Am 17. Mai 2019 feierte das Deutsche Archäologische Institut sein 190-jähriges Bestehen mit einem Wissenschaftsfest in Berlin. Bei einem ganztägigen Forschungskolloquium präsentierten sich die weltweiten Standorte mit Kurzvorträgen. Mit der Gründung der Abteilung Istanbul zur 100-Jahrfeier des DAI 1929 wird erstmals eine lokale Basis für die zahlreichen deutschen Forschungen im Osmanischen Reich, etwa in Milet, Didyma oder Pergamon, geschaffen. Viele Projekte werden noch heute fortgeführt. Nun allerdings in internationalen und interdisziplinären Kooperationen. Von diesen und weiteren aktuellen Projekten des DAI Istanbul berichten Felix Pirson, Erster Direktor, Katja Piesker, Zweite Direktorin sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter Lee Clare, Ulrich Mania und Andreas Schachner.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
gemeinsam heißen wir Sie in der Türkei willkommen.
Happiness Hoşgeldiniz.
Die Abteilung Istanbul wurde im Jahr 1929 gegründet,
das heißt zum 100-jährigen Jubiläum des DRI.
In Zeiten der damaligen Weltwirtschaftskrise
war dies ein wichtiges Bekenntnis zur Bedeutung archäologischer Wissenschaften
sowie zum Potenzial der Türkei als Forschungsgebiet.
Mit nur 90 Jahren sind wir im Kreis der diversen Jubilarinnen und Jubilare
hier zwar noch relativ jung,
doch reicht das Engagement der deutschen Archäologie in der Türkei selbst
bis weit in das 19. Jahrhundert zurück.
So war die Einrichtung der Abteilung Istanbul
eine konsequente Fortsetzung mehrerer Jahrzehnte archäologischer Feldforschung in Anatolien,
unter anderem durch die Staatlichen Museen zu Berlin oder die Deutsche Orientgesellschaft.
Der Beginn der Ausgrabungen und Forschungen in Pergamon 1878
oder 1906 in der Hethiter Hauptstadt Boazköy
sind wichtige Meilensteine auf diesem Weg.
Auch das DRI beteiligte sich von der Zentrale in Berlin oder der Abteilung Athen aus
schon früh an Forschungen in Anatolien.
Als Gründungsauftrag der Abteilung wurde 1929 durch Martin Schäde
die Erforschung aller Epochen der Geschichte und Kultur der Türkei
von den ältesten bis zu den jüngsten Zeiten formuliert.
Die vor 90 Jahren entworfene Vision einer Diachron- und Interdisziplinärforschenden Abteilung
bestimmt noch heute unsere Arbeit,
ist aber um wesentliche zukunftsweisende Aspekte bereichert worden
und darüber wollen wir heute sprechen.
Der zeitliche Rahmen unserer aktuellen Forschungen beginnt am Göbekli Tepe
im 10. Jahrtausend vor Christus
und reicht mit Untersuchungen zur Holzhausarchitektur Istanbuls
bis in das 20. Jahrhundert.
Prähistorische, vorderasiatische, klassische und byzantinische Archäologie
bestimmen derzeit gemeinsam mit der Bauforschung das interdisziplinäre Profil der Abteilung,
die von türkischen und syrischen Expertinnen aus Architektur und Kulturerhalt erweitert wird.
Als Brücke zwischen Ost und West
sowie als Ursprungsland und Katalysator bedeutender historischer Entwicklungen
haben sich in der Türkei Hinterlassenschaften menschlichen Lebens
in außerordentlicher Vielfalt und Dichte erhalten.
Dem entspricht ein äußerst facettenreiches Landschaftsbild,
das mit den drei hier gezeigten Zonen
anatolische Hochebene, mediterrane Küstenlandschaft
und obermesopotamische Ebene nur unzureichend beschrieben ist.
Auf dieser Grundlage hat sich an der Abteilung Istanbul
ein besonderer Fokus auf Mensch-Umwelt-Beziehungen
in epochenübergreifender Perspektive ausgebildet,
der an den großen Grabungsplätzen
mit ihren internationalen Forschungsplattformen ebenso verfolgt wird
wie in Projekten der Bauforschung und des Kulturerhalts.
