Mitgefühl trainieren! Empathie ist kein Selbstläufer - Melanie Mühl - Empathie Konferenz 2019

DAI Heidelberg
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04.11.2024
Die Zeiten sind friedlich, aber die Ängste sind groß. Der Niedergang des Mitgefühls, die soziale Verrohung, der unversöhnliche, polemische Ton, der uns in der Öffentlichkeit entgegenschlägt, betrifft uns alle, und es hilft zu versuchen, diese Entwicklung ein bisschen besser zu verstehen. Denn das, was gerade geschieht, sagt uns viel über das Wesen unserer kollektiven Mentalität. Darüber, was es heute heißt, ein Mensch zu sein. Doch was heißt Empathie im Alltag eigentlich genau und wie unterscheidet sie sich vom Mitgefühl?
Melanie Mühl, Journalistin und FAZ-Redakteurin, findet in ihrem Buch „Mitgefühl. Über eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten“ (2018) klare Worte.
Ja, vielen Dank, lieber Herr Gilmann. Vielen Dank, dass Sie auch alle aus der
Mittagspause wieder zurückgekommen sind und nicht draußen geblieben bei dem
schönen Wetter. Das ist sozusagen eine klassische Szene, mit der wir es fast
tagtäglich zu tun haben. Der Bettler am Straßenrand. Jeden Tag entscheiden wir
uns wieder aufs Neue. Fühlen wir mit? Wann öffnen wir unser Herz? Wann sind wir
empathisch? Wann gucken wir weg? Ich selbst sozusagen gehe eigentlich im
Grunde, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit bin, jeden Tag an einem Bettler vorbei,
den ich seit vielen, vielen Jahren kenne und ich gebe ihm auch immer mal wieder
was. Nicht immer, dann habe ich ein schlechtes Gewissen und manchmal nehme
ich aber auch einen Umweg, weil es mir vielleicht selber nicht gut geht oder ich
Zeit für mich brauche und mir sozusagen in dem Moment dann das Leid des Anderen
zu viel wird. Ich habe mal eine Szene erlebt in der
Frankfurter Goethestraße. Ich weiß nicht, wer die von Ihnen kennt. Das ist eine
kleine Straße mit sehr teuren Geschäften und das war eine Szene, wie
Sie sie hier sehen auf dem auf dem Foto. Ein Mann saß sehr eingemummt vor einem
Geschäft, hat gefroren, es war kalt. Eine Frau ging mit ihrem Kind shoppen. Das Kind
war Markenkleidung gekleidet und beide gingen an dem Bettler vorbei und der
Junge griff in seine Hosentasche, nahm zerknülltes Papier raus und schmiss es
dem Bettler in den Becher und ging weiter. Und in dem Moment ist man ja selbst
natürlich höchst irritiert und überlegt sich, darf ich eingreifen, soll ich was
sagen, es ist jetzt nicht mein Kind. Und in dem Moment hat die Mutter sehr gut und
sehr klar reagiert. Sie ist nämlich ziemlich lautstark geworden und hat
ihren Sohn rund gemacht und der Sohn musste sich dann entschuldigen. Er musste
also zu dem Bettler zurückgehen, musste das Papier, das zusammengeknüllte Papier
wieder aus dem Becher nehmen und dann sind sie weitergegangen.
Das sagt erst mal gar nichts über die Empathiefähigkeit dieses Kindes aus,
sondern es sagt in erster Linie darüber was aus, dass Kinder eben Grenzen testen,
dass sie versuchen, wie weit sie kommen. Aber entscheidend ist die Reaktion der
Mutter, die in dem Moment richtig reagiert hat und dem Kind gezeigt hat,
was es auch bedeutet, den anderen als anderen wahrzunehmen und ihn eben in
seiner Würde nicht zu verletzen, weshalb auch diese Entschuldigung so
wichtig war. Nun haben wir heute schon in den Vorträgen sowohl von Herrn Eisenhauer
als auch von Herrn Mills gehört, dass wir natürlich dazu tendieren, die Menschen,
die in unserer unmittelbaren Umgebung leben, also Freunde, Familie, Bekannte,
auch Kollegen, dass wir mit denen natürlich erst mal empathischer reagieren
als mit vollkommen Fremden. Und andererseits zeigen aber mediale
Ereignisse, mit denen ich von Berufswegen ja tagtäglich eigentlich zu tun habe,
zeigen mediale Ereignisse oder Unglücksereignisse, Katastrophen in
fernen Weltwinkeln eigentlich sehr gut, wie unsere Empathie auch durch Medien,
durch Bilder instrumentalisiert wird und wie Geschichten erzählt werden.
Und ich glaube, Sie alle erinnern sich an vergangenes Jahr, an das Unglück in
einer thailändischen, irrsinnig verwinkelten Höhle. Eine Fußballmannschaft
saß in dieser Höhle fest, zwölf Jungs und ihr Trainer, eingeschlossen in der
Dunkelheit, lebendig begraben, abgeschnitten von ihren Liebsten.
Die Welt blickte gebannt auf diese Schicksalsgemeinschaft und die
dramatische medial ausgeschlachtete Rettungsaktion, die per Live-Ticker
dokumentiert wurde. Im Laufe dieser dramatischen Rettungsaktion, bei der auch
ein Taucher ums Leben kam, was dann aber trotzdem als Happy End am Ende
gefeiert wurde, konnte man ganz gut sehen, wie die Medien diese
Geschichte natürlich auch benutzt haben, besonders die Bild-Zeitung, um das
Mitgefühl der Masse auf dieses Ereignis zu lenken.
