Deutschland und Frankreich gelten im internationalen Maßstab als vergleichsweise ähnliche, nämlich gut ausgebaute, ‚konservative‘ Wohlfahrtsstaaten. Auch das Ausmaß sozialer Ungleichheit liegt auf ähnlichem Niveau. Deutlich unterschiedlich sind jedoch die Protestkulturen, die man zugespitzt als ‚Sozialpartnerschaft‘ versus Massenmobilisierungen und ‚brennende Vorstädte‘ charakterisieren könnte. Wie lassen sich diese Differenzen erklären? Im Vortrag werden aktuelle Strukturen sozialer Ungleichheit und sozialen Protests in Deutschland und Frankreich verglichen. Zudem geht es aber auch um deren Legitimationsweisen und symbolische Deutungsmuster.
Im Rahmen der Vortragsreihe Soziale Ungleichheit in Deutschland und Frankreich.
In Kooperation mit der Arbeitskammer des Saarlandes, dem Lehrstuhl Professor Lüsebrink und der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der UdS.
Referentin: Prof. Dr. Ingrid Artus, geb. 1967, studierte Soziologie, Neuere deutsche Literaturwissenschaften und Neuere Geschichte in Erlangen. Zwischen 1993 und 2009 forschte sie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Technischen Universität München und am Institut de Recherches Economiques et Sociales in Noisy-le-Grand bei Paris zu diversen arbeits- und industriesoziologischen Themen. In Ihrer Habilitation analysierte Ingrid Artus die Interessenvertretung von Beschäftigten in prekären Erwerbsbereichen im deutsch-französischen Vergleich. Seit 2010 ist sie Professorin für Vergleichende Gesellschaftsanalyse an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Man hört mich? Ja, klappt alles wunderbar. Ich freue mich hier zu sein.
Nicht zum ersten Mal. Ich kenne Saarbrücken ganz gut.
Es ist jetzt schon das vierte Mal, dass ich aus beruflichen Gründen in aller Regel hier bin.
Und ich finde es immer wieder schön, weil ich finde schon gerade Saarbrücken oder überhaupt das Saarland
ist so ein Paradebeispiel für soziale Ungleichheit im Grunde.
Naja, ich war vorhin in der Stadt unterwegs und es hat mich an Coventry erinnert, in Großbritannien,
wo auch eine Industrie zusammengebrochen ist.
Ja, und da bleibt dann nicht viel zurück. Natürlich bleibt was zurück, so ist es nicht.
Aber man spürt tatsächlich den Strukturwandel hier offenbar noch immer.
Deswegen denke ich, dass das Thema, noch dazu liegen wir ja hier zwischen Deutschland und Frankreich.
Ich habe ganz viele Franzosen auch und Französinnen gehört.
Also besser als in Saarbrücken, glaube ich, passt das Thema nirgendwo hin, über das ich heute sprechen will.
Und ich werde schon recht allgemein darüber sprechen.
Insofern glaube ich, dass es als Auftakt für eure Reihe gar nicht so schlecht ist.
Es ist ein Thema, und deswegen ist eure Reihe auch interessant, das im Grunde ein Kernthema der Soziologie ist.
Soziale Ungleichheit ist eigentlich das Thema, mit dem die Soziologie geboren worden ist im 19. Jahrhundert.
Weil es immer auch die Frage nach sozialer Integration ist.
Also nur dann, wenn Menschen ihre Lebensbedingungen einigermaßen als gerecht empfinden,
finden sie auch das politische System, auch das wirtschaftliche System, in dem sie leben, halbwegs erträglich.
Und nur dann kann man sagen, ist auch sowas wie sozialer Protest eher unwahrscheinlich.
Also insofern, soziale Ungleichheit ist immer die Frage nach sozialer Integration auch.
Und darüber werde ich heute sprechen, vergleichend in Deutschland und Frankreich.
Jetzt hoffe ich, dass ich das mit der PowerPoint hinkriege.
Was ist soziale Ungleichheit? Das hat der Leopold jetzt gerade schon viel ausführlicher referiert, als ich es im Folgenden tue.
Nur so ein paar Sätze noch dazu, was davon für mich wichtig ist.
Der Hauptteil des Vortrags geht um den Vergleich tatsächlich von sozialer Ungleichheit in Deutschland und in Frankreich.
Und ich habe mir die Gliederung einfach gemacht.
Am Anfang rede ich über Ähnlichkeiten, anschließend über Unterschiede.
Und am Schluss ein Fazit und auch ein bisschen so ein politischer Ausblick, wo geht es hin mit der sozialen Ungleichheit, wie ich meine, in beiden Ländern.
Was ist soziale Ungleichheit? Also bei mir ganz einfach, hat der Leopold gerade schon gesagt,
soziale Ungleichheit meint die ungleiche Verteilung von Lebenschancen und wertvollen Gütern.
Also wertvolle Güter kann alles Mögliche sein, sind die Güter, die jeder haben will und von denen es irgendwie scheinbar nicht genügend für alle gibt,
aber jedenfalls so eine Knappheit existiert und wo dann die Ungleichverteilung auch zu Kritik oder Problemen führen kann.
Der Leopold hat schon gesagt, man kann alle möglichen wertvollen Güter ungleich verteilen, Bildung, Ansehen, Macht und sowas.
Aber in der Soziologie misst man soziale Ungleichheit am häufigsten in der Verteilung von Geld.
Weil Geld ist bei uns der Zugang zu allen möglichen Lebenschancen.
Dafür kann man sich sogar Bildung kaufen, nicht direkt, aber die Bildungschancen kaufen zumindest.
Man kann sich Macht kaufen, also gegen Geld kann man ganz viel eintauschen.
Deswegen werde auch ich im Folgenden vor allem anhand der Geldverteilung in Deutschland und Frankreich die Ungleichheit in beiden Ländern messen.
Und auch das hat der Leopold gerade schon gesagt, soziale Ungleichheit gibt es bei uns.
Wir brauchen gar nicht darüber diskutieren, natürlich leben wir in einer sozial ungleichen Gesellschaft.
Das war auch, ich würde sagen, schon immer so und ist in allen Ländern so.
