Norbert Blüm - Empathie und Gemeinschaft – unsere Überlebensmittel! - 8. Empathie-Konferenz 2018

DAI Heidelberg
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Empathie und Gemeinschaft – unsere Überlebensmittel!
Nur wir Menschen sind zu Mitleid fähig. Unsere Spiegelneuronen machen es möglich, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit macht uns auf besondere Weise gemeinschaftsfähig. Offen und ungefestigt, wie wir zeitlebens bleiben, stattet uns die Natur allerdings auch mit einer ungeheuren Begabung zur Zerstörung aus. Davor bewahrt uns die Empathie. Sie ist unser Überlebensmittel.
Dr. Norbert Blüm ist Bundesminister a. D. und ein bekannter Sozialpolitiker.
Er sprach bei der Empathie-Konferenz im Rahmen vom International Science Festival Geist Heidelberg 2018.
Alle Infos unter www.geist-heidelberg.de und www.dai-heidelberg.de
Meine Damen und Herren, ich habe den Nachteil, wenn ich etwas nicht weiß und mich einer fragt,
kann ich nicht sagen rot oder schwarz oder man sagt grün.
Ja, Sie haben mir die Frage gestellt, Empathie würde.
Meine Damen und Herren, wenn mich jemand fragen würde, ich hätte Krebs und die Wahl,
ob mir ein Doktor oder ein Roboter die Mitteilung macht, dass ich Krebs hätte,
ich würde den Doktor vorziehen, selbst wenn der Roboter präziser ist.
Warum? Weil der Roboter keine Empathie hat.
Weil ich in den Grenzsituationen des Lebens nicht gern allein bin.
Weil es gut ist, wenn man sich in die Lage eines anderen versetzt und mit ihm leidet.
Das zeichnet uns Menschen aus.
Wir haben, wie kluge Leute herausgefunden, Spiegelneuronen und können uns in andere hineinversetzen.
Diese Eigenschaft, diese Ausstattung ist bei den Tieren nicht vorhanden.
Wir können uns in andere hineinversetzen, deshalb haben wir wahrscheinlich auch das Neandertal überlebt.
Durch Empathie.
Die Roboter hätten wahrscheinlich das Neandertal nicht überlebt.
So gut ist kein Roboter, dass er auf alle diese Herausforderungen, Klima, Essen, Tiere, eine Antwort gewusst hätte.
Es sei denn, er wäre programmiert dafür.
Wäre allerdings schwer.
Denn unsere Neandertaler haben nicht alles gewusst, was sie machen.
Weniger gewusst als der Roboter.
Sie haben sie aber unterstützt.
Sie hatten Mitgefühl.
Das macht uns zu Menschen.
Deshalb ist die Frage, was ist denn eigentlich das Ziel von uns Menschen?
Satra sagt, der Mensch ist seine Wahl.
Das halte ich für eine maßlose Überschätzung der eigenen Existenz.
Ich bin höchstens zu 20 Prozent das Ergebnis meiner Wahl.
Ich habe mir weder die Eltern ausgesucht, noch die Zeit, in der ich lebe.
Und die Frage ist, ob wir nur abhängig sind von dem, was vorgegeben ist.
Oder ob wir auch unser Wesen bestimmen wollen.
Ob wir bestimmen wollen, was wir sein wollen.
Was ist das Streben aller Menschen?
Da haben kluge Leute tausend Jahre drüber nachgedacht.
Aristoteles sagt Glück.
Was ist Glück?
Es gibt Glück in sehr verschiedener Form.
Viele Sprachen haben deshalb auch zwei Worte dafür.
Fortuna, Schicksal, Felicitas, Glückseligkeit.
Glück ist höchst unterschiedlich.
Was, fragt Aristoteles, ist das Ziel des Menschen?
Was wollen wir sein?
Was sollen wir sein?
Aristoteles sagt, ist Lust Erfüllung des Glücks.
