Die Welt des Idealismus - "Was wir sehen, ist was wir denken"

Philosophie
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26.10.2024
"Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst, als einem absolut freien Wesen", heißt es in dem "ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus", verfasst von den Philosophen Hölderlin, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Schelling.
Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus:
http://feigenblaetter.blogspot.de/2008/05/das-lteste-systemprogramm-des-deutschen.html
Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen.
Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt aus dem Nichts hervor.
Die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts.
Ihr seht von selbst, dass hier alle die Ideen nur untergeordnete Ideen einer höheren Idee sind.
Aus dem sogenannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus,
verfasst von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Schelling und Friedrich Hölderlin,
entstanden in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts.
Alles was ich je bin und werde, bin ich und werde ich schlechthin notwendig.
Und es ist unmöglich, dass ich etwas anderes sei.
Johann Gottlieb Fichte, Philosoph des deutschen Idealismus. Er lebte von 1762 bis 1814.
Für mich ist der deutsche Idealismus der großartige Versuch,
die interne Einheit von Natur und Geist auf den Begriff zu bringen,
wie das so schön im deutschen Idealismus geheißen hat.
Und das ist etwas, was wir leider in der Gegenwartsphilosophie vergessen haben.
Der Bonner Philosophie-Professor Dieter Sturmer.
Es ist keine Organisation denkbar ohne eine produktive Kraft.
Eine solche Kraft aber ist nur die Kraft eines Geistes.
Also können Dinge nicht durch sich selbst wirklich sein.
Sie können nur Geschöpfe, nur Produkte eines Geistes sein.
Friedrich Schelling, Philosoph.
Eine Frage, die die Philosophie seit Anbeginn beschäftigt.
Was hält die Welt im Innersten zusammen? Was verändert sie?
Wie entstehen unsere Gedanken, Wünsche und Handlungen?
Sind die Bewegungskräfte Materie, Atome, die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse?
Oder ist es unser Verstand, das Bewusstsein, die Ideen?
Eine besondere Zuspitzung erfuhr dieser Streit gegen Ende des 18. Jahrhunderts.
Vor allem in Deutschland entwickelte sich eine philosophische Richtung,
die man später Idealismus nennen sollte.
Ihre Akteure waren hauptsächlich die Philosophen Hegel, Schelling und Fichte,
aber auch Dichter wie Friedrich Schiller, Hölderlin und Novalis.
Die Texte des deutschen Idealismus gelten als die am schwersten verständlichen in der Philosophiegeschichte.
Denn die genannten Denker waren nicht nur sprachliche Könner,
sondern auch intellektuelle Perfektionisten,
die sich keine Blöße geben wollten und extrem filigran argumentierten.
Dies wird besonders deutlich in dem schon erwähnten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus,
das erst im Jahr 1917 entdeckt wurde.
Auf knapp zwei Seiten wird eine enorm dichte Beschreibung einer zukünftigen Philosophie entworfen,
in einer zuweilen poetischen Sprache,
denn federführender Autor ist höchstwahrscheinlich der Dichter Friedrich Hölderlin gewesen.
So müssen endlich aufgeklärte und unaufgeklärte sich die Hand reichen.
Die Mythologie muss philosophisch werden und das Volk vernünftig.
Und die Philosophie muss mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen.
Diese wenigen Zeilen des Systemprogramms, das sind ja nur zwei Seiten,
beinhalten natürlich weit umfassende Programmatik,
dass das wahrscheinlich sogar in dieser Form als unüberbietbar gelten kann,
auch im Rahmen des deutschen Idealismus.
Wenn dort aber von Selbstbewusstsein geredet wird,
die ja als kreative Schöpfung aus dem Nichts vorgestellt wird,
dann ist damit nicht das psychologische Selbstbewusstsein gemeint
oder irgendeine Form von psychologischer Selbsterkenntnis.
Und das macht auch einen besonderen Beitrag des deutschen Idealismus aus.
Die Außenwelt, so die Denker des Idealismus, existiert nicht unabhängig von unserer Vorstellung.
Insofern ist eine so verstandene Selbsterkenntnis das Wissen darum,
dass man selbst es ist, der erkennt.
Ein Gedanke, der auf Immanuel Kant zurückgeht.
Die Welt ist nicht existent, ehe sie von einem denkenden Subjekt erschaffen wird.
