In unserer Lesestunde wiederholen wir in dieser Woche eine Lesung des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp. In seinem bisher noch unveröffentlichten Roman „Archipelagus 2 - Lava“ bricht im September 2015 eine Flüchtlingskrise über den Stadtstaat Treva herein. Die Herausforderungen sind groß. Jeder Behördenmitarbeiter, der irgend entbehrlich erscheint, wird ins Amt für Migration und Fortschritt zitiert, um dort bei der Bewältigung der Aufgaben zu helfen. Als das Chaos unbeherrschbar scheint, schaltet sich die Tausendundeinenachtabteilung ein. Der operative Vorgang »Sindbad« wird ins Leben gerufen. „Archipelagus 2 – Lava“ wird voraussichtlich 2025 im Suhrkamp-Verlag erscheinen.
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In der Lesestunde wiederholen wir in dieser Woche eine Lesung des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp.
In seinem bisher noch unveröffentlichten Roman Archipelagus II, Lava, bricht im September 2015 eine Flüchtlingskrise über den Stadtstaat Treva herein.
Die Herausforderungen sind groß. Jeder Behördenmitarbeiter, der irgendentbehrlich erscheint, wird ins Amt für Migration und Fortschritt zitiert, um dort bei der Bewältigung der Aufgaben zu helfen.
Als das Chaos unbeherrschbar scheint, schaltet sich die Tausend-und-eine-Nacht-Abteilung ein.
Der operative Vorgang Sintbad wird ins Leben gerufen. Archipelagus II, Lava, wird voraussichtlich 2025 im Surkamp Verlag erscheinen.
14.09.2015, Montag. Erster Tag im Amt für Migration und Fortschritt, Ampf, Orient Express.
Die Operation Gold hatte die Tausend-und-eine-Nacht-Abteilung und die trevische Nachrichtenagentur erreicht.
Nach einigen Teils heftigen Auseinandersetzungen in der trevischen Nachrichtenagentur wurden nun die Verhältnisse gewogen.
Es ging um Verhältnismäßigkeiten. Es schien gewisse sogenannte Zielkonflikte zu geben.
Der Colonel konnte es mit bestimmten journalistischen Prinzipien nicht vereinbaren, Anweisungen von oben entgegenzunehmen.
Er ließ sich von Außenstehenden gar dem Kanzleramt nichts vorschreiben.
Er entscheide selbst, wie er über die Krise und nicht nur über sie berichte.
Er sei stolz darauf, der vierten Gewalt unseres demokratisch verfassten Staatswesens anzugehören.
Es sei eine der Aufgaben der Presse, überhaupt der Medien, die Gewalten im Staate zu kritisieren,
ja Kritik überhaupt und unablässig, ohne ansehender Sache oder der Person,
im Sinne der Wahrheitsfindung und so der Herstellung besserer Verhältnisse,
sei eine der für den Erhalt der Demokratie unverzichtbaren Grundlagen journalistischer Arbeit.
Orient Express nannte uns der trevische Volksmund nach dem Prinzip R, Rotation,
abgeordnet aus allen trevischen Behörden.
Die 1001 Nacht Abteilung wusste, dass die Operation Gold in die sogenannte Flüssigphase geriet.
In der Flüssigphase nichts Direktschriftliches, das hieß Schriftliches nur im Notfall.
Direkte Kommunikation, mündliches Referieren, mündliches Wiederholen der wichtigsten Anordnungen,
kurze Dienstwege, Telefonate über die geschützten Leitungen oder über Diensthandys,
SMS nur zur Klärung der äußersten Sachverhalte.
Die Operation begann nicht mit einem Paukenschlag oder Trompetenstoß,
sie verzweigte sich in die trevischen Behörden, durchdrang die Mauern wie es nur Gerüchte vermögen,
breitete sich auf den Fluren, schlich in die Diskussionen, in die behördeninternen Vorgänge,
kaperte die Kantinengespräche, immer ein Zeichen für grundlegende Veränderungen,
beeinflusste den gesamten Dienstablauf.
Die öffentliche Verwaltung fühlte sich alleingelassen mit der ungewohnten Situation.
Der Dienstweg ist der Dienstweg, da bleibt wenig Spielraum für Behördenfantasie,
unvorhergesehenes, gar Improvisation.
Unsere trevischen Behörden sind der Improvisation nicht abgeneigt.
Der Aufgang des WUWU-Sterns Wirtschafts- und Währungsunion und des WB-Projekts Westliche Werte bewies es.
Das geschichtsphilosophische Kombinat, die Treuhand.
Es gibt sie, die Abweichung vom Pfad, wie gesagt wird.
Behörden sind kreativer, als so mancher, der nur flüchtig mit ihnen zu tun hat, glaubt.
Beamte sind keine Maschinen.
Es heißt sogar, der Beamte sei der letzte im Grunde freie Mensch des Westens.
Die Flüssigphase ist eine Phase, in der nichts so ist, wie es sein soll.
In der das Amt für Migration und Fortschritt von normaler Tätigkeit so weit entfernt war, wie das Sperrling vom Aussterben.
Vorsicht, sagten unsere Vogelkundler, auch die Wandertaube war noch unlängst ein Sperrling,
in der die üblichen Abläufe auf das Übliche in den Abläufen hin untersucht wurden,
weil sie jene schwarz-weißen Externen, die auf Effizienz getrimmt sind,
im Üblichen das Haupthindernis erblickten.
Wir vom Orient Express wurden im sogenannten Qualifizierungscenter eingewiesen.
Das Amt hatte schon vor den Externen erkannt, dass in der Bezeichnung Center,
für einen schlecht belüfteten Raum mit PowerPoint, Gestühl und dem Foto eines glücklich dreinblickenden,
weil zu uns geretteten Flüchtlingsmädchens an der Wand, ebenso viel Dynamik wie Fortschritt steckte.
Schon das englische Center, das viele Trevaner bevorzugten,
hatte nicht die Wirkung wie das amerikanische Center,
mit seinen Anklängen an Basketball, Baseball, Zupacken.
Vorne stand der Coach, er wollte es gründlich machen,
ausführlich, wie es sich für eine trevische Behörde
und erst recht eine so ehrgeizige wie das Amt gehörte.
Der Coach hob Arme und Stimme.
Asyl, Asylsuchender, zuständige Aufnahmeeinrichtung,
persönliche Asylantragstellung, Prüfung des Dublin-Verfahrens.
Der Coach empfahl, die sogenannte Du-bist-da-App des Amts herunterzuladen.
Er zählte die Schutzformen auf,
Asylberechtigung, Flüchtlingsschutz, subsidiärer Schutz, Abschiebungsverbot.
Als seine Mitarbeiterin unterbrach, wo wir denn blieben,
wir sollten uns gleich auf die Referate verteilen.
Obwohl das Amt offiziell dem Wirtschaftsministerium
Wimini zugeordnet ist, beansprucht es Selbstständigkeit.
Wie so oft ist das eine Frage des Standpunkts.
Selbstständigkeit wovon?
Wer ist in diesem Sinn schon selbstständig?
