Carl von Clausewitz - Die Philosophie und der Krieg

Philosophie
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2 Videoaufrufe·02.11.2024
Was ist der Krieg? Und wieso tendiert er in der Moderne oft zur äußersten Gewalt? Antworten darauf gibt es bei einem Klassiker der Militärtheorie: Carl von Clausewitz. Ein Denker, der das Verhältnis von Krieg und Politik auslotet und dessen Theorie heute wieder erschreckend aktuell geworden ist.
Autorin: Jerzy Sobotta
Was ist der Krieg? Und warum tendiert er oft zu äußerster Gewalt?
Antworten darauf gibt es bei dem Klassiker der Militärtheorie Karl von Clausewitz.
Ein Denker, der das Verhältnis von Krieg und Politik auslotet und dessen Theorie heute wieder erschreckend aktuell geworden ist.
Es gibt Stunden, in denen die Geschichte plötzlich über das Leben der Menschen hereinbricht und alles verändert.
Einer dieser Momente war die Nacht zum 24. Februar 2022.
Der russische Präsident Putin hat eine Militäroperation auf ukrainischem Gebiet angekündigt.
Er habe die Entscheidung getroffen, sagte er in der Nacht in einer Fernsehansprache.
Wir haben eine militärische Spezialoperation eingeleitet.
Russland hat unser Land am frühen Morgen brutal angegriffen, so wie es Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs tat.
Für die Ukraine hat Russlands militärischer Großangriff unermessliches menschliches Leid gebracht.
Für Europa hat er eine Idee zerstört, die Idee einer europäischen Friedensordnung.
Der Krieg ist zurück und er scheint die Welt in sich hineinzuziehen.
Doch was ist Krieg? Wie bricht er aus? Und wieso führt er immer wieder in die äußerste Gewalt?
Das sind Fragen, die sich auch Karl von Clausewitz gestellt hat, der wohl wichtigste moderne Theoretiker des Krieges.
Ein preußischer Offizier, der viele Kriege gesehen und sein ganzes Leben über sie nachgedacht hat.
Also im Prinzip würde ich sagen, Clausewitz ist ein verkleideter Intellektueller,
der versucht ja im buchstäblichen Sinn das Wesen des Krieges, nicht seine Erscheinung, sondern das Wesen des Krieges gedanklich zu erfassen.
Das sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Clausewitz.
Vom Kriege heißt das dicke Buch, in dem der Preuße posthum seine Gedanken über den Ursprung und die Natur des Krieges hinterlassen hat.
Ein fast 200 Jahre alter Wälzer, den man heute wieder lesen muss.
Sagt Herfried Münkler.
Ein intellektuelles Abenteuer ist in Zeiten, in denen allgemein Frieden herrscht, eine politische Erkundungsfahrt.
Es ist hingegen in Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, der Krieg drängt von vielen Seiten auf uns herein.
Und wir kommen nicht weiter, wenn wir uns hinstellen und sagen, aber du bleibst draußen.
Also Clausewitz gibt uns Kategorien an die Hand, mit denen wir auch in eine bedrohliche und gefährliche Welt hineinschauen können.
Und sie überwältigt uns nicht, sondern wir durchdringen sie mit der Kraft des Gedankens.
Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.
Ja, dies ist eine Zäsur, tiefe Zäsur und wir spüren das bis ins Mark. Sie, Ihre Familien und auch ich selbst.
Der Krieg als Zäsur. Er hat in ganz Europa den Glauben erschüttert, dass mit dem Fortschritt der Frieden kommt.
Plötzlich ist sie zurück, die Angst vor einem Zustand der nackten Gewalt.
Wie umgehen mit ihr? Was offenbart der Krieg über unsere Gesellschaft?
Um einige Antworten zu bekommen, können wir zurückgehen zum Ursprung des modernen Krieges.
Zurück in die Zeit von Karl von Clausewitz.
Auch er erlebt eine Welt in Aufruhr. Geboren 1780. Zu Beginn der Französischen Revolution ist er gerade einmal neun Jahre alt.
Drei Jahre später tritt er bereits in die Preußische Armee ein, um Offizier zu werden.