Johann Gottlieb Fichte prägt in diesem Zusammenhang den Begriff des sich selbstsetzenden Ichs,
dem das Nicht-Ich der Außenwelt entgegengesetzt ist und mit dem es sich auseinandersetzen muss.
Ein radikaler Gedanke, denn weiter gedacht beinhaltet es ungeheure Freiheit und Sorgfalt,
für sein Denken selbstverantwortlich zu sein.
Das von Johann Gottlieb Fichte gemeinte Ich ist das Individuum, das sich als sein eigenes Produkt begreift.
In seiner Schrift Die Bestimmung des Menschen sagt er dazu
Belehrungen wurden mir entgegengebracht, ehe ich ihrer begehrte.
Es wurde mir geantwortet, ehe ich die Fragen aufgeworfen hatte.
Ohne Prüfung und ohne Teilnahme ließ sich alles an seinen Ort gestellt sein.
Ich will, dass es nicht länger so sei.
Alles Fremde sei aufgegeben.
Ich will selbst untersuchen.
Dieses Selbstuntersuchen, von dem der Denker spricht, ist ein bestimmendes Merkmal des deutschen Idealismus.
Diese Untersuchung erstreckt sich vor allem auch auf die Funktionsweise unseres Bewusstseins,
auf die Frage, was geschieht eigentlich, wenn wir denken.
Johann Gottlieb Fichte näherte sich diesem Problem mit einem Beispiel.
Hätte ein Waldsee Bewusstsein und Erkenntnisfähigkeit,
würde er die Spiegelbilder der Bäume, die sich auf ihm abzeichnen, untersuchen,
und nicht etwa die Bäume selbst.
Aufgabe des Denkens ist es nach Fichte, diese Unterscheidung immer im Blick zu haben.
Der Philosoph befasst sich nicht mit Gegenständen,
sondern mit Bewusstseinsprozessen, mit Voraussetzungen des Wissens.
Johann Gottlieb Fichte bringt hier den Begriff der Tathandlung ins Spiel.
Was damit gemeint ist, beschreibt der Philosoph Dieter Sturmer.
Der Begriff der Tathandlung ist von Fichte so verstanden worden,
dass er einen Zug kenntlich macht, nämlich dass ich aktiv sein muss,
um Handlungen, mentale Akte oder was auch immer,
aus der Vielfalt der möglichen Daten des Bewusstseins in eine Bestimmung,
in eine Erfahrung oder in eine Praxis umzusetzen.
Fichte meint, dass diese Aktivitätsrolle unterbestimmt ist.
Wenn Fichte aber von der Tathandlung spricht, sollten wir auch hier nicht den Fehler machen,
dass wir glauben, das ist eine Handlung, so wie wir sie im Alltagsleben vollziehen.
Denn Handeln ist für Johann Gottlieb Fichte nicht nur ein pragmatischer Akt,
sondern auch eine seelisch-moralische Leistung.
Der Gelehrte hat eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.
Er muss fähig sein, ständig hinzuzulernen und dieses Gelernte weiterzugeben.
Fichte geht sogar so weit, den Intellektuellen als Lehrer des Menschengeschlechts zu bezeichnen.
Überspitzt lässt sich sagen, dass das sich selbstsetzende Ich mitten in der Gesellschaft sitzt
und nicht im obersten Stockwerk eines Elfenbeinturms.
Handeln, Handeln, das ist es, wozu wir da sind.
Wollten wir zirnen darüber, dass andere nicht so vollkommen sind als wir,
wenn wir nur vollkommener sind?
Ist nicht eben diese, unsere größte Vollkommenheit, der an uns ergangene Ruf,
dass wir es sind, die für die Vervollkommenung anderer zu arbeiten haben?
Lassen Sie uns froh sein über den Anblick des weiten Feldes, das wir zu bearbeiten haben.
Die Studenten der Jenaer Universität, an der Johann Gottlieb Fichte zeitweise unterrichtete,
waren begeistert von dem Konzept der Tathandlung, die meisten jedenfalls.
Einige jedoch sahen in diesem Denken einen rebellischen Aspekt.
Das Ich solle nur sich selbst gegenüber verantwortlich sein und nicht dem Fürsten?
An allem sei zu zweifeln, am Ende wohl auch noch an der Religion.
Johann Gottlieb Fichte war ein unbequemer Selbst- und Querdenker.
Resultat?