Und Selbstständigkeit wofür?
Wer ist in diesem Sinn schon frei?
Das Amt existiert seit den 50er Jahren,
kümmerte sich einst um die Ostübersiedler.
Die Zentrale liegt im C- und D-Block im ehemaligen Luftfahrtministerium.
In dem auch das Finanzministerium Wimini untergebracht ist.
Das Wimini in Sichtweite dazwischen die Schwarze Schwester,
ein trägfinsterer Seitenarm des Elbischen Flusses.
Man hat das Personal des Amts um 200% aufgestockt.
2800 Mitarbeiter im Mai 2015.
Im nächsten Jahr, so erfuhren wir unterwegs,
sollte es rund 7000 Stellen geben, die meisten befristet.
Clara sah in ihre Tasche,
hob die Knubbelpflanze aus dem Relampago ans Licht.
Sie brauche das in neue Umgebung, etwas Vertrautes, Lebendiges.
Wir wandten uns ratlos zu den von Andrängenden,
Hunderten, ja Tausenden Andrängenden, offengehaltenen Türen.
Die Sachbearbeiter in den Referaten, die Referenten sahen nicht auf,
ich war mir nicht sicher, ob wir sie sahen.
Die Zimmer zugestopft, die Telefone belagert,
Menschen wedelten mit Papieren, Dolmetscher wurden ausgerufen.
Ein Mann im dunklen Anzug mit hellgrüner Krawatte winkte uns.
Ob wir ihm zugeteilt seien, ob wir die Quali schon durchlaufen hätten?
Dann könnten wir doch gleich mal die neuen Antragsteller
zur medizinischen Untersuchung begleiten.
Ob noch irgendjemand B18 habe,
rief er über die Köpfe der Wartenden hinweg, die ihn anstarrten.
Das B18-Formular befasste sich mit Formen und Folgen
des Wechsels von Zuständigkeiten.
Referatsleiter Kaczmarczyk wollte die Handys einziehen,
um sie auslesen zu lassen und für die Behördenkommunikation zu nutzen.
Alle Flüchtlinge haben Handys.
Wenn es an Handys scheitert, sagte Klara und suchte nach einem Platz
für die Knubbelpflanze, wir haben neulich einen Container
mit taiwanesischen Schmuggelhandys beschlagnahmt.
Ich könnte zumindest fragen.
Eine Frauenstimme rief, auf Wikipedia gebe es nichts über Volgapolen.
Angeblich existierten Volgapolen, ähnlich wie die volgadeutschen
und die Krim-Tataren.
Sie habe es einem Mitarbeiter von D-74-204 auf der Karte gezeigt.
Er habe sich um einen Dolmetscher bemüht.
Es sei dann auf Englisch gegangen.
Der Mann ist mit dem Flugzeug gekommen wie ein Geschäftsmann oder Tourist.
Ohne Papiere.
Wie kam man so durch die Kontrollen?
Herr Kaczmarczyk griff sich an den Kopf.
Der Mann erklärte, die Sachbearbeiterin hatte seine Papiere verloren,
als ihm auf der Flugzeugtoilette schlecht geworden war.
Er hat sehr kräftige Finger.
Er war Ringer in Volgapolen.
Er hätte in die Flughafentransitzzone gemusst,
aber dort sei die Cholera ausgebrochen.
Das Gesundheitsministerium habe die Flughafentransitzzone
mit Quarantäne belegt.
Sie, Agnes Kaczmarczka,
habe gestern im Referat D-74-204 probeweise einen Asylantrag gestellt.
Dazu habe sie sich in einem von einem Usbeken betriebenen Tabakladen
ein gefälschtes Flugticket besorgt.
Der Volgapole spreche Englisch allerdings nicht sehr gut.
Es stamme von einem Offizierslehrgang an der Militärakademie Frunze.
Vorwiegend Raketen.
Ob wir in der Quali der sogenannten Schnellbesohlung
schon was über Islamismus gehört haben?
Herr Kaczmarczyk suchte nach einem Stempel
und drückte ihn mit der Bemerkung
gestern seien 22 Gärtner gekommen auf den Topf der Knubbelpflanze.
In welchem Herkunftsland kennen Sie sich aus?
Afghanistan zum Beispiel?
Ist das ein sicheres Herkunftsland im Ganzen?
Würden Sie abgelehnte Asylbewerber zurückschicken,
wenn Sie aus Masar-i-Scharif kommen,
wo unsere Truppe bekanntlich einen Standort hat und Brunnenbord?
Klara ließ sich von Herrn Kaczmarczyk
in die Bedienung der Kaffeemaschine einweisen.
Das Gesicht von Frau Kaczmarczka,
ich hatte nur die Stimme hinter den Aktenbergen vernommen,
erschien über den Papiertürmen,
verschwand in kurzen Abständen,
als könnte es sich nur mit Mühe über der Aktenkante halten.
Frau Kaczmarczka behauptete,
die Volgapolen seien eine kleine ethnisch drangsalierte Minderheit,
die eine kaum bekannte Nebenform des polnischen Katholizismus,
den Agnieszka-Glauben, lebten.
Ihre Hauptheilige sei nicht Maria,
sondern die heilige Agnieszka,
weshalb man sie Agnieszkizisten nenne.
Ihre Heiligtümer würden immer wieder geschändet.
Frau Kaczmarczka erklärte Klara und mir die Asylantragsprozedur.
Wenn Sie uns wirklich helfen wollen, lesen Sie sich ein.
Syrien, Afghanistan, Südsudan,
Tschad, Niger und Nigeria, Maghreb, Eritrea.
Gehen Sie in die Bibliothek,
wir haben umfangreiche Fachliteratur,
googeln Sie, was Sie wollen,
aber kommen Sie mit Kenntnissen wieder, und zwar bald.
20.000 Flüchtlinge in normalen Jahren,
jetzt sind wir bald bei 100.000.
28.09.2015, Dienstag.
Operativer Vorgang Sintbad im Rahmen der Operation Gold.
Die Plottabteilung.
Die Erzählungen aus den 1001 Nächten,
sechs Bände in azurblaues Leinen gebunden,
Aldos Buchschrift, 4796 Seiten mit Anmerkungen,
Übersetzung aus dem Arabischen von Enno Littmann,
Vorwort von Hugo von Hofmannsthal,
auch er Mitarbeiter unserer Chronik.
Montserrat war aufgefallen,
dass die meisten Flüchtlinge,
die im Ampf bearbeitet wurden,
über das Wasser kamen oder gekommen zu sein behaupteten,
soweit wir sie verstehen konnten.
Für die von Konstantinopolis zu uns dirigierten Busflüchtlinge
brauchten wir eine andere Legende.
Montserrat hatte sich an den Zuber erinnert,
in dem Sintbad der Seefahrer
in seiner ersten Reise einen Schiffbruch übersteht.
Der Zuber musste angepasst, gewissermaßen abgedatet werden.
Wer besaß heutzutage schon noch Holzzuber?
