Epikur - Der Philosoph der maximalen Lust

Philosophie
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2 Videoaufrufe·14.12.2024
Das Wichtigste im Leben ist die Lust, und zwar die größtmögliche - so der Kerngedanke des antiken Philosophen Epikur. Ihm geht es in seinem Denken um das Glück des Menschen.
Wenn ich mir die Lust am Essen und Trinken wegdenke, wenn ich die
Liebesgenüsse verabschiede und wenn ich nicht mehr meine Freude haben soll an
dem Anhören von Musik und dem Anschauen schöner Kunstgestaltungen, dann wüsste
ich nicht, was ich mir überhaupt noch als ein Gut vorstellen könnte.
So schreibt der antike Philosoph Epicur in seiner Schrift über das Endziel des
guten Lebens. Ohne den Genuss von Essen und Trinken, Sex, Musik und Kunst ist das
Leben nicht lebenswert. In einem Brief an seinen Freund Minoikeus fasst er dies
unter dem Leitbegriff zusammen, der seitdem mit dem Namen Epicur verknüpft
ist. Anfang und Ende des glückseligen Lebens ist die Lust. Sie ist unser erstes
angeborenes Gut. Sie ist unser Ausgangspunkt für alles Wählen und
Meiden und unsere Richtschnur für die Beurteilung jeglichen Gutes.
Die Lust ist also das oberste Prinzip und der zentrale Maßstab eines guten
Lebens. Je mehr Lust wir empfinden, desto besser geht es uns.
Dies bedeutet, dass alle anderen Werte sich der Lust unterordnen müssen, auch
die moralischen. Wegen der Lust werden auch die Tugenden
gewählt und nicht um ihrer Selbstwillen, so wie auch die Heilkunst wegen der
Gesundheit gewählt wird. Tugenden sind also kein Selbstzweck, sondern nur als
Mittel zum Lustgewinn wertvoll. Damit dies unmissverständlich klar wird,
formuliert Epicur an anderer Stelle besonders drastisch. Ich spucke auf das
Edle, wenn es keine Lust hervorbringt und ich spucke auf alle, die es
verständnislos bewundern. Es ist klar, dass solche Worte nicht nur
Beifall hervorrufen. Kein Wunder also, dass Epicur schon immer
eher ein berüchtigter als ein berühmter Philosoph war. Hündisch und säuisch sei
er, befand der griechische Dichter Timon und der Stoiker Epiktet nannte Epicur
einen Wollesling. Die Stoiker waren denn auch in der Antike die Hauptgegner der
epikureischen Philosophie. Später wurde Epicur zum Lieblingsfeind vieler
Vertreter des Christentums. Insgesamt, so schreibt der Epikur-Forscher Malte
Hossenfelder, ergibt sich vor allem in Altertum und Mittelalter das Bild eines
groben ungebildeten Klotzes, der an keine Götter glaubt und sich wie ein Schwein
ausschließlich an Animalischem ergötzt. Es gab und gibt jedoch auch andere
Stimmen. Gottfried Wilhelm Leibniz etwa, seinerseits sicher kein Lüstling, berief
sich auf Epikur. Ebenso Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Karl Marx
promovierte über die Philosophie des antiken Denkers und Karl Jaspers nannte
seine Lehre einen konsequenten und in sich stimmigen großen Entwurf einer
Lebensform. Tatsächlich entpuppt sich Epikurs Philosophie bei näherem
Hinsehen als ein ethischer Leitfaden, der zwar durchaus sinnliche Genüsse
erlaubt und befürwortet, aber dennoch keineswegs animalisch oder gar
schweinisch ist, sondern durchaus Sinn ergibt, auch und gerade heute.