Es war eine überschaubare Gruppe, also zwölf Jungs. Es war eine Situation,
die Urangst, menschlich begraben zu sein und andererseits hat man immer mehr
Informationen über die Jungs bekommen. Also sie haben Briefe an die Eltern
geschrieben, aus diesen Briefen wurde zitiert und so weiter.
Also die Katastrophe wurde als Event mit perfektem Plot vermarktet und mit
Happy End. Ein anderes Bild, das wichtig ist, bei dem ich überlegt habe,
ob ich es zeige, aber ich habe mich dann dagegen entschieden, weil als ich es mir
selbst noch mal anguckte, es schnürt einem wirklich Herz und Kehle zusammen und
ich glaube, Sie alle kennen dieses Bild des syrischen Jungen Ayan Kurdi, der am
Strand von Bodrum liegt, die Beine angewinkelt, das Gesicht im Sand, die
Handflächen nach außen gedreht, die nasse Kleidung klebt an dem Körper und
man sah dieses Bild und hoffte inständig, dass dieser Junge schläft.
Aber Ayan Kurdi war tot, ertrunken im Mittelmeer. Zwei Jahre nach der
Publikation des Fotos veröffentlichten schwedische und amerikanische Forscher
eine Studie zu dessen Wirkungskraft. Was hat dieses Foto tatsächlich bewirkt?
Mit der Hilfe von Google Trends überprüften die Wissenschaftler
bestimmte Suchbegriffe innerhalb eines festgelegten Zeitraums und sie stellten
dabei fest, dass die Zahl für die Begriffe Syria und Refugees ab dem
2. September 2015 dramatisch angestiegen war.
Außerdem untersuchten die Forscher das Spendenverhalten der Schweden für
syrische Flüchtlinge an das dortige Rote Kreuz. Die eingehenden Spenden, die
sich vor der Veröffentlichung des Fotos in Grenzen gehalten hatten, schossen
innerhalb weniger Tage auf einen Höchststand von beinahe 14.000 Spenden täglich.
Der Mitleid-Effekt hielt allerdings nur etwa fünf, sechs Wochen an.
Danach pendelte sich die Großzügigkeit wieder auf einem niedrigeren Niveau ein.
Trotzdem haben die Forscher diesem Foto einen eindeutig ikonischen Opfereffekt
bescheinigt, vergleichbar mit dem Foto des nackten Mädchens, das Sie sicherlich
auch alle kennen, das während des Vietnamkriegs vor einer Napalmbolke fliegt.
Einer der wichtigen Lehren sei, Zitat so einer der Forscher,
wir können nicht davon ausgehen, dass die Statistiken zu massiven
humanitären Krisen unsere Aufmerksamkeit erregen oder uns dazu bewegen,
etwas zu unternehmen, egal wie groß die Opferzahl ist.
Bereits bei zwei Betroffenen schwindet das Mitgefühl, bei Tausenden,
gar Hunderttausenden, übersteigt es unsere Vorstellungskraft.
Der Tod dieses kleinen Jungen aber weckte die Welt vorübergehend aus.
Die Jungs in der Höhle, der Bettler, die Flüchtlinge im Mittelmeer,
Menschen, die vertrieben werden.
Jeden Tag, wie gesagt, stehen wir wieder vor der Frage, mit welchem Leid
beschäftigen wir uns?
Wen lassen wir an uns ran und wessen Leid schieben wir von uns weg?
Die beiden Referenten hatten heute Morgen ja schon darauf hingewiesen, dass das
gesellschaftliche Klima kälter wird, dass der Populismus blüht,
dass Antisemitismus erstarken, nicht erst seit dem schrecklichen Verbrechen
in Halle, auch die Islamfeindlichkeit.
Und wenn man sich die Shitstorms im Netz anguckt,
dann verschlägt es einem tatsächlich den Atem.
Man wundert sich, wie irrsinnig schnell manche Leute auf 180 sind,
besonders im Straßenverkehr.
Nun bin ich nicht in Heidelberg unterwegs, sondern in Frankfurt mit dem Fahrrad.
Ich finde, dass man tatsächlich im Straßenverkehr sehr gut beobachten kann,
vielleicht auch sich selbst, wie auch die eigene Aggressionsschwelle
so ein bisschen gesunken ist und die Toleranz und wie wenig viele Leute
auch bereit sind, Rücksicht zu nehmen und einfach mal zu warten,
als hätten es alle irrsinnig eilig und müssten irgendwo hin.
Und das GAFA-Problem, das kennen wir alle und damit ist man auch immer wieder
konfrontiert, aber was ich erschreckend fand bei meiner Recherche auch oder
bei Gesprächen mit Rettungssanitätern ist, dass mittlerweile es nicht so ist,
dass Rettungssanitäter oder helfende Menschen, Polizisten bei ihrer Arbeit
fotografiert werden und die Fotos dann ins Internet gestellt werden,
in der Hoffnung, dass man Likes bekommt.
Also das Elend der anderen wird vermarktet und daran haben wiederum auch
die Medien einen Anteil, denken Sie an das Stichwort Fotoreporter,
also sie senden ihre Fotos ein und je dramatischer die sind,
also wenn sich ein Auto überschlägt, dann kriegen sie vielleicht 50 Euro
von der Bildzeitung, wenn sie das festhalten konnten.
Und im Grunde wird man ja dazu angehalten, das mit dem Leid der anderen Aufmerksamkeit
für sich selbst zu generieren oder daraus ein Geschäft zu machen.
