Immanuel Kant - Kategorischer Imperativ

Philosophie
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2 Videoaufrufe·29.10.2024
Der "Kategorische Imperativ" des Königsberger Philosophen Immanuel Kant greift die Denkfigur der Allgemeingültigkeit moralischer Entscheidungen auf und fordert, dass die Tat einer Einzelperson nicht ausnahmsweise, sondern immer die Kriterien der Vorbildlichkeit erfüllen sollten. Autorin: Claudia Simone Dorchain
Heute geht es um Immanuel Kant oder genauer um einen zentralen Begriff seiner Philosophie,
dem kategorischen Imperativ.
Der lässt sich in der Alltagspraxis übersetzen in
»Was wäre, wenn das alle täten?«
Ja, was wäre, wenn alle Menschen nicht nur dieselbe Alltagsroutine, sondern auch dieselbe
Vorstellung von Moral hätten?
Hier ist die Antwort von einem, der ein sehr routineorientiertes Leben geführt hat und
dessen Auffassung von Moral gleichzeitig fortschrittlich war.
Was für ein schönes Konzert!
Erhebend und belebend, so recht der Geist unserer Zeit, ganz wie der Kritiker meinte.
Doch warum endet es schon um sieben Uhr?
Es kann unmöglich sieben Uhr sein.
Professor Kant ist noch nicht vorbeigekommen.
In Königsberg gab es eine Art lebende Uhr.
Sie hieß Immanuel Kant.
Der Professor der Philosophie, der von 1724 bis 1804 lebte und an der berühmten
Königsberger Universität lehrte, war so pünktlich und berechenbar in seinem Alltagsverhalten,
dass die Bewohner Königsbergs die Uhr nach ihm stellten.
Jeden Tag fuhr er zu seinen drei Freunden, Joseph Green, dem Bankier Ruffmann und Robert
Motherby, und verließ sie um exakt 19 Uhr.
Diese Treffen der vier Herren führten in ihrer großen Sichtbarkeit und Regelmäßigkeit
dazu, dass sie zum Stadtalltag gehörten und sich die Bürger, ob ihres prominenten Mitbürgers,
mit seinem urwerkhaften Verhalten verdienten.
Jetzt ist es sieben Uhr, Herr Kant ist gerade vorbeigefahren.
Die Pünktlichkeit und Akkuratesse, die Immanuel Kant im Alltag an den Tag legte, war keinesfalls
auf private Besuche beschränkt.
Der Mann mit dem ungeheuren Ordnungssinn unterrichtete neben Philosophie auch Mathematik, Geografie
und Naturrecht, und in seiner Jugend soll er sogar brillante Gedichte geschrieben haben.
In seinem ganzen Leben soll er sein geliebtes Königsberg nur einmal verlassen haben.
Doch was er innerhalb dieses geografisch kleinen Kreises erforschte, war so gewaltig, dass er
heute zu den Weltweisen gehört.
Der Ruf dieses Philosophen ging um die Welt.
In China feiert man vier Weise als Weltlehrer.
Buddha, Sokrates, Konfuzius und Immanuel Kant.
Doch was war eigentlich seine Hauptlehre?
Oder was bleibt heute von Kant?
Ja, ich will es kurz machen und gleich drei der ganz zentralen, der wichtigsten Aspekte nennen.
Kant hat gezeigt, ja fast bewiesen, dass der Mensch frei ist.
Er ist frei, sich angesichts der vorgefundenen Bedingheiten auf der Welt selbst zu bestimmen.
Das heißt aber auch, dass er für alles verantwortlich ist, was er tut.
Das ist der erste Gedanke.
Der zweite Gedanke ist, dass Erkenntnis zwar Stückwerk ist, wir können immer nur Teile erkennen,
aber Wahrheit ist vorauszusetzen.
Erkenntnis ist also grundsätzlich möglich.
Und der dritte wesentliche Gedanke ist, die Menschen können sich also eine ihnen passende,
eine ihnen zupassende, eine menschliche Welt schaffen, sagt Prof. Dr. Volker Ladenthin,
emeritierter Professor für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.
Die Hauptlehren Kant auf die Ethik, also das gerechte Handeln bezogen,
sind also humanistisch geprägte Ideen.
Erstens, der Mensch darf sich selbst bestimmen.