Wenn Lust schon Erfüllung des Glückes wäre, sagt Aristoteles,
dann wäre der Ochse, der Trauben frisst, glücklich und unser Vorbild.
Wenn sexuelle Lust der eigentliche Sinn des Lebens wäre,
habe ich auch meine Zweifel.
Der Casanova war ein sehr trauriger Mensch am Schluss.
Der ist sehr unglücklich gestorben.
Wenn die andere Frage ist, Gesundheit.
Wer will schon krank sein?
Wenn ich Geburtstag habe, bekomme ich immer viele gute Wünsche
und die enden alle mit dem Satz, vor allem Gesundheit.
Wieso vor allem?
Vielleicht gibt es noch ein paar Sachen.
Ich kenne Kranke, die vorbildlich sind
und ich kenne Unglückliche, Gesunde.
Geld, wer hat nicht gern Geld?
Ich auch, jedenfalls lieber mehr als weniger.
Aber ist Geld Erfüllung des Glückes?
Ist Geld die Erfüllung, die Vollendung ihres Lebens?
Da haben die alten Griechen auch ein schönes Beispiel.
Wahrheiten werden ja manchmal in Märchen, in Mythen verpackt
und die sind manchmal kluger wie große wissenschaftliche Abhandlungen.
Da gibt es den Mythos von Midas.
Midas erbart sich von Dionysos, dass alles, was er berührt, zu Gold wird.
Alles, was er berührt, zu Gold wird, Geld wird.
Dionysos erfüllte Midas diesen Wunsch.
Schon nach einem Tag lag Midas auf den Knien von Dionysos,
dass er die Erfüllung dieses Wunsches zurücknehme.
Denn alles, was er berührt hat, wurde zu Gold.
Er wäre verhungert und verdurstet, wenn dieses Glück, Geld zu besitzen,
nicht zurückgenommen worden wäre.
Was ist das Wesen des Menschen?
Was wollen, was sollen wir sein?
Unendlich viele Antworten.
Die Aufklärung hat geantwortet, Vernunft.
Der Mensch, Homo sapiens, Krone der Schöpfung.
Wir sind es durch Vernunft.
Und sie hat einen Vernunftbegriff gehabt, der sehr von der Naturwissenschaft geprägt war.
Als die Fähigkeit zu messen, zu rechnen.
Nicht als die Vernunft der Intuition.
Die Vernunft, die auch der Ahnung zugrunde liegt.
Der Vermutung.
Eine kalte wissenschaftlichen Begriffe.
Kogito ergo sum, hat es Karl gesagt.
Ich denke, also bin ich.
Die einzige Gewissheit, die der Mensch hat, dass er denkt.
Ich hätte mal einen Zweifel.
Vielleicht wäre besser zu sagen, ich liebe, also bin ich.
Nicht, ich weiß, also bin ich.
Noch verschärft ist dieses Thema unter der modernen Ausgabe.
Der Mensch ist ein Homo economicus.
Er sucht nur seinen Vorteil.
Herr Krupp hat ja gerade die Philosophie vertreten.
Ich unterstelle ihm, dass er ein besserer Mensch ist, als nur seinen Vorteil zu suchen.
Sonst wäre er nicht so fröhlich.
Wer nur Vorteil sucht, ist nämlich ein trauriger Mensch.
Wenn Sie von morgens bis abends Ihren Vorteil suchen, das ist sehr anstrengend, muss ich Ihnen sagen.
Kein Handschlag, ohne zu überlegen, was bringt er mir.
Kein Lächeln, ohne Hintergedanken.
Lachen darfst du nur, weil Lachen gesund ist.
Welches schreckliche Leben, wenn Sie nur Ihren Vorteil suchen.
Die schönsten Sachen des Lebens, jedenfalls sagen Leute, dass sie was davon verstehen,
haben mit Vorteil suchen gar nichts, aber gar nichts zu suchen.
Das größte Glück der Menschen ist die Liebe.
Und die hat mit Vorteil suchen.