Es geht allerdings noch weiter und zwar berichten Sanitäter und Rettungskräfte
immer häufiger auch von Attacken, also dass sie angepöbelt werden,
beschimpft werden, bespuckt werden und in einem Artikel in der FAZ
erzählte ein Feuerwehrbeamter mal, der ist schon sehr lange im Geschäft,
also 15 Jahre, 15, 20 Jahre und er sagte, als er damals zur Feuerwehr gegangen sei,
sei Gewalt kein Thema gewesen. Zitat, es gab damals zwar auch Pöbeleien,
aber das waren dann für gewöhnlich Stadtstreicher,
darauf konnte man sich einstellen und damit umgehen. Zitat Ende.
Heute, wie gesagt, ist das anders. In Frankfurt zum Beispiel hatte die Besatzung
eines Rettungswagens nach dem Einsatz mal einen Zettel an der Windschutzscheibe.
Der Verfasser beschwerte sich, dass die Zufahrt zur Tiefgarage blockiert war.
In Berlin rastete ein Mann aus, als er zugeparkt war.
Als man ihm sagte, dass gerade ein Kind um sein Leben kämpfe,
antwortete er, mir doch egal, wer gerade reanimiert wird.
Das ist eine zutiefst beunruhigende Entwicklung, die sich auch in Zahlen belegen lässt.
Die Kriminologin Janina Dressler hat mehr als 1600 Rettungskräfte in Berlin,
Hamburg, München und Köln befragt. Jeder Dritte wurde während seines
Einsatzes schon mal getreten oder geschlagen. In Berlin, Hamburg und Köln sagte jeder Zweite,
dass sie schon einmal mit einer Waffe bedroht worden seien und mehr als 90 Prozent wurden
bereits beleidigt, bespuckt und beschimpft. Mehr als 90 Prozent und erst die Angst vor
Überfremdung. Sie grassiert gerade dort, wo es mit dem Fremden kaum Berührung gibt.
Dabei mischen sich die Ängste mit Migranten, Geflüchteten, Ausländern mit den Ängsten vor
der Globalisierung, dem Abgehängtwerden, dem sozialen Abstieg durch eine sich immer weiter
öffnende Schere zwischen Arm und Reich. Dieses Gefühl des Kontrollverlustes,
die Furcht, das eigene Leben könnte einem entgleiten, erstickt jedes Mitgefühl im
Keim und schafft einen idealen Nährboden für Ressentiments. Morgen wird in Thüringen gewählt
und wer sich die Umfragen anguckt, wird erschreckend feststellen, dass der AfD-Spitzenkandidat Björn
Höcke, der offiziell, gab es ein Gerichtsurteil, als Faschist bezeichnet werden darf und seine
Anhänger seit Wochen mit Nazi-Vokabular aufpeitscht, Angst schürt, Hass verbreitet,
bei mehr als 20 Prozent liegt. Mit dem Mitgefühl verhält es sich ja ähnlich wie mit dem Anstand,
über den Axel Hacke in seinem Bestseller über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage,
wie wir miteinander umgehen, geschrieben hat. Über das Anständigsein habe ich ehrlich gesagt
nie besonders nachgedacht. Es war mir immer etwas selbstverständlich Gutes. Jetzt aber
stünden grundsätzliche Regeln menschlichen Anstands zur Disposition und die des Mitgefühls
tun es auch. Genau genommen kann es ohne Mitgefühl ja gar keinen Anstand geben.
Vielleicht noch zwei, drei Worte, obwohl es heute Morgen schon mal kurz erwähnt worden ist,
zu dem Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl. Beides Begriffe, die im allgemeinen
Sprachgebrauch ja synonym verwendet werden, aber was unterschiedliches bedeuten. Jedenfalls,
solange man unter Empathie mehr versteht als nur blauäugige Betroffenheit bei dem Blick auf Bilder
von Flüchtlingskindern. Empathie kann nämlich auch bedeuten, dass man sich dem Leid passiv
hingibt, dass man Augen und Ohren verschließt, weil man seelisch so involviert ist, dass man
keine nötige Distanz mehr hat zu dem Geschehen. Paul Blum, der kanadische Wissenschaftler und
Autor, hat es einmal, wie ich finde, sehr schön formuliert. Er sagt nämlich, Empathie heißt,
ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt. Mitgefühl bedeutet, ich kümmere mich um den
anderen, ich sorge für ihn. Beim Mitgefühl trifft Herz auf Verstand und genau dieses
Zusammenspiel ist entscheidend. Für wen wir in der Regel, wie gesagt, viel Empathie empfinden,
versteht sich von selbst. Freunde, Geschwister, Bekannte, Menschen, mit denen uns etwas verbindet,
die dieselben Hobbys haben. Wenn man selber gerne in dem Gärtner arbeitet und jemanden trifft,
der auch Gärtner ist, dann hat man sofort eine Verbindung zu ihm. Wenn man Schach spielt,
wenn man gerne Homeland guckt oder Breaking Bad oder was auch immer, wenn man gerne Gottfried
Benn liest und einen anderen Gottfried-Benn-Enthusiasten trifft, dann hat man sofort
eine Verbindung zueinander. Wer genügend Ähnlichkeitsmerkmale auf sich vereint,
bei denen man sich vielleicht sogar vorstellen könnte, mit ihm befreundet zu sein, der zählt
zur sogenannten Eigengruppe, wir und die anderen. Und der gegenüber stehen die Menschen der
Fremdgruppe. Mit denen haben wir weniger gemeinsam. Langzeitarbeitslose, Drogenabhängige,
Geflüchtete, Sinti und Roma und so weiter. Wir sind Spezialisten im Ausgrenzen anderer,
bewusst und unbewusst. Und das Interessante ist ja, dass gerade die, die von sich behaupten,
ganz wenig Vorurteile zu haben und ganz offen zu sein, das merken Sie bestimmt,
wenn Sie sich die aktuelle Debattenkultur angucken, die ja auch schon zur Sprache gekommen ist,
wie wenig Bereitschaft auch im Austausch mit Andersdenkenden besteht, wie schnell die Gemüter
erhitzt sind, wie schnell man sagt, mit dieser Gruppe will ich nichts zu tun haben. Man muss
sich nicht mit allen auf ein Podium setzen. Aber ich glaube, in dem Moment, wo man das Gespräch
verweigert, verweigert man auch den Nährboden für Mitgefühl, weil man den Perspektivwechsel
von vornherein ausschließt. Der Mensch dämonisiert Menschen anderer Nationalitäten oder Religionen.