Im Rahmen dieses Schwerpunktes geht es um die Interaktion
zwischen den Menschen und ihrer Umwelt
sowie um die Wahrnehmung dieses Verhältnisses
in unterschiedlichen Medien.
In der Südost-Türkei, unweit der modernen syrischen Grenze,
liegt der prehistorische Fundplatz Göbekli Tepe.
Ein Siedlungshügel bestehend aus Bauruinen
und archäologischen Ablagerungen.
Erste Ausgrabungen erfolgten im Jahr 1995.
Die dort entdeckten Monumentalbauten sind inzwischen allgemein bekannt
als die ersten Tempel der Menschheit.
Göbekli Tepe gilt als Zeugnis des Übergangs von jegesammelgesellschaften
zu produzierenden Ackerbauern und Viehzüchtern,
also die sogenannte Neotisierung im 10. und 9. Jahrtausend vor Christus.
Das an diesem Platz entdeckte Bildrepertoire,
das von Mensch-Umwelt-Beziehungen geprägt ist,
ist auch in diesem Kontext zu verstehen.
Bilder geben Narrative und Mythen wider,
die eng verknüpft waren mit der damaligen Tierwelt.
Diese in Stein gemeißelten Geschichten
dürfen sogar viel älter sein als Göbekli Tepe selbst,
womöglich stammt sie aus dem vorangehenden Paläolithikum.
Die Neotisierung geht mit einer Reihe von neuen Herausforderungen einher.
Hierzu zählten unter anderem
ein durch die zunehmende Selbsthaftigkeit hervorgerufenes Bevölkerungswachstum,
eine steigende Beanspruchung von natürlichen Ressourcen
und ein daraus resultierendes erhöhtes Konfliktpotenzial.
Vor diesem Hintergrund war der gesellschaftliche Zusammenhalt
nur durch wirtschaftliche und kulturelle Bewältigungsmechanismen zu gewährleisten.
Mensch-Umwelt-Beziehungen waren hierbei von zentraler Bedeutung.
Die Pfeile der Monumentalbauten sind hochstilisierte Menschendarstellungen.
Diese Deutung ist daraus ersichtlich,
dass bei einigen wenigen Pfeilern auch Arme, Gürtel, Ländenschutz und Anhänge dargestellt sind.
Bemerkenswert sind auch die Grundrisse der Monumentalbauten.
Diese Pfeile, Menschen, stehen in einem Kreis um ein zentrales Paar.
Bei dieser Anordnung scheint eine Zusammenkunft wiedergegeben zu sein.
Die Kommunikation und die Vermittlung von Mythen und Erzählungen
dürfte dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Pfeiler 18 hält unter seinem rechten Arm einen Fuchs.
Auch wenn die Geschichte hinter dieser Darstellung uns nie bekannt sein wird,
die enge Beziehung von Mensch und Tier kann man kaum überzeugend darstellen.
Pfeiler 43 in Baudet zeigte unter anderem einen Geier, einen Skorpion,
eine Schlange, ein Raubtier und einen Mensch.
Der fehlende Kopf des Mannes deutet auf die Existenz eines auch durch die
anthropologische Studie nachgewiesenen Schädelkurts hin.
Die enge räumliche Beziehung der kopflosen Gestalt zu den ansonsten
dominanten Wildtieren muss als Indikator der religiösen Bedeutung gelten.
Die Vermittlung von Geschichten, Mythen und Symbole diente zweifelsohne auch dazu,
den Gruppenzusammenhalt und eine gemeinsame Identität zu fördern.
Auch wenn im 10. und im 9. Jahrtausend vor Christus erste Versuche
mit der Domestikation von Tieren vonstatten gegangen sind,
wurde die Fleischversorgung durch die Jagd abgesichert.
Die Beteiligung bzw. Kooperation größerer Gruppen von Menschen an der Jagd
war nicht nur Garant für deren Erfolg, sondern leistete auch einen wichtigen
Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wie in vielen unterschiedlichen Lebensbereichen, so war auch die Jagd
untrennbar verknüpft mit Glaubensvorstellungen und kultischen Handlungen.
Pfeiler 66, hier links im Bild, zeigt zwei sterbende Aurochsen.
Die Beine sind eingeknickt und die Zungen hängen raus.