Montserrat war vor den Holzzubern allerdings recht angetan
und hatte vorgeschlagen,
es könnte sich bei den Holzzubern
um die Fracht eines Waschschiffs gehandelt haben,
eines an den Klippen
einer griechischen Insel gescheiterten Waschschiffs.
Allerdings war Sintbad II
in einem Schlauchboot übers Mittelmeer gekommen.
Mitbreisende Schurken hatten ihn über Bord gestoßen
oder das Schlauchboot war gekentert.
Ein bewaldeter Fisch hatte den Schiffbruch
Sintbads des Seefahrers auf seiner ersten Reise verursacht.
Man hatte geglaubt, auf einer paradiesischen Insel zu sein,
hatte ein Feuer entzündet,
das den Fisch aus seinem Schlaf erweckt
und zum Abtauchen gebracht hatte.
Auch den bewaldeten Fisch musste ich anpassen,
wenn gleich ein Schuss Surrealität
die Glaubhaftigkeit unserer Legenden erhöhte.
Der operative Vorgang Sintbad bedurfte,
um Durchschlagskraft als Rechtsfestigkeit zu erreichen,
noch der fachgerechten Über- und Ausarbeitung.
Die Plottabteilung bildet sich einiges auf ihre Büros ein.
Jedes mit echten Filmplakaten ausstaffiert,
geordnet nach Genres.
Das Westernbüro,
das auch ich im Zuge meiner Ausbildung durchlaufen habe,
das Büroableben,
aus Traditionsgründen auch Agathenstube genannt,
eine Agatha-Christie-Fotografie
über dem Schreibtisch der Leiterin Miss Mimi,
ehemals Dresdner Edition und Menus-Kollegin.
Das Büro Koralle,
nicht nach dem statenbildenden Tier,
sondern nach der Leiterin Avdusia Geier-Koralle,
Spitzname Abstrusia, benannt,
in dem die schöne Manuela ihre Doktorarbeit mit dem Titel
»Die Funktion des gläubigen Aufblicks der Heldin zum Helden«
auf dem Cover des Serienliebesromans verfasst hat.
Das Büro Koralle ist der Hauptlieferant
des sogenannten Referats 64,
was die immer noch in zahlreichen Bahnhofs,
Zeitschriften, Läden vertretenen Heftromane meint,
die ja schon lange keine Groschen mehr kosten,
aber immer noch, auch dies ein Trost in unserer veränderungssüchtigen Zeit,
64 Seiten haben müssen.
Am Rande einer Kabinettssitzung
hatte mir die schöne Manuela einmal verraten,
dass die Thematik »Die Kunst des Wahrsagens«
sie für ihre politische Karriere viel mehr interessiert hätte
als »Die Funktion des gläubigen Aufblicks«,
dass es aber nur mangelnde politische Erfahrung gewesen sei,
die sie den gläubigen Aufblick habe
unter »Die Kunst des Wahrsagens« stellen lassen.
Der gläubige Aufblick habe sie mehr gelehrt,
gerade über Politik allgemein
und deren Ausprägung in der Sozialdemokratie besonders,
als sie vor Aftusia sitzend geahnt habe.
Die Plottabteilung ist an vieles gewöhnt,
an Feuerwehr- wie Brandstiftereinsätze.
Für beides gibt es keinen Dank,
beides kann zugleich
und wie aus dem Nichts gefordert werden,
wobei dieses Nichts
kein Nichts im Sinne jenes Dunkels ist,
das man allgemein das Unerforschliche nennt,
sondern rascheste und effektivste Erledigung
bei für Außenstehende
vollständiger Intransparenz beansprucht.
Wenn es um B18-Formulare geht,
davon haben wir reichlich.
Justus May, der Diensthabende,
will vielleicht nur andeuten,
dass er »im Bilde ist«, wie man sagt,
dass sich die Rotationen
und Kommandirovkas bis nach unten herum sprechen,
bis zu den Quellen.
Er ist noch nicht lange
in der Plottabteilung
der Tausend-und-eine-Nacht-Abteilung,
einer dieser sich cool gebenden Redakteure,
wie sie in letzter Zeit
vermehrt in den Redaktionen,
besonders in der Wahrheit, auftauchen.
Wie alle hier unten,
hat auch er ein Spezialgebiet
außerhalb des Dienstes,
wie gesagt wird,
es ist die Käseforschung.
Er hat ein Praktikum
im Käsereferat des Wimini absolviert,
wurde aber wegen zu ausgeprägter Fantasie,
wie es in der internen Beurteilung hieß,
in die Plottabteilung delegiert,
wo sich I.M. Gorgonzola
um Nachrichten
für die vegetarisch orientierte Kundschaft
der träwischen Nachrichtenagentur kümmert.
Unter den anerkannten Syrern
viele Rumänen.
Flüchtlinge, Migranten, Polizisten,
Beamte, Sachbearbeiter, Dolmetscher
standen auf den Fluren
des Amts für Migration und Fortschritt
und diskutierten,
machten ihrem Ärger Luft,
manche Frauen weinten, wie Clara,
gingen auf die Damentoiletten,
die aber ebenso überfüllt waren
wie die Flure,
überfüllt von Männern,
die auf den Damentoiletten ihre Papiere,
sofern sie noch welche hatten,
kleinzureißend versuchten,
in die Toiletten stopften,
diese so hemmenden,
weil die Abschiebung ermöglichenden Papiere.
Sie zerbissen sie,
kauten sie zu Kügelchen,
rohrfrei,
um die von aufquellendem Papier
verstopften Toiletten freizubekommen
mit Schwuppsaugern und Pumpen,
freizustoßen mit Maschinen,
die enormen Krach machten
und deren meterlange,
endoskopartige Schläuche,
nachdem die Toilettenbecken
abgeschraubt waren
und die nach dem Abschraubvorgang
über die Bodenkacheln
schwappende Brühe stand,
ins Papiermatsch gefüllte Rohr
vorgeschoben wurden.
Er ist im Schmied
und Elektro-Rocker,
Eigenbeschreibung auf der Homepage,
Steven Endlich aus Freital,
Tattoos am ganzen Körper,
halb kahl rasierter Schädel,
halb wehende Haarpferde-Schwänze,
der mit seinem Vater
eine der letzten
drehwischen Schmieden betreibt,
die handgeschmiedete
Schlammfang-Eimer herzustellen
in der Lage ist
und Nurettin Sebastian Broschwig,
Facharbeiter für Kanal-
Rohrfrei,
arbeitet hin und wieder
auf Abzocke-Basis
bei Rentnern und Akademikern.
Die Toiletten
unserer Erstaufnahmeeinrichtungen
stammen von McKenzie & Company.
Klara,
die den Druck,
die Hilflosigkeit
vor der immer größer werdenden
Flut von Akten,
Vorgängen,
Widersprüchen kaum noch ertrug,
ob ich ihr einen Rat geben könne,
also nicht die Auflagen
des Artikels 16a Absatz 2
Grundgesetz erfülle,
dessen sei sie,
die Marokkanerin,
sich bewusst,
aber in Marokko,
aus dem sie geflohen sei
über die spanische Exklave Sauta,
warteten Vater und Brüder auf sie,
die sie einsperren,
vielleicht töten würden
und dabei sei es nur ihr Wunsch,
Medizin zu studieren
und eines Tages
das Erlauben zu studieren.