In diesem Jahr beginnt der Revolutionskrieg Frankreichs gegen die europäischen Königtümer
und mit ihm ein über zwei Jahrzehnte andauernder europäischer Großkrieg um die Zukunft des Kontinents.
Clausewitz sieht diesen Krieg schon mit 13 in den Schützengräben von Mainz.
Er sieht ihn als junger Offizier in der großen Schlacht vor Jena und Auerstedt, als Preußen verheerend geschlagen wird.
Und er sieht ihn 1812, als er im Dienste Russlands gegen Napoleon kämpft.
Er sieht, wie dessen 600.000 Mann starke Armee im russischen Winter von Hunger, Frost und Kanonen aufgerieben wird.
Über 20 Jahre Krieg und die Umwälzung der politischen Ordnung in ganz Europa.
Etwas an diesem Krieg hat sich fundamental verändert.
Was genau es ist, darauf sucht Clausewitz sein Leben lang nach einer Antwort.
Es hat etwas mit der Natur des Krieges in der Moderne zu tun.
Auf dem Schlachtfeld beobachtet er bei den französischen Soldaten eine noch nie dagewesene Energie- und Kampfbereitschaft.
Es ist die Hingabe an die Sache der Revolution, die sie von einem Sieg zum nächsten eilen lässt.
Der Krieg war urplötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden,
und zwar eines Volkes von 30 Millionen, die sich alle als Staatsbürger betrachteten.
Im Kampf ums Überleben erlässt die Junge Republik 1793 eine Wehrpflicht, die Levé-en-Masse.
Es ist die erste Wehrpflicht in Europa, die hunderttausende begeisterte junge Männer zu Soldaten macht.
Statt Diplomatie und den Kabinettstischen der Monarchen ist es nun Propaganda für Millionen, die über Sieg und Niederlage entscheidet.
Im entfesselten Krieg der politischen Ideologien kämpfen ganze politische Systeme ums Überleben, um Sein oder Nichtsein.
Diese Erfahrungen lassen Clausewitz völlig neu über den Krieg nachdenken.
Dabei leitet ihn eine wichtige Einsicht, sagt Herfried Münkler.
Nicht waffentechnische Innovation, nicht technologische Neuerungen sind entscheidend dafür,
dass eine Seite überlegen ist und die andere unterliegen, sondern der politische Wille,
die Opferbereitschaft und Leidensbereitschaft einer Bevölkerung, letzten Endes die politischen Konstellationen,
die Durchhaltefähigkeit, die Opferbereitschaft, entscheidet einen Krieg.
Das ist schon ein gewichtiger Punkt, den er damals gesehen hat und der im weiteren Sinne bis heute Gültigkeit hat.
Die Ukrainer und ihr Mut haben die ganze Welt besehnt.
Sie haben der Menschheit eine neue Hoffnung gegeben, dass die Gerechtigkeit unsere zynische Welt nicht endgültig verlassen hat,
dass nicht die Gewalt siegt, sondern die Wahrheit, nicht das Geld, sondern die Werte, nicht Öl, sondern Menschen.
Den Kampf um die Emotionen seines Volkes und die seiner Verbündeten hat der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyy schon in den ersten Wochen des Krieges gewonnen.
Ein wichtiger Sieg, denn wenn Emotionen und Ideen das ganze Volk ergreifen, dann wirken sie wie blinder Naturtrieb, schreibt Clausewitz.
Sie setzen die Energie des Kampfes frei und die Energie der Gewalt.
Für ihn eine durch und durch ambivalente Größe, unverzichtbar im Krieg, aber mitunter auch unkontrollierbar und unsteuerbar, mit einem Hang zum anarchischen.
Doch es ist nicht nur politische Propaganda, die in der Moderne ganze Nationen in einen Strudel der Gewalt hineinreißt.
Es ist die Logik des Krieges selbst.
Clausewitz versucht, diese Dynamik der Enthemmung bereits in seiner Definition des Krieges zu erfassen.
Dafür entwirft er folgendes Bild.
Man stelle sich zwei Ringende vor, die sich im Zweikampf befinden.
Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen.
Sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen.
Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.
Diese Definition ist das Herzstück der Theorie des Krieges von Clausewitz.
Im Krieg geht es darum, dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen, mit nackter Gewalt.
