Wie geht gesunde Ernährung? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt darauf eine klare Antwort und versorgte uns dieses Jahr mit neuen Empfehlungen zu gesunden Lebensmitteln, die nicht nur für Kantinen und Krankenhäuser, sondern auch für jeden Einzelnen relevant sind. Aber wie gesund sind die Ernährungsempfehlungen der DGE wirklich?
Bis zu 300 Gramm Fleisch pro Woche empfiehlt die DGE. Ist das zuviel? Immerhin spielt bei den DGE-Empfehlungen nicht nur die Gesundheit eine Rolle, sondern auch die Umwelt. Wären pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte am Ende nicht gesünder und dazu klimafreundlicher? Wieso die DGE trotzdem nicht weniger Fleisch empfiehlt, erfahrt ihr im Video.
Eine weitere Kritik: Die DGE-Empfehlungen richten sich vor allem an gesunde Erwachsene. Und die machen in Deutschland weniger als die Hälfte der Bevölkerung aus. Schließlich gibt es viele Menschen mit Diabetes, Übergewicht und anderen Vorerkrankungen oder Lebensmittel-Allergien. Und was ist mit Kindern, Jugendlichen, Schwangeren und Senioren, die ebenfalls besondere Nährstoffzusammensetzungen benötigen.
// Kapitel 0:00 Sind die DGE-Empfehlungen ungesund? 0:40 Was ist eigentlich gesundes Essen? 3:18 Was empfiehlt die DGE? - Auch das Klima spielt dabei eine Rolle 5:18 Warum nicht noch weniger Fleisch und mehr Hülsenfrüchte? 8:29 Solltest du dich an die Empfehlungen halten? - Kritik am Ernährungskreis // Unser Team Autor: Mathias Tertilt Kamera und Schnitt: Carolin Grimm Grafik: Judith Bornmann Redaktion: Max Ostendorf // Hier geht's zum Quellendokument https://docs.google.com/document/d/1dPm1buVK9HE5h7RuFDdUOGOpNGnV143KKmCseHeU9jk
Wie geht gesunde Ernährung?
Wer diese Frage stellt, stößt ziemlich schnell auf die DGE. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung
Die erstellt unter anderem Ernährungsempfehlungen
für Kantinen, Krankenhäuser und Leitlinien für Ernährungsberater.
Die neuen Empfehlungen haben dieses Jahr direkt für Schlagzeilen gesorgt.
Neue Essens-Richtlinien gefährden Millionen Deutsche, okay.
Bild halt aber tatsächlich fließt der Faktor Gesundheit offenbar nur
zu 30 Prozent in die neuen Empfehlungen ein.
Nur 30 Prozent?
Sollten sich die Empfehlung nicht zu hundert Prozent danach richten, was gesund
ist. Und was ist mit dem Rest? Also sind die DGE-Empfehlung am Ende gar nicht gesund für mich?
Hallo.
Ich habe ein bisschen was vorbereitet, bitte sehr.
Ich habe noch was vergessen.
Es gibt noch etwas Brot dazu. Oh, mein Gott und ein bisschen Kondensmilch.
Was, das soll jetzt besonders gesund sein?
Also, wir haben hier eine riesige Portion wohnen, die mir bestimmt Bauchschmerzen macht.
Ein bisschen Spinat und so, was ist das?
Kohl.
Roh oder?
Das tatsächlich ganz lecker. Das ist ein bisschen süß.
Es ist sehr kahl, sehr weiß. Dieses Essen, vor allem mit der Milch.
Würdest du dann sagen, dass wäre gesund?
Also dieses Brot dazu irritiert mich total.
Wie soll denn Brot, was soll denn das so viel Brot, das ist doch nicht gesund.
Die Bohnen und dieses, also Spinat ja.
Bohnen in dieser Menge hätte ich niemals gedacht, dass das gesund sein soll.
Und so ein bisschen Kohl.
Also ich hätte gedacht, halt so, weißt du so buntes Gemüse,
ein bisschen Paprika, ein bisschen, nicht Basilikum. Wie heißt das? Brokkoli!