Eine Frau gehöre ins Haus
und nicht in ein Studium.
In Marokko erwarte sie
die Gefangenschaft
in den Vorstellungen
der Männer und des Islam.
Ob sie, Klara,
verantworten könne,
dieser Frau das Asyl zu verwehren?
Was sei ein Leben in Unfreiheit,
gelte Leben nur für den Körper,
das physische?
Wenn sie, Klara,
ein solches Leben
und es sei ja nicht der einzige,
dutzende Fälle
legen auf ihrem Tisch,
jeder besonders
und jeder auf anders gleiche Weise kompliziert.
Sie, Klara,
wisse sich keinen Rat
und könne die Last nicht ertragen,
nach den Buchstaben des Gesetzes
diese Frau in ihr Elend
zurückzuschicken.
Sie, Klara,
römisch,
liege nachts wach
und wisse nicht,
kommt sie aus Syrien,
dann kann sie hierbleiben.
Aber dann lügen wir.
Wir sind doch verpflichtet,
nach Recht und Gesetz zu verfahren.
Aber was, wenn das Gesetz unmenschlich ist?
Aber was, sagte Klara,
wenn wir das entscheiden?
Klara muss wieder
ins Qualifizierungszentrum
Zentrale Schulung.
An der Bearbeitungsstraße
werden Asylsuchende registriert,
fotografiert und von Ärzten untersucht.
Die Bearbeitungsstraße
ist in der Hand.
Fingerabdrücke werden genommen.
Die Daten durchlaufen dann
die polizeilichen und die Zolldatenbanken.
Ist der Abgleich negativ,
werden die Menschen
in eine Erstaufnahmeeinrichtung gebracht.
In den Warterräumen
werden Asylsuchende
mithilfe von Unterstützungspersonal,
Heer und Zoll, registriert,
bevor sie verteilt werden.
Die Daten werden mit den Datenbanken
des träfischen Hauptkriminalamts abgeglichen.
Das Amt hat eine Forschungsabteilung
und die von ihr geschaffene
Clearingstelle
Präventionskooperation
mit lauter Experten.
Der Kreis dieser Experten
heißt es in einer
unserer Transparenznovellen
setzt sich aus
Islamwissenschaftlern,
Verfassungsrechtlern
und anderen Juristen,
Polizisten,
Polizeiseelsorgern,
organisierten und nicht organisierten
Muslimen,
unter kulturelle Kompetenz
und islamisches Gemeindeleben
bis hin zur träfischen Islamkonferenz.
Es gibt Datenschutzbeauftragte,
eine Beauftragte
für Korruptionsvorsorge,
eine Gleichstellungsbeauftragte
Dorothea van Ackeren.
Das Heim für Muffels
befindet sich im Saturnviertel.
Muffel,
minderjähriger,
unbegleiteter Flüchtling.
24.09.2015, Donnerstag.
Operativer Vorgang
von Gold,
das Korrekturbüro.
Sindbad I
war wie Sindbad II
eine jener Legenden,
wie sie die Sicherheit
bereits in atlantischen Zeiten
produziert hatte.
Eine Form von Wahrheit,
die, wie gesagt wurde,
dem guten Zweck diente.
Die Holzzubergeschichte
findet Zach Rothbart,
I. M. Phantasus,
Vorsteher des Westernbüros
in Sachsen-Anhalt.
Es ist noch kein Scoop,
das kauft uns die Wahrheit nicht ab.
Noch nicht mal der Sozenstürmer
wendet er sich an Lionel,
der aus dem Ampf
in die Plottabteilung
vorübergehend zu seinem alten Chef
Lionel hat in Zach Rothbarts
Werbeagentur angefangen,
gewechselt ist.
Das Filmprojekt
muss ausgearbeitet werden.
Der Vorgang Böttcher
im Rahmen des operativen Vorgangs
muss mit dem Lebenswesen
abgestimmt werden.
Keiner vermag die Produkte
der Trashfilmindustrie
so zu würdigen wie Phantasus.
68er,
Sympathisantenkreis der RAF,
aber geläutert,
fasziniert von Dutschke,
Bader und Meinhof,
ehemaliger Inhaber
einer Werbeagentur
für das Schiffsplakatebüro
der Ankerräderei,
kurzzeitig Geschäftsführer
der RAF tätig,
vernarrt in britische Big Bands
der Zwischenkriegszeit
und in Filme wie
The Seduction of Dr. Fugazi,
Poetry in Motion,
Deutsch unter Geflügel in Bewegung,
A Nymphoid Barbarian
in Dinosaurier Hell,
Farts of Darkness,
nicht zu verwechseln
mit Heart of Fartness,
Staring the Toxic Avenger,
alle von Troma Entertainment,
das manche als Tarnfirma
befindet sich noch im Aufbau,
verfügt aber schon
über eine Kollektion Wasserpfeifen.
Heißen sie Nargile oder Shisha,
ich kenne den Unterschied nicht.
Phantasus nennt sie Rauchkokosnuss,
das Kühlwasser für den Rauch
der Wasserpfeife
befand sich ursprünglich
in einer Kokosnuss.
Ligurien, Norditalien,
das ist Sanremo,
Portofino, Genua,
das ist die italienische Riviera.
Starke Strömungen
Phantasus nimmt ein Blatt Millimeterpapier
für ein sogenanntes First Draft,
einen ersten Entwurf fürs Drehbuch,
wie es in der Tausend
und eine Nacht Abteilung heißt.
Gibt es solche Strömungen im Mittelmeer?
fragt Günther Jünther Hocke,
IM Tokai Ito.
Die eine Hälfte des Marineblocks
würde schwören,
dass es solche Strömungen gibt,
die andere Hälfte würde es bestreiten.
Solche Uneinigkeiten,
Phantasus schiebt Tokai Ito
die Wasserpfeife zu,
machten die Authentizität wahrscheinlicher.
Die Holzzubergeschichte
hatte jetzt einen Ausgangspunkt,
ein malerisches Fischerdorf in Ligurien.
Auch misstrauische Journalisten
wollen lieber nach Ligurien
als etwa nach Arkhangelsk.
In Ligurien ist es jetzt
nicht mehr ganz so heiß,
aber noch warm genug zum Baden.
Und wer die Wahl hat,
flieht lieber über ein warmes
als ein kaltes Meer.
Lionel, Shadow Prince,
der auf einer geostrategischen Karte zu sehen ist,
vom Satelliten von Google Earth aufgenommen,
der aufgrund gesetzlicher Bestimmungen
nur bis zu einer bestimmten Tiefe zoomen dürfe.
Er habe schon bei der schönen Manuela
ins Schlafzimmer geguckt,
sei aber enttäuscht gewesen.
Die kaufe auch bloß bei Zalando.
In diesem ligurischen Fischerdorf
betreibt Emilio Fontanive
eine der letzten verbliebenen Böttchereien
von ganz Italien.