Wenn Sie Ihre Frau oder Ihren Mann unter dem Gesichtspunkt Vorteil aussuchen,
lassen Sie es sein, das Ding ist falsch.
Ich jedenfalls habe meine Frau, die hier sitzt,
nicht nach einer ausgiebigen Kosten-Nutzen-Analyse ausgesucht.
Und trotzdem hat es gereicht.
Was wäre das Schönste, wenn alles berechenbar wäre.
Wenn Sie sagen würden, Karl liebt Anna 2,3 mal mehr als Elisabeth.
Den dürfen Sie nicht zum Standesamt schicken, den müssten Sie zum Psychiater schicken.
Die schönsten und größten Erlebnisse des Menschen sind keine Vorteil suchen.
Geteiltes Glück ist doppeltes Glück.
Geteiltes Leid ist halbes Leid.
In dieser Volksweisheit liegt sehr viel Klugheit, das Teilen glücklich macht.
Liebe ist das paradoxe Erlebnis, dass du etwas hergibst und reicher wirst.
Das geht nicht in den Kopf der Neoliberalen.
Das geht nicht in den Kopf derjenigen, die die Vorteilsuche als das Wichtigste bezeichnen.
Koppe, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank,
hat nach der Finanzkrise gesagt, die Menschen sind doch selber dran schuld,
wenn sie in der Finanzkrise Geld verloren hat.
Sie sind selber dran schuld, man macht nichts, was man nicht verstanden hat.
Man handelt nur mit dem, was man begriffen hat.
Meine Damen und Herren, wenn das die Maxime ist, dann besteige ich kein Flugzeug mehr.
Ich verstehe bis heute nicht, wieso das schwere Ding sich in die Luft erhebt.
Ich mache es, weil ich vertraue.
Und Vertrauen ist etwas anderes als Wissen.
Vertrauen hat etwas mit Empathie zu tun.
Sich in die Situation desjenigen hineinzudenken, dem ich vertraue.
Mit ihm identisch zu werden.
Vorbilder sind nicht das Ergebnis eines Wissensexperiments.
Vorbilder werden gesucht und gefunden, nicht nur mit Verstand, sondern auch mit Empathie.
Ohne Vertrauen würde keine Gesellschaft funktionieren.
Schon Straßenverkehr würde nicht funktionieren.
An der Kreuzung weiß ich nicht, ob der, der von links kommt, weiß, dass ich Vorfahrt habe.
Das weiß ich nicht, trotzdem mache ich es.
Wir sind aufeinander angewiesen.
Ich gehe zu meinem Arzt, der erzählt mir etwas.
Alles.
Alles für mich unverständlich.
Trotzdem, ich vertraue ihm.
Deshalb glaube ich, dass wir uns unseres Glückeswege abwenden müssen von dem Modell des Homo Economicus.
Der Mensch sucht nur seinen Vorteil.
Und alles, was wichtig ist, ist Wissen.
Merkwürdigerweise die großen Wahrheiten Platons, also der Leuchte der abendländischen Philosophie.
Wenn der an die letzten Wahrheiten kam, hat er Bilder gebraucht.
Hat er nicht mehr in der Sprache der Vernunft gesprochen.
Das Höhlengleichnis, der unsere Situation darstellt, das Menschen.
Wir sitzen in einer Höhle, die Sonne kommt durch einen Spalt und wir sehen die Wirklichkeit nur als Schatten.
Das ist ein Bild für unsere Existenz und was wir begreifen.
Kant, einer der Klügsten, hat gesagt, die Notwendigkeit des Handelns gehen weiter als die Möglichkeit des Erkennens.
Wir handeln über unser Erkenntnishorizont hinaus.
Wenn wir nur im Horizont unserer Erkenntnisse handeln würden, wäre die Welt nicht mehr machbar.
Es gibt auch wieder einen alten Mythos, in dem über den Menschen nachgedacht wird.
Epimetheus verteilt im Auftrag von Zeus die Gaben an die Geschöpfe.
Er macht das sehr klug.
