der Wächter auf der anderen Seite
das Horn zu den Lippen hob, um seine Ankunft zu verkünden,
und die Zugbrücke aufgezogen wurde, und das Tor des festen Turmes fiel ihm aufglitt.
Aber da erhob der König das Haupt und hielt das Pferd an.
Ich bin ja doch noch König, sagte er, und kein Mensch kann mich zwingen,
das zu tun, was ich nicht will. Niemand auf der ganzen Welt kann mich bewegen,
diesem Steinbilde zu begegnen. Ich muss doch wohl irgendetwas davon haben,
dass ich ein König bin. Damit drehte er sein Pferd herum und ritt denselben Weg zurück,
den er gekommen. Er ritt in stürmender Eile. Gleichsam, als hätte er Angst, gefangen zu werden,
und er verlangsamte den Trab seines Pferdes nicht eher, als bis er an das Erlengebüsch
auf den Strandwiesen unter dem Fontinsberge gekommen war. Und die Königin musste weiter
in dem Turm sitzen und trauern und sich sehnen, und sie hatte zarte Wangen und brennende rote Lippen.
Sie hatte wallendes, rabenschwarzes Haar, golddurchsponnen. Sie hatte eine Stimme,
klar wie Gesang und ein klingendes Lachen. Aber was half das dem König? Er ritt fort,
über den schmalen Weg zwischen den Erlen.