Vortrag Prof. Dr. Seidlmayer, Heiligtümer am Ersten Nilkatarakt - Archäologie und Transformation

Deutsches Archäologisches Institut
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29.10.2024
Festvortrag im Rahmen des Jahresempfangs des Deutschen Archäologischen Instituts am 9. Mai 2012 im Auswärtigen Amt Berlin.
Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die als Bundesanstalt zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Das Institut mit Zentrale in Berlin und mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft.
Das Institut veranstaltet wissenschaftliche Kongresse, Kolloquien und Führungen und informiert die Öffentlichkeit über seine Arbeit.
Exzellenzen, sehr verehrte Frau Staatsministerin, sehr verehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
hier aus der Arbeit der Abteilung Cairo des Deutschen Archäologischen Instituts berichten zu dürfen,
ist für mich eine besondere Ehre.
Und da Sie mich verpflichtet, vom Liebsten und Wichtigsten zu sprechen,
das ich in Ägypten und in meiner Wissenschaft habe,
der Region von Aswan und ihrer Geschichte, ist es mir auch eine große Freude.
Wer immer hierher kommt, sieht und fühlt, dass dies ein besonderer Ort ist.
Ganz im Süden des ägyptischen Siedlungslandes durchbricht der Nil die Felsschwelle
aus magmatischem Gestein, Granit, Diorit und Gneis
und bildet einst dramatisch, aber das ist schon eine Weile her,
die Untiefen und Stromschnellen des ersten Katarakts.
Der Strom, die Felsen, die Dünen der westlichen Wüste
kontrastiert mit tropischen Gärten,
atmen Zauber und Abenteuer eines Kontinents.
Dem Forscher ist es nicht verboten, sich diesem Eindruck hinzugeben.
Sich und die Arbeit eines Instituts auf Jahrzehnte an einen Platz zu binden,
bedarf es aber nüchternerer Gründe.
Solche finden sich in der Dichte und im Reichtum der archäologischen Zeugnisse.
Davon wird mein Vortrag handeln.
Als entscheidend verstehe ich aber, dass die Prägnanz der Lage Aswans,
der archäologisch-historischen Deutung, seinen einen konsistenten Rahmen bietet.
Der allesbelebende Fluss, der hier nach Ägypten eintritt,
die Karkheit der schmalen Ackerflächen,
die berühmten Steinbrüche, hier noch mit dem unvollendeten Obelisken,
die ethnische Kontaktzone zwischen Nubien und Ägypten,
schließlich das Netz der Verkehrswege,
das von hier Ägypten in den afrikanischen Kontinent bindet,
alles das konstituiert ein System ökologischer und soziokultureller Parameter,
das bis heute trägt und in dem mit je eigenem Akzent
seit mehr als 5000 Jahren Gesellschaften und Kulturen historische Formannahmen.
Wenn der Raum von Aswan so eine Schlüsselregion der historischen Forschung genannt werden muss,
stehe ich nicht an, in den Heiligtümern dies im weitesten Sinne verstanden,
als den Orten, an die sich religiöses Denken und rituelles Handeln knüpft,
als ein Schlüsselthema der kulturanthropologischen Analyse zu begreifen.
Bietet Religion, doch Gesellschaften und Kulturen eine kognitive Matrix,
die Welt zu wissen und sich zur Welt zu stellen?
Die Abteilung Cairo nahm 1969 die Arbeit im Gebiet von Aswan auf.
Ich selber durfte als Student seit 1978 mit dabei sein
und in all dieser Zeit wurde diese Arbeit nur reicher und intensiver.
Die Orte und Gegenstände, die wir dabei angefasst haben,
fordern das ganze Spektrum archäologischer Zugangsweisen,
die Bindestricharchäologien also,
die das Gesamt der Archäologie als Altertumswissenschaft bilden.
Dabei ist Wandel der Stoff des Historikers
und die Parameter, die Konstellationen langer Dauer zusammenbinden,
sind so unschätzbar, weil sie Transformationen erst signifikant machen.
Und so wenig Geschichte und, so behaupte ich, Archäologie je aufhören,
so wenig macht der Wandel vor uns, vor unserer Zeit,
dem Rahmenbedingungen unserer Arbeit, unserem eigenen Denken und Wollen halt.
Und von alledem will ich ein wenig mit leichter Hand etwas erzählen.
Für das Deutsche Archäologische Institut begann alles auf Elefantine,
der langgestreckten Insel im Fluss am Nordende des Katarakts
vor der modernen Stadt Aswan.
Auf der felsigen Südspitze liegen die Ruinen der alten Stadt Elefantine,
der ursprünglichen Metropole der Region.
1969, ich sagte es schon,
hat das DAI in Kooperation mit dem Schweizerischen Institut für ägyptische Bauforschung
hier die Ausgrabung begonnen.
Beim Blick auf den Ruinenhügel nehmen Heiligtümer fast die ganze Fläche ein.
Der riesige Tempel des Gottes Knum dominiert den Platz.
Aber das kleinere Heiligtum der Göttin Saathet, nördlich daneben,
ist das eigentlich Wichtigere.
Denn Saathet, die hier in der herrischen Geste ein mancher Mütter,
den König Thutmosis III., umarmt,
diese Göttin Saathet war in der Vielzahl der Götter,
die auf Elefantine verehrt wurden, die dominierende Gestalt,
die Herrin von Elefantine.
Als das Institut die Arbeit begann,
stand das massive Fundament eines ptolemäischen Bauwerks,
der Tempel selbst war weitgehend zerstört, im Gelände,
und es war die Schlüsselentscheidung Werner Kaisers,
die unendlich erfolgreiche, dieses Fundament abzubauen
und die ältere Geschichte des Tempels zu erforschen.