Große Tiere gehen langsam, haben wenig Nachkommen.
Kleine Tiere haben schnell viele Nachkommen, die werden nämlich gefressen.
Sie müssen schnell sein, damit sie nicht gefressen werden.
Die einen, da sie im kalten Leben leben können, haben dickes Fell, die anderen dünne Haut.
Ganz unterschiedlich.
Und als Prometheus das Werk besichtigte, von Zeus damit beauftragt, stellte er fest,
dass Epimetheus den Mensch vergessen hatte in der Vergabe von Überlebenseigenschaften.
Er hatte ihn vergessen.
Wir sind ein Mängelwesen, haben inzwischen auch die Anthropologen herausgefunden.
Wir kommen neun Monate zu früh zur Welt, wir sind noch gar nicht fertig.
Wir sind das Schwächste unter allen Lebewesen.
Wie überleben wir? Durch Gemeinschaft.
Wir sind extrem aufeinander angewiesen.
Prometheus half diesem weißen Kind, dem Mensch, indem er ihm das Feuer brachte
und den Verstand, mit dem er sich in der Welt einrichten konnte.
Trotzdem waren die Menschen noch immer hilflos.
Als Einzelkämpfer der Härte des Lebens nicht gewachsen.
Deshalb schlossen sie sich zusammen.
Der Mensch als Sohn Politikon erlebt nur als soziales Wesen.
Der Individualismus ist nicht nur ein Märchen, es ist eine Irrlehre.
Wir sind aufeinander angewiesen.
Von Natur aus, von Haus aus.
Deshalb auch Sohn Politikon.
Ein weiterer Schritt langte immer noch nicht.
Die Städte führten Krieg gegeneinander.
Deshalb das Letzte, Scham und Recht.
Moral.
Scham, was ist Scham anderes als die reziproke Empathie?
Ich schäme mich, weil ich weiß, wie der andere über mich denkt.
Weil der andere sich in meine Situation hineinversetzt und entdeckt, wo ich versagt habe.
Das ist der Grund von Scham.
Das ist die umgekehrte Empathie.
Die Reziproke, die Rückfahrt der Empathie, die ich anderen schicke.
Und Recht.
Recht, dass wir eben nicht nur auf Mitleid, Empathie angewiesen sind.
Sondern, dass es Ansprüche gibt, die fest sind.
Auch der Anspruch eines Betriebsrates übrigens.
Der ist nicht nur der Akt der Barmherzigkeit.
Sondern der Anspruch von sich aus.
Anspruch, die seiner Würde entspricht.
Und Würde ist kein Geschenk.
Wird nicht vom Staat verliehen.
Würde ist das, ich komme noch darauf zurück, was dem Einzelnen zusteht.
Unantastbar.
Deshalb hat er Rechte.
Und das hat die menschliche Gesellschaft zur menschlichen Gesellschaft gemacht.
Vorteilsuche.
Merken Sie nicht, wie wir auch auf die schiefe Bahn gelangen,
wenn der Homo economicus die Leitfigur unserer Zeit wird.
Wenn er der Prototyp wird, an dem wir uns orientieren.
Ist das die Leitfigur?
Wer am besten seine Vorteile sucht?
Das ist der Held der Gesellschaft.
Welcher Abstieg?
Und sind wir nicht dabei?
Werden wir nicht konditioniert als Vorteilsucher?
Was ist der Schnäppchenjäger anderes?
Das ist der für Alltägliche Vorteilsucher.
Es ist sehr anstrengend.
Du musst morgens bis abends auf der Lauer liegen, wo es was billigeres gibt.
Du musst morgens um vier schon aufstehen, um die Kaffeepreise bei Lidl mit denen von Rewe zu vergleichen.
Das ist ein anstrengender Beruf.
Du kannst nämlich nicht nur die Preise vergleichen, du musst auch die Gewichte vergleichen.
Du musst gelernt sein, Schnäppchenjäger.