Weiter heißt es, die physische Gewalt ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck.
Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung.
Vom Krieg erfasst, kann sich keiner der Gegner mehr aus ihm herausziehen, ohne den anderen zu unterwerfen.
Hieraus ergibt sich eine eigentümliche Tendenz zur Eskalation der Gewalt, zur Verlängerung des Blutvergießens.
Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen.
So gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum Äußersten führen muss.
Es ist die berühmte Gewaltspirale, das Wettrüsten, das schnelle Auflodern von bewaffneten Konflikten.
Einmal in Gang gesetzt, ist sie nur noch schwer zu stoppen.
Clausewitz findet drei eskalierende Faktoren, die diese verhängnisvolle Wechselwirkung antreiben.
Erstens, wer mehr Gewalt anwendet, der ist im Vorteil. Das gilt für beide.
Zweitens, man muss den Gegner wehrlos machen und ihn dauerhaft schwächen.
Andernfalls schlägt er zurück. Damit zwingen sich beide, gegenseitig aufs Ganze zu gehen.
Das Maß der Enthemmung bestimmen nicht sie selbst, sondern jeweils der Gegner.
Und drittens, die Feinde schätzen die Widerstandskraft des anderen ab, und jeder will sie übertreffen.
Diese Logik der Gewalteskalation kann bis zur völligen Vernichtung der Gegenseite führen.
Clausewitz nennt das den absoluten Krieg.
Er führt den Begriff des absoluten Krieges ein, um die zunächst einmal Denkmöglichkeit einer Steigerung bis zum Äußersten einzuführen und dann hinzuzufügen,
dass das auch Wirklichkeit wird oder in die Wirklichkeit hereinspielt. Davon müssen wir ausgehen.
Erläutert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.
Aus Clausewitz' Begriff heraus kennt der Krieg also keine Mäßigung.
Doch der absolute Krieg beschreibt mehr die logische Tendenz des Krieges, die Richtung, die er seinem Begriff nach nimmt.
Tritt der Krieg aber in die Wirklichkeit, so wird er sogleich ausgebremst und abgeschwächt.
Denn dort wirken drei moderierende Tendenzen.
Erstens, Feinde kennen und beobachten sich.
Sie wissen um die Schwächen und Ressourcen des Gegners und können abschätzen, wie weit er gehen kann. Das mäßigt auch die Gegenseite.
Zweitens, an die Stelle der Furcht vor einem Totalangriff tritt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, was der Gegner wo und wie einsetzen wird.
Und drittens, Eskalationen können unterlassen werden als politisches Zeichen an die Gegenseite, dass man nicht aufs Äußerste geht.
Trotz allermäßigenden Tendenzen der Wirklichkeit, der fast 20-jährige Krieg Frankreichs gegen den Rest Europas ist für Clausewitz besonders.
Hier hat sich der wirkliche Krieg dem absoluten Krieg in beunruhigender Weise angenähert.
Es ist ein Krieg aufs Äußerste, in dem sich bereits düster das Millionensterben der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ankündigt.
In ihnen trifft die politische Massenmobilisierung dann auf industrielle Massenproduktion, Hinterlader, Maschinengewehre, Giftgas, Panzer, Bomber und letztlich die Atombombe.
Clausewitz hat diese verhängnisvolle Dialektik des Fortschritts bereits mitgedacht. Er schreibt,
Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt,
so muss der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut.
Der Fortschritt der Intelligenz und der Gebrauch der Gewalt stehen also nicht im Widerspruch zueinander.
Das ist auch ein Urteil über die Aufklärung. Für Clausewitz wäre es falsch zu denken, dass der Prozess der Zivilisierung zu einer Abmilderung der Gewalt führt.
Das nennt er sogar den Irrtum der Gutmütigkeit. Der Fortschritt geht vielmehr mit einer immer raffinierteren Entwicklung der Waffen einher.
Damit setzt sich Clausewitz ab von dem Philosophen Immanuel Kant, dessen eifriger Leser er ist.