Für Epikur ist das Glück des Menschen Gegenstand und Ziel allen
Philosophierens. Deshalb steht die Ethik für ihn im
Vordergrund seines Denkens. Alle Menschen wollen glücklich sein und die Ethik soll
den Weg dorthin zeigen. Epikur beschäftigte sich zwar auch
intensiv mit Naturphilosophie, aber auch diese Untersuchungen standen alle
letztlich im Dienste der Ethik und damit einer guten Lebensführung. Das Wissen
über die Natur sollte verhindern, dass die Menschen irrtümlich falsche
Entscheidungen treffen und dadurch womöglich schlechter leben.
Es ist nicht möglich, sich von der Furcht hinsichtlich der wichtigsten
Lebensfragen zu befreien, wenn man nicht Bescheid weiß über die Natur des
Weltalls, sondern sich nur in Mutmaßungen mythischen Charakters bewegt.
Mithin ist es nicht möglich, ohne Naturerkenntnis zu unverfälschten
Lustempfindungen zu gelangen. Für das Glück, um das es Epikur geht, sind zwei
Gesichtspunkte besonders wichtig. Es soll ein gefühltes Glück sein und ein
dauerhaftes. Der erste Aspekt erscheint uns selbstverständlich. Der Mensch ist
dann glücklich, wenn er sich glücklich fühlt. Für die Menschen der Antike war
dies aber keineswegs so, sondern Glück galt als ein objektiv feststellbarer
Zustand. Es gab gewisse objektive Kriterien, etwa
Reichtum, Ansehen oder Gesundheit. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt waren, galt
der betreffende Mensch als glücklich, ob er wollte oder nicht. Für Philosophen
wie Platon oder Aristoteles war es deshalb durchaus denkbar, dass ein Mensch
glücklich war, ohne es selbst zu merken, während Außenstehende es durchaus
wussten, weil sie die Lage zutreffender beurteilten als der Betroffene selbst.
Epikur denkt hier aber wie wir, Glück ist nur dann Glück, wenn es als solches
empfunden wird. Noch wichtiger und anders als wir es heute sehen, ist der zweite
Gesichtspunkt. Das Glück, zu dem Epikurs Philosophie verhelfen will, ist dauerhaft.
Eine derart anspruchsvolle Vorgabe erscheint uns heute unerfüllbar.
Niemand kann immer glücklich sein. Epikur sieht das anders. Das Glück, zu
dem er den Menschen verhelfen will, soll nicht nur ein temporäres oder
punktuelles Glück sein, das einem vielleicht zuteil wird oder halt auch
nicht, zufällig, ohne dass man selbst viel dazu tun kann, sondern der Erwerb
des Glücks soll unserer Macht unterworfen werden.
Jeder soll tatsächlich, wie es unser Sprichwort sagt, seines Glückes Schmied
sein. Epikur will zeigen, dass und wie der Mensch sich Glück selbst erwerben und es
dann auch sicher und damit dauerhaft behalten kann.
Darin sieht er seine große Aufgabe. Epikur, um das Jahr 341 v. Chr. auf der
Insel Samos geboren, philosophierte mit geradezu missionarischem Eifer. Schon als
20-Jähriger gründete er eine eigene Schule, um seine revolutionären Gedanken
weiterzugeben. Im Alter von 35 Jahren ging er nach Athen.
Dort kaufte er einen Garten, den Kepos, nachdem seine Philosophenschule benannt
wurde. Epikurs Kepos war die vierte und letzte
große Philosophenschule in Athen. Nach und neben der Akademie Platons, dem
Lykaion des Aristoteles und der Stoa. Dort, im Kepos, lehrte Epikur noch
dreieinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 271 oder 270 v. Chr.
Epikurs Kepos war, mehr als die anderen Schulen, eine Lebensgemeinschaft von
Lehrenden und Lernenden. Auch Frauen gehörten dazu und auch Sklaven.
Freundschaft und gegenseitige Hilfe wurden großgeschrieben.
Philosophisch allerdings herrschte eine strenge Hierarchie.