Der Erfolg war gewaltig.
Verbaute Spolien brachten eine Sequenz von Tempelbauten
seit dem Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus ans Licht,
und die Grabungen noch darunter,
bis auf den blanken Fels, durchgeführt von Günther Dreyer,
deckten einzigartig in der Archäologie Ägyptens
das Urheiligtum vom Beginn des 3. Jahrtausends.
Sie sehen eine kleine Zelle aus Schlammziegelmauerwerk
in einer eindrücklichen Felsnische auf.
Diese Ausgrabung führte unsere Forschung
nicht nur in die ferne Vergangenheit,
sie führte sie in eine ganz eigene Welt.
Der Tempelbau der großen Göttin stammt ja,
das muss man sich vor Augen führen,
genau aus der Zeit, in der bei der alten Hauptstadt Memphis,
bei Kairo, die riesigen Pyramiden und die bilderreichen Monumentalgräber
der Führungsschicht des Alten Reiches errichtet wurden.
Hier, auf Elefantine, sind wir in der kleinen Welt der Dörfer und Städtchen,
in einer kleinen Welt, die doch die Wirklichkeit
der allermeisten alten Ägypter gewesen ist.
Für mein Fach, die Ägyptologie,
das wie kaum ein anderes in Banne zentristischer Fixierungen steht
und glaubt, der Staat mit seinen großen Monumenten sei einfach alles,
für mein Fach ist es immer noch eine große Aufgabe,
diese kleine Welt sehen und verstehen zu lernen
und ein Forschungsprojekt wie Elefantine ist der Ort, dies zu leisten.
Im Alten Heiligtum der Göttin Satet zeigt die Fülle der Motivgaben
die intensive Zuwendung, die die Gottheit von der lokalen Gemeinschaft empfing.
Und es sind seltsame Objekte,
Figuren von Menschen, von Tieren, von Sachen,
aber gar nicht im Duktus der großen Kunst des alten Ägypten.
Der Laie würde diese Dinge vielleicht gar nicht als ägyptisch erkennen.
Auch viele Perlen, ja sogar seltsam geformte natürliche Steine,
wurden der Göttin dargebracht.
Es ist dies eine eigene und eigentümliche Bilderwelt,
aber wie sehr sie im lokalen Milieu ägyptischer Dörfer verwurzelt war,
zeigt, wie sie in Amuletten, aber auch in Figurinenbeigaben
provinzieller Gräberfelder der Zeit wiederkehren.
Die Deutung solcher Gaben wirft das Problem des methodischen Zugangs auf.
Wir haben zu den Motiven keine Texte, auf die sich die Ägyptologie sonst gern stützt
und mögen anfangen anhand der Bilder zu spekulieren,
ob zum Beispiel das Figürchen eines Kindes
etwa dem Gebet einer unfruchtbaren Frau Gestalt verliehen.
In einer Ethnologie der Vergangenheit werden wir aber damit rechnen,
dass dem Objekt seine Bedeutung nicht statisch inhärent war,
sondern erst durch die Geste der Übergabe,
durch die Worte, die sie begleiteten, gestiftet wurde.
Eine Archäologie dieser Menschen, Formen und Bilder,
erlaubt es uns aber, die Sphäre der rituellen Kompetenz
und den Erfahrungsraum des Imaginären auszuloten.
Neben dem Tempel war im alten Ägypten das Grab,
der zweite große Raum des Sakralen.
Auf dem Gräberfeld der Stadt Elephantine, meinem Erstlingswerk,
begegnen wir diesen Menschen selbst,
körperlich ihrem Leiden und ihrem Sterben leider,
denn ein Friedhof handelt vom Tod.
Aber dieses Leiden und Sterben
machte diesen Menschen des Schutzes der Göttin bedürftig.
Welche Krankheit war Grund eines Motivs,
und welches im Tempel erbettelte Kind
liegt hier als Säugling oder als Greis auf dem Friedhof?
Sozial im System abgestufter Größen
und der Gruppierung von Gräbern und Bestattungen
ist hier die Struktur der Gesellschaft analytisch karaktiert
als ein Gefüge des Rangs, der Rolle, der Zugehörigkeit,
nicht als ein Schnappschuss des täglichen Lebens,
sondern als ein normatives Tableau einer Welt der Toten,
in dem sich die Gemeinschaft der Lebenden reflektiert.
Einer Welt der Totengeister freilich von potenziell furchterregender Virulenz.
Irreguläre Bestattungsbefunde,
wie zum Beispiel hier gebundene oder symbolisch gepflockte
oder mit Steinen beschwerte Leichen,
signalisieren die Sorge vor der Wiederkehr maligner Totengeister.
Solche Totengeister zu bannen,
diente auf jeden Fall einer Gruppe von Ächtungsfiguren,
die zwischen den Gräbern vergraben war.
Ein Dissertationsprojekt von Antje Kose
wird diesem in der Archäologie der ägyptischen Totenreligion
bislang marginalisierten Aspekt erstmals kohärent herausarbeiten.
Ein aktuelles Projekt von Dietrich Raue und Peter Kopp
führt die Forschung der rituellen Kompetenz dieser lokalen Gemeinschaft
nun über die traditionell angesetzten Räume
des sakralen Tempel- und Grab hinaus.
Eine kontextuelle, mikroarchäologische Sicht
verfolgt die Spur in die Siedlungsbereiche selbst hinein.
Dietrich Raue hat erkannt,
dass die Skarabäenfunde der Siedlung
größtenteils in den Mauern selbst oder direkt unter ihnen gefunden wurden.