Er erzeugt Ängste und Wut, schreibt Franz de Waal. Doch Identifikation sei eine so fundamentale
Vorbedingung für Empathie, dass sogar Mäuse Schmerzansteckungen nur weil Käfiggefährten
zeigten. Auf die Frage eines Journalisten, wie er die Gesellschaft ändern würde, antwortete de Waal,
wenn ich könnte, würde ich die Reichweite des Einfühlungsvermögens vergrößern. Es gibt ein
Essay von Anson Sperger, auf den stieß ich vor einigen Jahren und den fand ich unglaublich
elektrisierend. Es geht um die globale Migrationsbewegung, um Fremdenfeindlichkeit
und Abschottungsbemühungen und er stammt aus dem Jahr 1994. Das ist ein schmales Büchlein,
ein wirklich sehr inspirierender Essay, den man unbedingt mal wieder zur Hand nehmen sollte. Er
heißt Die große Wanderung, 33 Markierungen. Gleich auf der allen ersten Seite steht, Zitat,
der normale Zustand der Atmosphäre ist die Turbulenz. Das gleiche gilt für die Besiedlung
der Erde durch den Menschen, Zitatende. Ein erheblicher Teil der Menschheit war schließlich
stets in Bewegung. Auf der Wanderung oder auf der Flucht. Eine ständige Zirkulation,
ein chaotischer Prozess. Eine unspektakuläre Feststellung vielleicht, aber im Angesicht
diffuser, aufgebauschte Ängste doch eine, über die man sich Gedanken machen sollte.
Noch so ein Satz oder ein Bild des Uraltes, das Boot ist voll, auch darauf geht Enzensberger ein.
Denn dieses Bild, das ist ja grotesk, wenn wir sagen, in einem reichen Land wie diesem,
das Boot ist voll, stellen wir die Situation quasi auf den Kopf. Dann sind wir diejenigen,
die sich in Lebensgefahr befinden. Wir sind gewissermaßen, behaupten in der Lage von
Schiffbrüchigen zu sein, sind wir aber gar nicht. Gefühl schlägt. Besonders elektrisierend ist aber
noch etwas anderes. Enzensberger nämlich nimmt sich die Natur des Menschen vor. Er spricht über
tief verankerte Ängste, über Vorurteile, über Verhaltensmuster im Alltäglichen. Im Grunde banale
Begebenheiten. Und er illustriert das an einem, wie ich finde, sehr schönen Beispiel und zwar
bilde eine Szene im Zug. Drei Passagiere sitzen in einem Abteil, haben sich ausgebreitet, fühlen
sich wohl, lesen vielleicht was und auf einmal öffnet sich die Tür und es kommen zwei neue
hinzu. Die, die in dem Abteil sitzen, grummeln so ein bisschen, gucken, denken sich, was wollen die
jetzt hier, jetzt müssen wir zur Seite rücken, ist doch gerade so schön und auf einmal sind sie
ungemein solidarisch miteinander. Eben waren sie noch Fremde und in dem Moment, wo neue hinzukommen,
begreifen sie sich aber als Gruppe. Kommen zwei weitere Fahrgäste hinzu, wiederholt sich die
Szene. Dieses Wir-und-Sie-Denken, dieses Einordnen in Schubladen ist natürlich etwas zutiefst
Menschliches. Wir alle tun es jeden Tag, sonst würden wir auch wahnsinnig werden. Es ist die
Form, sich auch in dem Alltag, in dem chaotischen Alltag zurechtzufinden und sich durch diese
komplexe Welt zu navigieren. Hätten wir das nicht, würden wir von den Reizen und Eindrücken und auch
der Anforderung von Empathieforderungen, die an uns gestellt werden, völlig überfordert sein.
Der heute schon erwähnte Wissenschaftler Robert Sapolsky sagt, Zitat, wenn sie einen Menschen in
einen Gehirnscanner stecken und ihm in kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit Bilder von Menschen
mit einer anderen Hautfarbe zeigen, wird jener Teil des Gehirns, der für Angst, Bedrohung und
Aggression zuständig ist, aktiv. In Steingemeißel sei diese Reaktion glücklicherweise nicht,
sondern überwindbar. Menschen, die in einem multikulturellen Umfeld aufgewachsen sind,
reagieren anders. Ist die gezeigte Person ein Bekannter? Natürlich auch. In unserem Hirn ist
nichts unausweichlich. Noch interessanter, tragen die gezeigten Menschen eine Baseballmütze ihres
liebsten Sportteams, spielt die Hautfarbe überhaupt keine Rolle mehr. Zitat, was die
Ähnlichkeiten betrifft, suchen wir geradezu danach und blicken zuversichtlich auf unser
Empathievermögen, weil wir immer irgendwo dazugehören möchten, ganz ungeachtet der Tatsache,
dass sich das Repertoire von Wahrnehmungsform, Assoziation und Erfahrungen von Mensch zu Mensch
unterscheidet. Es gibt einen, das nur am Rande, einen ganz schönen Aussatz des Philosophen Nagel,
der darüber geschrieben hat, wie ist es, eine Fledermaus zu sein. Und da geht es darum,
wie sehr können wir uns sozusagen vorstellen, wie diese Fledermaus fliegt, sich bewegt. Und
egal, wie große Mühe wir uns geben, wir sind eben keine Fledermäuse. Und egal, wie große Mühe wir
uns geben, wir sind auch nicht unser Gegenüber. Aber dieser Aufsatz ist deshalb so schön,
weil er zeigt, dass Mitgefühl oder auch Einfühlungsvermögen immer was mit Übung zu tun
hat. Mit einem geschärften Blick, mit Aufmerksamkeit, mit Wahrnehmung. Man muss
einander angucken. Man muss sich fragen, was passiert eigentlich auch im Gesicht des anderen.