Im Übrigen, wenn jeder Schnäppchenjäger ist, gibt es keine Schnäppchen mehr.
Das ist so, wie wenn du im Fußballstadion aufstehst, um besser zu sehen, siehst du wirklich besser.
Nur wenn alle aufstehen, kannst du auch sitzen bleiben.
So ist es mit dem Schnäppchenjäger.
Werden Sie nicht, dass wir degenerieren?
Wenn Sie an einem Wettbewerb an der Bundesliga der Schnäppchenjäger mitspielen wollen,
da gibt es einen Test.
Fahrkartenkauf bei der Deutschen Bundesbahn.
Wenn du den bestehst, dann bist du Schnäppchenjäger.
Wenn du montags eine Karte kaufst für die Rückfahrt mittwochs,
sie antritt eine Stunde nach Kauf der Karte mit zwei Koffern unter 30 Kilo und zwei Kindern unter 15,
bekommst du eine Preisermäßigung in Höhe des Fahrpreises,
den deine nicht mitreisende Ehefrau zahlen würde, wenn sie eine Seniorenkarte 50 hätte
und zwar nur an den ungeraten Tagen des Monats auf der rechten Seite des letzten Wagens.
Seid ihr eigentlich verrückt geworden?
Habt ihr eigentlich nichts mehr anderes zu tun als in dieses idiotische Spiel?
Merken Sie nicht, dass Sie nicht ernst genommen werden?
Dass Sie als Konsumentendepp verschaukelt werden von einer Gesellschaft,
die Sie auf die Vorteilssuche von morgens bis abends einschwert.
Und deshalb glaube ich, dass Empathie lieben zu können, Freund sein zu können, Vertrauen zu schaffen,
das Schönste ist, was uns Menschen als Gabe beschert wird.
Ich halte es auch, weil wir das Wirtschaftsthema heute Mittag auch hatten,
die Empathie für wichtig für die Zukunft der Arbeit.
Viele kluge Leute sagen, der technische Fortschritt wird immer mehr Arbeitsplätze kosten.
Die Arbeit wird uns wegschmelzen wie der Schnee unter der Sonne.
Hannah Arendt hat gesagt, der Industriegesellschaft geht die Arbeit aus, das Einzige, von dem etwas versteht.
Bei knauem Zusehen meint sie mit Arbeit in der Tat die Produktion.
Und die, glaube ich, hat Grenzen. Die Erde hat Grenzen.
Das fällt uns nicht so auf, weil sie eine Kugel ist.
Aber wir werden sie nicht unendlich wachstumsteigen.
Sie können die Sahara dann zum Parkplatz machen, wenn wir weiter die Automobilproduktion so steigern.
Die Produktion hat Grenzen. Was keine Grenzen hat, Dienstleistung.
Das ist die Zukunft der Arbeit.
Beraten, miteinander kommunizieren, sprechen miteinander, helfen.
Fast unendlich ist der Bedarf.
Nur, meine Damen und Herren, eine sichere Zukunft ist das nicht,
wenn diese Dienstleistungsgesellschaft unter das Diktat der Vorteilsuche gerät,
wo die Maxime der Dienstleistung die Effizienz ist. Kosten nutzen.
Dann werden die Roboter billiger sein.
Dann müssen wir das der Technologie überlassen.
Wollen Sie eine Dienstleistungsgesellschaft, die keine Diener mehr hat?
Wollen Sie eine Dienstleistungsgesellschaft ohne Menschen?
Wollen Sie Dienstleistung von Maschine zu Maschine?
Soll ein Algorithmus mehr über mich wissen, als ich selber weiß?
Wollen Sie von einer intelligenten Maschine ihr Denken abgenommen?
Dienstleistung, Dienen, braucht einen höheren Stellenwert,
hat etwas mit Empathie als Berufsbild zu tun.
Wer will schon Diener sein? Die Sprache verrät uns.
Es geht uns leicht von der Lippe zu sagen, ein Mensch bedient eine Maschine.