Aber die Frage ist ja, ob man das schrecklich findet oder auch kritikwürdig findet,
weil früher gab es eine Gesellschaft, die ging davon aus, soziale Ungleichheit ist Gott gegeben,
ist auch legitim, dass der König mehr hat als, weiß ich nicht, die Untergebenen
oder auch selbst der Pfarrer mehr hat als die Kirchenschäfchen, ist ja vielleicht normal und auch legitim so.
Bei uns in unserer Gesellschaft, also spätestens nach der französischen Revolution,
gibt es eben Gleichheitsforderungen und die Ansicht, dass alle eigentlich den gleichen Zugang zumindest haben sollten zu wertvollen Gütern.
Insofern braucht es immer eine Legitimierungsideologie für soziale Ungleichheit.
Oder Ideologie ist jetzt vielleicht ein bisschen negativ, aber eine Art und Weise, wie es gerechtfertigt wird.
Und erst dann, wenn diese Rechtfertigung nicht mehr glaubhaft wird, dann kommt es zu sozialen Protesten.
Das ist eigentlich mein Punkt heute.
Also der Zusammenhang zwischen Legitimierung von sozialer Ungleichheit
und eben der mangelhaften Akzeptanz möglicherweise der Verhältnisse.
Ja, soviel als Vorwort zum Thema soziale Ungleichheit.
Halt, falsche Richtung.
Kommen wir gleich zum Vergleich sozialer Ungleichheit gemessen in Geld in Deutschland und Frankreich.
Und die erste Hälfte, da geht es um Ähnlichkeiten, habe ich ja schon gesagt.
Zunächst mal ganz allgemein kann man sagen, dass in der international vergleichenden Forschung
in Bezug auf Wohlfahrtsstaaten, Wirtschaftssysteme, also die auf einer sehr hohen Makroebene angesiedelt ist,
Deutschland und Frankreich immer als sehr ähnliche Länder gelten.
Also wenn man alle Länder weltweit oder selbst die in der EU vergleicht,
dann schiebt man Deutschland und Frankreich meistens in dieselbe Schublade.
Da gibt es dann immer so drei, vier Schubladen.
Und Deutschland und Frankreich gelten zum Beispiel als der gleiche Typus von Wohlfahrtsstaat.
Wem es bekannt ist, Esping Andersen hat so eine Typologie von Wohlfahrtsstaaten erarbeitet, schon älter,
wo er drei Typen unterscheidet, den liberalen, den sozialdemokratischen und den dritten, das ist unser,
nämlich der deutsche und französische Wohlfahrtsstaat, der in der Mitte liegt, bei allen Dingen so ein bisschen,
also in der Mitte liegt, was die Dekommodifizierung der Arbeitskraft angeht,
also die Abkopplung der Arbeitskraft von den Risiken der Lohnarbeit.
Also die Absicherung gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter etc. ist in Deutschland und Frankreich mittelausgeprägt,
im Vergleich zu anderen Typen von Wohlfahrtsstaaten.
Und ähnlich Horst Soskic, die haben jetzt nicht den Wohlfahrtsstaat untersucht,
das sind zwei Amerikaner, die die Arten von Marktwirtschaft typisiert haben.
Und da unterscheiden sie auch den liberalen und den koordinierten Kapitalismus, würden sie sagen,
oder auch die koordinierte Marktwirtschaft.
Auch da sind Deutschland und Frankreich in derselben Schublade,
also sie sind nicht so liberal wie viele andere Länder, wie vor allem die anglo-sächsischen Länder,
sondern sie zeichnen sich dadurch aus, dass das wirtschaftliche Geschehen koordiniert wird,
in Frankreich vor allem durch den Staat, in Deutschland stärker durch die Tarifparteien, durch die Sozialpartner.
Aber es gibt sozusagen Agenten, Agentinnen, die nicht einfach alles dem Markt überlassen,
sondern da kümmert sich jemand drum, dass die Wirtschaft auch so ein bisschen geplant abläuft.
Und auch da sind sich Deutschland und Frankreich zum Beispiel im Unterschied zu USA, Großbritannien oder so, relativ ähnlich.
Okay, also wirkt schon auf den ersten Blick so, als wären die sich relativ ähnlich.
Schlagend wird das Ganze, wenn man sich Statistiken zur Einkommensungleichheit in Europa anschaut.
Das ist jetzt eine Statistik, die ist relativ neu, von 2016, wo der Gini-Koeffizient abgebildet ist.
Der Gini-Koeffizient hier in Bezug auf das verfügbare Äquivalent Einkommen,
also nicht das Vermögen, sondern das Einkommen, misst die Ungleichverteilung der Einkommen.
Also da gehen alle Einkommenspositionen in einem Land ein und am Ende kommt eine Zahl raus.
Ich mache es mir jetzt einfach.
Also der Gini-Koeffizient liegt immer entweder zwischen 0 und 1 oder in dem Fall zwischen 0 und 100.
Das ist nur eine Rechensache.
100 wäre völlige Ungleichverteilung der Einkommen.
0 wäre völlige Gleichverteilung der Einkommen.
Ja, und Deutschland und Frankreich liegen wieder mal in der Mitte und eng nebeneinander.
Das ist eigentlich das, was ich Ihnen zeigen wollte.
Also hier abgetragen sind die EU-15-Länder, die alten EU-Länder.
Und die sind sich schon relativ ähnlich in Bezug auf Einkommensungleichheit.
Aber am ähnlichsten der ohnehin schon ähnlichen Länder in Bezug auf Einkommensungleichheit sind sich Deutschland und Frankreich.
Also die soziale Ungleichheit ist ähnlich groß in Bezug auf die Einkommen.
Das ist die Message.
So ähnlich auch, wenn man sich die staatlichen Sozialausgaben ansieht, die ja darauf zielen, soziale Ungleichheit abzufedern, ein Stück weit abzubauen.
Auch hier wieder die EU-15-Länder.
Man sieht, Deutschland und Frankreich haben fast gleich viele staatliche Sozialausgaben pro Kopf gerechnet.
Bisschen anders sieht es aus, das habe ich darunter geschrieben, wenn man sich den Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt anschaut.