Im Süden gehen die Uhren anders,
man darf nicht unsere Maßstäbe anlegen.
Wieso Emilio Fontanive?
fragt Topaz.
Der sei ihm gerade eingefallen,
Phantasus.
Ein Klarname?
Man könnte zwar einwenden,
welcher Böttcher hat schon was gegen Reklame,
also auftauchen unter Klarnamen,
Emilio aber hat.
Er ist links, dezidiert links,
seine ganze Familie hat seit Generationen
die Kommunisten gewählt,
das ist bekannt in ganz Ligurien.
Wenn er unter Klarnamen erscheint,
schlagen ihm die Rechten
an einen Ort.
Wir nehmen Portofino,
auch wenn es dort gar keinen Böttcher mehr gibt.
Gut wäre, ergänzt Tokay Ito,
wenn Emilio nicht der einzige
noch tätige Böttcher ist.
Dann macht das Pseudonym Sinn.
Ich meine, wenn es nur noch einen gibt,
weiß eh jeder, um wen es sich handelt
und jedes rechte Dumpfbrot
findet die Adresse.
Topaz kennt den Namen aus Wien,
heißt Verkäufer in der Himmelpfarrtgasse
Phantastisches Himbeersorbet.
Könnten wir einbauen.
Im Sommer macht Emilio Eis.
Die Zuber treiben einfach im Meer?
Es hat diese Sturmflut gegeben.
Recherchieren Sturmfluten in Norditalien,
Topaz nickt Gorgonzola zu.
Die Sturmflut hat die Böttcherei erwischt,
und zwar beim Eisverkauf,
bei der Zubereitung jenes Himbeersorbets,
für das Emilio so berühmt ist.
Keiner kennt einen in Ligurien
lebenden Böttcherkommunist
oder Kommunistenböttcher?
Wir schreiben nicht für Italien, Phantasus.
Wir müssen die Abteilung Faktencheck
an der Speerspitze überzeugen.
Besser, wenn Emilio kein völlig Unbekannter ist.
Toccaito.
Die in der Wahrheit sollen glauben,
die Verfremdung ist zu durchsichtig.
Mit zwei, drei Googlern habe ich den,
sind die aber dilettantisch da draußen,
das schreibe ich noch bisschen um.
Da hat er auch noch seinen Anteil,
unser Redakteur von der Wahrheit.
Köder auslegen.
Semmelteig für die Friedfische,
Karauschen möglichst lebendig für die Hechte.
Phantasus legt die Füße hoch,
betrachtet wohlgefällig seine Schlangenlederstiefel,
zitiert Eli Wallach in Vier für ein Ave Maria.
Klasse, die Dinger, was?
Und wenn Emilio Mussolini Anhänger ist?
Shadow Prince.
Noch besser, Toccaito,
dann wischen wir dem eins aus,
dem Nazi-Böttcher,
indem wir seinen Namen aussuchen.
Er lernt dann, wie es ist,
wenn man seine Methoden gegen ihn selbst anwendet.
Mit unserer Geschichte zwingen wir den Nazi,
sich in die hineinzuversetzen,
die er so verachtet.
Eben wollte nämlich Emilio sein Himbeersorbet
an ein paar Flüchtlingskinder verschenken,
damit es am Himmel zu dreuen und zu donnern.
Dreuen kennt keiner mehr,
dieses schöne alte Wort streichen sie bei der Wahrheit
womöglich noch raus.
Die absichtliche Verwendung alter, ungebräuchlicher Wörter
kann zum Festhaken einer Geschichte beitragen.
Ferens Reiner,
Grundkurs Propaganda
auf der Schick der Schule im Kupferwald.
Die Sturmflut reißt die Holzzuber
aus der küstennahen Böttcherei.
Recherchieren, warum Böttchereien
in der Nähe von Wasser stehen müssen.
Gorgonzola macht sich eifrig Notizen.
Stift auf Papier,
die Plottabteilung hat ihre Gründe
für alte Moden.
Die Holzzuber treiben ab,
in einem von ihnen befindet sich Emilios Mops.
Der Mops wirft seinem Herrn
einen wehmütigen Blick zu.
Die Mops-Rettung muss ausführlich beschrieben werden.
Phantasus, die Leute mögen sowas,
Tiere, Schiffe, Kinder.
Ein geretteter Mops bewirkt mehr als tausend Afghanen,
die sowieso nur mit Opium handeln,
ob sie nun in einem Boot sitzen oder nicht.
Der Mops ist gerettet
und Emilio hat eine Idee.
Im Sommer betreibt er nicht mehr
nur das Eisgeschäft,
sondern auch eine kleine Pension.
Nehmen wir Innenaufnahmen aus den 50ern,
Toccaito, aus dem Zentralbildarchiv,
Capri-Sonne und so,
Fischernetze, Don Camillo und Peppone,
die Vespa in Sichtweite.
Einer dieser Feriengäste
ist ein reicher Linker aus Treva,
dessen Name nicht genannt wird.
Emilio entwickelt ihm seine Idee,
die Holzzuber-Aktion.
Irgendwie gefalle ihr das Waschschiff,
Topaz, ob wir das nicht doch noch
mit reinschreiben könnten.
Das Waschschiff landet
oder treibt führungslos zwischen den Ufern
wie ein Gespensterschiff.
Hunderte, tausende,
zehntausende Holzzuber auf dem Mittelmeer.
Zehntausende Holzzuber,
bunt angemalt.
Rettung als Kunst,
mit spielerischem Touch,
eine subversiv-mediale Kunstaktion.
Dauert sie mehrere Tage,
brauchen wir Verpflegung,
ein Toilettenkonzept,
McKenzie & Company.
Die medizinische Versorgung
schlägt vor,
seinem Aufbau
befindliches Filmteam einzusetzen.
Flüchtlinge in zehntausenden Holzzubern,
die hilflos und frei
in den vom Sturm
aufgewühlten Wogen treiben,
die Holzzuber von den
italienischen Böttchern gefertigt
und von NGOs auf See gebracht.
Die ganze Welt sieht zu.
Die Story wird gekauft
und wisst ihr warum?
Weil sie der Alternative nützt.
Phantasus sieht zu viele Filme
die sich anwittert.
Sie werden Fake-News schreien.
Vor allem dann,
wenn das erste träbische Fernsehen
immer nur einen Ausschnitt
vom Wasser und der Sturmflut zeigt.
Nie eine totale.
Sie werden sagen,
das Ganze sei auf der Elbe gedreht worden
und irgendeiner wird eine Ente
im Bild entdecken,
die nur auf der Elbe vorkommt.
Wenn aber die Alternative
Fake-News schreit
und sich auf die Story einschießt,
dann ist das nicht so wichtig.
Die Möglichkeit,
dass die Alternative
vielleicht nicht ganz daneben liegen könnte.
Am besten nur ein, zwei verwackelte Videos,
nur ein paar Sekunden lang.
Man erkennt ein Dutzend Holzzuber.
Das ist etwa das Maß,
was einen Blick zu erfassen vermag.