Aber ein Mensch bedient einen Menschen. Das hat schon etwas vom Defizit an sich.
Eigentlich müsste es umgekehrt sein in der Werthierarchie.
Ein Mensch bedient einen Menschen und beherrscht die Maschine.
Das ist die Werthierarchie.
Dienstleistung ohne Empathie, Dienstleistung in einer kalten Technologie,
ist nicht die Gesellschaft, in der ich zu Hause sein möchte.
Pflege, in Japan gibt es bereits automatische Waschanlagen in Pflegeheimen.
Sie dürfen nicht erschrecken, sensibel, wie die Japaner sind,
wird das Wasser lauwarm sein, wahrscheinlich schöne Musik dabei.
Alles sehr sensibel.
Ich jedenfalls würde aber lieber mit einem Pfleger zusammen sein.
Ich würde lieber mir den Puls von einer kranken Pflegerin fühlen lassen,
als von einem automatischen Frequenzzähler.
Der Mensch ist etwas wert. Der Mensch hat Würde.
Er hat Bedarf an Empathie. Er will Empathie spenden und Empathie erfahren.
Das ist unser Überlebensmittel. Wir können degenerieren.
Wo steht denn geschrieben, dass die Evolution immer aufwärts geht?
Es könnte auch rückwärts gehen.
Wir werden in der Lage sein, Menschen nach Maß herzustellen.
Wir werden die Absubstanz bombardieren können.
Wir werden Kinder nach Maß herstellen können.
Wir können die Elternschaft abschaffen.
Das schaffen wir alles im Reagenzglas.
Wir können auf Empathie verzichten.
Eine perfekte Gesellschaft ohne Störung.
Kurzweil, der Guru von Kugeln, arbeitet am Programm Menschheit ohne Tod.
Und er verspricht uns, dass das noch in diesem Jahrhundert geschehen wird.
Wollen Sie das?
Wollen Sie in einem Schlaraffenland ohne Tod leben?
Ich stelle es mir stinklangweilig vor.
Liebe? Keine Chance.
Liebe steht unter der Bedingung, in einer Lebensspanne, die oder keine.
Unendliches Leben, wenn du es heute nicht kriegst, die Maria,
dann in 300 Millionen Jahren, spielt doch keine Rolle mehr.
Warum dann Anstrengung für ein Ziel?
Komme ich heute nicht, komme ich morgen.
Zwei Freunde unterhalten sich.
Der eine unsterblich, der andere in dem großen Roman,
die Menschen sind sterblich.
Und einer sagt zu dem anderen, der unsterblich ist,
ich möchte wie du unsterblich sein.
Dann würde ich die Durchfahrt an der Beringstraße finden.
Nichts würdest du finden, sagt er.
Du hättest gar nicht mehr den Antrieb.
Wollen wir diese perfekte Welt?
Ich bin für Digitalisierung.
Sie wird uns manches abnehmen können.
Aber wenn sie uns auch die Barmherzigkeit abnimmt,
die Freundlichkeit, die Sympathie,
das Aufeinander angewiesen sein,
dann ist dies ein Programm der Barbarei.
Meine Damen und Herren,
haben Sie das nicht alles für so märchenhafte Erzählungen?
Sehen Sie nicht bereits Gefahren,
diese neue Technologie in Grenzen zu halten?
Ich bin vor wenigen Wochen
von Baden-Baden nach Bonn gefahren.
In einem Abteil.
Rechts von mir saß einer, der hat immer so gemacht.
Links von mir saß einer, der hat auch immer so gemacht.
Gegenüber saß einer, der hatte so ein Tablett.
Rechts von dem saß einer, der hat so gemacht.
Links saßen fünf Leute, außer mir.
Alle in ihren Smartphones vertieft.
Kein Wort. Sechs Autisten.
Hätte meine Mutter, die leider tot ist,
wäre sie in dem Zug mitgefahren,
hätte die Tür aufgemacht und gesagt,
Norbert, bist du in der Irrenanstalt angekommen?