Gunnar Hindrichs, Philosophieprofessor an der Universität Basel, erläutert,
Die kantische Geschichtsphilosophie ist unter die Idee des Friedens gefasst. Friede als letzter Gesichtspunkt, unter dem menschliche Geschichte begriffen werden kann,
auf den hinzulaufend menschliche Geschichte gedeutet werden muss, und das bedeutet für Kant die zunehmende Verrechtlichung menschlicher Verhältnisse.
Über das Recht und den Frieden macht Clausewitz sich nur wenig Gedanken.
Für den Theoretiker des Krieges wäre Frieden vermutlich nur eine zeitweise und brüchige Abwesenheit von Krieg.
Krieg ist für ihn vielmehr ein menschliches Faktum, das es zu verstehen und zu meistern gilt.
Und da könnte man sagen, dass Clausewitz diese Art von Versöhnung in der starken Emphase nicht kennt.
Zwar ist Clausewitz ein Zeitgenosse Goethes und Hegels, doch sein Denken ist eigentlich bereits nachklassisch, sagt Gunnar Hindrichs.
Clausewitz ist ein politischer Realist. Die Gewalt des Faktischen hat alle geschichtsphilosophische Spekulationen auf einen versöhnten Menschheitszustand verdrängt.
Und trotzdem kann man bei Clausewitz erfahren, wie der Krieg eingehegt werden könnte.
Der wichtige Begriff dabei ist aber nicht der Friede, sondern die Politik.
Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
Das ist der zentrale Satz, der von Clausewitz bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Mit anderen Worten, den Krieg versteht man nur, wenn man ihn von der Politik her denkt.
Der Krieg ganzer Völker geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen.
Er ist also ein politischer Akt.
Krieg ist also kein ewiger Zustand des Seins, keine Naturgewalt, die plötzlich über den Menschen hereinbricht,
sondern er ist eine bewusst herbeigeführte politische Entscheidung.
Gunnar Hindrichs greift diesen Gedanken auf.
In seinem Buch »Abseits des Krieges« schaut er aus der Perspektive der Philosophie auf die neue Aktualität des Kriegs in Europa.
Und auch der berühmte Clausewitz-Satz taucht darin auf, dass der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei.
Das heißt, Fortsetzung heißt nicht Absage von, heißt nicht brechen mit, sondern heißt weiterführen.
Und dieses Weiterführen erfolgt natürlich mit anderen Mitteln.
Das heißt, es kommt etwas Neues hinzu.
Da werden schon andere Mittel eingemischt, aber gleichzeitig wird eben das Politische fortgesetzt.
Das heißt, wir gehen nicht aus dem politischen Raum raus,
sondern er bleibt der Horizont, in dem der Krieg zu verstehen ist und von dem her begrifft werden muss.
Die Politik setzt den Zweck des Krieges.
Sie durchzieht ihn und übt fortwährend Einfluss auf ihn aus.
Und der Krieg selbst ist bloß ein politisches Instrument.
Für Gunnar Hindrichs steckt hier der Schlüssel für das moderne Verständnis des Militarismus und seiner Gefahren.
Das ist für mich das Interessante, dass wir tatsächlich die beiden großen gesellschaftsphilosophischen Interpretationen unserer bürgerlichen Welt
von diesem Satz her unterschiedlich lesen können.
Also lesen wir ihn einmal von rechts nach links oder von links nach rechts.
Da wäre zum einen das Verständnis, das Liberale und Konservative miteinander teilen.
Militarismus entsteht dann, wenn sich das Gewaltmittel des Krieges über das politische Denken ausbreitet und es erdrückt.
Wenn Krieg zum Selbstzweck wird.
Totalen Krieg nannte das Erich Ludendorff, ein wichtiger General im Ersten Weltkrieg,
und wenige Jahre später Nazi-Propagandist Josef Goebbels.
Alle Teile der Gesellschaft werden hier in den Bann des Krieges hineingezogen.
Landwirtschaft, Industrie, Finanzen, Wissenschaft, Kirche und die Politik.
Die Lehre aus der Katastrophe der beiden Weltkriege heißt, der Krieg ist ein Handwerk.
Er muss von der Staatskunst eingehegt und eingegrenzt werden.
Deswegen hat die Bundesrepublik eine Parlamentsarmee und bezeichnet ihre Soldaten als Bürger in Uniform.
Das nennt Gunnar Hindrichs die liberal-konservative Militarismuskritik.