Es sind Gaben, die die rituelle Dimension des Gründungsakts bezeugen.
Tatsächlich lassen sich in den Haus- und Werkstättenbereichen
selbst Stellen ritueller Bedeutung nachweisen.
Farblich akzentuierte Scheintürnischen,
in deren Umfeld auch Motivobjekte,
hier zum Beispiel ein Schiffsmodell aus gebranntem Ton, gefunden wurden.
Eine Vielzahl figürlicher Objekte aus ungebranntem Lehm
zeigt ein eigentümliches ikonografisches Spektrum.
Manche Objekte, wie die seltsamen Sieigelschiffe,
das sind Schiffe mit Igelkopf am Bug,
kommen in der Siedlung ebenso wie im Tempel vor.
Dämonen und Idole verbildlichen mit teils frappierender Expressivität
eine Welt imaginärer Wesen.
Eine Ächtungsfigur aus der Siedlung,
deren Abwehrzauber vielleicht auch gegen Totengeister gerichtet war,
stellt die Verbindung zum Fundbestand des Gräberfels her.
Diesen Funden nun in der Einzelheit ihres Herkommens zu folgen,
ist eine faszinierende, für uns heute Abend zu zeitraubende Aufgabe.
In ihr wird erkennbar, dass die Häuser selbst, die Siedlungsbereiche,
heilige Orte waren.
Die in der ägyptischen Archäologie verbreitete Konstruktion
eines Gegensatzes zwischen Ritual und Alltag ist also chimerisch.
In allem Erleben bildeten imaginäre Konstrukte
einen Horizont kognitiver Reflexion
und in allem Handeln eine Schicht symbolischer Kompetenz.
Erst vor diesem Hintergrund lassen sich meiner Überzeugung nach
die Denkmäler der Monumentalkultur des alten Ägypten richtig verstehen.
Sie sind eben nicht das alte Ägypten schlechthin,
sondern sie repräsentieren einen spezifischen sozialen Horizont,
den des Staates und der politischen Führungsschicht,
der in einer permanenten Beziehung zu den kulturellen Formen
der lokalen Gemeinschaften stand.
Dieses Verhältnis, sowohl in historischer Diachronie
wie in seiner strukturellen Konstanz,
lässt sich erneut auf Elefantine paradigmatisch studieren.
Dem Satetempel der Pyramidenzeit steht nämlich auf Elefantine
tatsächlich außerhalb der Stadt gelegen eine Pyramide gegenüber.
Ein Stufenbau des frühen Alten Reichs, Sie sehen ihn links aus der Luft,
der wohl im Zusammenhang mit einem Staatsgut
und staatlicher Steuererhebung stand.
Wir sind ja in der Zeit des Frieses der Staatsgüter
aus dem Tempel der Knickpyramide,
ebenfalls ein Forschungsgebiet unseres Instituts,
der genau diesen staatlichen Zugriff über Güter
durch das ganze Land hindurch verteilt, bildlich zeigt.
Die Pyramide auf Elefantine war aber eine kurzlebige Konstruktion.
Seit dem Ende des Alten Reichs, des dritten Jahrtausends,
wird der Zugriff des Staates im Tempel spürbar,
dem Tempel natürlich dem Zentrum der lokalen Identität.
Zu Beginn des Mittleren Reichs errichtete Sesostris I.
der Göttin Satet einen monumentalen Steinbau.
Werner Kaiser hat ihn aus den Fundamenten des Satetempels geborgen und rekonstruiert.
Ersetzt wurde er zu Beginn der 18. Dynastie
durch die Königin Hatschepsut und Thutmose III.
durch diesen prachtvollen Bau,
der ebenfalls in der Arbeit des DAI wiedergewonnen werden konnte.
Diese Bauten gaben dem Kult der Ortsgöttin ein neues Prestige.
Freilich waren sie nun hinter schweren Umfassungsmauern eingeschlossen,
der Zugang zum Heiligen strikt kontrolliert.
Die Übernahme der lokalen Tradition in den Apparat des Staatskultes
bedeutet also auch ein Akt der Enteignung.
Und die Bauinschrift auf der Fassade des Tempels Sesostris I.,
in dem sie den Neubau rühmt, bestreitet der lokalen Gemeinschaft,
die Kompetenz, den Kult adäquat versehen zu können.
Im symbolischen Raum des Tempels,
im Diskurs über den Segen und seine richtige Verwaltung,
bildet sich so das Spannungsverhältnis zwischen Region und Staat ab,
das die Existenz aller lokalen Gemeinschaften in Ägypten prägte.
Die soziale Verfasstheit der Heiligtümer und Kulte
ist auch entscheidend für die Situationen und Formate,
in denen die Semantik der religiösen Konstrukte kommuniziert wird.
Die Tempelbauten selbst waren weitgehend unzugänglich,
standen nur hochrangigen Spezialisten offen
und ihre Dekoration handelt, zumal im 2. Jahrtausend vor Christus,
vor allem von der Routine des Kults
und ist damit letztlich hinsichtlich theologischer Bedeutungen
gar nicht so aussagekräftig.
Unter beiden Aspekten ist zu fragen,
wie die Tempel über ihre Mauern hinaus wirkten.
Und im Gebiet von Aswan erlaubt es eine besondere Gruppe von Denkmälern,
die Spur der Riten in die Landschaft hinein zu verfolgen.
Die Felsinschriften aus pharaonischer Zeit nämlich.
In einem großen Projekt, Medienuniversum Aswan,
das von Linda Baumann im Feld geleitet wird,
studieren wir diese faszinierende Denkmälergruppe.