Ein bisschen Tomate, weißt du so bunt halt.
Nicht das.
Das ist jetzt mega gesund?
Klar plus natürlich ein bisschen Kondensmilch und noch ein bisschen Getreide.
Ahhh
Kondensmilch??
Neee
Das ist das ist die sogenannte Stiegler-Diet, 80 Jahre alt, quasi so das erste Experiment, wo sich
immer mal Gedanken gemacht hat, wie man besonders einfach alle möglichen Nährstoffe zu sich kriegt.
So das wäre so eine Tagesration, das heißt,
das würdest du auch wirklich quasi jeden Tag essen können oder müssen,
um alle deine Nährstoffe Kohlenhydrate, Fette, Proteine, Mineralstoffe quasi zu dir zu nehmen.
Das ist ja null abwechslungsreich.
Es war eigentlich dazu da, um dir quasi alle möglichen Nährstoffe zu geben,
möglichst einfach und zweite Bedingung war es sollte auch noch möglichst günstig sein.
Dieser Teller, selbst auf heute gerechnet, würde im Monat 70 Euro kosten.
Also würdest für 70 Euro im Monat quasi alles an Nährstoffen bekommen,
die du so eigentlich bräuchtest.
Damals, hat man wirklich quasi nur auf diese großen Nährstoffe
geachtet. Heute weiß man natürlich noch viel mehr.
Also heute weiß man zum Beispiel da sind ja noch sekundäre Pflanzenstoffe. Und deshalb
würdest du eigentlich auch, wie du gesagt hast,
vielmehr verschiedene Gemüse heute nehmen, weil da noch viel mehr, quasi noch zusätzlich drin ist.
Das wissen wir heute. Das war damals quasi ein Experiment, um rauszufinden wie kann ich denn
vielleicht zum Beispiel mathematisch berechnen, was ich essen müsste, um mich gesund zu ernähren?
Es würde nicht gehen. Vielleicht, wenn du mir das jeden Tag in einem Outfit
serviert. Dann ist das wenigstens noch ein Event.
Was empfiehlt die DGE heute?
Der DGE-Ernährungskreis der sieht heute schon sehr viel ausgewogener aus.
Der dient als eine Art Wegweiser mit Beispielen für die optimalen Lebensmittel.
Grundlage ist seit diesem Jahr ein neues mathematisches Modell.
Aber auch für diesen neuen Algorithmus spielen mehrere Faktoren eine Rolle,
nicht nur die Gesundheit.
Zu weiteren 30 Prozent fließt nämlich der Faktor Umwelt und Klima in die Empfehlung ein.
Konkret bedeutet das, unsere Ernährung, die soll bis 2030 45% CO2 einsparen.
So ist es übrigens auch in den Pariser Klimaverträgen vereinbart.
Und das hat am Ende vor allem Auswirkungen auf die Empfehlungen für Fleisch und Milchprodukte.
Wenn ich zum Beispiel meinen wöchentlichen Proteinbedarf
allein mit Rindfleisch decken möchte, dann entstünden dabei 210 Kilogramm CO2.
Wenn ich dieselbe Menge Proteinen nun aus Erbsen zu mir nehme,
dann sind das nur ein bis zwei Kilogramm.
Also rein klimatechnisch betrachtet macht es total Sinn, mehr Hülsenfrüchte zu essen.
Tatsächlich wird im neuen Ernährungskreis deutlich weniger Fleisch empfohlen und
zum Beispiel durch mehr Hülsenfrüchte ersetzt.
Die waren in den alten Empfehlungen noch gar nicht gesondert aufgelistet.
Konkret empfiehlt die DGE jetzt bis zu 300
Gramm Fleisch und Wurst und 125 Gramm Hülsenfrüchte in der Woche.
Aber leidet darunter vielleicht unsere Gesundheit, wenn das Klima
jetzt gleichwertig mit einbezogen wird?