Diesbezüglich gab es nur einen Meister, nämlich Epikur. Die Schüler lernten die
Lehrsätze Epikurs auswendig und sagten sie zur Übung immer wieder auf, etwa vor
dem Schlafengehen. Außerhalb seiner Schule genoss Epikur hingegen kein hohes
Ansehen. Epikur und seine Schüler mussten sich
immer gegen den Vorwurf der Unmoral verteidigen.
In Athen waren es vor allem Erzählungen oder Gerüchte über den Lebenswandel im
Kepos, die seinem Hof schadeten. Gerüchte etwa über ausschweifende und
unzüchtige Gelage. Später richtete sich die Kritik gegen seine Lehre mit ihrem
zentralen Prinzip der Lust. Lust heißt auf Griechisch Hedonee.
Daher kommt der Begriff des Hedonismus, dessen bekanntester Vertreter Epikur ist.
Damit waren und sind er und seine Schüler das erklärte Feindbild fast
aller anderen Ethiken, die Lustverzicht fordern und Tugend und Askese predigen.
Zur Begründung seiner hedonistischen Grundthese verweist Epikur darauf, dass
schon Säuglinge offensichtlich Lust suchen und Schmerz abwehren.
Daraus schließt er, dass die Natur uns Lust und Schmerz als Orientierungsmittel
für unsere Handlungsentscheidungen mitgegeben hat. Gut ist somit das, was uns
Lust verschafft, schlecht ist das, was uns Unlust bereitet. Glück besteht dann
folgerichtig in einem Höchstmaß an Lust. Dies bedeutet nun aber nicht, wie von
Epikurs Gegnern gerne unterstellt, dass wir nun immer und überall möglichst
exzessiv der Lust frönen sollen. Denn Ausschweifungen bringen häufig
schädliche Nebenwirkungen mit sich, die der Lust schaden und somit dauerhafte
Lust und dauerhaftes Glück verhindern. Um dies zu vermeiden, bedarf es des
sogenannten hedonistischen Kalküls. Dieser Ausdruck stammt nicht von Epikur,
sondern wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt. Er bezeichnet aber exakt das,
worum es Epikur zu tun war. Das hedonistische Kalkül errechnet,
welches Verhalten in der Summe und auf Dauer gesehen zu einem Maximum an Lust
führt. Deshalb berücksichtigt es auch die
möglichen negativen Folgen von Handlungen. Im Ergebnis kann dies dann
Jede Lust ist, weil sie etwas von Natur aus Angemessenes ist, zwar ein Gut,
doch nicht jede auch ein Gegenstand unserer Wahl, wie auch jeder Schmerz ein
Übel ist, ohne dass jeder Schmerz unter allen Umständen zu meiden wäre.
Nur durch genaue Vergleichungen und durch Beachtung des Zuträglichen und
Unzuträglichen kann alles dies beurteilt werden.
Denn zu gewissen Zeiten erweist sich das Gute für uns als Übel und umgekehrt das
Übel als ein Gut. Man isst also zum Beispiel das zusätzliche Stück Kuchen
doch nicht, obwohl es so gut schmecken würde, weil man weiß, dass einem sonst
anschließend vielleicht schlecht wird, man also Unlust empfinden wird. Wenn diese
voraussehbare Unlust größer eingeschätzt wird als die Lust, die man
beim Essen empfinden würde, dann rät das hedonistische Kalkül dazu, das Stück
Kuchen nicht zu essen, denn in der Gesamtrechnung von Lust und Unlust ergebe
sich sonst ein Minus. Das hedonistische Kalkül führt also zu einem eher
unerwarteten Ergebnis. Lust, Maximierung und Optimierung heißt für Epikur nicht,
jede Lust immer und überall so weit wie möglich nach oben zu treiben.
Ein solches Verhalten wäre nach Epikur kurzsichtig und eher kontraproduktiv.