Zweitens, er kann Erkenntnis von etwas haben.
Und drittens, er ist berechtigt und auch befähigt, eine menschliche Welt zu erschaffen.
Diese Auffassungen Kants, die seine Morallehre durchdringen,
sind philosophisch gesehen auch Grundgedanken der sogenannten Aufklärung und des Humanismus.
Humanismus meint, dass der Mensch im Mittelpunkt von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft steht
und dass folglich die unveräußerliche Menschenwürde Grundlage ist für das Denken und Handeln.
So sieht es auch Kant, wenn er seine Morallehre ganz in den Dienst am Menschen und seiner Würde stellt.
Und Aufklärung?
Was das schillernde Wort bedeutet, hat der Königsberger Professor in seinem berühmten Aufsatz
»Beantwortung der Frage, was ist Aufklärung?«,
erschienen in der Berlinischen Monatsschrift 1784, schlüssig erklärt.
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sie seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Die Aufklärung grenzt sich ideengeschichtlich vom sogenannten philosophischen Skeptizismus ab,
der die Möglichkeit von Sein, Erkenntnis und Kommunikation im Sinn von wahrheiterschließender Sprache anzweifelt.
Der radikale Skeptizismus, behauptet verkürzt dargestellt, es gibt nichts,
und wenn es etwas gäbe, könnte man es nicht erkennen.
Könnte man es erkennen, könnte man nicht darüber sprechen.
Die Aufklärung hingegen sagt, es gibt durchaus etwas, und der Mensch kann es erkennen,
und er kann und soll sogar darüber sprechen.
Wir leben also in einer grundsätzlich erkennbaren, kommunizierbaren Welt.
Und in dieser erkennbaren, kommunizierbaren Welt gibt es auch Regeln für unser Handeln.
Und die philosophische Aufgabe ist es abzuwägen,
welche Rücksichtnahmen gut und richtig sind und welche bloße Zugeständnisse darstellen.
Die zentrale Regel zum ethischen Verhalten bei Kant ist der kategorische Imperativ.
Doch was genau ist eigentlich der kategorische Imperativ?
Der kategorische Imperativ ist eine Regel, die verhindern soll,
dass Freiheit zur Beliebigkeit wird.
Die Regel soll also für alle gelten und doch zugleich auf jeden Einzelfall passen.
Es gibt eine Voraussetzung dieses kategorischen Imperativs,
nämlich die, die ich genannt hatte, der Mensch ist frei.
Das ermöglicht ihm, eine Welt zu schaffen, die zu ihm passt.
Die Frage ist nur, wie soll er denn dann seine Freiheit nutzen?
Und dazu braucht es eine Aufforderung, einen Imperativ.
Kurz, eine gültige Regel.
Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich
als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
Das hört sich schlimmer an, als es ist.
Es meint, dass unser Handeln an allgemein gültigen Regeln ausgerichtet ist,
die für alle Menschen gelten sollen.
Als ich diesen Satz in meiner Pubertät las, das war wie ein Hammerschlag.
Ich fand, damit ist etwas formuliert, was sich in jeder Situation nutzen lässt,
und das hat mich dann doch ein ganzes Leben lang begleitet.
Der kategorische Imperativ ist also eine Verbindung von Freiheit und Verantwortung.
Nur Freiheit, das wäre Willkür,
denn dann würde jeder tun, was ihm gerade gefällt, bis zum Schaden für andere.
Nur Verantwortung, das wäre menschenunwürdig,
denn Verantwortung ohne Freiheit wäre ein starres Befolgen festgefertigter Regeln.
Der Bürger würde zum Moralroboter erniedrigt ohne eigene Entscheidungsfreiheit.
Hier wird wieder der humanistische Geist ganz ersichtlich,
der die Menschenwürde und Würde gründeten Freiheit ins Zentrum seines Denkens stellt.
Nun gibt es in der Ideengeschichte Europas aber verschiedene Denkmodelle,
die den Anspruch haben, Freiheit und Verantwortung zu verbinden.
Der kategorische Imperativ ist nur eins, wenn auch vielleicht das bekannteste von allen.
Ein starker Konkurrent ist hier die sogenannte goldene Regel,
die auch freies Handeln in den Rahmen der Verantwortung bringen will.
Ist der kategorische Imperativ gleich der goldenen Regel, oder gibt es Unterschiede?