Viel Gelb dabei,
aber nicht die ganze Farbpalette.
Gelb wirkt gut vor dunklem Hintergrund.
Überwiegend Kinder.
Phantasus spricht über Dutschke,
dessen dunklen,
schwarzen Kleidung.
Marilliana.
Tokay Ito hat in der Hacker-Abteilung
unten bei Münz Franz
die Sonderedition mit Haschisch besorgt.
Wir sollten uns mal das Interview
von Günther Gauss mit Dutschke ansehen.
Vorbildlich.
Phantasus macht einen Western-Showdown nach.
Gut und Böse liegen auf einem Friedhof
und werfen sich gegenseitig
eine entsicherte Handgranate zu.
Wer hält am längsten aus?
So etwas könnten ja
auch in der Kreativität.
Holzzuber in Gestalt von Geigen,
Schwänen, kleinen Booten.
Es kommt auf die Bilder an
und da wirken Holzzuber,
echte schöne Handarbeit,
ganz anders als hochgerüstete Technik
oder echte,
aber ein wenig langweilige Boote.
Holzzuber haben etwas Archaisches.
Das berührt die lause Jungen
in den Journalisten,
die das Narrativ verstärken sollen
und einst in Omas Wäsche-Zuber
auf einem See gepaddelt sind.
etwa weil er von einem alternativen Schiff
beschossen worden war
oder weil Malta trotz aller Proteste
der träbischen Grünen
die Einreise verweigerte
oder das Trinkwasser an Bord knapp wurde.
Blieb das Problem,
wie 100.000 Holzzuber auf hohe See kamen.
Die sind geschleppt worden,
kein Problem,
ist doch eine Kunstaktion.
Das Flottenamt hat noch Holzzuber
aus Treuhandbeständen
in der Menschlichkeit.
Topaz nickt.
Wir könnten sogar noch
ein oder zwei Leute reinschreiben,
die live was twittern
und Bilder posten.
Wir könnten meine Idee
mit den Vatikanischen Gärten einbauen.
Vielleicht noch eine Liebesgeschichte.
Phantasus,
sowas müsse die Frauen ansprechen
und die wollten immer was mit Gefühlen.
Avdouzia sei hier die Spezialistin.
Die Liebesgeschichte
komme in seinem Filmprojekt vor.
Phantasus sieht alles schon vor sich.
Die Vatikanischen Gärten.
Der Papst segnet eine Fassdaube,
zelebriert eine Messe
für die Schiffbrüchigen der Holzzuber,
stiftet ein Kreuz
für den Schutzpatron der Böttcher.
Eine verlassene Kirche
wird zur Kirche der Geretteten im Zuber geweiht.
Dann die Liebesgeschichte
zwischen dem jungen Flüchtling aus Syrien
und der jungen Flüchtlingshelferin aus Treba.
Der operative Vorgang Sintbad
befindet sich jetzt im Stadium
vor der trevischen Bürokratie.
4.9.2015.
Freitag.
Kronos.
5 Uhr.
Die Sonne stieg, eine zitternde Sichel.
Anne meinte die vom Wind bewegte Palme
hinter Idi Amins Residenz zu sehen,
die von allem,
was an diesem Tag in Uganda gewesen war
und danach sein würde,
ausgenommen zu sein schien,
in den Gesetzen einer anderen Welt.
Nicht der Amin Dadas,
wie seine Tochter und sein Sohn
ihn im Film genannt hatten,
den Anne gegen die Schlaflosigkeit gesehen hatte.
Gegen die Schlaflosigkeit
eines heißen und trockenen Sommers,
wie sie in Treba seit der Jahrtausendwende
immer häufiger wurden.
Mit tropischen Temperaturen
selbst in den Nächten,
mit wochenlangen Dürreperioden,
in denen die Nebenarme der Flüsse verschwanden,
der Schlamm austrocknete,
bis nur noch Erdrisse übrig blieben
und selbst die Hauptarme kaum noch Wasser führten.
Anne hatte sich nicht
von diesem Video lösen können.
Gegen die Schlaflosigkeit
wäre auch dieser Film
oder eins der Videos von My Mechanics,
die ich ihr geschickt hatte, geeignet gewesen.
Nicht aber dieser Film über Idi Amin,
der in seinem Landssitz
auf einen Putsch wartete
und nicht schlafen konnte, wie sie.
Amin Dada
I can guarantee freedom of speech,
but I cannot guarantee freedom after speech.
Sie hatte zwischendurch unterbrechen müssen,
hatte das My Mechanics Video angesehen,
in dem ein Mechaniker,
ohne ein Wort zu sprechen,
nur mit knappen Schrifteinblendungen
den Ratschenschrauber
der Firma Weltrekord reparierte.
Er nahm den Ratschenschrauber auseinander,
legte jedes Teil und Teilchen
säuberlich geordnet auf den Werktisch,
entfernte den Rost,
sandstrahlte den Bügel,
der mit sattem Ratschen
die Schraubenzieherklinge drehte
und so eine Schraube
halbkreis um halbkreis einsenkte,
ohne dass man den Schraubenziehergriff
selbst drehen musste,
fertigte eine neue Feder
und eine Kugel für den Klickmechanismus an,
eine tentative Arbeit,
der zuzusehen Anne Ruhe
sogar so etwas wie Zuversicht gab.
Aber sie hatte zum Film
über Idi Amin zurück müssen,
zu seinen Patrouillen,
die in Jeeps durch das Land zogen
und wahllos Menschen ermordeten,
mit dem Hammer erschlugen.
6 Uhr.
Duder meldete sich an,
U, sein Zeichen für Urgent,
erschien auf dem Display.
Warum schrieb er nicht D, wie dringend?
Anne sah aus dem Fenster,
wie ein Fluss,
und das Bild von Ruhe,
das er gab,
von Unzerstörbarkeit
und einer insgleichgültige
übergehenden Weite,
machte sie beklammen.
Sie dachte an den Film
über Idi Amin,
den sie zwischen 2 und 3 Uhr
in der Nacht gesehen hatte,
als sie aufgestanden war,
um mit Wien und Budapest
zu telefonieren.
Arpat Gönsch,
von einem Lkw aus der Bahnhof
und von einem Lastwagen geschickt,
der auf einer österreichischen Autobahn
entdeckt worden war.
Anne sah die Fotos
der erstickten Flüchtlinge wieder und wieder,
rief sie das Bild
des in der Ägäis
ertrunkenen Jungen auf,
allein Kurdi, 3 Jahre alt,
Christian hatte es ihr geschickt.
Wie ging er eigentlich
mit den Paparazzi um?
Wie schützte er Clara und Theo davor?
Clara hatte die Trennung
zurück ins Gewebe stopfen,
wie einen Fremdkörper,
den der Organismus einmauert
und verkapselt.
7 Uhr.
Hadirja wartete vor dem Auto,
der Schlag stand offen.
Anne fuhr gern mit ihr.
Sie war schweigsam,
aber diese Schweigsamkeit
war nicht lastend.