Das hedonistische Kalkül empfiehlt stattdessen einen vernünftigen Umgang
mit der Lust, damit unterm Strich das bestmögliche Ergebnis herauskommt.
Um sicher und auf Dauer ein Höchstmaß an Lust und somit Glück zu erlangen,
empfiehlt Epikur zwei parallele Strategien. Zum einen die Reduzierung
der eigenen Ansprüche und zum zweiten die aktive Abwehr von Unlust. Bei den
Ansprüchen oder Bedürfnissen unterscheidet er deshalb zwischen
Notwendigen und Nichtnotwendigen. Alle Begierden, die, wenn sie nicht
befriedigt werden, keinen Schmerz verursachen, gehören nicht zu den
Notwendigen, sondern lassen sich leicht abstellen.
Nur die notwendigen Bedürfnisse müssen also befriedigt werden. Die nicht
notwendigen soll und kann man sich abgewöhnen.
Bei sorgfältiger Prüfung nun zeigt sich, dass nur fünf Bedürfnisse wirklich
befriedigt werden müssen. Nämlich die nach Nahrung, Kleidung und Wohnung sowie
nach Freunden und nach Philosophie. Nur dies sind Dinge, die der Mensch nach
Epikur unbedingt braucht. Bei Nahrung, Kleidung und Wohnung leuchtet dies
sofort ein. Hier handelt es sich um menschliche
Grundbedürfnisse, deren Nichterfüllung große Unlust mit sich brächte. Freunde
nun benötigt man vor allem als Helfer in der Not. Und die Philosophie schließlich
ist erforderlich, um einzusehen, dass der Mensch sonst nichts braucht.
Das ist ihr Beitrag zum Glück. Ein zusätzlicher Vorteil dieser geringen
Zahl von notwendigen Bedürfnissen ist, dass die Mittel zu ihrer Befriedigung im
Normalfall vergleichsweise leicht zu beschaffen sind.
Einfache Nahrung, einfache Kleidung, eine bescheidene Wohnung.
Die anderen, nicht notwendigen Bedürfnisse hingegen, sind schwerer zu
befriedigen. Etwa das Bedürfnis nach gutem Essen oder
schöner Kleidung oder einem großen Haushalt oder ständigen Feiern und
Festen. Dazu ist mehr Aufwand erforderlich. Trotzdem kann man auch
diesen Bedürfnissen nachgehen und durchaus versuchen sie ebenfalls zu
befriedigen, wenn die Gelegenheit dazu da ist und keine schweren Nachteile damit
verbunden sind. Epikur zeigt dies am Beispiel des
Sexualtriebs. Ich erfahre von dir, dass die Erregung des Fleisches dich im
Übermaß zum geschlechtlichen Verkehr drängt. Nun, wenn du weder Gesetze
brichst, noch die guten Sitten verletzt, noch einem deiner Nächsten Schaden
zufügst, noch dein eigenes Fleisch aufreibst, noch die notwendigen Dinge
vergeudest, dann geh ruhig so, wie du willst, deiner Neigung nach.
Diese Fülle von Vorbedingungen klingt so, als wolle Epikur uns letztlich doch die
Freude an der Sexualität nehmen. Aber es handelt sich um Gesichtspunkte, die
wir ohnehin normalerweise beachten, ohne groß darüber nachdenken zu müssen.
Wer will schon anderen oder sich selbst schaden durch das, was er oder sie tut?
Epikur bringt hier nur zum Ausdruck, dass auch pralle sinnliche Vergnügungen bei
vernünftiger Handhabung durchaus erlaubt sind und glücklich machen können.
Sie sind aber nicht notwendig. Man kann auch darauf verzichten, ohne deshalb
unglücklich zu werden. Parallel dazu geht es in der zweiten
Strategie darum, Unlust zu vermeiden oder zu bekämpfen.
Unlust wird, so Epikur, vor allem durch Schmerzen oder durch Angst hervorgerufen.