Die Inschriften auf den Felsflächen,
die im Aswaner Gebiet hier allenthalben frei liegen,
sind Denkmale einzelner Personen,
meist mittlerer und hoher Amtsträger,
und zwar in der Regel solche, die hier nicht dauerhaft,
sondern nur temporär tätig waren.
Die Texte nennen ihre Namen und Titel,
und auf diese statushaltige Information kommt es vor allem an.
Manchmal signalisieren formelhafte Gebete die rituelle Matrix,
in der sich diese Texte situierten,
und Bilder zeigen den Besitzer, vielleicht Familienmitglieder,
wie hier, und manchmal auch Gottheiten, die angebetet werden.
Solche Felsinschriften haben zunächst ein prosopografisches,
ein personenkundliches Interesse.
Aus ihnen, und nur aus ihnen,
lässt sich durch das Sammeln konkreter Amtsträger
die Struktur der pharaonischen Administration rekonstruieren.
Schon diese Information zu gewinnen,
die Texte zu erkennen und zu lesen,
ist nicht unbedingt einfach.
Meistens müssen sie ertastet,
durch Anzeichnen mit Kreide sichtbar gemacht werden,
bevor man sie dann detailgenau abzeichnen kann.
Ihr eigentliches Interesse erhalten die Texte jedoch erst,
wenn man Epigrafik und Landschaftsarchäologie verbindet,
die Denkmäler in Bezug auf ihre Anbringungsorte
und ihre Gruppierungen hin untersucht.
Lassen Sie mich als Beispiel Passau-Warnarty heranziehen,
ein felsiges Inselchen im alten, heute verlandeten Hafenbecken
der Stadt Elefantine.
In Monaten des Suchens ließen sich hier
mehr als 80 Inschriften identifizieren,
darunter Inschriften der höchsten Beamten des Reiches,
hier zum Beispiel der Finanzminister Ramses II.,
der Vizekönig Usasatet aus der 18. Dynastie,
ja selbst der Kronprinz Ramses,
später König Ramses II. ist hier mit einer Inschrift vertreten.
Man kann sich fragen,
warum sich die Inschriften auf dieser Felsengruppe drängen,
aber nur ein Text gibt Auskunft über den Grund seines Hierseins,
die Inschrift eines Mannes namens Humen,
dessen Verdienst darin bestand,
immerhin sechs Obelisken aus den Aswanerbrüchen besorgt zu haben.
Dieser Humen kam, wie er schreibt,
um das Prozessionsfest der Gottheiten Knum und Anuket zu besuchen.
Tatsächlich waren es öffentliche Feste, Prozessionen,
die das Erscheinungsbild der Kulte gerade im neuen Reich prägten.
Und bei solchen Festen wurden hier, im Hafen von Elefantine,
die Kultbilder der Götter auf die Prozessionsschiffe verladen,
um ihre Fahrt auf dem Nil anzutreten.
Auf dem Satetempel der 18. Dynastie
ist das bedeutendste Fest der Region abgebildet.
Eine Fahrt der Göttin Anuket von Elefantine
durch den Katarakt zur Insel Sehel.
Dies ist die Strecke zwischen den beiden Inseln.
Und auf Sehel befand sich das Urheiligtum der Göttin Anuket,
wie das der Satet auf Elefantine ursprünglich ein Felsenschrein.
Und wie im Hafenbereich von Elefantine
der Abfahrtspunkt der Prozession von großen Inschriften gesäumt ist,
so wird die Prozession auf Sehel auch von Felsenschriften empfangen.
In dieser Gruppierung bieten die Inschriften gewissermaßen
ein Abbild der Festgemeinde.
Und sie erlauben es konkret zu bestimmen,
wie die hohen Funktionäre,
die ja letztlich das Schicksal der Region bestimmten,
bei ihren Aufenthalten am Ort
an den Festen der lokalen Götter teilnahmen
und dabei im Glanz der Festprozession
selber Sichtbarkeit gewannen
und diese epigraphisch verewigten.
Wenn man sich auf die Archäologie der Landschaft einlässt,
kommt man noch weiter.
Man kennt nämlich das Datum des Prozessionsfests der Anuket.
Und dieses lag im April,
in der Zeit, in der der Nil sein niedrigstes Wasser führte.
Auch die Inschriften auf Hassabanati liegen so tief,
dass sie aller Veränderung des Flussbettes
in historischer Zeit eingerechnet,
nur zur Zeit des Tiefstandes des Nils
angebracht worden sein können.
Symmetrisch zu diesem Fest steht im Satet-Tempel,
schon in dem Bilddekor des Bauwerks der 12. Dynastie,
ein Fest der Göttin Satet,
das seinerseits das Kommen der neuen Flut thematisiert.
Die beiden Göttinnen, Anuket und Satet,
rahmen so das lebensentscheidende Flutgeschehen
zwischen Abschwellen und Anschwellen
und markieren den Nil als das große Thema
der regionalen Naturtheologie.
Im Katarakt wurde ja in symbolischem Sinne
die Quelle der Nilflut lokalisiert
und in den Uferanlagen der Tempel von Elefantine
finden sich die großen Milometer,
in denen der Verlauf des Flutgeschehens
beobachtet und dokumentiert wurde.
Erst die Tempelinschriften der griechisch-römischen Zeit
erklären, wie Satet durch einen Pfeilschuss
die Quelllöcher des Nils öffnet,
während Anuket dann das Strömen der Flut
wieder einschnürt.
Aber die Kultpraxis des Neuen Reiches
in ihrem Landschaftsbezug lässt vermuten,
dass man schon tausend Jahre früher
oder länger so gedacht hat.