Es wurde heute schon erwähnt, der Blick aufs Smartphone an der Kasse und das Ignorieren der
Kassiererin, die nur noch als Maschine wahrgenommen wird, die eigentlich für die Abrechnung zuständig
ist. Und es gibt auch da ganz interessante Untersuchungen, wie sehr wir die Fähigkeit
verloren haben, in Gesichtern zu lesen, Emotionen zu entschlüsseln. Das war früher an der Kasse
so ein beliebtes, zu meiner Jugend ein beliebtes Spiel, sich die anderen anzugucken und zu überlegen,
was ist denn mit dem? Warum guckt er so grimmig? Warum hat die so rote Wangen? Ist die verliebt?
Was ist mit diesen Menschen eigentlich los? Und heute, das mache ich natürlich auch,
guckt man auf sein Smartphone, checkt E-Mails und stellt fest, es hat mir wieder niemand
geschrieben und es ist wieder nichts Interessantes passiert. Mitgefühl mit Fremden, Mitgefühl mit
anderen entsteht natürlich erst mal durch Begegnung. Und wenn man sich die deutschen
Städte anguckt, in denen die Mieten teilweise absurd hoch sind, irrsinnig, in Frankfurt ist
es für eine normal verdienende Familie kaum mehr möglich, in der Stadt zu leben, also diese
Vertreibung auch an den Rand, dann merkt man das natürlich auch auf politischer Ebene, dass einem
unheimlich schwierig gemacht wird, in die Schuhe des Anderen, sich in die Schuhe des Anderen zu
begeben und die Perspektive mal zu wechseln. Die Stadtviertel werden immer homogener. Der Alltag
spielt einem da kaum mehr in die Hände. Wenn man sich aus seiner Filterblase mal rausbewegen möchte
und eben nicht nur immer mit seinen Leuten zu tun haben möchte, da muss man schon ganz, ganz
aktiv werden und sich tatsächlich rauswagen. Es gibt dazu eine interessante Studie. Die Studie
stammt von dem Bildungssoziologen Marcel Hellwig und es ist die bislang umfangreichste zur sozialen
Segregation in deutschen Städten. Hellwig und sein Team haben 74 Städte untersucht. Das Ideal
der bunt durchmischten Stadt eine absolute Seltenheit. Die soziale Spaltung wird immer
größer. Hellwig sagt, Zitat, der als Asylbewerber anerkannte Flüchtling fällt, sofern er nicht
sofort einen Job bekommt, erst einmal in das Hartz-IV-System. Mit der zugewiesenen Wohnung
wird er dorthin geschoben, wo ohnehin die Armen leben. In Städten wie München oder Stuttgart
wird es vielleicht ein kleineres Problem, weil sich die Sozialwohnungen dort besser verteilen.
In ostdeutschen Städten wird es ein sehr großes. Dort ballt sich das soziale Elend in den Plattenbauten
am ausgefransten Stadtrand. Abgeschoben, chancenlos. Alles Städte, Rostock gehört dazu, Schwerin,
Potsdam, Erfurt, wo ich mit einer Kollegin mal unterwegs war zu einer Recherche, Halle, Weimar
sind besonders betroffen. Alles Städte, in denen mittlerweile regelrechte Trennlinien existieren
zwischen Vororten mit Reihenhäuschen und hübschen Gärten und Plattenbauten. Hier wie da gilt, man
bleibt unter sich. Für die Reichen ist es kein Problem. Für die sozial Abgehängten ist es
verheerend. Lebt man in einer Nachbarschaft mit vielen armen Menschen, werden die Bildungschancen
schlechter. Zum Beispiel über die vermittelt, über die sozial schwierige Zusammensetzung in
der Schule. Eine einigermaßen gleichmäßige Verteilung von armen und wohlhabenden Menschen
über eine Stadt ist nicht nur für die Chancengleichheit wichtig, sondern auch für ein
offenes Miteinander. Ohne Berührungspunkte schwindet nicht nur unser Verständnis füreinander,
auch Vorurteile gedeihen leichter. Ich glaube, dass man all diese Entwicklungen erkennen muss,
dass man sie sehen muss und sich fragen muss, was macht es eigentlich mit meinem eigenen Leben und
wie bewege ich mich, in welcher Welt bewege ich mich, wie viele Chancen gebe ich eigentlich dem
Fremden und wie sehr bin ich bereit, aus meinem eigenen Filterdasein auszubrechen. Und ich finde,
es wird einem ja tatsächlich nicht immer ganz leicht gemacht. Wer über Mitgefühl spricht,
muss auch über das Internet sprechen, wo viel Hass produziert wird. Das wissen wir alle,
darüber wird sehr viel gesprochen. Es wird aber gleichzeitig auch etwas anderes produziert,
nämlich das Internet kann auch gigantische Empathiewellen auslösen. Das Beispiel in
Thailand, finde ich, hat das ganz eindrucksvoll eigentlich gezeigt. Und Ayankurdi, wir haben in
der FAZ, ich glaube, wir haben das Bild dann gedruckt, aber es wurde lange darüber diskutiert
und ich habe auch mit vielen Kollegen darüber gesprochen, soll man so ein Bild zeigen, darf man
so ein Bild zeigen, muss man so ein Bild vielleicht sogar zeigen, damit die Menschen tatsächlich
aufwachen und etwas tun. Ich habe noch kein Urteil eigentlich darüber gefällt für mich.