Gegen Schmerzen empfiehlt Epikur drei konkrete Gegenmittel.
Zum einen die Aufrechnung des Schmerzes gegen künftige Lust, etwa bei einer
Operation. Wir stellen uns vor, wie viel künftige Lust wir gewinnen, wenn wir den
aktuellen Schmerz, den der Eingriff verursacht, auf uns nehmen.
Die zweite konkrete Gegenmaßnahme gegen Unlust durch Schmerzen besteht in der
Kompensation des Schmerzes durch Lust, etwa durch Musik hören, um Schmerzen zu
übertönen oder zu verdrängen. Wenn auch dies nicht mehr hilft, hat Epikur noch
einen letzten Trost. Der lautet, entweder die Zeit oder das Leid ist klein. Gemeint
ist, dass ein heftiger Schmerz meistens nur kurz dauert und gegebenenfalls rasch
zum Tod führt, während chronische Schmerzen mäßiger sind und durch
Lustempfindungen gemildert oder kompensiert werden können.
Dies ist gewissermaßen die Ultima Ratio dieser Strategie der Schmerzbekämpfung.
Das Bewusstsein der Begrenztheit von Zeit oder Leid. Damals war es wohl
tatsächlich so, dass schwere Krankheiten oder Verletzungen schnell zum Tod führten.
Heute erweist uns diesbezüglich die moderne Medizintechnik einen guten,
manchmal aber auch zweischneidigen Dienst. Sie kann das Leben verlängern,
damit aber in manchen Fällen auch den Schmerz und das Leid.
Der zweite große Hinderungsgrund für Lust ist die Angst des Menschen. Auch sie
muss also bekämpft werden, wenn man glücklich werden will.
Hier vor allem zeigt sich die Bedeutung der Naturphilosophie für die Ethik
Epikurs. Die beiden größten dieser Ängste nämlich, so Epikur, sind die vor dem
Zorn der Götter und die Angst vor dem Tod. Im ersten Fall, der Angst vor dem
Zorn der Götter, dient die Naturphilosophie dazu, Aberglauben zu entkräften.
Epikur zeigt, dass die Natur Gesetzmäßigkeiten gehorcht und nicht
göttlicher Willkür. Solche Angst vor den Göttern kennen wir heute nicht mehr.
Dennoch trifft die Grundüberlegung Epikurs nach wie vor zu. Information und
Wissen schützen in vielen Fällen vor diffusen Angstzuständen. Vertrauter ist
uns die zweite Furcht, die Epikur nennt, die vor dem Tod. Um sie zu überwinden,
argumentiert er so. Maßgeblich für unser Glück oder Unglück sind unsere
Empfindungen. Die aber hören mit dem Tod auf. Wenn wir tot sind, haben wir keine
Empfindungen mehr, weil die Seele beim Tod in ihre einzelnen Atome zerfällt.
Also berührt uns der Tod eigentlich gar nicht. Das Schaurigste, der Übel, der Tod,
geht uns nichts an. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da. Wenn aber der Tod da
ist, dann sind wir nicht mehr. Prägnant zusammengefasst sind Epikurs Ratschläge
zur Reduzierung unserer Ansprüche und zur Bekämpfung von Ängsten in dem
sogenannten Tetrafarmakos, dem vierfachen Heilmittel. Dies war der wichtigste der
Lehrsätze, welche die Schüler Epikurs auswendig lernen mussten. Er lautete,
vor Gott braucht man sich nicht zu fürchten. Dem Tod soll man nicht mit
argwöhnischer Angst gegenüberstehen. Das Gute ist leicht zu beschaffen, das
Schlimme jedoch leicht zu ertragen. All diese Überlegungen machen deutlich,
dass für Epikur das angestrebte Höchstmaß an Lust nicht primär im
Herbeiführen von immer neuer und immer mehr Lust besteht, sondern eher in der
Vermeidung von Unlust. Wenn wir also die Lust als das Endziel
hinstellen, so meinen wir damit nicht die Lüste der Schlemmer und solche, die in
nichts als dem Genusse selbst bestehen, wie manche Unkundige und manche Gegner
oder auch absichtlich Missverstehende meinen, sondern das Freisein von
körperlichem Schmerz und von Störung der Seelenruhe.