Die Pfeilsinschriften erschließen den Raum der Kulte,
die heilige Landschaft sowohl als topografischen
wie als sozialen Raum
und sie fokussieren unseren Blick neu
auf die Semantik der Gottheiten,
die eben in einem wichtigen Sinne
Natur transponieren.
Die Forschungsarbeit an diesen faszinierenden Zeugnissen
darf aber nicht die wirkliche Welt aus den Augen verlieren.
Die Stadt Aswan wächst in rasendem Tempo
und sie begreift das alte Steinbruchsgebiet
nicht nur unter sich,
für die Fundamente wird der Fels tief ausgesprengt.
Es herrscht also dringender Handlungsbedarf.
Bei rund 8000 Texten, die es vermutlich gibt,
können wir Survey und Dokumentation
keinesfalls alleine schaffen.
Wir haben deshalb ein Kooperationsprojekt
mit dem Inspektorat des Staatsministeriums für Antiken gestartet.
Das wissenschaftliche Ziel
dieses deutsch-ägyptischen Teams ist es,
eine genaue Kartierung
und eine Datenbank der Pfeilsinschriften anzufertigen,
die es dann erlaubt,
Gefährdungszonen festzustellen
und bei geplanten Neubauten zu reagieren.
Für die Publikation im Internet
kooperieren wir mit dem
Altägyptischen Wörterbuch der Berliner Akademie.
Trotzdem ist dies nicht ein Projekt,
das in ein paar Jahren abgeschlossen werden könnte.
Wir haben deshalb auch ein strukturelles Ziel,
nämlich das, ein Kompetenzzentrum
für ägyptische Epigrafik in Aswan aufzubauen.
Den Grundstein konnten wir durch eine Materialspende
des Auswärtigen Amts legen
und nun sind Lehr- und Trainingsprogramme angesetzt,
um ägyptischen Nachwuchswissenschaftlern
die nötige spezialisierte Ausbildung zu geben.
Sondermittel aus dem Transformationspartnerschaftprogramm
der Bundesregierung
geben uns die Möglichkeit,
solche partnerschaftlich deutsch-ägyptisch
aufgebauten Lehrprogramme durchzuführen,
deren Ziel es ist,
den Verantwortlichen der ägyptischen Behörde
völlig eigenständige Kompetenz zu vermitteln.
Die Entwicklung Aswans, der Stadt,
lässt sich nicht aufhalten
und so dürfen wir auch nicht denken.
Aber einzelne, besonders signifikante
Inschriftenplätze verdienen es,
geschützt zu werden.
Frau Vless hat schon erwähnt,
dass wir aus Mitteln des Kulturherrheitsprogramms
die Möglichkeit hatten,
diese Gruppe, herausragende Gruppe
historischer Stelen,
in denen von der Nubien-Politik
der Könige des Neuen Reichs berichtet wird,
mitten in einem Wohngebiet
in Aswan gelegen,
durch einen Zaun zu schützen.
Gerade jetzt, unter den Bedingungen
der ägyptischen Revolution,
in der eben auch unkontrollierte Baumaßnahmen
erfolgen, war dies,
so haben es uns unsere ägyptischen Partner
formuliert, Rettung in letzter Sekunde.
Ich bin sehr stolz,
dass Deutschland
zum Schutz und zur Präsentation
dieser spannenden Denkmäler
beigetragen hat.
Und hier in diesem Haus ist auch
der Ort, den Dank unserer ägyptischen
Kollegen an das Auswärtige Amt
weiterzugeben.
Erlauben Sie mir eine Weiterung.
Gerade durch die Vorgänge der Transformation
in Ägypten haben wir
begriffen, dass ein dauerhafter
Schutz der archäologischen Plätze,
nicht durch Zäune und Gesetze,
sondern nur durch den Willen
einer freien Gesellschaft geleistet
werden kann.
Ich komme gerade von der
ebenso anstrengenden wie enthusiastischen
Erfahrung unserer Veranstaltungen im Rahmen
der Deutschlandwoche der Deutschen Botschaft.
Hier haben wir speziell für Kinder
ein archäologisches Erlebnisprogramm
organisiert. Hier haben sich Isa Böhme
und unsere Praktikantin aus dem
Kulturweitprogramm des Auswärtigen Amts,
Melanie Herrschaft, ganz besonders
hervorgetan. Hier konnten
ägyptische Kinder spielerisch,
aber doch ganz ernst,
Grundoperationen der Archäologie,
aber auch der Philologie, des Schreibens
auf Papyrus zum Beispiel,
erfahren und probieren.
Und sie konnten damit anfangen,
ihr großes kulturelles
Erbe zu erwerben.
In einem zweiten Projekt
der Transformationspartnerschaft
entwickeln wir Unterrichtsprogramme
und Materialien zur Archäologie,
die Schülern der
verschiedenen Altersstufen einen
autonomen Zugang zu den Quellen
ihrer Vergangenheit eröffnen wollen,
sodass diese Kinder,
wenn sie zu den
neuen Entscheidungsträgern ihres Landes
herangewachsen sind, und das geht
schnell, in freier Entscheidung
diese Werte bewahren können.
Da wir auch und gerade
als Altertumswissenschaftler in der
wirklichen Welt leben und handeln wollen,
will ich auch aussprechen,
dass regelmäßige Schülertage,
wie sie nun als Folge unseres Erfolgs
von uns gefordert werden,
nicht zum Nulltarif zu haben sind.
Vielleicht finden sich ja
Privatleute oder Firmen,
die diese Linie unserer Arbeit erst möglich
machen wollen,
denn im Etat
eines Forschungsinstituts ist ein solcher
Posten nicht vorgesehen.
Falls Sie uns unterstützen wollen,
werden wir nicht zu fein sein, Ihre Hilfe
dankbar anzunehmen.