Mehrere Male muss der Philosoph nach dem Glaser schicken,
denn schwerst betrunkene Studenten schmeißen ihm des Öfteren die Fensterscheiben ein.
Fichtes Vorgesetzter in Weimar ist ein gewisser Herr von Goethe,
der die Vorgänge selbst untersucht.
Nachdem er die Bescherung gesehen hat, notiert der Dichter,
freilich ist es von den Nicht-Ichs, die man doch gesetzt hat,
sehr unhöflich, durch die Scheiben zu fliegen.
Was den deutschen Idealismus für ungefähr 20 Jahre am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts
zur bestimmenden Denkrichtung macht, ist nicht zuletzt die politische Situation in Europa.
Der Kontinent ist gebeutelt von den ständigen Kriegen Napoleons,
die Welt scheint aus den Fugen.
In dieser Situation wirkt es wie ein philosophisches Gegenmittel,
dass die Welt von den Denkern des deutschen Idealismus als ein System begriffen wird,
als eine Ordnung, die vom Verstand erkannt werden muss.
Hinzu kommt, dass nach Auffassung der idealistischen Denker
dem Geist niemals seine Autonomie genommen werden kann.
Das Ich ist es, was die Welt konstituiert, und nicht die politischen oder historischen Verhältnisse.
Das Bewusstsein bestimmt das Sein.
Es sind Ideen, die uns zu Menschen machen.
Alles, was wir außer uns erblicken, ist auch immer nur ein Teil von uns selbst.
Man kann sich das vielleicht so vorstellen,
dass die Form menschlichen Bewusstseins etwas sehr einzigartiges ist.
Es ist dort eine Präsenz, die eine Umgebung deutet,
und um diese Deutungen zu machen, muss ich aktiv sein.
Das ist schon richtig, dass jedes Urteil, auch schon jede Wahrnehmung,
eben eine Aktivität ist, indem man von einem Zustand zum anderen übergeht.
Wahrnehmung ist Aktivität, oder fordert sie zumindest heraus.
Ersetzt man den Begriff der Wahrnehmung durch den der Empfindsamkeit,
so hört man das Echo einer literarischen Bewegung dieser Zeit,
die wie kaum eine andere mit dem deutschen Idealismus in Verbindung gebracht werden muss,
die Romantik.
Dichter wie Friedrich Hölderlin oder Novalis
nehmen die Gedanken des Idealismus nicht nur auf,
sondern sind selbst idealistische Philosophen,
die als Künstler wesentliche Impulse geben.
Hören wir noch einmal das wahrscheinlich von Friedrich Hölderlin
verfasste Systemprogramm des deutschen Idealismus.
Der Philosoph muss ebenso viel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter.
Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen.
Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie.
Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde.
Sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war,
Lehrerin der Menschheit.
Ich würde vor allen Dingen für das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts
gar keine großen Unterscheidungen machen
zwischen Philosophie der Romantik und deutschen Idealismus.
Denn wir haben da Figuren wie Novalis,
der bedeutende Überlegungen zu Fichte angestellt hat.
Hölderlin ist auch jemand, es gibt da noch viele andere Namen,
an die man denken kann.
Also die 90er Jahre des 18. Jahrhunderts sind dadurch gekennzeichnet,
dass hier Romantik und deutschen Idealismus
in vielen Zügen kaum zu unterscheiden sind.
Dazu gehört das Interesse an Kunst,
was dort eine große Rolle spielt.
Verantwortlich hierfür ist vor allem Friedrich Schelling,
der von 1775 bis 1854 lebte
und in Jena, Würzburg, München und schließlich Berlin
Philosophieprofessor war.
Im Unterschied zu Johann Gottlieb Fichte
sah er die Außen- und Innenwelt als die zwei Seiten eines Ganzen an.
Ich und Natur, das betrachtende Subjekt
und das betrachtete Objekt sind lediglich zwei Pole eines Planeten.
Identitätsphilosophie nennt Schelling sein System.
Die Kunst wird zum Organ der Philosophie erklärt.
Eine wichtige Rolle für Schellings Einfluss auf die Romantik
spielt jedoch seine Auffassung von der Natur
und ihrem Wert für den Menschen,
wie er in seinem Buch
System des Transzendentalen Idealismus beschreibt.
Die Natur ist dem Künstler der unvollkommene Widerschein einer Welt,
die nicht außer ihm, sondern in ihm existiert.