Zusammen mit dem Fund des Oberschenkelknochens eines Aurochsen,
in dem noch eine Fallspitze steckt, bezeugen die Bedeutung der Jagd
auch dieses Tier in der alltäglichen Praxis und auch im Kult.
Die geschilderten Erkenntnisse bieten einen hervorragenden Ausgangspunkt
für weiterreichende Studien der Menschwelt, Umweltbeziehungen im frühen Holozen.
Die Göbekli-Tepe-Narrative war ein effektives Mittel in der Bewältigung
von den sozialen, wirtschaftlichen und kognitiven Herausforderungen
in einer frühen Phase der Neonatisierung.
Sie sind jedoch nur ein Aspekt der komplexen prähistorischen
Mensch-Umwelt-Beziehungen, die es in zukünftigen Arbeiten
am Göbekli-Tepe zu untersuchen gilt.
Hatusha liegt 180 Kilometer östlich von Ankara im rauen Hochland Anatoliens,
in einer Region, die geografisch stark zergliedert ist
und deren Klima stark zwischen kalten Wintern und trockenheißen Sommern schwankt.
Die Identifizierung als Hauptstadt des Hittitischen Großreichs
durch Ausgrabungen und philologische Studien seit 1906
zeigte erstmals, dass altorientalische Hochkulturen
auch außerhalb der Flussgebiete Ägyptens und Mesopotamiens entstehen konnten.
Seither steht die Erforschung dieses besonderen,
fragilen Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt im Fokus der Forschungen.
Schon die Gründung der Stadt im ausgehenden 3. Jahrtausend v. Chr.
war maßgeblich durch die geografische Lage bedingt,
die Kontrolle über wichtige Gebirgspässe und Handelsrouten sicherte.
Hatusha ist einer der wenigen Orte in Zentralanatolien,
an dem exemplarisch die urbane Entwicklung
während des gesamten 2. Jahrtausends v. Chr. verfolgt werden kann.
Die ursprüngliche Stadt wird durch eine Gründung
einer Kolonie aus syrischer Kaufleute ergänzt
und schließlich einem politischen Programm folgend repräsentativ ausgebaut.
Der große Tempel in der Altstadt steht ebenso wie die Stadttore der Oberstadt
exemplarisch für die Monumentalität der hittitischen Architektur,
die den Machtanspruch der hittitischen Großkönige
im Konzert der Großmächte Vorderasiens der Spätbronzezeit
und im östlichen Mittelmeerraum eindrücklich markiert.
Die wirtschaftliche Grundlage
dieser im bronzezeitlichen Anatolien einmaligen Stadtentwicklung
wird durch die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen abgesichert.
Dies gelingt einerseits durch geschickt in die Grundwasserspiegel eingetieften
und sich so regelmäßig im Jahreszyklus füllenden künstlichen Wasserspeicher.
Andererseits legte der hittitische Staat dezentrale Großspeicher für Getreide an.
Diese Vorräte dienten als Saat- und Futtergut
zur Überbrückung von regelmäßig auftretenden Dürreperioden
und bildten eine Absicherung des hittitischen Wirtschaftskreislaufes.
Der Felsentempel von Yasele-Kaya hingegen repräsentiert eindrucksvoll
die enge Verbindung zwischen der hittitischen Religion und Naturphänomenen.
Die Anlage spielte im Verlauf des Frühjahrsfestes eine wichtige Rolle,
währenddessen der König in Anwesenheit der auf den Felsbildern
verewigten Göttern des hittitischen Pantheons
den Neustart des Jahreszyklus rituell einleitete.
Die Anwendung zahlreicher natur- und geisteswissenschaftlicher Methoden
in der Erforschung aller Phasen der 6000-jährigen Geschichte
von Boaskö und seiner Siedlungskammer
erlaubt es uns, die Möglichkeiten menschlichen Handels
im Verhältnis zu den schwierigen natürlichen Voraussetzungen
in der Longue Durée zu erfassen und die Nutzung dieser Möglichkeiten
in verschiedenen Epochen historisch zu interpretieren.
So gelingt es uns, die soziokulturellen und ökonomischen Charakteristika
jeder dieser verschiedenen Epochen im Diachronenvergleich
prägnant herauszuarbeiten und in den überregionalen Zusammenhang zu stellen.