Der ist in Frankreich ein bisschen höher als in Deutschland.
Was vielleicht der Grund ist, weshalb die Armutsrisikoquoten in den beiden Ländern sich dann doch so ein bisschen unterscheiden.
Also es sind keine dramatischen Unterschiede, aber da liegen die Länder jetzt nicht direkt nebeneinander, wenn man so will.
Armutsrisikoquote, das wird gemessen, das nennt oder das bezeichnet den Anteil der Menschen, die weniger als 60% des durchschnittlichen Nettoäquivalenzhaushaltseinkommens beziehen.
Also man berechnet einen Durchschnitt über alle Menschen hinweg.
Also das Äquivalenz ist jetzt kompliziert, aber ein Durchschnittseinkommen.
Und wer weniger als 60% davon Netto in der Tasche hat, gilt als zumindest armutsrisikobehaftet.
Ab 50% würde man sagen, der ist wirklich arm oder die ist wirklich arm.
Und also in Frankreich liegt es so etwa bei 13%, Deutschland systematisch inzwischen über 15%.
Man hört immer wieder andere Statistiken, die so ein bisschen anders berechnet werden.
Tatsache ist, in beiden Ländern ist inzwischen ein nicht irrelevanter Anteil der Bevölkerung zumindest im Bereich des Armutsrisikos in Deutschland prozentual inzwischen mehr als in Frankreich.
Das war so ein bisschen eine Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes, wenn man so will, auf der Makroebene hinsichtlich der Quantität von Armut und sozialer Ungleichheit.
Wenn man sich die Trends anschaut in beiden Ländern, wie hat sich das entwickelt und wie entwickelt sich das aktuell, dann überwiegen ganz schlagend die Ähnlichkeiten wieder.
Also grob kann man sagen, beide Länder haben zwei Phasen durchgemacht oder befinden sich in der zweiten Phase jetzt.
Also die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet man ja häufig als Trente Glorieuse, also die glorreichen 30 Jahre, in denen es eben ein starkes Wirtschaftswachstum gab in beiden Ländern.
Und im Zuge dessen eine kontinuierliche Abnahme sozialer Ungleichheit, die Reallöhne sind gestiegen in der Zeit, der Wohlfahrtsstaat ist ausgebaut worden.
Und es kam dazu, was Ulrich Beck den Fahrstuhleffekt genannt hat, also die gesamte Gesellschaft und alle Schichten und Klassen sind quasi um ein, zwei Stockwerke kollektiv höher gefahren worden.
Armut gab es zwar natürlich irgendwie, aber immer weniger systematisch im Bereich der Lohnarbeit.
Also wer Arbeit hatte und die meisten hatten Arbeit, war eigentlich nicht mehr in der Armutsrisikozone.
Arme gab es eher außerhalb der Lohnarbeit, also bei Menschen, die eben oft aus körperlichen Gründen, psychischen Gründen nicht mehr arbeiten konnten.
Oder die Frauen klassisch, die Reproduktionsarbeit machen und dafür kein Geld bekommen.
Also eher Menschen außerhalb der Lohnarbeit waren von Armut betroffen.
Und man ging eigentlich davon aus, naja, wenn die Gesellschaft sich weiter so entwickelt, kann man das aber auch noch abschaffen.
Also Armut war eigentlich was, was man dachte, gibt es im Wohlfahrtsstaat gar nicht.
Ist auch was, was es in Zukunft dann gar nicht mehr geben wird.
Also ein ausgeprägter Fortschrittsoptimismus, der dann seit Mitte der 70er, man setzt es oft mit 1973 der Ölkrise an,
aber so ab vielleicht sogar schon Ende der 60er, manche fangen da an, bis Ende der 70er ist im Grunde der Turning Point,
wo sich die Entwicklung wirklich, und das kann man an Statistiken ganz klar zeigen, wo sich die Entwicklung ändert.
Seitdem stagniert nicht nur das Wirtschaftswachstum.
Und natürlich, wir wissen es alle, das ist der Beginn der strukturellen Massenarbeitslosigkeit in den meisten westlichen Ländern,
sondern auch der Sozialstaat gerät in Finanzierungsschwierigkeiten, also es kommt zu einem Umbau und Abbau von Sozialleistungen,
also der Trend kehrt sich um, zu einer Flexibilisierung und Deregulierung der Beschäftigungsverhältnisse
und alle Statistiken zeigen, dass soziale Ungleichheit wieder zunimmt seitdem.
Aber seitdem kehrt sich dieser, im Grunde epochale Trend um, es kommt zu einer Zunahme der Einkommens- und Vermögensungleichheiten
und zu einem Anwachsen der Armutsquoten in beiden Ländern.
Betroffen davon sind in beiden Ländern ähnliche Menschen, also ähnliche Gruppen von Menschen,
in allererster Linie Arbeitslose, die zunehmen in beiden Ländern,
aber gerade in Deutschland ist seit etwa 10, 15 Jahren auch eine Zunahme der Working Poor,
also der Menschen in Lohnarbeit, die trotzdem arm sind, zu verzeichnen, weil die Reallöhne auch gerade in Deutschland gesunken sind.
Ein zweites Armutsrisiko sind Kinder, also alle, die entweder ein Kind haben und nur einen Menschen, der verdient sozusagen,
oder im Fall von mehr als zwei Kindern, also ab drei und mehr, steigt das Armutsrisiko immens.
Niedrigqualifizierte, die am Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben als andere, sind eine Risikogruppe.
Es hat auch eine rassistische Komponente, Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund
haben schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt in beiden Ländern.
Und nicht die Altersarmut ist eigentlich im Moment zumindest statistisch das Problem,
sondern junge Menschen unter 30 Jahren sind eigentlich die Armen bei uns,
zumindest wenn man die Einkommensungleichheit aktuell anschaut.
Wie das in Zukunft wird, das kann sich ändern, aber aktuell sind es die jungen Menschen, die betroffen sind.
Ich habe gesagt, die Entwicklungen sind ähnlich und ähnlich sind auch die Diagnosen der Soziologie.
In beiden Ländern haben inzwischen Gesellschaftstheorien diesen Trend vielfach thematisiert.