In der Sprache der romantischen Kunst bedeutet dies,
Natur und Geist, die Empfindungen des Menschen,
ergänzen sich gegenseitig.
Gefühle und Stimmungen werden hervorgerufen
durch die Betrachtung der Natur
und dies im wörtlichen Sinne,
denn sie sind immer schon da.
Der Einzelne muss lediglich empfindsamer
für die Sprache der Natur und ihrer Schönheiten werden.
Was dies für unsere Erkenntnisprozesse bedeutet,
erläutert der Karlsruher Philosoph und Schelling-Kenner Frieder Lauxmann.
Das Denken und die Erkenntnis von innen kommen.
Einer der Sätze, die mich ganz besonders beeindruckt haben,
dass er gesagt hat,
vom Innerlichwerden fängt alles Wissen und Begreifen an.
Das heißt, man muss,
beispielsweise als Historiker,
die alte Zeit in sich aufleben lassen.
Man muss sich versenken in die Zeit, in die alten Zeit.
Man muss die Ruinen sehen,
man muss die Bilder sehen von damals.
Und dann, erst wenn man das verinnerlicht hat,
kann man darüber schreiben.
Das ist meines Erachtens ein typisch romantischer Gedanke.
Philosophie also ist nichts anderes
als eine Naturlehre unseres Geistes.
Das System der Natur ist zugleich das System unseres Geistes.
Und jetzt erst kehrt unser Wissen
zum Forschen und Versuchen zurück.
Sein Gefühl war ihm das Wichtigste,
seine Ahnung, wie er gesagt hat, also Ahnung.
Er meinte, der Mensch hat eine Ahnung
vom Beginn der Schöpfung her.
Es ist also eine zeitübergreifende Jenseitsbindung.
Und diese Bindung,
die er übrigens auch schon Platon mal beschrieben hat,
diese Bindung befähigt ihn,
das auszusprechen, was er nicht weiß,
was man nicht durch Experimente erforschen kann.
Sondern er meinte,
ich kann mich der Natur nähern,
ich kann sie verstehen durch meine Ahnung,
durch mein Gefühl,
durch meine Einsicht in das Weltganze.
Das Leben behält aber am Ende immer Recht.
Und so droht dann zuletzt von dieser Seite der Philosophie Gefahr.
Die Natur lässt sich nur von innen her,
von der Verwandtschaft mit dem eigenen Leben erschließen.
Indem der Mensch die Natur erkennt,
erkennt er sich selbst.
Ein geradezu moderner Gedanke,
wenn man an die zeitgenössische Ökologie denkt.
Sie begreift die Umwelt als ein lebendiges Wesen,
das Schmerzen empfindet,
Trost, Fürsorge und Hilfe braucht.
Friedrich Schelling beschrieb sehr früh,
wie es zu Naturzerstörung und Ausbeutung der Schöpfung
als Rohstoffquelle kommen könnte.
Und letztlich auch zur völligen Entfremdung des Menschen
von den Bedürfnissen der ihn umgebenden natürlichen Welt.
Schellings Philosophie kann verstanden werden
als einer der ersten Versuche,
die Geteiltheit der Welt in Geist und Natur zu überwinden.
Solange ich selbst mit der Natur identisch bin,
verstehe ich, was eine lebendige Natur ist,
so gut, als ich mein eigenes Leben verstehe.
Sobald ich aber mich und mit mir alles Ideale von der Natur trenne,
bleibt mir nichts übrig als ein totes Objekt
und ich höre auf zu begreifen,
wie ein Leben außer mir möglich sei.
Wenn die Natur zum Objekt gemacht wird,
so Friedrich Schelling,
dann spaltet sich der Mensch von ihr ab
und zerstört eine ursprüngliche Identität.
Als Herrscher über die Natur
nutzt er sie nur mehr als Naherholungsgebet
und sieht sie nicht mehr als Teil seiner selbst.
Die Schöpfung wird ihm fremd,
zu einer Ressource, die es auszubeuten gilt.
Die Aktualität der philosophischen Warnungen Friedrich Schellings
beschreibt Frieder Lauxmann.
Das zukunftsweisende an Schelling ist,
dass wir heute genau wieder vor diesem Problem stehen.
Überall wird die Vernunft seitens der Naturwissenschaft
als das einzig mögliche Erkenntnisorgan,
das ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck,
aber der einzig richtige Erkenntnisweg ist,
die objektivierbare wissenschaftliche Vernunft.