Und wenn ja, welche?
Es gibt grundsätzliche Unterschiede.
In der Tat hört sich das erst einmal ähnlich an.
Die goldene Regel lautet ja so, wie ich sie auch schon in der Grundschule gelernt habe,
was du nicht willst, dass man dir tut, das fügt auch keinem anderen zu.
Aber ehrlich gesagt, was bedeutet diese Regel nun für die Organisation in der Gesellschaft?
Sie bedeutet, dass alles von meinem zufälligen Willen abhängt.
Das heißt ja, was du nicht willst, dass man dir tut.
Und damit setzt die goldene Regel etwas voraus, was sie doch eigentlich erst schaffen soll.
Sie setzen nämlich schon den bereits guten Menschen voraus,
obwohl diese Regel doch gedacht war, den Menschen dazu zu verhelfen,
dass er ein guter Mensch wird.
Wenn die eigene Befindlichkeit, der eigene Wille zum Maßstab für Gerechtigkeit werden sollen,
dann hängt ja alles von meiner Zufälligkeit ab.
Stellen Sie sich vor, jemanden, der in seiner Jugendzeit mit Schlägen traktiert worden ist,
der würde dann vielleicht im Alter sagen, mir hat das ja auch nicht geschadet, also kann ich schlagen.
Also Sie sehen hier, wie individuell, wie zufällig eine solche Entscheidung ist,
von demjenigen, der entscheidet.
Also die goldene Regel, wenn ich das zusammenfassen kann, ist eigentlich überflüssig.
Denn wenn man bereits weiß, was gut ist, nämlich das, was man will,
dann braucht man keine eigene Regel mehr, um herauszufinden, was gut ist.
Und wenn man das noch als Erklärung anfügen darf,
hinter der goldenen Regel steht eine Art moralischer Naturalismus,
der besagt, die Menschen wollen eigentlich alle immer schon intuitiv das Gute.
Stellen Sie sich nun den ertappten Steuerbetrüger vor,
der bei seiner Verurteilung an den Richter appelliert,
Sie möchten doch bestimmt auch nicht ins Gefängnis.
Mich aber wollen Sie ins Gefängnis stecken.
Das ist doch ungerecht. Sie handeln nicht nach der goldenen Regel.
Der Grundunterschied ist also, die goldene Regel sagt,
was du willst, ist richtig, und der kategorische Imperativ sagt,
was richtig ist, sollst du wollen.
Die goldene Regel ist also subjektiv
und steht und fällt mit dem guten Willen des Subjekts.
Der kategorische Imperativ ist zwar auch subjektiv,
da er vom Einzelnen abhängt in seiner Verwirklichung,
aber er strebt Objektivität an,
indem er annimmt, zur Richtlinie für eine allgemeine Gesetzgebung werden zu können.
Das ist der Geniestreich, den der kategorische Imperativ
anderen Regeln für eine allgemeine Ethik voraus hat.
Er beginnt mit der Prämisse,
das eigene Handeln könne vorbildlich sein,
indem der Handelnde die Idee, was geschehen würde,
wenn das alle tun würden, seinen Entscheidungen vorausstellt,
tendiert er automatisch zu mehr Objektivität
und er zieht sich selbst über seine eigenen subjektiven
und oft auch momenthaften Wünsche und Bedürfnisse hinaus zu denken.
Was für den Einzelnen stimmt,
stimmt möglicherweise auch in der Anwendung
auf die Gesellschaften als Ganzes.
Warum also sollte man den kategorischen Imperativ
der Goldenen Regel vorziehen?
Die Goldene Regel eignet sich überhaupt nicht
für die Lösung von sozialen Problemen.
Stellen Sie sich in der internationalen Politik vor,
an wem, an wessen Willen soll sich diese Politik orientieren?
An den Täter oder an demjenigen, an dem etwas getan wird?
Das gibt ja die Goldene Regel nicht bekannt.
Der Terrorist kann natürlich argumentieren,
dass ihn der Friedenseinsatz stört, weil das nicht sein Wunsch ist.
Er möchte aber, dass alle das tun,
was er sich als richtig ausgedacht hat.
Sie lösen die Politik in individuelle Befindlichkeiten auf,
wenn Sie die Goldene Regel anwenden.
Sie haben überhaupt nicht klar, für wen die Maxime gelten soll,
für den, der etwas tut, oder für den, dem etwas angetan wird.