Im Grunde müsste die Liste anfangen mit Pierre Bourdieu, der so als Erster schon Mitte der 90er gesagt hat,
la präcarité est partout, also die Präcarität ist überall und auch das Elend der Welt geschrieben hat schon Anfang der 90er.
Sehr bekannt geworden auch in Deutschland ist allerdings dann der Robert Castel,
der 1995 in Frankreich, 2000 in Deutschland dann das Buch veröffentlicht hat,
die Metamorphosen der sozialen Frage, eine Chronik der Lohnarbeit.
Und die wichtigste These daraus ist, dass Lohnarbeit eben wieder risikobehafteter wird als früher.
Also nach einer Phase, in der die Sicherungen ausgebaut wurden gegen die Risiken der Lohnarbeit,
gibt es jetzt im Grunde eine Wiederkehr von Präcarität, von den Risiken der Lohnarbeit
und inzwischen erteilt die Gesellschaft in drei Zonen.
Die Zone der Integration, wo noch alle Arbeit haben und nicht arm sind und eben integriert sind in die Gesellschaft.
Dann die Zone der Verwundbarkeit oder der Präcarität, in der man sozusagen schon Angst hat,
dass man nicht mehr voll integriert ist oder eben die Sicherungen brüchig geworden sind.
Und schließlich die Zone der Entkoppelung oder Ausgrenzung,
wo Menschen tatsächlich nicht mehr integriert sind in die Mehrheitsgesellschaft.
Also er diagnostiziert eine neue massenhafte Verwundbarkeit,
die auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft ist, also auf dem Vormarsch.
Ein anderes Buch, was bekannt geworden ist, glaube ich, ist der Thomas Piketty, auch ein Franzose.
Die Franzosen waren so ein bisschen schneller und deutlicher in ihrer Diagnose
von immer mehr sozialer Ungleichheit und Präcarität.
Piketty hat das Kapital im 21. Jahrhundert geschrieben, das ist ein ganz dicker Wälzer,
und befasst sich mit Vermögensungleichheit.
Ich habe jetzt immer über Einkommensungleichheit gesprochen.
Die Vermögensungleichheit ist noch wesentlich drastischer als die Einkommensungleichheit.
Piketty hat das wirklich mit wahnsinnig vielen Statistiken dargelegt,
dass im Grunde die Vermögensungleichheit exponentiell wächst,
und wenn es keinen politischen Wandel gibt, in einem Ausmaß,
dass der soziale Frieden seiner Ansicht nach gefährdet sein muss.
Also es ist schon eine sehr kritische Diagnose.
Und ähnlich kritisch der Oliver Nachtwey.
Das ist jetzt mal ein Deutscher, der hat erst vor zwei Jahren
so ein kleines Surkamp-Bändchen veröffentlicht, das ich allen empfehle,
die sich mit dem Thema befassen, weil es so ein Überblick im Grunde
über gesellschaftliche Entwicklungstendenzen in Deutschland ist.
Das Buch heißt »Die Abstiegsgesellschaft« und Untertitel »Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne«.
Das ist im Grunde sein Begriff, der das heute bezeichnet,
im Unterschied zur sozialen Moderne, die vorbei ist.
Früher in der sozialen Moderne gab es ein relativ gehobenes Integrationsniveau
und die regressive Moderne, das ist eine ähnliche Wendung wie der Robert Castell,
zeichnet sich dadurch aus, dass sie hinter das Integrationsniveau von früher zurückfällt.
Also es gibt eine Regression, einen Rückfall im Grunde.
Und sein Bild, was ich immer wieder sehr treffend finde, ist,
im Gegensatz zum Ulrich Beck, der sich den Fahrstuhl für die Gesellschaft vorgestellt hat,
spricht der Oliver Nachtwey von der Rolltreppe, auf der die Menschen sozusagen verkehrt herumlaufen müssen.
Also wir haben eine Abstiegsgesellschaft im Sinne von »Die Rolltreppe fährt zurück.«
Es gibt immer weniger gute Positionen für alle.
Und wenn man aber trotzdem zumindest nicht absteigen will in der Position, muss man rennen.
Man muss sich die ganze Zeit bewegen, sich darum kümmern und ist im Stress,
um nicht zu verlieren im Grunde an gesellschaftlicher Position.
Das ist ein Bild für unsere heutige Gesellschaft.
Und er sagt, logisch, die Angst vor dem Abstieg in einer Gesellschaft,
die tendenziell, also wo die sozialen Positionen erodieren, ist die Angst vor dem Abstieg sehr, sehr groß.
Und geht eben auch bis in die Mitte und eigentlich bis in die abgesicherten Schichten der Gesellschaft.
Und wie gesagt, der Untertitel »Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne«
deutet schon an, dass er der Ansicht ist, na ja, das kann auf Dauer,
eigentlich muss es zu sozialer Unruhe führen.
Also diese Situation zumindest um Konkurrenzkämpfen oder zu solidarischen Überlebenskämpfen.
Das weiß man nicht.
Aber auch er diagnostiziert mehr sozialen Protest in der Situation.
Okay, der erste Abschnitt ist zu Ende, fast.
Also was ich, glaube ich, ausgeführt habe, ist, dass Deutschland und Frankreich
erstmal auf einer institutionellen Ebene, Marktwirtschaft, der Sozialstaat,
relativ ähnlich sind im internationalen Vergleich.
Und das quantitative Ausmaß von sozialer Ungleichheit und Armut,
zumindest wenn man diese großen Statistiken anguckt,
über die ganze Gesellschaft hinweg, sind relativ ähnlich, beziehungsweise fast identisch.
Der Trend zur Zunahme von sozialer Ungleichheit ist in beiden Ländern vorhanden.
Und auch die Armutsrisikogruppen ähneln sich.
Plus der wissenschaftliche Diskurs zum Thema.
Da waren, wie gesagt, die Franzosen ein bisschen früher dran,
aber die Deutschen haben eine ähnliche Diagnose auch für ihr Land inzwischen entwickelt.
Aber, und es kommt jetzt der zweite Teil des Vortrags,
aber ich glaube, sie differieren dann, wenn man so ein bisschen genauer hinschaut,
dann doch hinsichtlich der Bedeutung, die Armut und Prekarität in den beiden Ländern hat.