Und dadurch gehen uns sehr viele Einsichten,
die man damals hatte und die in anderen Völkern verbreitet sind,
auch beispielsweise das Tor zur Religion,
geht dadurch verloren.
Und Schelling hat sich ja bewusst zu einem religiösen Denken bekannt.
Er hat ja gesagt, es ist ein Gräuel,
Gott aus den Vernunftsgesetzen, aus der Moral herzuleiten,
das dient ja nur den Mächtigen,
um die Leute bei der Stange zu halten, dass sie brav sind.
Das hat er grundsätzlich abgelehnt.
Er hat gesagt, der Mensch muss sich seelisch auf Gott einstellen
und sich ihm anvertrauen
und nur so kann der Mensch sein eigenes Leben finden.
Friedrich Schelling wollte die Welt als etwas begreifen,
das vom Menschen frei hervorgebracht und erschaffen wird.
Und wenn der Mensch in völliger Unabhängigkeit entwickeln und gestalten soll,
muss zunächst geklärt werden,
wie Freiheit überhaupt verstanden werden sollte.
Ähnlich wie Johann Gottlieb Fichte
machte sich auch Friedrich Schelling Gedanken
über das Wesen der menschlichen Freiheit.
Zu welchen Schlüssen er dabei kam,
beschreibt Frieder Lauxmann.
Schelling hat gesagt,
das Bekenntnis zur eigenen Persönlichkeit,
das ist die Freiheit.
Zu der Fügung, zu dem Anvertrauen an den großen Weltzusammenhang.
Er hat gesagt,
der Mensch ist schon vor dem Anbeginn der Schöpfung,
außerhalb der Zeit,
in einem zeitlosen Raum,
geboren und geschaffen.
Und dort wurde er ausgewählt
und er hat sich selbst erwählt.
Und dadurch, dass er zu sich steht
und weiß, ich bin derjenige, der ich bin,
ich kann nur so handeln, wie ich handeln muss,
darin zieht er die Freiheit.
Kaum eine philosophische Richtung
ist in der Geistesgeschichte so angegriffen worden
wie der deutsche Idealismus.
Für Karl Marx und Friedrich Engels
standen diese Systeme buchstäblich auf dem Kopf,
nur dazu geeignet, die Wirklichkeit so lange hinzubiegen,
bis sie in ein verqueres Denken passte.
Für Arthur Schopenhauer
produzierten Fichte und Schelling
Wolkenkuckucksheime, die, so wörtlich,
den sinnleersten Wortkram enthielten,
an welchem Plattköpfe jemals ihr Genüge fanden.
Doch bei nüchterner Betrachtung
muss man feststellen,
dass der deutsche Idealismus
eine der einflussreichsten Philosophien seiner Zeit war
und sich auch in gesellschaftliche Prozesse eingemischt hat.
Johann Gottlieb Fichte
ließ sich das Selbstdenken nicht verbieten
und flog 1799 von der Jenaer Universität.
In Berlin wurde er dann
zu einem geistigen Vater der Befreiungskriege
gegen die napoleonische Herrschaft.
Friedrich Schelling kassierte in Würzburg
einen scharfen kurfürstlichen Rüffel,
weil er sich als Beamter
häufig in öffentlichen Debatten zu Wort meldete.
Wie die Moderne von dieser ungemein produktiven Phase
der Philosophiegeschichte profitiert,
fasst Dieter Sturmer von der Universität Bonn zusammen.
Für mich ist der deutsche Idealismus
der großartige Versuch,
die interne Einheit von Natur und Geist
auf den Begriff zu bringen,
wie das so schön im deutschen Idealismus geheißen hat.
Und das ist etwas,
was wir leider in der Gegenwartsphilosophie vergessen haben.
Wir sind eher der Meinung,
dass wir uns auf die Natur
oder eventuell auf das Bewusstsein konzentrieren.
Aber dieses großartige Projekt,
beides als miteinander verwoben zu denken
und das nicht nur einfach emphatisch, pathetisch zu beschreiben,
sondern zum Gegenstand von systematischen Überlegungen zu machen,
das ist in dieser Form einzigartig
und hat im Übrigen ja auch
zu einer unglaublichen Produktivität geführt.
Wenn man sich mal anschaut,
was in dieser Zeit passiert,
dass es in dieser Dichte in der Philosophie
allenfalls noch mit der antiken Klassik zu vergleichen.