Eine Welt ohne Empathie.
Wir haben in Bonn, wo wir wohnen,
in der Nähe einer Schule.
Wenn am Mittag die Schule aus ist,
seh zu, dass sie das Trottwar verlässt.
Es kommt nämlich eine Horte mit Smartphone-Empfängen,
die übernimmt überhaupt kein Gegenverkehr zur Kenntnis.
Die walzt nicht nieder.
Sind das nicht Anzeichen einer Welt, die kalt wird?
Und darauf werden wir nicht antworten können.
Mit Produktion, mit Geld, mit was wir noch alles machen.
Sondern ob wir eine Kultur der Barmherzigkeit,
eine Kultur des Mitleids, der Freundschaft pflegen.
Da glaube ich auch,
dass die Schule für diese Kultur die Familie ist.
Dass das nicht erst im schulischen Alter...
Und sind wir nicht angewiesen, auch in der Politik,
auf Empathie?
Nämlich auf den Versuch,
mit dem Kopf des anderen mitzudenken.
Ohne diese Fähigkeit sind wir nicht kompromissfähig.
Der Kompromiss ist nämlich die große pädagogische Übung,
mit dem Kopf des Gegners zu denken.
Das ist eine der größten Erfindungen der Menschheit.
Vielleicht nur vergleichbar bei der Erfindung des Rates,
mit dem Kopf des anderen zu denken.
Jene Übung wird oft als Schwäche bezeichnet.
Kompromiss zu machen, heißt, es darf keinen Gewinner geben.
Und es darf keinen Verlierer geben.
Denn wenn du einen Kompromiss machst, wo es einen Gewinner gibt,
weil du den anderen reingelegt hast,
dann wird das der erste und letzte Kompromiss sein, den du machst.
Sind wir nicht bei großen sozialen Einrichtungen
auf den Kompromiss angewiesen?
Tarifautonomie, der große Kompromiss
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Mitbestimmung, der große Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit.
Sozialversicherung, der große Kompromiss
zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
Es ist eine Grundstruktur,
dass Miteinander in Partnerschaft,
ziehe ich jedenfalls dem Klassenkampf vor,
der Versuch ist auch schon gemacht worden.
Glück hat er nicht gebracht.
Ich behaupte, dass die Durchsetzer die Welt mehr gefährdet haben,
als die Kompromissfähigen.
Die größte Gefahr sind diejenigen,
die ohne Kompromiss wissen,
was die Wahrheit ist
und deshalb über Leichen dieser Wahrheit folgen.
Die großen Ideologen,
die die Welt mit Heilsversprechungen überschwemmen,
den Himmel auf Erden versprachen.
Sie haben alle die Hölle gebracht.
Bleibt bei dem Imperfekten,
bei dem Nichtvollkommenen,
zu der die Empathie unser führt.
Es bleibt noch die Frage, was ist Würde?
Weil das Wort und der Begriff
so schwer zu deuten ist,
beziehe ich mich wieder auf Immanuel Kant.
Im Reich der Zwecke hat alles seinen Preis.
Was aber einen Preis hat,
an dessen Stelle kann auch etwas anderes
als Äquivalent gesetzt werden.
Was dagegen über den Preis Erhabene ist,
mithin kein Äquivalent hat,
das hat Würde.
Würde beschreibt die Einmaligkeit des Menschen.
Beschreibt seine herausragende Stellung im Kosmos.
Es mag jeder begründen,
wie Sie sehen,
fallen Begründungen schwer.
Es mag jeder begründen, wie er will.
Ich sehe in der Idee der Mensch
als Abbild Gottes
eine der stärksten Stützen
der Würde des Menschen.
Und diese Würde zu stützen,
das ist unsere Aufgabe.
Diese Würde jedem zusteht.
Im Grundgesetz heißt es,
die Würde des Menschen ist unantastbar.
Es heißt nicht die Würde der Deutschen.
Es heißt die Würde der Menschen.
Der Menschenrechte.