Ja, das ist so. Sie sehen, es gibt dieses Foto tatsächlich in einer besseren Qualität,
weil es ist ein Foto aus einem YouTube-Film. Und 2016 ist ein Junge im Zoo von Cincinnati über
das Gehege geklettert und in ein Gorilla-Gehege gefallen. Und was Sie da sehen, ist eben diesen
Gorilla Harambee und Sie sehen das Kind. Das ist ein Screenshot von einem YouTube-Film. Es gibt
da keine gut aufgelösten Fotos. Und plötzlich, wenn Sie sich diesen Film im Internet angucken,
es ist ja immer irgendjemand da, der filmt, plötzlich packt eben dieser Gorilla dieses Kind
am Bein und zieht das Kind irgendwie durch den Wassergraben und so und spielt und Sie hören im
Hintergrund die Schreie der Mutter und es ist wirklich, es ist furchtbar. Am Ende passiert
dem Kind nichts, nur leichte Verletzungen. Harambee wird erschossen. Der Aufschrei im Netz, enorm.
Weltweit empören sich Internetnutzer über die Mutter, die ihr Kind aus den Augen gelassen hat
und die Mitarbeiter des Zoos, die Harambee in den Tod schickten. Herzlos, kaltblütig,
wie kann man nur. Es entspinnt sich eine Debatte über Tierhaltung in Zoos, über die Frage, ob Zoos
überhaupt ethisch vertretbar sind angesichts der Qual für die Tiere zum Amüsement der Besucher.
Es sah ganz danach aus, als hätte Harambees Tod schlagartig unzähligen Tierliebhabern die Augen
dafür geöffnet, dass Zoos Schattenseiten haben. Gleichzeitig, das bemerkte ein Kommentator in der
Huffington Post, starben mehrere hundert Menschen im Mittelmeer und niemand, das heißt niemand,
aber relativ wenig wurde im Vergleich darüber berichtet und sich empört und diese Harambee
Geschichte ist im Grunde eine Geschichte, die gut illustriert, wie das Internet als
Empathiemaschine funktioniert und wie stark diese Filme wirken, wie stark einzelne Bilder wirken,
wie schnell auch ein Shitstorm entsteht. Man schlägt sich auf die Seite des Tieres und das
Irrsinnige an dieser Diskussion ist ja, dass man tatsächlich immer darüber diskutieren kann,
sind Zoos eigentlich vertretbar oder nicht, aber es braucht eben immer diesen einen Augenblick.
Das kann man aber, glaube ich, jetzt besser sehen. Das ist James Robertson, das ist ein Mann,
der ist Mitte 50, der lebt in Detroit, der arbeitet in einer Autowerkstatt und der muss
jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit laufen, morgens und abends, bei Wind und Wetter. Das ist der
sogenannte Walking Man. Über James Robertson veröffentlichte die lokale Presse eine kleine
Geschichte. Daraufhin beschloss ein Student, auf der Crowdfunding-Plattform GoFundMe von
Robertsons täglichen Märschen zu erzählen. Er veröffentlichte ein Foto und rief die
Netzgemeinde zu spenden auf. Was passierte? Es ging eigentlich darum, der Student dachte,
es wäre doch toll, wenn James Robertson ein neues Auto, also nicht neues, überhaupt ein
Auto bekommt, damit er zur Arbeit fahren kann. Also hat er eben diese Spendenaktion im Internet
ins Leben gerufen. Was ist passiert? Die Menschen spendeten. Sie spendeten viel,
sie spendeten sehr viel und am Ende spendeten sie 350.000 Dollar. Auf einmal hatte James Robertson,
der gar nichts von der Aktion wusste, kein Auto, sondern er hatte gleich ein neues Leben. Bei GoFundMe
schrieb der irritierte Initiator der Kampagne, er habe sich, als er die Seite für Robertson
erstellte, gefragt, wer überhaupt irgendeinem 19-Jährigen Geld spenden soll, damit er irgendeinem
Kerl ein Auto kauft. Offenbar hatte er die Kraft der Geschichte unterschätzt. Nächstenliebe heißt
in Zeiten sozialer Medien manchmal Schicksal zu spielen. Irgendjemand stößt irgendwo auf einen
Menschen, eine Familie, auf eine Geschichte oder auch nur auf ein Bild, das ihn erschüttert. Daran,
dass wir von einer Sekunde auf die nächste so bewegt sein können, dass wir helfen wollen,
ist erst einmal was Schönes. Aber was wird dann daraus? Es ist auch ein sehr kleines Bild,
ich weiß, aber vielleicht können Sie es trotzdem erkennen. Man sieht einen jungen Sörer,
der Stifte in der Hand hat und er trägt sein Kind, seine Tochter auf dem Arm. Ich finde,
es ist ein Bild, das einen auf alle Fälle berührt. Es kämpft jemand ums Überleben,
aber nicht nur für sich, sondern auch für seine Tochter. Es hat etwas Verzweifeltes,
hat etwas Erschöpftes. Auch dieser Mann ist fotografiert worden, wusste auch nichts davon.