Wir haben gesehen, Gesundheit und Umwelt gehen eh in die gleiche Richtung. Wir haben
hier keinen Anhaltspunkt, warum wir das eine oder das andere stärker gewichten könnten.
Und Studien zeigen wenn ich mehr als 300 Gramm Fleisch in der Woche esse,
schade ich meiner Gesundheit.
Bei weniger als 300 Gramm ist dieser schädliche Effekt aber nicht mehr nachweisbar.
Eine klima- und umweltfreundliche Ernährung macht
den Speiseplan also nicht ungesünder und andersherum.
Und das bestätigt auch eine Langzeitstudie der Harvard University mit über 100.000 Teilnehmenden.
Eine umweltbewusste Ernährung reduziert demnach das Sterblichkeitsrisiko um 25 Prozent.
Wäre es dann nicht aber besser sogar noch weniger
Fleisch zu empfehlen und dafür mehr Erbsen, Bohnen und Linsen?
Tatsächlich haben die ersten Berechnungen der
DGE nur 120 Gramm Fleisch pro Woche ergeben, also weniger als die Hälfte.
Warum stehen da trotzdem 300 Gramm?
Das liegt am dritten Faktor, der mit in die Empfehlung einfließt.
In der Kantine, nehme ich natürlich die Curry-Wurst.
Genau der Durchschnittsdeutsche ist, nämlich lieber Kartoffeln statt Vollkornreis,
Saft statt frischem Obst und die Currywurst statt Hülsenfrüchten.
Und bleiben wir mal beim Beispiel Fleisch, Frauen, Essen, 600 Gramm Fleisch pro Woche,
Männer tausend Gramm im Durchschnitt also das Doppelte oder mehr als das Dreifache
der heutigen Empfehlung und vielmehr, als das Modell ursprünglich überhaupt errechnet hatte.
Und wenn mir jetzt jemand so ein Ernährungsplan vorlegt, also mir
vielleicht auch meine Lieblingsmahlzeiten umbaut, mein Fleisch streicht.
Ich glaube, dann stehe ich da erst mal etwas und bin baff.
Denkt mal noch mal an die Stiegler-Diet.
Jeden Tag eine Dose Bohnen?
Also ich weiß nicht. Hast du denn schon mal versucht deine Ernährung umzustellen? Wie
bei jedem Verzicht, Fasten einer Diät, es kommt ja irgendwann dieser Punkt,
da hat man einfach keinen Bock mehr. Das Commitment schwindet.
Eine gute Ernährungsumstellung, die muss nämlich so gestaltet sein,
dass ich sie am Ende auch durchziehe.
Das ist super wichtig, weil die Effekte für meine Gesundheit,
aber auch fürs Klima, die wirken ja alle langfristig. Und deshalb fließt die
Essgewohnheit der Menschen in Deutschland zu 40 Prozent in das Modell ein.
Damit einfach mehr Menschen das auch ohne Probleme umsetzen können.
Denn das Ziel der DGE ist vor allem eine gesunde Gesellschaft.
Jede Ernährungsumstellung auf wissenschaftlicher Basis, die ist für die meisten Menschen in
Deutschland im Moment wohl zu radikal, weil wir uns im Schnitt noch sehr ungesund ernähren.
Ich war letztens auf einer Veranstaltung, in der eine Studentin gefragt hat, warum wir denn
nicht die kompletten Potenziale ausschöpfen von Ernährung. Und ich denke, damit wollte
sie sicherlich darauf hinaus. Warum bin ich eine vegane Ernährung empfehlen? Weil die wir nochmal
gesünder in vielen Endpunkten und auch nochmal umweltfreundlicher. Aber wir müssen ja auch
gleichzeitig sehen, dass diese Empfehlungen von der DGE als Grundlage für die Qualitätsstandards
für die Gemeinschaftsverpflegung, also für Senioreneinrichtungen, Kitas, Krankenhäuser
jetzt schon eigentlich auch zählen sollen. Und dass auch die Menschen in der Ernährungsberatung
jetzt schon mit den neuen Ernährungsempfehlungen arbeiten. Und das möchte ich eigentlich der
Ernährungsberaterin nicht antun. Dass sie jetzt dann ihren Klienten erzählen muss. Nein,
sie sind es gar kein Fleisch und gar keine Milchprodukte mehr, weil das ist besser für die
Umwelt. Also es ist wirklich die Akzeptanzfrage ist ein ein Grad, auf dem man sich bewegen muss
und irgendwie eine gute Lösung finden muss.
für konsequentere Empfehlungen? Auch wenn die einige abschrecken würden?