Also nicht hinsichtlich unbedingt des Ausmaßes, sondern die Bedeutung und ein bisschen auch,
also bei den Betroffenheiten, wenn man da so ein bisschen eine feinkörnigere Analyse anlegt,
dann sind nicht ganz die gleichen Personengruppen im gleichen Ausmaß betroffen.
Im Folgenden folge ich so einem theoretischen Ansatz, das ist auch wieder ein französischer,
wir Deutschen, wir übernehmen gerne was von den Franzosen,
nennt sich der, also eigentlich die Analyse sociétal oder auch der Effekt sociétal,
wurde diagnostiziert von Maurice Silvestre, ist schon älter, aus den 80er Jahren,
und wurde tatsächlich entwickelt für deutsch-französische Vergleiche,
weil die Autoren sowas gemacht haben und dann wurde ihnen deutlich,
dass es im Grunde Unsinn ist, wenn man ein soziales Phänomen aus dem gesamtgesellschaftlichen Kontext reißt
und nur dieses eine Phänomen zwischen Deutschland und Frankreich vergleicht.
Also sowas wie, ich gucke mir nur das Bildungssystem an oder noch schlimmer,
nur die jungen Akademiker oder sowas und dann nehme ich nur Statistiken über junge Akademiker
und versuche dann an den Statistiken irgendwas zu erkennen.
Dann sehe ich, es gibt Unterschiede, aber ich werde nie begreifen, warum.
Also schon allein deswegen, weil das Bildungssystem ist ja ganz anders in den beiden Ländern.
Akademiker ist ganz was anderes.
Geschweige denn, wenn man sich dann die Klassenzusammensetzung anschaut
oder überhaupt die Verteilung von Stipendien oder sowas.
Also die These, um es kurz zu machen, ist, man muss immer das Ganze anschauen,
dass man beide Länder sozusagen im Kontext und im Grunde alle sozialstrukturellen Ebenen im Blick haben,
weil die zusammenwirken.
Also man kann das Einzelne nur dann verstehen und auch vergleichen,
wenn man gleichzeitig im Grunde alle oder zumindest die wichtigsten anderen sozialstrukturellen Ebenen auch im Blick hat.
Und das versuche ich jetzt im Folgenden.
Das ist ein großer Anspruch und ich habe ja nur noch eine Viertelstunde oder 20 Minuten,
aber ich mache das so ansatzweise jetzt.
So, die Bedeutung von sozialer Ungleichheit und Armut, die differente Bedeutung.
Die These ist Präcarität und Präkarität sind zwar auf einer etymologischen Ebene erst mal das gleiche Wort,
bedeuten aber in Deutschland und Frankreich Unterschiedliches.
Bei so einem Vergleich von Armutsformen, Präkaritätsformen in Deutschland und Frankreich,
kommt man an einem Autor nicht vorbei, das ist Serge Pogam, ein Franzose wieder,
der Jahrzehnte zu Armut in Europa geforscht hat und zwar sowohl quantitativ wie qualitativ.
Also er hat sowohl Massendaten analysiert als auch Interviews gemacht
und auf Basis dieser riesigen Forschung hat er dann am Ende im Grunde seines Berufslebens
ein dickes, wichtiges Buch geschrieben, nennt sich die Elementaren Formen von Armut
und da macht er eine Typologie von Armutsformen, relativ einfach, drei Typen.
Die integrierte Armut muss uns jetzt gar nicht weiter interessieren,
die gibt es nämlich weder in Deutschland noch in Frankreich so richtig in großem Maße.
Die integrierte Armut meint, alle sind arm und gerade deswegen, weil sie arm sind,
sind sie integriert in die Gesellschaft, weil vielfältige Solidaritätsnetzwerke unter den Armen
im Grunde sogar den Kern der Gesellschaft ausmachen.
So eine Situation haben wir in vielen Ländern des Südens, des globalen Südens
und hatten wir auch natürlich in Deutschland und Frankreich,
aber es ist heute nicht mehr typisch, weder für Deutschland noch für Frankreich.
Für unsere Länder typischer wäre sowas wie die marginale Armut
und da meint Pogam eben, die wäre in Deutschland vorherrschend.
Das ist eine Studie, die ist 2008 in Deutschland erschienen, 2005 in Frankreich,
man kann darüber diskutieren, ob es noch stimmt, das können wir vielleicht im Anschluss,
aber als Typus sozusagen, als Armutstypus, zeichnet sich marginale Armut dadurch aus,
dass Arme marginal sind im Grunde, sie sind eine marginale Randgruppe,
die unwichtig sind für den Rest der Gesellschaft und insofern auch irrelevant, gar nicht bedrohlich.
Die kann man miternähren, die stören nicht weiter, wenn man nett ist,
gibt man denen ein bisschen Geld, aber sie haben keine Repräsentation,
sie sind im politischen Prozess eigentlich nicht präsent.
Sie haben einen geringen sozialen Status und kriegen so Fürsorgeleistungen
und wenn man die kriegt, dann ist man auch Teil dieser irrelevanten Gruppe.
Also die haben einen stark stigmatisierenden Charakter,
also man will eigentlich auch nicht zu dieser Gruppe gehören,
weil klar ist, dann ist man raus aus der Gesellschaft.
Das wäre marginale Armut, die auch Armutsgründe in aller Regel bei den Menschen selber sucht.
Die stören dann schon so ein bisschen und sind nicht so, mag man nicht so,
also insofern die Armen sind das Problem, würde Pogam sagen.
Anders in Frankreich, zumindest laut Pogam,
in Frankreich sieht er schon seit den 90er Jahren mindestens die sogenannte disqualifizierende Armut
oder auch exkludierende Armut präsent.
Das meint, dass die Armen eine verfestigte Schicht sind und auch so groß,
dass man Angst hat vor ihr, so ein Stück weit.
Also in Frankreich ist auch dieser Begriff der Klasse, der gefährlichen Klassen,
ein tradierter Begriff, also eben genau für dieses Phänomen.