Das Problem ist also primär die persönliche Betroffenheit.
Da die Goldene Regel die persönliche Betroffenheit
zum Dreh- und Angelpunkt macht,
als Ausgangsbasis für ethisches Handeln,
ließe sich jede unangenehme Herausforderung abtun mit den Worten,
das geht mich nichts an oder das interessiert mich nicht.
Auch besteht hier die Gefahr,
dass sich jeder auf sein Spezialwissen herausreden könnte.
Wie oft hört man nicht, ich bin kein Richter,
wenn es um strittige Rechtsfälle geht.
Ich bin kein Lehrer, wenn es um die Frage nach der Bildung
und Erziehung von Kindern geht.
Oder ich bin kein Psychologe, wenn der Partner Probleme hat.
Viele Menschen reden sich gern auf nicht vorhandene Spezialkenntnisse heraus.
Und im Rahmen der Goldenen Regel ist das möglich,
weil sie ihre Nichtbetroffenheit äußern.
Das bedeutet aber eine Verantwortungsverschiebung.
Denn es handelt sich in Wirklichkeit ja nicht darum,
plötzlich Spezialkenntnisse zu erwerben,
sondern auf der Basis des allgemeinen Verstands
gute Lösungen zu finden.
Der allgemeine Verstand, oder besser die Vernunft,
bestimmt also oberhalb von Spezialkenntnissen
und eigenen Betroffenheiten ethische Grundsätze.
Genau das will der kategorische Imperativ.
Jedoch stehen auch gute, sinnvolle Regelsätze stets unter Kritik.
Auch Kants kategorischer Imperativ
hat schon unter seinen Zeitgenossen viel Widerspruch erfahren.
Ein ganz wichtiger Kritikpunkt ist ein Formalismus.
Es ist ja nur eine Verallgemeinerungsregel.
Es fehlen die Inhalte.
Man könnte z.B. sagen, wie das einige Regierungen auch tun.
Wenn ein Staat autoritär regiert wird,
dann geht es allen Bürgern gut, weil dann schnell entschieden werden kann.
Nach der Verallgemeinerungsregel, die wir ja eben gehört haben,
ist das zulässig.
Ich handele so, dass die Maxime deines Willens
Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gilt.
Das ist ja rein formal.
Dann diente der kategorische Imperativ zur Rechtfertigung
totalitärer und autoritärer Regime.
Man braucht also, das ist die Erkenntnis,
einen materialen Bezugspunkt, also einen Inhalt.
Was ist eigentlich das inhaltliche Ziel der allgemeinen Gesetzgebung?
Ist es die Macht, das Gemeinwohl, der Wohlstand für alle,
die Rettung der Natur?
Das kann man aus dem kategorischen Imperativ nicht ableiten.
Mit dem kategorischen Imperativ allein kann man also nicht entscheiden,
was denn das Ziel der allgemeinen Gesetzgebung sein soll.
Man muss die Idee der humanen Lebensbedingungen
also hinzunehmen, die Kondition humaner.
Es gibt einen weiteren Vorwurf, der genau in die andere Richtung zielt,
nämlich, dass der kategorische Imperativ inhuman sei,
weil er den Einzelnen in seiner Individualität nicht achtet.
Man beachte ihn nur als ein Wesen,
das für das Allgemeine verantwortlich ist,
als leibloses, als biografieloses Moralwesen.
Man wird nicht betrachtet als Mensch mit seinen Schwächen,
sondern nur als Gesetzgeber.
Ich denke, dass das Argument nicht stimmt,
weil es die Funktion von Prinzipien verkennt.
Prinzipien haben gerade dann Bedeutung,
wenn man sie auf den Einzelfall anwenden kann,
wenn sie dem Einzelnen gerecht werden.
Der kategorische Imperativ ist kein Regelkatalog,
setzt nicht konkrete Normen als Maßstab fest,
sondern ist eine formale Festlegung und sehr abstrakt.
Doch können Abstraktionen Ordnung schaffen?
Oder braucht es um Gutes zu tun nicht konkretere Hinweise?
Tja, es scheint, dass die Menschen gerne klare Anlagen haben,
dass sie sie vielleicht sogar brauchen.
Sie wollen Normen oder sie wollen Vorschriften.