Diese eher defensive Auffassung von Lustgewinn hat ihren Grund im Streben
nach Dauerhaftigkeit des Glücks und damit Sicherheit. Um dies zu gewährleisten, muss
man vor allem Risiken ausschalten, hier Ansprüche, die womöglich nicht
befriedigt werden können, sowie Schmerzen und Ängste, die Unlust bereiten.
Lustvoll und glücklich lebt der Mensch dann, wenn ihm solche Unlust erspart
bleibt. Folgerichtig plädiert Epikur nicht für ein Leben in Saus und Braus,
sondern in Genügsamkeit. Dies bringt gleich in mehrfacher Weise
Glücksvorteile. Die Gewöhnung an eine einfache und nicht kostspielige
Lebensweise ist uns nicht nur die Bürgschaft für volle Gesundheit, sondern
sie macht den Menschen auch unverdrossen zur Erfüllung der notwendigen
Anforderungen des Lebens, erhöht seine frohe Laune, wenn er ab und zu einmal
auch einer Einladung zu kostbarerer Bewirtung folgt und macht uns
furchtlos gegen die Launen des Schicksals. Eine einfache und genügsame
Lebensweise ist also gesund, hält uns aktiv, stärkt uns für eventuelle schwere
Zeiten und sensibilisiert uns für Genüsse, ohne uns innerlich davon
abhängig zu machen. Damit ist klar, dass das Glück für Epikur
nicht in einem überschäumenden Gefühl von Lust besteht, sondern in einem ruhigen,
ungestörten Wohlbefinden. Epikur nennt es Windstille der Seele,
griechisch Atheraxia. Haben wir es aber einmal dahin geschafft, dann glätten
sich die Wogen. Es legt sich jeder Seelensturm, denn der Mensch braucht sich
dann nicht mehr umzusehen nach etwas, was ihm noch mangelt, braucht nicht mehr zu
suchen nach etwas anderem, das dem Wohlbefinden seiner Seele und seines
Körpers dienen könnte. Das ist das, worum es Epikur geht.
Nicht die Ekstase, sondern die beschauliche Seelenruhe der Atheraxia.
Man erkennt nun, wie verzerrt und falsch das Bild war und ist, das häufig von
Epikur gezeichnet wird. Zwar geht es ihm tatsächlich um Lust und um die
Befriedigung unserer Triebe und Leidenschaften, aber auf eine vernünftige
und dies heißt maßvolle Weise. Epikur versucht, den richtigen Umgang mit Lust
und Schmerz zu finden. Dieses stille Glück, das von dem der Stoiker gar nicht
so verschieden ist, kann auch für uns heute durchaus noch erstrebenswert sein.
Epikurs Denken enthält noch einen weiteren Hinweis für uns.
Er plädiert dafür, die eigenen Wünsche, den Verhältnissen anzupassen und
gegebenenfalls herunterzuschrauben. Dies ist sein Weg, um eine
Deckungsgleichheit zwischen Wünschen und Wirklichkeit herzustellen und auf
diese Weise ein glückliches Leben zu ermöglichen.
Wir bevorzugen heute eher den umgekehrten Weg. Wir versuchen nicht
unsere Wünsche, den Verhältnissen anzupassen, sondern umgekehrt die
äußeren Verhältnisse unseren Wünschen. Etwa durch eine immer exzessivere
Ausbeutung der Natur. Dabei wird uns allmählich bewusst, dass wir an Grenzen
stoßen, wenn wir sie nicht schon überschritten haben.
Vielleicht können wir auch hier von Epikur lernen.