Und der, der ihn fotografiert hat, hat das Bild dann auch bei Twitter gepostet. Daraufhin passierte
das Gleiche wie bei James Robertson. Die Menschen waren unheimlich, weil sozusagen das Bild und die
Kraft dieses Bildes und sie sind erschüttert, sie wollen irgendwas tun, sie spüren so einen Impuls,
helfen zu wollen. Das hat ja was ganz Irrationales. Jedenfalls, was kam dabei heraus? 200.000 Dollar.
Private initiierte Charity-Aktionen boomen im Internet. Sie bieten Spenden etwas,
das offizielle Wohltätigkeitsorganisationen mit etablierten Strukturen und langjährige
Erfahrungen nicht können. Und offensichtlich ist das im Zeitalter der ständigen Vernetzung
und Kommunikation äußerst wichtig. Nämlich die Möglichkeit, per Live-Ticker zu verfolgen,
wie sich das Geld für eine Person oder das Objekt der Wahl summiert. Im Grunde ist es wie
ein ständig steigender Aktienkurs. Man wird Zeuge, wie Schwarmfinanzierung in kürzester
Zeit Leben verändert. Je herzzerreißender die Einzelschicksale, desto besser. Online
wie offline. Wir spenden eher für einzelne Menschen als für eine große Gruppe, weil wir mit
einzelnen Menschen stärker mitfühlen, während eine zu große Zahl vom Unglück Betroffener schnell
ein Fall für die Statistik wird. Forscher fanden heraus, dass wir bereit sind, mehr zu geben,
wenn wir von 100 Menschen 80 retten können, als 200 Menschen von 1.000. Früher warben große
Hilfsorganisationen, Sie erinnern sich sicher, am liebsten mit traurigen Fotos hungernder Kinder,
die dürre Ärmchen und Beinchen hatten und aufgeblähte Bäuche und einen aus großen,
traurigen Augen anschauten. Inzwischen lächeln die Babys, Kleinkinder und Mädchen und Frauen
von Plakaten. Männer übrigens fast nie. Sie um Spenden werben, weil man festgestellt hat,
dass ein hoffnungsfrohes Bild beim Betrachten das Gefühl auslöst, nicht komplett hilflos zu sein,
sondern die Welt tatsächlich ein bisschen verändern zu können. Das Netz hingegen ermöglicht,
dass Reiz- und Spendenreaktionen extrem nah beieinander liegen. Diese schönen Geschichten
über den Walking Man und den Syrer, der die Stifte verkauft, sind natürlich perfekte
Geschichten, die in den Medien erzählt werden. Und danach wird aber nichts mehr erzählt. Aber
jetzt ist es erst interessant. Denn die Frage ist, was wird eigentlich aus diesen Menschen?
Was macht das Geld mit dem Leben dieser Menschen, die ja gar nicht danach gefragt haben,
die gar nicht um Hilfe gebeten haben? Wenn jemand in einer notleidenden Situation ist und auf einmal
kommt einer und sagt, ich habe ein Foto von dir geschossen, das hat die Leute irrsinnig berührt,
jetzt haben wir 200.000 Dollar für dich eingesammelt. Da wird sich sicherlich niemand
beschweren. Der Walking Man musste unter Polizeischutz umziehen. Er, für den sich
früher niemand interessierte, war plötzlich berühmt. Journalisten und Lokalpolitiker rissen
sich um ihn. Sein Leben nahm Züge einer Reality Show an. Die Geschichte von Robertson im Glück
hatte sich nicht nur in Windeseile verbreitet, der Geldsegen hatte auch Begehrlichkeiten geweckt.
Die Menschen, die vor Robertsons Tür auftauchten, waren nicht nur Freunde. Weil er früher so viel
gelaufen ist und immer Cola getrunken hat, weil er müde war, um sich wachzuhalten,
ist er auch noch sehr dick geworden, weil er weiter Cola getrunken hat, aber nicht mehr gelaufen ist.
Und der Syrer Abdul Halim Al-Attar? Er betrieb zwischenzeitlich drei Geschäfte in Beirut. Eine
Bäckerei, einen Kebabladen und ein Restaurant, in denen er Flüchtlinge beschäftigte. Mit seinen
zwei Kindern zog er in eine neue Wohnung. Dann übernahm er sich, ging pleite und musste die
Geschäfte wieder schließen. Mit seinen Gönnern geriet er in Streit, weil die Aktivisten nicht
die komplette gesammelte Summe überweisen wollten. Nachdem er seine Geschäfte in den Sand gesetzt
hatte, wollten sie das Geld auch nicht mehr überweisen. Jetzt fragt man sich, war es falsch,
war es richtig? Wenn es um Mitgefühl geht, gibt es kein falsch oder richtig. Das muss jeder für
sich selbst entscheiden. Und doch finde ich, sind es zwei Geschichten, die ganz eindrucksvoll zeigen,
wie schnell man glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen, das Richtige zu tun, jemandem zu helfen
und wie auch immer man den weiteren Lebensweg dieser beiden Menschen bewertet, zeigt es doch,
dass dieses impulsive Helfen oder dieses Schicksalsspielen nicht immer im Sinne des
Einzelnen ist. Als ich zum ersten Mal von den effektiven Altruisten hörte, war ich skeptisch.