Es gibt Gruppen und zwar quantitativ nicht irrelevante Gruppen,
die außerhalb des Systems stehen und dieses auch im Kern bedrohen,
weil sie auch legitime Forderungen stellen können an den politischen Prozess,
dadurch, dass sie kollektiv auch, sie wissen es auch, dass sie kollektiv sind.
Und deswegen sind sie sozusagen ein Problem.
Sie disqualifizieren das System, wenn man so will.
Und sie werden aber auch disqualifiziert, aber es ist eine disqualifizierende Armut,
die die mangelhafte Leistungsfähigkeit und vielleicht auch so eine Zweideutigkeit,
mangelnde Ehrlichkeit des Systems repräsentieren als Schicht, wenn man so will.
Typisch für Frankreich ist daher, die haben ja eine lange Tradition
eben mit dem Umgang mit solchen bedrohlichen Ramtschichten.
Typisch für Frankreich ist durchaus ein ausgeprägtes Bewusstsein davon,
dass diese Gruppen bedrohlich sind.
Deswegen hat auch das aufgeklärte Bürgertum in Frankreich die Norm der Solidarität entwickelt.
Und in Frankreich gibt es einen sozialen Status tatsächlich für Arbeitslose,
die auf Dauer aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen sind.
Früher mal das RMI, heute noch das RSA und in Zukunft das RUA.
Also das sind die Namen für RMI, das Revenue Minimum d'Insertion.
Also wir würden sagen garantiertes Mindesteinkommen, allerdings in einem ganz niedrigen Niveau.
Aber ein Unterschied zu den stigmatisierenden Sozialleistungen in Deutschland,
es ist ein sozialer Status.
Man wird anerkannt sozusagen als jemand, der ein garantiertes Mindesteinkommen auch verdient.
Und die Franzosen, die ich kenne, die RMIsten waren oder sind,
die sagen auch ganz klar von sich nicht, in Deutschland sagt niemand, ich bin Sozialhilfeempfänger.
Aber die sagen, ich bin RMIst.
Also ich habe den Status, bin raus da aus dem System und es ist ein sozialer Status tatsächlich.
Also es ist klar, nicht diese Menschen sind das Problem, sondern die Armut ist das Problem.
Also es ist sozusagen ein Systemfehler eigentlich vorhanden.
Ja, sie ist jetzt eine zugespitzte Darstellung, aber die ist ja immer gut, um Unterschiede zu klären.
Im Folgen gehe ich noch so auf, im Sinne des Effets Societal,
auf verschiedene Momente oder sozialstrukturelle Ebenen ein,
die insgesamt für diese Unterschiede bezüglich der Bedeutung von Armut in Deutschland und Frankreich verantwortlich sind.
Und das ist jetzt eine Auswahl von mir, das sind so die wichtigsten Elemente.
Aber ich habe da drunter geschrieben und vieles mehr.
Also worauf ich schon eingegangen bin eigentlich, ist die Geschichte sozialer Kämpfe und Kollektivitäten.
Also in Frankreich, die haben mehrere Revolutionen hinter sich, kollektive Kämpfe gegen soziale Ungleichheit.
Das ändert die Einstellung zu den Armen.
Ich sage noch was über die Arbeitsmarktentwicklung, die relevant ist in beiden Ländern,
über das Bildungssystem, die Migrationsgeschichte und die Situation der sozialräumlichen Segregation.
Und ich hoffe, ich kriege das in der Zeit halbwegs hin.
Ganz kurz, wichtig, die Arbeitslosigkeit ist in Frankreich,
ich habe schon gesagt, die Arbeitslosen sind die Hauptbetroffenen von Armut,
die Arbeitslosigkeit ist in Frankreich schon länger höher als in Deutschland.
Also die rote Linie ist Frankreich, die blaue Linie ist Deutschland mit den Arbeitslosenquoten.
Und mal abgesehen von der Sonderphase zwischen, ich glaube es ist 2002 bis 2012 im Grunde,
ich weiß nicht so genau, also im Grunde zehn Jahre nach 2000,
ist eigentlich in Frankreich die Arbeitslosenquote deutlich höher.
Und jetzt liegt es ja auch wieder bei 9% und wir sind in Deutschland bei 3,6% glaube ich oder sowas.
Was heißt, und das ist eigentlich mein Punkt,
in Frankreich ist Ausgeschlossenheit aus dem Arbeitsmarkt und damit ein Stück weit aus der Gesellschaft ein Schicksal,
was sich inzwischen über Generationen tradiert.
Also wir haben inzwischen in Frankreich die Situation,
dass schon der Papa eigentlich gar keinen Fuß ins Erwerbsleben gekriegt hat
und die Mama und der große Bruder auch nicht.
Und die Kinder insofern, wenn sie dann auch, selbst wenn sie einen Schulabschluss haben,
im Grunde gar nicht eine Hoffnung haben, dass sie da noch reinkommen in dieses System.
Das ist in Deutschland, vielleicht in Ostdeutschland vergleichbar ein bisschen,
aber in Westdeutschland nicht.
Also das ist ein Unterschied, glaube ich, bei der Bedeutung von Armut.
Das Bildungssystem, also ich mache das jetzt relativ schnell.
Das Bildungssystem unterscheidet sich in beiden Ländern und ein bisschen paradox ist,
das Bildungssystem unterscheidet sich hinsichtlich seiner sozialen Selektivität.
Und das Verrückte ist, wir haben in Deutschland ja eigentlich eine hohe Selektivität des Bildungssystems.
Immer noch bei uns in Bayern, ich komme aus Bayern,
nach vier Klassen werden die Kinder aufgeteilt auf die verschiedenen Bildungswege
und es ist ganz klar, vor allem, dass in Deutschland Bildungszertifikate eine hohe Wertigkeit besitzen.
Im europäischen Vergleich mit die höchste Wertigkeit.
Das heißt, es ist relevant, wer da nach wohin sortiert wird.
Also auf der einen Seite eine hohe Selektivität,
andererseits haben wir Jugendliche, die zumindest den Quali oder die Realschule schaffen,
hinterher die Möglichkeit, im dualen Bildungssystem eigentlich eine ganz gute Berufskarriere zu machen.