Anne wusste nur,
dass Hadirja Asli
in Indonesien geboren worden,
aber im Persischen Golf
war sie nicht.
Das sollen sie doch nicht sagen.
Wie soll ich dich sonst nennen,
Miststück?
Ich freue mich immer,
wenn sie Bereitschaft haben.
Soll ich Anne sagen?
Fällt mir nicht im Traum ein.
Falsche Vertraulichkeit
ist eine Form von Lüge.
Ich antworte, wenn du mich etwas fragst,
das gebieten Respekt und Höflichkeit,
aber zu mehr bin ich nicht verpflichtet.
20 Minuten Ruhe.
Man war nicht mehr zu Hause,
es war eine unsichtbare Instanz,
die ihr zusehen würde.
Anne machte es sich bequem.
In diesem Wagen, einem Audi A8,
kam man sich wie in einem Cockpit vor.
Instrumente blinkten,
die Scheinwerfer schalteten sich
selbstständig ein und aus.
Anne bewunderte die wie Ameisenschritte
feinen Nähte der Ledersitze.
Auf der Windschutzscheibe erschienen
die Vorschläge des Navigators.
Hadirja brauchte sie nicht,
es war eine unausgesprochene Vereinbarung,
sie nicht abzuschalten,
es war ein Umweg zu nehmen,
etwa weil die träwische Bauwut
eine plötzlich gesperrte Straße
sie dazu zwang,
würde der Navigator mit Samtstimme
auf die Abweichung hinweisen.
Sie machen schlechte Politik,
Frau Kanzlerin,
du und deine Speichellecker.
Ich wähle die Alternative,
niemals wieder die Partei ohne Rückgrat,
die du nicht führst,
sondern zerstörst.
Anne mochte es, Hadirja zuzusehen.
Ihre sicheren Bewegungen beruhigten.
Ihre kühligen Arme hatten etwas
besonders Wirkliches,
das im politischen Alltagsgeschäft
manchmal verloren ging.
Wie jeden Morgen packte sie
ihre Mitbringsel aus,
das Frühstück aus den Resten
des Abendbanketts im Kanzleramt,
frisches Obst,
einen Lippenstift für Hadirjas Tochter
Zafira, sie war 14 geworden.
Anne hatte nicht Hadirja gefragt,
ob Zafira einen Wunsch habe,
sondern hatte mich beauftragt,
im Amt der Wünsche nachzufragen,
wie ich Zafiras Instagram-Kanal beobachtete.
Vielen Dank, Frau Kanzlerin,
so eine teure Marke,
da wird sich Zafira freuen.
Sie verwöhnen sie zu sehr.
Den Lippenstift kannst du dir sparen.
Wo wir leben, ist die Scharia auf dem Vormarsch,
vor der ich mal geflohen bin.
Hol der Teufel eure Blindheit,
eure Lügen, warum gebt ihr euch auf?
Kopfschüttelnd vor Zorn
fasste Hadirja das Lenkrad fester.
Sie verstand nicht,
warum Treva sich aufgab.
Sie sah keinen Plan dahinter
und nach ihren Erfahrungen
gab es meistens einen Plan,
wenn alle sagten, dass es keinen gäbe.
Sie hatte begonnen, Zeitungen zu lesen
und Videos auf Youtube anzuschauen,
was sie früher nicht getan hatte,
es hatte sie nicht interessiert.
Treva gab sich auf, so sah sie es
und die mächtige Frau,
die sie zum Kanzleramt fuhr,
in dem die Macht ein- und ausging,
schien das nicht zu sehen,
im Gegenteil, die beförderte es noch.
7.45 Uhr
Alte Frau, hieß es über Anne.
Sie hat ihre Widersacher absolviert
ohne erkennbare Regung.
Freundlich, ja,
sie hat es immer fertig gebracht,
freundlich zu wirken.
Unaufgeregt, sachlich.
Unsere Medien griffen sie an,
doch die Angriffe blieben an der Oberfläche.
Das Einverstanden sein mit Annes Sachlichkeit
schimmerte durch,
selbst in den Schurkereien von So
war es zu spüren,
man schätzte, wie sie den Staat
durch die Krise steuerte,
die starre gewordene Gesichtszüge,
die eingekerbt hängenden Mundwinkel,
die Müdigkeit und Gleichgültigkeit,
der Blick,
der keine Anteilnahme erkennen ließ.
Sie hatte Richard umbringen wollen
für seine Untreue,
für das Kind Lucie,
das nicht ihres war.
Sie hatte Lucies Mutter,
Josta, beobachten lassen.
Josta hatte ihren Mann verloren,
ihre Arbeit,
Lucie war in immer anrüchigeren
Quartieren aufgewachsen,
Leidenschaften machten verwundbar,
man durfte nicht so viel davon zeigen,
wenn man Macht wollte.
Leidenschaften befeuerten die Maschinen der Macht,
zunächst,
im Alltag aber wurden die Leidenschaften zermahlen.
Richard, obwohl schlank und sportlich,
musste schon als Mit-30er
auf seinen Blutzucker achten.
Anne hatte als stellvertretende Stationsschwester
Zugang zum Insulin
und sie verwaltete auch das Medikamentenbuch,
in das jede Entnahme verzeichnet werden musste.
Die Torwache salutierte,
zog die kleine schwarz-gelbe Flagge auf,
schwarzer Punkt,
in gelbem Kreis, Kanzler im Amt.
Menno hatte gespottet,
schwarz-gelb, das ist das Giftsignal.
Hier war es eine in die Tiefen
längst verwehter Kleinstarterei
hinabreichende Tradition.
Hadir ja fuhr den Wagen in den Fuhrpark.
Während Anne an der Torwache
an den aufleuchtenden Knöpfen
der Sonderleitungen vorüber
auf Evelin Sieberts zuging,
verfestigte sich die Maske
auf Annes Gesicht,
wie sie in meinen Aufzeichnungen nannte,
die Versteinerung.
Sie durfte, solange Anne im Amt war,
nicht bröckeln oder Risse zeigen,
das Verwundbare darunter entblößen.
Unten lief Feuer.
Dort sollten sie alles verzehren,
was verletzbar machte.
Unten sollte alles verbrennen,
damit oben nichts mehr blieb für einen Feind.
Sie hatte lernen müssen,
diesen pathetischen Begriff
mit kühler Anschauung zu füllen.
Evelin Siebert trug ein dunkles Kostüm
zur weißen Bluse,
und wusste aus den Nachrichten,
dass vom Geschäftsgang
den Evelins Gesichtsausdruck vorschlug,
nicht die Rede sein konnte.
Evelin aß zu wenig.
Ihre Augen lagen tief.
Anne überlegte Evelin,
von den Fleischgerichten zu erzählen,
die Rezepi im Noma
in der Speicherstadt anbot,
ihr zu Vormitternachtsschlaf zu raten,
ihr überhaupt etwas Nettes zu sagen.
Aber Evelin hätte das Nette
vielleicht als herablassend,
den Hinweis auf Schlaf
zuließ.
Eine Siebert aber steckte
das bisschen Schlafmangel weg.