Für den Ägyptologen
ist die Sache 332 v. Chr.
mit der Eroberung Ägyptens durch
Alexander den Großen erst einmal ausgestanden
und für mich selber, wenn ich die
Wahrheit sagen soll, noch ein bisschen früher.
Aber für Ägypten selbst
nicht.
In abermals 2000 Jahren
folgen die großen Transformationen
der Politik, der Kultur
und Religion des
griechisch-römischen, hellenistisch
geprägten Ägypten, der
christlich-spätantik-byzantinischen
Zeit und des islamischen
Mittelalters bis an die Schwelle der
Gegenwart. Der Forschungsverbund
des Clusters 4 und die Kompetenz
Philipp Speisers und seines Teams von der
Technischen Universität Berlin
haben es der Abteilung Cairo
ermöglicht, auch in dieser langen
Periode ein Schlüsselprojekt
im Raum Aswan anzusiedeln.
Die große mittelalterliche
Nekropole, der sogenannte
Fatimidenfriedhof,
eigentlich nur der
30 Hektar große
Rest eines gewaltigen Friedhofsareals,
das die mittelalterliche Stadt
Aswan umgab.
Dies ist einer der bedeutendsten Plätze
islamischer Archäologie in Ägypten.
Anders als sein Name
suggeriert, stammen die ältesten Gräber
hier schon aus dem 7. Jahrhundert,
also unmittelbar aus der Zeit
nach der Eroberung Ägyptens für das Reich
des Islam.
Freilich dominieren die Kuppeln der großen
Mausoleen aus dem Hohen Mittelalter
das Bild des Platzes.
Dieser Friedhof ist nicht
nur die Städte von Grabanlagen
unterschiedlichen Typs, eine wichtige
Komponente des Platzes
bilden auch die Kultbauten bedeutender
islamischer Heiliger, deren
Gräber oft ganz woanders,
zum Beispiel im Nildelta, liegen.
Die Nekropole ist damit
an alte ägyptische Verhältnisse
erinnernd, ein komplexes
Gefüge ritueller Installationen,
ein heiliger Platz eigener Art.
Unser Projekt
führt erstmals eine kompetente
bauforscherische Analyse
der Gebäude dieses Platzes durch,
mit dem Ziel, die Typologie
der Grabbauten und die
Chronologie der Belegung des Friedhofs zu klären.
Globaler
ist die Absicht, die Transformation
Aswans und seiner Region
in eine muslimische und
eine arabische Stadt zu verfolgen,
eine Stadt übrigens, die,
wie ich gelernt habe,
schon in vorislamischer Zeit arabische
Kontakte durch die Karawanenwege
zum Roten Meer hin unterhielt.
Es ist
nicht genug zu bedauern,
dass die beschrifteten Grabstelen
wohl 6000 an der Zahl
zu Anfang des 20. Jahrhunderts
aus einem falschen Sicherungswahn
heraus, undokumentiert
aus den Grabbauten gelöst
und in die Magazine verbracht wurden.
Erst kürzlich
haben wir, Ralf Bodenstein,
in einer Kooperation mit Lorenz Korn
von der Universität Bamberg
ein Projekt aufgenommen,
diese Stelen endlich vollständig zu
dokumentieren und auf einer
digitalen Plattform zu veröffentlichen. Ein Anliegen,
das unserem Projekt
zu den pharaonischen Felsenschriften
natürlich völlig analog ist.
Diese Stelen, gerade
im statistischen Potential ihrer
gewaltigen Zahl, versprechen durch
ihre Datierungen, aber auch durch
die Namen, die Berufsbezeichnungen
der Inschriften, entscheidende
Aufschlüsse über den Ablauf der
Islamisierung, zum Beispiel
gibt es Fälle, die die Konversion von
Kopten zum Islam dokumentieren.
In der Vorbereitung
dieses Projekts mussten wir lernen,
dass Deutschland keine
arabischen Epigraphiker mehr ausbildet.
Was für eine Schande, dies
in der Stadt der Humboldts berichten zu müssen.
Deshalb soll
unser Projekt auch eine Andockstelle
für den dringend erhofften
Forschungsnachwuchs auf diesem Gebiet werden.
Ich habe
unser Engagement auf dem Fatimidenfriedhof
ein Schlüsselprojekt genannt,
und zwar deswegen, weil es neue
Fragestellungen aufschließt.
Zum Beispiel die Frage
nach der Epoche zwischen der
pharaonischen Zeit und dem Sieg des Islam.
Tatsächlich stehen
bei uns ja die berühmtesten
Tempelbauten der griechisch-römischen Zeit,
Ägyptens, Philae,
der ikonische Platz, dessen
Original leider im Stausee
versunken ist.
Philae, für das mir Erich Winter und Holger
Kockelmann die Augen geöffnet haben,
man braucht das,
denn der schlichte Ägyptologe ist hier verloren,
steht für den Kult der Isis
in der Konstellation
zum gegenüberliegenden Osirisgrab
auf Bigé,
für das Mysterium der Heilung seines Todes,
ein, wie man denkt,
fremdes Element in der Theologie der Region.
Die Tempel
der griechisch-römischen Zeit mit ihren langen,
nun inhaltsstarken Texten
markieren ein neues Niveau
expliziter Theologie,
die ganz neu erscheint.
Aber ich hatte vorhin
schon Ursache zu überlegen,
ob nicht den Festen von Satid und Anoukid
aus alter Zeit genau die
Konzepte der Rollen der Göttinnen zugrunde
liegen, die die späten Tempelentschriften
aussagen. Philae
zeigt ja dieses wunderbare Bild,
in dem der Nilgott,
breit heraus zu strömen,
in seinem Quellloch unter der Insel Bigá
sitzt.