Die Akademiker-Arbeitslosigkeit und die Arbeitslosigkeit von Menschen mit einer Fachausbildung
unterscheidet sich nicht mehr relevant inzwischen in Deutschland.
Also das sind gute Einstiegschancen trotzdem in den Arbeitsmarkt.
Also hohe Selektivität bei gleichzeitig eigentlich insgesamt auch ganz guten Chancen für die, die raussortiert werden.
Frankreich anders.
Frankreich hat eigentlich ein viel egalitäreres Bildungssystem, wenn man mal die Elite-Schulen wegdenkt.
Gleichzeitig sind die Bildungszertifikate aber eigentlich, also man denkt, man kriegt das Abitur,
oder sie kriegen es auch, knapp 80 Prozent kriegen in Frankreich inzwischen das Baccalauréat.
Aber das ist wenig wert hinterher, selbst wenn sie studiert haben.
Also ich war schon erschüttert.
Also teilweise haben die jungen Menschen fünf Jahre lang studiert oder so
und haben hinterher auf dem Arbeitsmarkt trotzdem schlechte Chancen.
Also sozusagen Bildung ist unterschiedlich viel wert und das dokumentiert sich dann vor allem bei den jungen Menschen.
Verrückterweise in Deutschland, denke ich, ist das duale Bildungssystem dafür verantwortlich,
dass wir eine Jugendarbeitslosigkeit von nur 6,4 Prozent haben.
In Frankreich sind junge Menschen zu 23,6 Prozent arbeitslos, wenn sie unter 25 Jahren sind.
Also das ist eklatant, diese Differenz.
Also da gibt es eine andere Betroffenheit, vor allem der jungen Leute in Frankreich.
So ähnlich ist die Situation, was Anspruch und Wirklichkeit angeht, auch beim Thema Migration.
Also wenn man sich Deutschland anguckt, ich würde mal sagen wir, wir im Sinne von wir Deutschen,
das sage ich eigentlich ungern, aber in Deutschland macht man den Immigranten eigentlich wenig vor.
Es ist klar, wenn die zu uns kommen, Deutsche werden die erst mal nicht oder haben es ganz schwer.
Also wir haben inzwischen eine Reform des Staatsbürgerrechts.
Wir haben nicht mehr das Jus Sanguinis, das Blutsrecht, aber wir hatten es noch vor 15 oder 20 Jahren ungefähr,
ganz klar sogar im Gesetz.
Und auch heute ist es so, bei mir, wo ich wohne, dann laufen die Türken immer mit deutscher Fahne auf der Brust rum.
Das finden wir ganz, ganz selten, seltsam als Deutsche.
Also Deutscher wird man eigentlich nach dem Blut, aber wenn dann auch nur, wenn man sich so richtig anpasst.
Also Assimilation und Integration ist in Deutschland eigentlich eng verknüpft, auch im Denken der Menschen.
In Frankreich anders, da gibt es eigentlich eine hohe Egalitätsnorm und eine lange Tradition,
dass jeder Franzose werden kann, der zur Nation sich bekennt.
Also es ist im Grunde etwas, was stattfindet über eine Wertegemeinschaft, stärker als in Deutschland.
Aber, und das ist der Witz, der Rassismus ist in Frankreich bestimmt genauso ausgeprägt wie in Deutschland,
kann man immer schwer messen, aber das hat auch unter anderem etwas mit einer Kolonialgeschichte zu tun,
die wir in Deutschland, wie ich sage, wieder nicht so haben.
Also in Deutschland, wenn man so will, in Frankreich ist so ein ähnlicher Widerspruch wie im Bildungssystem,
auch beim Thema Migration, hoher Anspruch auf Egalität, aber mit der Einlösung hapert es.
Während in Deutschland kann man sagen, sagt man von vornherein, wir haben soziale Selektivität,
da macht man sich gar keine falschen Hoffnungen.
Und das ist eigentlich mein Punkt, die Legitimierung von sozialer Ungleichheit ist in Frankreich grundebrüchiger,
weil man eine Egalitätsnorm hat und auch versucht sogar umzusetzen.
In Deutschland sagt man gar nicht so deutlich, dass alle gleich sind.
Dann ist es auch schwer, legitime Forderungen zu stellen.
Das ist so ein bisschen der Clou, auf den ich hinaus will,
der sich durchzieht durch verschiedene sozialstrukturelle Ebenen, meiner Ansicht nach.
Hier schöner formuliert, die Diskrepanz zwischen Gleichheitsversprechen und realer Diskriminierung
ermöglicht legitime Kritik an sozialer Ungleichheit, vor allem in Frankreich.
Weniger in Deutschland, weil es die Gleichheitsversprechen gar nicht so gibt.
Das ist jetzt der letzte Punkt.
Besonders deutlich und eklatant wird das Ganze, wenn man sich die Aufstände in den Bonlieus anschaut,
wenn man sich die Thematik der sozial abgehängten städtischen Randgebiete anguckt.
Die ein Ergebnis, da müsste man dann in die Urbanisierungsgeschichte,
die Industrialisierungsgeschichte zurückgehen, auch von Geschichte ist.
Im Effekt haben wir dort vor allem, also auch in kleinen Zonen, wenn man so will,
eine räumliche Segregation, das ist der Fachbegriff in der Soziologie,
also eine Abschottung in räumlicher Hinsicht entlang klassenspezifischer und rassistischer Merkmale.
Wir haben sogenannte, die heißen dann Sys oder Syp, Son, Urban, Specialisé oder auch Prioritäre, je nachdem.
Wir haben Zonen, in denen selbst der französische Staat anerkennt,
dass es eine Kumulation von Harmuts- und Präkaritätsrisiken gibt.
Da wohnen dann eben untere Bildungsschichten, viele Menschen mit Migrationshintergrund
und überwiegend junge Menschen, das sind jüngere Viertel,
ich habe schon was gesagt über Jugendarbeitslosigkeit und so.
Das Problem ist, dass diese Viertel, die sogar den Titel bekommen,
sie sind spezielle Zonen, zum eigenständigen Stigmatisierungsmerkmal werden.