Mitten in Berlin kann man derzeit im Interim des Pergamonmuseums
einer Visite des römischen Kaisers Hadrian
auf dem Stadtberg der antiken Metropole im Jahr 129 beiwohnen.
Höhepunkt des 360-Grad-Panoramas Jadega Assisis
sind aber nicht der Kaiser und sein Gefolge,
sondern das Geschehen am großen Altar.
Die Opferhandlungen sind als Massenspektakel
mit viel Blut, Rauch und Glut inszeniert.
Die Belebung des Altars entspricht nicht nur dem populären Bild
einer prallen, schmutzigen und gewalttätigen Antike.
Das Sterben der Opfertiere und das qualmende Feuer
vor einer landschaftlichen Kulisse,
die ihre Gestaltung und Nutzung durch den Menschen nicht verleugnet,
macht das Panorama auch zum Botschafter
eines aktuellen wissenschaftlichen Anliegens.
Der Berücksichtigung des Verhältnisses von Mensch und Umwelt
bei Betrachtung der Antike.
Die Mikroregion Pergamon an der Westküste der Türkei
bietet vielfältige Zeugnisse
für ein sozial-ökologisches Verständnis antiken Lebens.
Beginnen wir mit der Wahrnehmung der Landschaft in Bauten und Bildern.
Mit dem großen Altar wurde im 2. Jahrhundert v. Chr.
knapp unterhalb des Gipfelplateaux des Stadtberges
ein Monument geschaffen, das in die Mikroregion ausstrahlte
und zugleich konkrete Bezüge zu markanten Punkten
in der Landschaft herstellte.
Der Telephosphries im oberen Umgang des Altars,
hier unten zwei Platten,
von wo aus man eine besonders gute Aussicht
in die umgebende Landschaft hatte,
zeigt Szenen aus der mythischen Vorzeit der Stadt,
die antike Betrachter in der umgebenden Landschaft
lokalisieren konnten.
König Teutras residierte auf dem markanten Hügel Teutrania,
hier durch die beiden Pfeiler angegeben,
während Auge, die Mutter des späteren Gründers Pergamons Telephos,
an der nahegelegenen Küste anlandete.
Auf diese Weise wurden auf mythischer Ebene
engene Beziehungen zur umgebenden Landschaft geknüpft.
In der römischen Kaiserzeit
reklamierten die Bewohner von Elaia, dem Haupthafen Pergamons,
ca. 25 km südwestlich der Metropole gelegen,
den Landungsplatz der Auge für sich
und schrieben damit die Integration Elaias
in die Erinnerungslandschaft Pergamons fort.
Von demselben Ort
haben sich bis auf das geschlossene Hafenbecken
kaum oberirdisch sichtbare Reste erhalten.
Dennoch war es in Kombination
verschiedener archäologischer und geowissenschaftlicher Methoden
auch ohne Ausgrabungen möglich,
die Stadt in ihren Grundzügen zu rekonstruieren.
Ihre Entwicklung war in vieler Hinsicht
von ihrer Funktion als maritimer Satellit Pergamons geprägt.
Dennoch würde es zu kurz greifen,
die Geschichte Elaias allein auf politischer und kultureller Ebene
und im Verhältnis zu Pergamon verstehen zu wollen.
Geoarchäologische Untersuchungen haben gezeigt,
dass auch die Veränderung der Küstenlinie
und damit verbunden die Verlandung der verschiedenen Häfen
entscheidend zum Schicksal der Stadt beigetragen haben.
Eine wichtige Ursache für die Verlandung
war die Erosion landwirtschaftlich genutzter Flächen
in der Umgebung Elaias.
So konnten unsere Forschungen exemplarisch zeigen,
wie der Mensch mit Eingriffen in den Naturraum
durch Landwirtschaft, Städtebau und die Anlage von Häfen
neue Lebensgrundlagen schuf
und zugleich deren Zerstörung verursachte.
In einem nächsten Schritt sollen Beobachtungen
zum Mensch-Umwelt-Verhältnis und zu dessen Wahrnehmung
durch systematische Grundlagenforschung
zunächst erweitert und vertieft
und dann in einer sozial-ökologischen Modellierung
zusammengeführt werden.
Auf diese Weise möchten wir zusammen
mit Geografie und Bauforschung
einen Beitrag zum historischen Verständnis
des Zusammenwirkens von ökologischen Faktoren
und gesellschaftlichem Handeln leisten.