Die Pfennigabsätze nagelten es
auf den Boden der Eingangshalle.
Im Aufzug standen die beiden Frauen
voneinander abgewandt.
Sie sprachen nicht.
Das Amtsgeschäft später
nicht hier im Übergang.
Anne tastete in ihrer Handtasche
nach der von Clara
zu Weihnachten geschenkten Dose,
fischte eine Nitrokapsel heraus,
legte sie unter die Zunge,
und drückte Blätter
aus einem Tablettenstreifen.
Es war nicht das erste Mal,
dass die Mitarbeiterin
für Medien und politische Grundsatzfragen
mit der Kanzlerin allein
für 20 Sekunden im Aufzug,
der in die Arbeitsebenen stieg,
vor den Augen und Ohren
der Kanzlerin ihr Medikament einnahm,
ein Asthma-Medikament,
wie Anne von einer Schwester wusste,
die bei Christian arbeitete.
Zweimal hatte Anne es durchgehen lassen,
hatte der Gedankenlosigkeit
den menschlichen Gedanken zugeschrieben,
was vielleicht ein Fauxpas beim ersten Mal,
eine kleine Frechheit beim zweiten,
eine größere jetzt beim dritten Mal gewesen war.
Eine Frechheit, die sich demütig gab,
weil sie beanspruchte,
die Kanzlerin mit Verfall
nicht allein zu lassen.
Vielleicht war die Tablette nur notwendig.
Vielleicht gab es etwas in diesem Aufzug,
das Evelins Asthma reizte.
Aber das würde Evelin wissen.
Sie konnte das Medikament
auch vor der Fahrt einnehmen,
wenn Anne es nicht sah oder hörte.
Sie war in einer
sehr beeinflussreichen Familie in Trever.
Hannelore war eine geborene Sievert.
Die Sieverts waren klar denkende Leute,
denen das Allgemeinwohl,
erst recht das Geschäft,
über private Rücksichten ging.
Die Nitro-Kapsel begann zu wirken.
Die Brustbeklemmung,
die Anne in der Nacht
und beim Aufstehen spürte, löste sich.
Auch kam die Arbeit näher.
Anne liebte die täglichen Herausforderungen.
Ein ums andere Mal
es diesen Leuten zeigen,
weil sie immer fremd geblieben war,
auch wenn sie das gut zu tarnen verstand.
Jedes Wort hatte eine Tür.
Aus dieser Tür in jedem Wort
traten, wann sie wollten, die Gespenster.
Meistens nachts,
wenn die sorgengeplagten Trevaner
nicht schliefen.
Doch gab es auch Gespenster,
die am hellen Tag erschienen.
Mittagsgespenster.
Das waren die Schlimmsten.
Acht Uhr.
Duder drängte herein,
ließ sich vom Drachen nicht abwimmeln.
Die Union hatte getagt
und Anne aufgefordert,
den Artikel 16a Grundgesetz,
der das Asyl regelte,
strenger auszulegen.
Duder, der Landesgruppenvorsitzende,
zugleich Fraktionschef im Unterhaus,
sonst Anne treu ergeben,
hatte während der Debatte,
die heftig und aufrührerisch
gegen Anne geführt worden war,
geschwiegen.
Anne hatte von diesem Schweigen schon gehört.
Die Leiterin ihres Parteivorsitzendenbüros
hatte ihr eine SMS geschickt.
Anne sah Siegemunds
treuherziges Gesicht vor sich
und nahm sich vor,
ihn bei nächster Gelegenheit
auf diesen kleinen Bruch
der Kabinettsloyalität anzusprechen.
Was man so nach vorne
in die eine Richtung redete,
während man nach hinten
in die entgegengesetzte Richtung tat.
Nach Duders Schweigen
hatte sich Anne seine Akte kommen lassen.
Du hast Angst, dass wir wieder verlieren
wie damals in der ersten Flüchtlingskrise.
Unter einem Landesverband
gab es keine Zeit zu reden.
Es gab andere Parteigranden,
die verstanden da keinen Spaß.
Einige hatte Anne bereits entfernt,
ohne großes Aufsehen.
Der Kompass ist in Gefahr, Anne.
Du kannst nicht einfach
Grundsätze der Partei über Bord werfen.
Das klassische Familienbild hast du angegriffen.
Wer pflicht Kernenergie?
Manche sagen,
du bist bei den Grünen,
nicht bei der Union.
Wer sagt das?
Konrad Vogt?
Was uns jetzt bevorsteht?
Hast du die Bilder gesehen aus Ungarn
und was sich im Mittelmeer zusammenbraut?
Auf der Balkanlinie?
Duder schob Anne das Smartphone hin.
Sie klickte auf das Playzeichen.
Menschenmassen in Griechenland,
Mazedonien,
der überfüllte Keleti Bahnhof in Budapest,
Flüchtlinge auf Landstraßen,
unterwegs zur Grenze nach Österreich
und von dort wahrscheinlich weiter.
Hast du mit Gönsch gesprochen?
Duder hackte auf dem Smartphone herum,
bis das Video endlich stoppte.
Die Telefonate in die fairen Linien gravierten.
Ich habe es dreimal versucht.
Dreimal, danach wird es zum Affront,
wenn der Herr Premier nicht rangeht.
Du kannst dich nicht leiden,
aber wir müssen eine Lösung finden.
Nebenan führte die Bergmann-Telefonate.
Der Gönsch ist im Grunde ein ehrlicher Kerl,
sagte Anne.
Es gibt viele wie ihn im Osten.
Auch in der Union, sagte Duder.
Die Welt dreht sich weiter
und wenn es uns in Zukunft geben soll,
müssen wir die Zeichen der Zeit erkennen.
Er werde die Fraktion hinter Anne bringen,
aber wenigstens nach außen.
Aber er brauche ein Signal.
Die Grenzen müssten dicht gemacht werden.
Aus der ersten Flüchtlingskrise
hatte die Partei gelernt,
dass man die Rechten nicht bekämpfte,
indem man ihre Wähler beschimpfte.
Diese Leute sind nicht mehr im demokratischen Kreis,
erwiderte Anne Kühl.
Die erreichen wir nicht mehr.
FJS hat heute Geburtstag.
Ich habe deinen Terminplan gesehen.
FJS steht nicht drin.
Ich halte das für einen Fehler.
Anne verschränkte die Arme.
Und diese Urgesteine standen für vieles,
was Anne nicht leiden konnte.
Bierzelt, Patriarchat, polternde Reden,
das ganze schwitzende Männerbündnis
und herumgekumpel guter alter Mammut-Analogpolitik.
Die Umfragen sind eindeutig.
Die Menschen sind für die Flüchtlinge
und gegen Abschottung.
Dieses Foto dieser Junge, Alan Kurdi,
zeigt, was Abschottung letzten Endes bedeutet.
Machen wir Politik nach Umfragen?
Duder sah Anne nicht an.
Uwe Tellkamp las aus seinem noch unveröffentlichten Roman
Archipelagus II. Lava,
der voraussichtlich 2025 im Surkamp Verlag erscheinen wird.