Also wenn ich in so einem Syp oder Sys wohne, das sogar staatlicherseits besonders gefördert wird,
weil es eben besonders benachteiligt ist, ist diese Tatsache, wenn ich mich bewerbe um einen Job,
nochmal von Nachteil, also es ist quasi eine Kumulation von Armutsrisiken
und ich habe so ein paar Statistiken mitgebracht, die jetzt die letzten sind,
also in welchem Ausmaß das kumuliert.
Und zwar ist hier die Struktur der Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich abgebildet
und ganz kurz auch noch die Relevanz von Gender bei dem Thema.
Also ich habe vorhin gesagt, insgesamt die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich liegt über 20%,
so bei 23%.
Wenn man sich nur die Autochtonen in Frankreich geborenen Menschen, jungen Menschen anschaut,
sinkt die Jugendarbeitslosigkeit bei Männern auf 18,7%,
ich meine, das ist immer noch viel, bei Frauen auf 19,5%.
Aber wenn man sich die im Ausland geborenen Männer in Frankreich anschaut,
dann sind 40% von ihnen arbeitslos.
Das sind Statistiken, ich glaube 2011, das hat sich nicht wesentlich verändert, eher noch dramatisiert.
Bei den Frauen ist ein deutlicher Unterschied.
Also die im Ausland geborenen Frauen, jungen Frauen, sind nur, das darf ich gar nicht sagen, zu 30% arbeitslos.
Und wenn man sich jetzt junge Menschen in Frankreich geboren,
aber in sogenannten son urbain spécialisé wohnend anschaut,
dann sind die zu 36% arbeitslos, die Männer, die Frauen zu 30%.
Und also im Ausland geboren und in Suisse wohnen, hat man ja auch keine Chance.
Also fast 50% der Jungs und 34% der Frauen sind arbeitslos.
Also da hat man schon eine eklatante Konzentration von Armutsrisiken auf einem relativ kleinen Gebiet, wenn man so will.
Und dass das natürlich explosiv ist, muss ich jetzt, glaube ich, nicht weiter erklären.
Ja, komm ich jetzt hier zum Fazit und Ausblick.
Fazit, ich erzähle das jetzt, glaube ich.
Also ich habe gesagt, in Deutschland und Frankreich nimmt die soziale Ungleichheit aktuell zu
und es entstehen relativ ähnliche soziale Randschichten in beiden Ländern.
Die Armutsformen, laut Programm zumindest, unterscheiden sich.
In Deutschland wird es eher so interpretiert, die Armen sind das Problem.
In Frankreich wird die Armut tatsächlich als Problem gesehen.
Auch deswegen, oder die Präkarität in Frankreich, zeichnet sich auch dadurch aus, dass es größere Gleichheitsversprechen gibt
und daher eine geringere Legitimität von sozialer Ungleichheit, die dadurch natürlich konfliktbehafteter wird.
Insgesamt habe ich auch gezeigt, dass es eine Kumulation von Armutsrisiken in Frankreich auf einem sozialräumlich kleineren Gebiet gibt.
Das ist ein Phänomen, das haben wir in Deutschland nicht in gleichem Maße.
Ein bisschen in Ostdeutschland, in den Plattenbauten vielleicht, aber also quantitativ nicht vergleichbar mit Frankreich.
Insofern glaube ich, diese Aspekte können erklären, weshalb es in Frankreich häufiger und vehementer zu kollektiven Mobilisierungen kommt,
während dies in Deutschland bisher zumindest eher in Ausnahmefällen und in beschränktem Ausmaß der Fall ist.
Das ist jetzt wirklich der letzte Powerpoint und schon ein nachdenklicher Schluss, der wichtig ist und den ich auch gerne diskutieren möchte.
Ich denke, es ist unwahrscheinlich, außer wir kriegen einen tollen Wandel der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung.
Das Ganze ist ja auch ökonomisch bedingt. Es ist eine weitere Zunahme sozialer Ungleichheit zu erwarten, zum jetzigen Zeitpunkt.
Man müsste schon viel tun, um sie nur auf dem Niveau zu halten, auf dem sie gerade ist.
Das heißt, man muss damit rechnen, dass Abstiegsängste, die auch teilweise Realität werden, zunehmen und dann auch soziale Konflikte zunehmen.
Was wir aktuell beobachten, ist keine Hinwendung zu einer solidarischen Bewegung der Arbeiterschaft oder sowas für bessere Chancengleichheit.
Sondern was wir beobachten, ist zum einen eine Reaktion des Staates, der ausfrüstet in beiden Ländern, also eine Hinwendung zum autoritären Kapitalismus.
In Frankreich repräsentiert über diese Non-Staatsgesetzgebung beispielsweise oder auch ein wesentlich rigideres Vorgehen gegen Gewerkschafter inzwischen im Fall von Streiks als früher.
In Deutschland haben wir die Polizeiaufgabengesetze, in Bayern sowieso, aber auch diese Auseinandersetzung um den G20-Gipfel in Hamburg.
Also die müssten echt nochmal näher analysiert werden.
Die waren auch von staatlicher Seite extrem repressiv.
Also ein Trend zum autoritären Kapitalismus und zu etwas, was Colin Crouch Postdemokratie genannt hat.
Das meint einen demokratischen Prozess, der nicht mehr glaubwürdig ist, also der nach der Demokratie im Grunde sich bewegt.
Also wo eine Demokratie ohne Demos stattfindet.
Also es gibt noch demokratische Verfahren, aber die Bevölkerung hat zumindest das Gefühl, dass sie nicht mehr einbezogen ist.
Also dass es sozusagen leer läuft.
Es ist nur noch formell Demokratie, aber nicht mehr real eine Repräsentation breiter Bevölkerungsschichten.
Und aktuell mündet die fehlende politische Repräsentation vor allem der Arbeiterklasse in den Bedürfnis nach zum einen kollektiver Integration in so etwas wie ein Volk.
Zum anderen in Distinktion nach unten, also dass ich eben doch noch besser bin als die, die ganz unten sind, nämlich die Ausländer.
Und das ist ein Nährboden für aktuell rassistische und neofaschistische Bewegungen in beiden Ländern gleichermaßen.
Vielen Dank.