Diskutiere das gerne mal mit uns in den Kommentaren.
Solltest du dich an die DGE-Empfehlung halten?
Nicht zwangsläufig. Falls du dich heute schon bewusst ernährst mit viel Gemüse, wenig Fleisch
oder sogar ganz ohne, dann musst du dich auch nicht an den Ernährungskreis der DGE anpassen.
Dann fährst du mit den Empfehlungen unter Umständen sogar schlechter.
Aber auch beim großen Rest gibt es Einschränkungen. Wenn man genau hinsieht,
richten sich die Ernährungsempfehlungen nämlich an gesunde zwischen 18 und 65 Jahren.
Und genau da liegt ein großes Problem. Unsere Gesellschaft ist nicht nur ziemlich alt,
sondern auch ziemlich vorerkrankt.
Und deshalb musste die DGE für den neuen Ernährungskreis auch
Kritik einstecken nicht nur von der Bild.
Nudeln, helles Brot, weißer Reis, Kartoffeln für Menschen mit Diabetes
oder Prädiabetes ist das in den empfohlenen Mengen nicht gesund.
Und das sind echt nicht wenige sieben Prozent haben schon Diabetes,
und 21 Prozent sind Prädiabetiker:innen.
Also stehen kurz davor und nicht nur für Diabetiker:innen.
Kohlehydratreiches Essen gerade einfache Zucker, raffinierte Getreide.
Das ist auch für Menschen mit Übergewicht beziehungsweise Adipositas nicht gesund.
Und das betrifft wiederum ganze 19 Prozent der Bevölkerung.
Dazu kommen dann noch Allergien und andere Unverträglichkeiten
oder Menschen mit Stoffwechselstörungen.
Da gibt es natürlich überall Überschneidungen, aber alleine diese wenigen Vorerkrankungen,
die machen schon einen großen Teil der Bevölkerung aus.
Wenn man dann noch diese Menschen dazu zählt,
die ebenfalls besondere Nährstoffzusammensetzung brauchen, dann sind wir am Ende bei weniger als
der Hälfte der Bevölkerung, für die die DGE-Empfehlungen überhaupt Sinn ergeben.
Aber wenn die sich dann an die aktuelle Empfehlung halten, dann
reduziert sich das durchschnittliche Risiko für die typischen Zivilisationskrankheiten deutlich.
Also Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes oder Darmerkrankung.
Und aktuell wird angenommen, dass die Empfehlung etwa zwei Drittel
des Krankheitsrisikos, das durch die Ernährung entsteht, senken können.
Für Vorerkrankte gibt es oft schon spezielle Ernährungspläne oder Diäten,
um zum Beispiel den Blutzucker oder andere Werte wieder in den Griff zu bekommen.
Aber man könnte das mathematische Modell der DGE ja auch nutzen,
um für einzelne Bevölkerungsgruppen neue und spezielle Empfehlungen zu berechnen auf Basis
aller neuen wissenschaftlichen Daten. Genau das will die DGE jetzt auch tun.
Übrigens zu veganer Ernährung hat die DGE auch eine neue Position veröffentlicht.
Und die haben wir euch unten in der Videobeschreibung verlinkt.
Wenn du nicht auf Fleisch verzichten möchtest,
dann empfehlen wir die diese Folge unseres Doku-Formats. Da stellen wir Mark vor,
der auf seinem Biohof versucht, Tierwohl und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut zu
bringen. Wir sehen uns beim nächsten Mal das war's und hau rein bei den Erbsen!!