Und wie es so kommt, unter den Felsentschriften
hier auf der Insel Bigá,
den Felsentschriften des Neuen Reiches,
die Ilka Klose für uns bearbeitet,
findet sich eine,
die bereits das Kultmal
des Gottes Osiris ins Zentrum rückt.
Es mag also sein,
dass die Verzahnung
über die Zeit hinweg noch viel
tiefer greift, als man es annimmt.
Deshalb bin ich
ganz begeistert von der Idee, in einer
Kooperation mit der österreichischen Akademie der
Wissenschaften, der großen Heimstatt
der Philae-Forschung und der
Berliner Akademie, wo die
Kästen der Papierabklatsche,
für diese Bilder danke ich Silke Kralert,
und wo die Fotos der Berliner
Philae-Expedition lagern,
also ein Kooperationsprojekt,
das im Horizont unseres
Projekts Medienuniversum Aswan
eine philologisch-kulturwissenschaftliche
Forschungsplattform im Internet
aufbauen soll,
die dann die Texte und Bilder aller
Epochen zusammenführt.
Also die pharaonischen und
die griechisch-römischen und
noch darüber hinaus.
Ich verbette meinen Kopf hier in aller Öffentlichkeit,
dass dadurch noch
tiefere Verzahnungen zwischen
den Epochen sichtbar werden.
Philae war das
letzte der vorchristlichen,
früher sagte man der heidnischen
Heiligtümer, das dem Christentum
weichen musste,
um 536,
eine Bastion der alten Religion.
In das
Hypostyl wurde dann eine Kirche,
immerhin meines Namenspatrons,
eingebaut. Sie sehen hier den
Altar zwischen
den pharaonischen Säulen stehen.
Peter Grossmann,
durch den unsere Abteilung auch
einen großen Namen in der christlichen Archäologie
hat, hat mir geholfen,
weil mich dann plötzlich die Neugier packte,
die alten Kirchen der Aswaner
Region zu sammeln.
Das sogenannte Simeonskloster,
eigentlich der an Bahadra, steht
ja wenigstens allen Besuchern Aswans
vor Augen. Es sind
aber eine ganze Menge, wenn man
sucht.
Die roten Punkte sind die Kirchen
und die grünen sind die
griechisch-römischen Tempel.
Die Kartierung der
Kirchen und dieser späten
Tempel zeigt nun ein
frappierendes Muster.
Es wurden nämlich systematisch in
die späten Tempelbauten
christliche Kirchen hineingebaut.
Man mag sich fragen, wie diese
Struktur eigentlich zu verstehen
ist. Natürlich
dokumentiert sich hier die feindliche
Übernahme des siegreichen Christentums,
was mit den heidnischen Kulten
reinen Tisch machte, und zwar
dadurch, dass es ihre heiligen Städte
überprägte,
aber dadurch wiederum die alte
sakrale Konstellation der Region
in Bausch und Bogen übernahm.
In diesem
totalen Bruch zur heidnischen
Religion liegt also auch
eine totale Kontinuität
in der sakralen Struktur
der Region.
Man mag sich fragen, wie dazu die
Ankunft des Islams dann steht.
Dazu muss man wissen,
das habe ich von Peter Grossmann gelernt,
dass gerade die großen
architektonisch anspruchsvollen Kirchen,
zum Beispiel hier die Kirche
des Deranbehadra oder
die des Kubanierklosters,
und zwar anders, als man es in der Literatur
lesen kann, tatsächlich
erst aus fatimidischer Zeit stammen,
als der Zeit des Hohen Islam
vom 11. bis zum 12.
Jahrhundert. Die Archäologie
gerade dieser Kirchen der
Aswaner Region ist also
auch eine Archäologie christlich-muslimischer
Koexistenz, wie sie in Aswan
und in Ägypten bis heute
prägend ist.
Das ist nur eine Skizze
bislang. Ich denke, offensichtlich
stehen wir hier an der Schwelle
in ein neues Forschungsprojekt, bei dem
uns hoffentlich Sebastian Richter aus Leipzig
und unser Kollege
Mohammed Abdel Latif aus Mansoura unterstützen
werden. Es wird die Verzahnung
zwischen Antike, Christentum
und Islam im Raum von
Aswan näher unter die Lupe
nehmen. Der fatimidische
Friedhof von Aswan
führt uns aber nicht nur in die Vergangenheit.
Er führt uns bis
in unsere Zeit.
Die Kulte dort sind zwar alt, aber nichts
weniger als erloschen. Zu den
großen Festen des Heiligen Kults
kommen wohl an die 50.000 Gläubige
aus Oberägypten hierher.
Wenn wir als Archäologen
sprechen, sehen wir darin zunächst einmal
ein konservatorisches Problem.
Und deshalb hat Philipp Speiser
ein Programm denkmalgerechter
Restauration
– Sie sehen hier zwei Phasen
der Herrichtung eines solchen alten Mausoleums –
und darüber hinaus
ein umfassendes Site-Management-
Konzept entwickelt,
das die Denkmäler als archäologische Städte
und als Städte touristischer Besuche
auf der einen Seite
mit der Kontinuität der
traditionellen Kulte versöhnt.
Denn diese traditionellen
Kulte eines volkstümlichen Islam
sind von hohem Wert.
Georg Staudts Studien im
Nildelta haben gezeigt, wie der
plurale Reichtum islamischer
Volksreligion dem Druck einer
neuen Orthodoxie zu weichen droht.