Wir lieben vielleicht sogar die konkreten Handlungsanweisungen.
Bei Rot darfst du nicht über die Ampel fahren,
nach 22 Uhr darfst du in deiner Wohnung Musik nur in Zimmerlautstärke hören.
Das ganze Leben ist ja voll solcher Anweisungen.
Und unsere Alltagserfahrung sagt, das stimmt,
das Leben ist einfacher mit fester Disziplin.
Eine Disziplingesellschaft funktioniert unweigerlich besser
als eine disziplinlose Gesellschaft.
Aber der Wunsch nach solchen konkreten Vorschriften,
man nennt die in der Philosophie Handlungsnormen,
dieser Wunsch nach Vorschriften ist der Wunsch nach Unmündigkeit,
nach einer formalen Beherrschung des Menschen
analog zur Beherrschung der Natur, also der Technik.
Wer den kategorischen Imperativ
durch konkrete Vorschriften ersetzen will,
der will eigentlich den ferngesteuerten Menschen.
Er macht aus den Menschen eine Art fremdgesteuertes Betriebssystem,
das nach Anleitung handelt, nach der Bedienungsanleitung.
Nur, dann fragt sich, wie ist es um die Moral derjenigen bestellt,
die die Bedienungsanleitung ersonnen haben.
Wer leitet die denn an?
Immer wieder werden Forderungen nach mehr Regeln,
mehr Verboten formuliert, nicht nur von der Politik.
Ist das noch kantianisch? Ist es aufgeklärt?
Denn eigentlich sollte ja,
laut der berühmten Definition der Aufklärung,
der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit
genau das beinhalten,
dass man keine von Autoritätspersonen auferlegten Verbote braucht
und trotzdem, Kraft seiner eigenen Vernunft,
ethisch gerechtes Handeln zeitigen kann.
Es ist erstaunlich, dass ein Mann,
der so stark berechenbar und regelgerecht gelebt haben soll wie Kant,
einen so großen Bedarf an persönlicher Freiheit
im Denken und Handeln sah.
Vielleicht ist das ein biografischer Kontrapunkt.
Ein urwerksartiges Leben, absolute Routine
und jeden Tag derselbe Ablauf im Privaten
und dann aber andererseits diese Weitsicht,
diese Großherzigkeit und dieser Mut
im beruflichen und philosophischen Schaffen,
den Menschen eben kein starres Regelkorsett anzulegen,
das sie erstickt, sondern sie zu ermächtigen,
in Freiheit verantwortlich zu handeln.
Und dennoch ist Kants Ethik stark verbunden
mit dem Begriff der Pflicht.
Und wer sie verstehen will, muss Pflicht zu Freiheit und Verantwortung hinzudenken.
Was bedeutet Pflichtethik
in der Geschichte und Systematik der Philosophie
und welche Probleme sind damit verbunden?
Ja, man muss sehr genau beschreiben, was man darunter versteht.
Ich verstehe jetzt einmal unter einer Pflichtethik
in Abgrenzung von Kant eine Ethik,
die ganz bestimmte Pflichten benennt.
Also nicht zu lügen, nicht zu stehlen, nicht zu töten.
Viele sagen allerdings, dass eine ungebremste Pflichtethik
die Folgen des Tuns nicht beachtet.
Und ich denke, das stimmt.
Aber diese Konsequenz ist mit dem kategorischen Imperativ nicht gegeben.
Es könnte ja meine Pflicht werden,
die ich ableite aus dem kategorischen Imperativ,
auch die Folgen meines Tuns, also nicht nur die Pflicht, etwas zu tun,
sondern auch das Ergebnis meiner Handlungen
in die Formulierung der Pflicht mit hineinzubringen.
Ich mache das mal an einem Beispiel deutlich.
Gewaltlosigkeit ist sicherlich ein absolut sinnvolles Prinzip, eine Pflicht.
Aber wenn wir ehrlich sind, am Sonntagabend stimmen wir
beim Tatort innerlich zu, wenn die Kommissare
den abscheulichen Kindermörder mit der Waffe stellen
und mit Handfesseln binden oder noch Schlimmeres machen.
Zu Recht, denn Gewaltlosigkeit, die Pflicht der Gewaltlosigkeit,
würde hier zur Schädigung weiterer Kinder führen.