In ihr kommt Staatskunst prinzipiell auch ohne Krieg aus.
Und die andere Seite würde sagen, das ist genau die Illusion.
Die bürgerliche Gesellschaft ist so verfasst, dass sie gar nicht ohne Krieg auskommen kann.
Dass die bürgerliche Staatskunst immer schon an die Durchführung und Aufrechterhaltung jener sozioökonomischen Zusammenhänge gebunden ist,
die gar nicht ohne Gewalt auskommen.
Das heißt, sie birgt selber bereits Gewalt und damit auch die Gewalt des Krieges in sich.
Das nennt Hindrichs die linke oder sozialistische Kritik am Militarismus.
Diesem Verständnis nach ist Gewalt nicht ein Mittel, das zur Politik äußerlich hinzukommt,
sondern die ökonomische Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft ist selbst latent gewaltförmig.
Durch wirtschaftliche Ausbeutung und die Unterdrückung von Klassen und Völkern zur Steigerung des Profits.
In einer ähnlichen Weise hatte auch der französische Philosoph Michel Foucault den Satz von Clausewitz umgedreht.
Die Politik sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.
Demnach ist es die latente Gewalt der Verhältnisse, die im Krieg augenscheinlich wird und den Schein der alltäglichen Zivilität zerreißt.
Aus dieser Perspektive lässt sich auch die Theorie von Clausewitz verstehen.
Sie führt Folgendes vor Augen.
Menschliches Handeln, das auf Konflikt und Konfrontation ausgelegt ist, führt in letzter Konsequenz in den Krieg.
Bis zur totalen Unterwerfung und Vernichtung des Gegners.
Doch damit birgt die Theorie auch ihr Gegenteil, sagt der Philosoph Gunnar Hindrichs.
Die Möglichkeit des Friedens.
Durch die Betonung des Extremalprinzips Gegenhandeln ermöglicht Clausewitz uns zu verstehen,
was die Überwindung des Krieges und auch der kriegerischen Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft darstellt.
Nämlich menschliches Miteinanderhandeln und von diesem Miteinanderhandeln her die menschliche Gesellschaft zu verstehen.
Das steht so nicht in Clausewitz drin, aber das ist dasjenige, was er uns ermöglicht zu begreifen.
Derart gegen den Strich gebürstet lässt sich also auch in Clausewitz ein utopischer Kern freilegen.
Allerdings nur, wenn Clausewitz in seinem radikalen Realismus ernst genommen wird.
Denn Miteinanderhandeln darf nicht in dem Irrtum der Gutmütigkeit münden, warnt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.
Mit anderen Worten, der Verzicht auf Gewalt ist historisch nicht verbürgt.
Und selbst wenn alle darauf verzichten, dieses Mittel einzusetzen, es genügt ein einziger unter ganz vielen,
der es gebraucht, um die anderen zu zwingen, es auch zu gebrauchen, wenn sie nicht von ihm unterworfen werden wollen.
Ich befehle dem Verteidigungsminister, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in einen besonderen Kampfmodus zu versetzen.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat zwei große Illusionen zerstört, sagt Herfried Münkler.
Erstens, dass ein großer Krieg in Europa der Vergangenheit angehört,
dass der historische Fortschritt eine bleibende Friedensordnung auf dem Kontinent errichtet hat und der Krieg dem Handel gewichen ist.
Und zweitens, dass im Zeitalter der Atombombe ein großer Landkrieg nicht mehr möglich ist.
Damit hat dieser Krieg Grundsätzliches in Frage gestellt.
Und Klausewitz kann dabei helfen, sich in dieser neuen, eigentlich ganz alten Realität zu orientieren.
Wenn die verantwortlichen Politiker in Berlin Klausewitz gelesen hätten,
dann hätten sie nicht so gezögert und herumlaviert, erstens der Ukraine Waffen zur Verfügung zu stellen, die sie braucht,
um sich zu verteidigen und zweitens die Rüstungsproduktion hochzufahren,
weil relativ früh klar war, das ist kein Niederwerfungskrieg, das ist ein Abnutzungskrieg.
Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.
Der berühmte Satz von Karl von Klausewitz, dem preußischen Kriegstheoretiker.