Ich bin deshalb sehr froh,
dass wir in diesem Herbst
ein ethnoarchäologisches Projekt
zu den muslimischen Heiligen Kulten
im Gebiet von Aswan starten können,
nicht nur auf dem
Fatimidenfriedhof,
sondern darüber hinaus, zum Beispiel
bei der Rubah des
Sheikh Osman am Gebel Tinga.
Denn auch hier finden traditionelle
Riten statt.
Sie sehen hier Spuren davon.
Und dieser Platz in seiner Nachbarschaft
zu einem alten pharaonischen
Heiligtum,
einem Tempel des Gottes Knum,
erkennbar an den
Felsenschriften, natürlich.
Dieser Platz ist ein gutes Beispiel
dafür, wie volkstümliche
Riten auch den Anschluss
an das Charisma antiker
Städten knüpfen.
Tatsächlich ist dies ein Charakteristikum
der ägyptischen Volksreligion.
Die Kollegin, die dieses Projekt
durchführen wird, Nadja Shahoumi,
und die wissenschaftliche Beraterin
Professor Faiza Haikal,
die wir gewinnen konnten,
sind beides Musliminnen,
sodass ich in dieses Forschungsprojekt
kein falscher Ton einschleichen kann.
Ich bin nun am Schluss
meines Vortrags und habe
mehr fortgelassen, viel mehr fortgelassen
als zur Sprache gebracht,
aber dadurch habe ich mir ein paar Minuten
verdient, noch ein bisschen aufzuräumen,
wenn Sie gestatten.
Vier Jahrzehnte und mehr arbeitet
das Deutsche Archäologische Institut Cairo
nun im Gebiet von Aswan.
Die klassische Frage lautet,
gibt es noch etwas Neues? Die klassische
Antwort, ja. Natürlich jede
Menge einzelner Ergebnisse, aber
neu wird vor allem unser Blick auf
die Dinge. Lassen Sie
mich drei Felder herausheben.
Wer bei archäologischen Plätzen in die
Lehre geht, verliert den Glauben
an die Lehrfächer der Universität.
Die Grenzen meines Faches
der Ägyptologie sind draußen im
Feld nicht durch rote Linien markiert.
Deshalb lassen wir uns
mehr und mehr auf die Totalität
der historischen Wirklichkeit in
Raum und Zeit ein.
Nicht um in Kontinuitätsfantasien
aus Jahrtausenden
menschlicher Kultur,
und ich habe hier fünf
Jahrtausende abgedeckt,
aus Jahrtausenden menschlicher Kultur
eine Einheit zu träumen,
sondern im Gegenteil, um in
einem kohärenten Rahmen historische
Transformation als signifikant
zu verstehen.
Und damit fassen wir
die große Frage der historischen
Identität Ägyptens,
sowohl im Blick des Westens wie im Blick
der ägyptischen Bevölkerung selbst,
in den Blick. Das Problem
nämlich die Frage, die
Ewigkeit des Landes
im Wandel seiner Völker und Kulturen
zu begreifen.
Mag der Glaube an die Grenzen
der Fächer erschüttert sein,
so gewiss nicht der an ihre Kompetenz.
Sich der Gesamtheit
überlieferter Geschichte zu stellen,
muss man zusammenhelfen.
Und deshalb brauchen wir die Ptolemaisten
der Österreichischen Akademie,
die Koptologen aus Leipzig,
die Volkskundler Kairos,
die Korpuslinguisten der Berliner Akademie,
die Epigraphiker und
Althistoriker des DAI
und der Berliner Akademie.
Das eine große Projekt Elefantine
verwandeln wir so in eine
Plattform der Kooperation,
die, und das ist die Hoffnung,
den vielen kleinen
und manchmal zerstreuten Fächern
die Herausforderung und die Chance
thematischer Integration öffnet
und die etwas von
der primären Erfahrung
der Feldarbeit
in die Hörsäle trägt,
was sicher ein
subversives
Moment enthält.
Vor allem aber sehen wir uns
und unsere Rolle neu in dem Land,
der Region unserer Tätigkeit.
Wir waren immer für die
Gastfreundschaft, die wir erfahren, dankbar
und haben immer gern über unser Tun
Auskunft gegeben.
Aber wir sehen nun ein neues Gefühl
der Verbindlichkeit.
Dies gilt für die Zusammenarbeit
mit den ägyptischen Kollegen
in wirklichen Gemeinschaftsprojekten,
in denen wir einen Teil
der Verantwortung für den Erhalt der Denkmäler
mittragen und in denen
wir uns in der Ausbildung
des ägyptischen Forschungsnachwuchses
und im Aufbau ägyptischer
Forschungsstrukturen engagieren.
Dies gilt aber auch für unser
Verhältnis zur lokalen Bevölkerung.
Wie ich hier vor Ihnen stehe,
ja auch um Rechenschaft
über unser Tun zu geben,
so begreifen wir die
Bevölkerung Ägyptens und Aswans
als eine und eigentlich die
entscheidende Zielgruppe unserer Arbeit.
Entscheidend, weil diese
Bevölkerung über die Zukunft der
Archäologie Ägyptens und der archäologischen Plätze
entscheiden wird.
Deshalb wenden wir uns
an die Bevölkerung Aswans in einem
Newsletter, Aswanayat,
in dem wir,
ich sage es eigentlich mit einem Gefühl der
Beschämung, erstmals
uns vorstellen und erklären,
was wir eigentlich tun.
Das neue Selbstbewusstsein
der Bevölkerung
Ägyptens, das sie
im Prozess des politischen Wandels gewonnen hat,
bringt uns so einander
näher. Es bringt
uns näher, indem wir uns auch
selbst wandeln.
Vielen Dank.