Es kann also keine absolute Pflicht sein,
sondern man muss entscheiden, welche Pflicht hier in Anwendung kommt.
Hier geraten zwei Pflichten geradezu in Konflikt,
Gewaltlosigkeit und Kindeswohl.
Diesen Konflikt können die Kommissare mit dem kategorischen Imperativ allerdings lösen.
Sie bedenken die konkreten Folgen und formulieren daraus dann ihre Pflicht.
Man darf schwächere und schuldlose Kinder
durchaus vor Gewalt schützen.
Diese Regel gilt dann immer.
Die zehn Gebote sind also solche Pflichten
oder ein behördlicher Pflichtenkatalog,
der festlegt, wie sich ein Polizist, ein Kommissar,
ein Krankenpfleger in seinem Beruf verhalten soll.
Hier geht es ethisch oft um eine sogenannte Güterabwägung.
Welches Gut ist wichtiger?
Die Gewaltfreiheit oder das Recht?
Die Freiheit oder die Sicherheit?
Freiheit ist ein wichtiges Gut,
aber der Staat darf auch Freiheitsbegrenzung ausüben,
indem er etwa einen Mörder einsperrt.
Das ist ein wesentlicher Aspekt der Pflichtethik.
Sie sichert Recht und Ordnungen.
Hier könnte aber ein Vertreter des sogenannten
ethischen Relativismus einwenden.
Es gibt nicht ein Recht, das für alle gilt
oder eine Ordnung, die global verstanden wird.
Insofern könnte auch geschlussfolgert werden,
dass Pflichtethik überhaupt nicht im Singular existiert,
sondern nur im Plural.
Als Pflichtethiken, verbunden mit den jeweiligen
kulturellen Rechten und Ordnungen.
Diesen Standpunkt kann man kritisieren.
Denn bei dem benannten Beispiel handelt es sich ja nicht
um irgendwelche folkloristischen kulturellen Unterschiede,
sondern um fundamentale internationale Menschenrechte.
Das Recht eines Kindes auf Leben und Gewaltfreiheit
und die Pflicht des Staates, Bürger zu schützen.
Doch denken wir diese Idee einmal weiter.
Angenommen, alle Menschen würden heute den
kategorischen Imperativ konsequent umsetzen.
Wie würde sich unser aller Leben ändern?
Die Frage ist, ob wir nicht immer schon nach diesem
kategorischen Imperativ leben, wenn wir uns denn nicht
an feste Normen halten.
Ich meine, dass das Problem unserer Welt weniger darin liegt,
dass sich Menschen und Regierungen nicht an den
kategorischen Imperativ hielten.
Meines Erachtens liegt das Problem woanders, nämlich in der
hohen Komplexität unserer Probleme, der Weltgesellschaft.
Und hierfür sachliche Antworten zu finden, das scheint mir
das Problem zu sein.
Ich will das mal mit einem Bild sagen.
Der Teufel nicht im sachlichen Detail.
Würde man aber auf den kategorischen Imperativ verzichten,
um diese sachlichen Details zu klären, dann gäbe es nur noch Teufel
und dann gäbe es nur noch Details.
Und jeder Teufel hätte irgendwie recht.
Der Kampf aller gegen alle, das ist die Hölle.
Und um den zu vermeiden, brauchen wir zur Klärung der Details
doch den kategorischen Imperativ.
Ich meine aber, dass wir ihn immer schon anwenden, wenn auch
vielleicht nicht immer erfolgreich.
Der kategorische Imperativ bewahrt uns also vor einem
moralischen Relativismus, der jedes ethische Problem
in tausend Teilprobleme zersplittern lässt, wie einen
zerstörten Spiegel.
Doch er löst nicht alle ethischen und sozialen Fragen.
Er ist ein Anfang.
Er macht uns frei.
Denn in der Freiheit und im eigenen Vernunftgebrauch liegt für
die Aufklärung die Würde des Menschen.
Wer wahrhaft frei ist, kann Routinen und sogar Pflichten
freudig leben.
Darf Maximen nicht als Einschränkung, sondern als Ausdruck
seiner Selbstbestimmung ansehen.
Kanns wohl bekanntestes Vermächtnis sein kategorischer Imperativ.
Wie genau, der zu verstehen ist und was er uns auch heute noch
sagen kann, damit hat sich Claudia Simone doch schon beschäftigt.