Ökologie und Gesellschaft wirken auch bei der Entstehung,
Zerstörung und dem Erhalt von Kulturdenkmälern zusammen.
Daher ist es notwendig,
Baudenkmalpflege unter Berücksichtigung
des sozial-ökologischen Kontextes zu betreiben.
Exemplarisch für die vielfältigen Aktivitäten
der Abteilungen auf dem Gebiet des Kulturhalts
wollen wir am Beispiel Pergamons aufzeigen,
die sich denkmalpflegerische Arbeit
in langer Tradition immer neuen Herausforderungen stellt.
Die Architekturproben vom Beginn des 20. Jahrhunderts
wurden von lokalen Arbeitskräften
unter Einsatz herkömmlicher Techniken und Werkstoffe
mit dem Ziel durchgeführt,
das Beigelegte den Besuchern besser verständlich zu machen.
Bei der Teil-Anastylose des Trajaneums auf dem Stadtwerk
waren Faktoren wie Klima und Erdbeben zu berücksichtigen
und es wurde mit Werkstoffen experimentiert.
Zugleich setzten die Arbeiten
einen Diskurs über denkmalpflegerische Zielstellungen in Gang.
Die Berücksichtigung fand bei weiteren Projekten,
wie der Errichtung eines Schutzbaus über den Peristylhausbau Z,
der hinsichtlich seiner architektonischen Qualität
und seines didaktischen Anspruchs neue Maßstäbe setzte.
Die aktuellen Erhaltungs- und Rekonstruktionsarbeiten
im Gymnasium und der Roten Halle sind in ein Gesamtkonzept eingebettet,
das neben dem planmäßigen Erhalt des Denkmälerbestands
zusammen mit seiner wissenschaftlichen Erschließung
die Einrichtung eines Besucherwegs berücksichtigt,
der den antiken Stadtwerk mit der historischen Altstadt
und der UNESCO-Welterbestätte Pergamon-Bergama verbindet.
Damit soll den Besuchern ein besseres Verständnis von Stadtentwicklung
mit ihren bis in die Gegenwart reichenden Zeitschichten ermöglicht
und den Bewohnerinnen und Bewohnern Bergamas Voraussetzungen
für eine Teilhabe am Kulturtourismus geboten werden.
Denkmalpflege wird somit in einen konkreten sozialen
und wirtschaftlichen Kontext eingebunden
und als Aufgabe begriffen, die nur gemeinsam bewältigt werden kann.
Ein Programm, in dessen Rahmen Steinmetze ausgebildet werden
und die Bewohner der Altstadt handwerkliche Unterstützung
sowie organisatorische Hilfestellung beim Erhalt ihrer historischen Häuser bekommen,
dient dem Social Capacity Building.
Gemeinschaftliche Aktivitäten sollen sozialen Zusammenhalt
in dem betreffenden Stadtviertel stärken
und das Bewusstsein für das kulturelle Erbe
als wichtige Voraussetzung für dessen Erhalt fördern.
Die Ausbildung der Steinmetze
bietet den Absolventen bessere berufliche Perspektiven
und ist eine wichtige Voraussetzung
für die dauerhafte Etablierung einer Bauhütte
als lokales Reservoir handwerklichen Wissens in Pergamon.
Dabei wird die Einrichtung einer Werkstatt für Steinrestaurierung
an der Schnittstelle zwischen antikem Stadtwerk und historischer Altstadt
nicht nur Besuchern einen Einblick in die restauratorische Arbeit der Ausgrabung bieten,
sondern auch zu einem Zentrum gemeinsamer Aktivitäten
mit den Bewohnern der Altstadt im Rahmen des Social Capacity Buildings werden.
Mensch-Umwelt-Beziehungen sind für uns nicht nur eine historische Frage,
sondern eben auch ein aktuelles zivilgesellschaftliches Anliegen,
wie Ulrich Mahn ja gerade schon gezeigt hat.
Das gilt auch für das Projekt Stewards of Cultural Heritage.
Dieses Projekt wurde 2016 im Rahmen des standenden Nullprojekts
des Archaeological Heritage Networks eingerichtet
und es zielte auf die mit zwei Jahren relativ langfristige
und vor allen Dingen individuelle Förderung
von fünf in die Türkei geflohenen syrischen Architekten und Archäologen,
um sie für den Wiederaufbau ihres Landes zu qualifizieren.