Folter.
Es gibt keinen Grund,
Menschen zu foltern.
Ich muss nicht darüber diskutieren, warum.
Es gibt keinen Grund.
Ich hatte ein Erlebnis,
das ich bis an mein Lebensende
nicht vergessen werde,
mit dem Diktator Pinochet
in den Streit zu geraten.
Es ging um 16 zum Tote Verurteilte.
Die Urteile waren mithilfe von Folter
zustande gekommen.
Ich wusste es, weil ich mit den Angehörigen gesprochen hatte.
Es war in Santiago in Chile.
Ich war gut vorbereitet.
Eine Frau kam unter Schluchzen kaum zu Bord.
Denn sie hat sich beschuldigt,
die Gründe für das Todesurteil
ihres Mannes geliefert zu haben.
Auf ihre Aussagen basierte das Todesurteil.
Die Aussagen kamen zustande,
weil ihr neugeborenes Kind
nackt ihr auf den nackten Leib gelebt wurde
und der Verhöroffizier
auf dem Rücken des Kindes
seine glühende Zigarette ausdrückte.
Die Frau hat alles gesagt,
was der Verhöroffizier hören wollte.
Das habe ich unverblühen
dem Pinochet gesagt und gefragt,
ob er sich darauf berufen würde.
Oder kam Gloria Quintana.
Ich hatte sie im Krankenhaus besucht.
Sie war von den Schergen Pinochets
mit Benzin überschüttet
und abgefackelt.
Sie hat sich selber angezündet,
zichte die Schlange Pinochet.
Ich antworte, dann müssen Sie auch noch erklären,
wieso Gloria Quintana 16 Kilometer vor Santiago
in einem Straßengraben mit ihrem Freund gefunden wurde.
Sind die beiden als Brandfackel dahingelaufen?
Es ging manchmal mit Schreien,
manchmal gesäuselt.
Einmal sagte er, mein Freund Rudel hat gesagt,
Hitler hat nur einen Fehler gemacht,
dass er den Krieg verloren hatte.
Das habe ich durchschaut.
Er wollte mich provozieren
und von dem Menschenrechtsthema abzubringen.
Nun kommt die Stelle,
warum ich das Ganze so ausführlich erzähle.
Plötzlich hielt Pinochet ein,
wies mit einer Hand
auf ein hinter ihm hängendes Kreuz
und sagte, vor dem bete ich jeden Tag.
Er machte dazu ein Gesicht,
als wollte er sagen, was sagst du jetzt?
Ich habe ihm darauf geantwortet,
Herr Präsident, das wird Ihnen auch nicht helfen.
Denn jeder,
jeden, den Sie umbringen ließen,
kennt der, vor dem Sie beten.
Er kennt jeden mit Name,
Anschrift und Uhrzeit.
Und er wird Sie nach jedem fragen,
was hast du dem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan?
Und keine Präsidentenschärfe
wird Ihnen die Arbeit, die Antwort abnehmen.
Ich habe nie mehr in meinem Leben
einen Menschen so in Sekundenschnelle verändert.
Es war mir, als würde Angst
über seinen Augen liegen.
Er stand auf,
ging schweigend zur Tür,
zum Schreien keine Kraft mehr,
sagte an der Tür, ausgerechnet,
ihr Deutschen, Auschwitz.
Ich habe ebenso leise gesagt,
gerade deshalb, Herr Präsident,
zum Schreien keine Kraft mehr,
die Kür ging leise zu.
Was mir in Erinnerung bleibt,
ist nicht die Idee,
dass alle Menschen über ihr Leben
irgendwann Rechenschaft abgeben müssen.
Und dass kein Reichtum,
keine Intelligenz,
kein Ansehen, kein Prestige
Ihnen die Arbeit, die Antwort abnehmen wird.
Ist das nicht auch eine Stütze
der Menschenwürde,
der Verteidigung jedes Menschen,
der Anspruch auf seine Würde hat?
Vielen Dank.