Ich weiß nicht, ob sie die effektiven Altruisten kennen. Gleichzeitig war ich total fasziniert von
dem Leitgedanken der effektiven Altruisten, dass man das Gute tatsächlich quantifizieren kann,
also dass man das Gute berechnen kann. Die effektiven Altruisten haben ihren deutschen
Hauptsitz in Berlin. Ich habe die dort auch besucht, habe mit denen gesprochen, habe mir
deren Büro angeguckt. Und wenn sie ein effektiver Altruist sind, ich weiß nicht, ob hier welche
sitzen, dann würden sie wahrscheinlich an jedem Bettler vorbeigehen und ihm keinen einzigen Cent
geben, egal wie notleidend er aussieht, egal wie kalt es ist, völlig egal. Weil der effektive
Altruist immer rechnet und sagt, naja, drei Euro südlich der Sahara kann ich mir da deutlich mehr
ausrichten als in Berlin oder in Heidelberg oder in Frankfurt oder wo auch immer. Also
geht der effektive Altruist vorbei, er ist nicht kaltherzig, er rechnet. Er sagt,
wenn ich mir ein Aktiendepot zulege, frage ich doch auch, was wird daraus? Wenn ich jemandem
Geld gebe oder spende, möchte ich doch auch wissen, was ist sozusagen, was geschieht mit
diesem Geld? Wem hilft es wirklich? Und um zu illustrieren, dass Gutes tun oder die Überzeugung,
die feste Überzeugung, dass man etwas Gutes tut, garantiert auf der moralisch richtigen Seite steht,
gehöre ich nach hinten losgehen kann. Das illustrieren die effektiven Altruisten immer
mit einer Geschichte, die ich auch sehr interessant finde. Und zwar ist es die Geschichte,
deren Mittelpunkt steht Trevor Field. Trevor Field kommt aus Südafrika und er hat in den
90er Jahren eine Hilfsorganisation gegründet, die Menschen in Entwicklungsländern Wasserpumpen
schenkt. Wasserpumpen, die gleichzeitig ein Spielchaos sind. Field nämlich hat Folgendes
beobachtet. Die Bewohnerinnen eines Dorfes an einem windstillen Tag stundenlang bei einer
Windmühle betriebenen Pumpe ausharten und einfach nichts passierte. Es gab keinen Wind,
keine Pumpe, kein Wasser. Irgendwann frischte der Wind auf und das Wasser floss. Und Field
dachte sich, vielleicht kann man die Sache irgendwie spielerisch für alle attraktiver
machen. Also hat er diese Playpump entwickelt, die Spielpumpe. Die Spielpumpe lässt sich mit
Körperkraft in Gang setzen. Kein Warten mehr auf den Wind. Die Kinder haben irgendwie Spaß. Alles
super. Die Spielpumpe avanciert in kürzester Zeit zum Liebling der internationalen Medien.
Schlagzeilen wie Wasserpumpen ist ein Kinderspiel oder das magische Karussell. So
wurde die Pumpe genannt. Bill Clinton bezeichnete die Spielpumpe in einem Time-Artikel als wunderbare
Innovation. Field erhielt einen Preis für sein Entwicklungsprojekt. Prominente spendeten Geld
und Jay-Z sammelte mit einer Konzerttour zehntausende Dollar. Nur, dummerweise hatte
niemand die Menschen gefragt, wie sie mit dieser Spielpumpe eigentlich zurechtkommen. Das Blatt
wendete sich. Vernichtende Berichte unter anderem von der UNICEF wurden veröffentlicht,
die die Wasserpumpe, die Spielpumpe, die Wunderpumpe zauberten. Um sie am Laufen zu
halten, muss ich das Karussell permanent drehen. Aber welches Kind hat schon Lust und die Kraft,
stundenlang ein Karussell im Schwung zu halten? Das Spiel wurde zum Albtraum. Die Kinder fielen
runter. Einigen wurde schwindelig. Andere haben sich die Knochen gebrochen. Die gefeierte Playpump
war der alten Handpumpe nicht nur haushoch unterlegen, sie kostete auch ein Vielfaches.
Wenn sie mal kaputt war, dauerte es ewig, die neuen Teile wieder zu beschaffen. Niemand hatte
mit den Bewohnern der Dörfer vorher darüber gesprochen, ob sie diese Spielpumpe überhaupt
haben möchten. Niemand ist eine Insel, auch wenn man es manchmal vielleicht gerne wäre. Das ist
wohl ganz normal, aber es führt in die Isolation. Die Entscheidung, wie gesagt, wer mit wem mitfühlt,
wer sein Herz verschließt, wer sein Herz öffnet, wer für die Playpump spendet,
für James Robertson, für den Bettler am Straßenrand, entscheidet jeder jeden Tag aufs
Neue. Man sollte Empathie beziehungsweise Mitgefühl nicht überhöhen. Man sollte auch nicht glauben,
dass sich damit die gesellschaftlichen Probleme lösen lassen. Aber ich bin der festen Überzeugung,
dass der geschärfte Blick und die Frage danach, was jeder Einzelne eigentlich jeden Tag tun kann
im Gespräch mit anderen, im Blick im Supermarkt, was auch immer man tut. Ich glaube, in erster
Linie geht es darum, den anderen wieder wirklich wahrzunehmen als Gegenüber, als Menschen,
als jemand, der anders ist, dessen Perspektive man vielleicht einnehmen kann. Ich glaube,
am Ende wird es die Probleme nicht lösen, aber es hilft, den eigenen moralischen Kompass neu
auszurichten. Damit ist, glaube ich, wir hatten es vorhin auch mit der Selbstliebe schon einiges
gewonnen. Vielen Dank.