Das sind fünf von aktuell etwa 3,6 Millionen Syrern in der Türkei.
Die Förderung hat es ihnen erlaubt,
sich an türkischen Hochschulen weiter zu qualifizieren,
eigene Forschungsprojekte zu verfolgen.
Parallel haben sie bei uns eine Reihe von Workshops absolviert,
in denen ihnen deutsche, türkische und internationale Experten
Grundkenntnisse im Bereich der Baudenkmalpflege
und der Baudokumentation vermittelt haben.
Die Bandbreite der individuellen Projekte reichte dabei
von einer interaktiven Karte mit Fundstätten in der syrischen Wüste.
Diese Karte basiert auf Interviews mit mehr als 100
in die Türkei geflohenen Bewohnern dieser Region,
bis hin zu einem Kinderbuch, das syrischen Kindern
das reiche Erbe ihres Landes vermitteln soll.
Die Bandbreite der Workshops reichte von Methodenverfahren
der Bau- und Schadensdokumentation,
über beispielsweise das Management von Welterbestätten
bis zu Fragen der präventiven Konservierung.
Und dabei war noch ein relativ kleiner Teil
dieser Workshops von vornherein festgelegt.
Der größere wurde im Laufe der Zeit gemeinsam mit den Stipendiaten
entwickelt und organisiert.
Ein ganz wesentlicher Pfeiler des Programms
war ein praktisches Konservierungsprojekt
im Rahmen der von der Universität Münster geleiteten Grabungen
in Doliche bei Gaziantep in der Südosttürkei.
Dort haben die Stipendiaten gemeinsam mit lokalen Arbeitern
in sechs Wochen einen Teil der eisenzeitlichen Befestigung
des Heiligtums gesichert und für die Öffentlichkeit
anschaulich aufbereitet, wie man hier in 3D-Modellen
des Vorher- und Nachherzustands sehen kann.
Zu den Stärken des Programms zählen
seine große thematische Vielfalt,
sein hoher Praxisbezug und das Zusammenwirken
von Praktikern und Theoretikern, aber vor allem
die auf ganz individuelle Vorerfahrungen und Lebensentwürfe
zugeschnittene Förderung, die es uns erlaubt hat,
auch ganz spezifische Lösungen zu entwickeln.
Der Erfolg hat uns ermutigt, dieses Programm fortzusetzen
und dabei jetzt einen Schritt weiterzugehen.
Unser Ziel ist es nun, dass Wissen
zu Fragen des Kulturerhalts durch hochqualifizierte
syrische Experten und Experten, darunter natürlich
vor allem die Stewards of Cultural Heritage,
an einen größeren Kreis innerhalb der Flüchtlingsgemeinde
in der Türkei vermittelt wird.
Das heißt, die Stewards bzw. die syrischen Kollegen
organisieren nun selbstständig Workshops,
identifizieren Themen, die wert sind, vermittelt zu werden
und sprechen die entsprechenden Zielgruppen an.
Darüber hinaus organisieren sie eine Fotoausstellung
beispielsweise und versuchen, ein Netzwerk aufzubauen
von Personen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen,
um theoretisches Wissen und praktische Fertigkeiten
zu vermitteln. Zwei der Stipendiaten
haben die Möglichkeit, ihre wissenschaftliche Qualifikation
fortzusetzen und dabei Themen zu verfolgen,
die bisher ein bisschen vernachlässigt worden sind.
Das sind zum einen die Archäologie der islamischen Perioden
und zum anderen die Frage der Einbeziehung der lokalen Bevölkerung
im Sinne einer Community Archaeology.
Damit sind wir in der Gegenwart angekommen.
Die Türkei ist ein sehr vielfältiges
Arbeitsgebiet, das zahlreiche Herausforderungen
für die archäologische Forschung bietet,
die sich damit auch stets oder konstant neu definieren
und positionieren muss. Das können wir natürlich
nur mit der Hilfe eines hochmotivierten Teams
und dank der Unterstützung unserer
türkischen Kolleginnen und Kollegen sowie zahlreicher
privater wie staatlicher Förderer und Partner.
In diesem Sinne, wir danken
für Ihre Aufmerksamkeit.