Wie mich der Einsatz für eine bessere Pflege krank gemacht hat – und warum ich trotzdem Krankenschwester bleibe
Franziska Böhler ist Krankenschwester – und Pflegeaktivistin. Mit ihrem Einsatz für bessere Bedingungen in der Pflege hat sie vielen aus dem Herzen gesprochen. Und doch gab es eine Zeit, in der sie nicht mehr weitermachen kann. Zu viel prasselt auf sie ein: Sie wird bewundert, um Rat gefragt, und sie wird kritisiert, beleidigt, bedroht. Franziska Böhler versucht allem gerecht zu werden, als Mutter von zwei Kindern, als Aktivistin und als Krankenschwester. Sie versucht den Hass auszublenden, Kritik abperlen zu lassen – doch irgendwann ist das nicht mehr möglich. Panikattacken und Burnout sind die Folge. Hinzu kommt der Frust, dass sich an den katastrophalen Bedingungen in der Pflege nichts ändert. Trotzdem: Die Krankenpflege ist und bleibt Franziska Böhlers Traumberuf. Sie identifiziert sich mit ihm, er erdet sie.
Sehr persönlich und gnadenlos ehrlich schildert Franziska Böhler, was der Einsatz für die Pflege mit ihr gemacht hat, wie sie selbst daran fast zerbrach, krank wurde und wieder heilen konnte. Denn damit man anderen helfen kann, muss es zuerst einem selbst gut gehen. Und sie stellt die Frage, wie wir mit den Menschen umgehen, die sich für andere einsetzen – sei es im Krankenhaus oder im Aktivismus.
Franziska Böhler arbeitet seit 2007 als Krankenschwester auf einer Intensivstation in der Nähe von Frankfurt am Main. Im Mai 2020 wechselte sie von der Intensivmedizin in die Anästhesie. Als @thefabulousfranzi hat die Mutter von zwei Kindern rund 250.000 Follower auf Instagram, wo sie regelmäßig von dramatischen Geschichten aus dem Klinikalltag berichtet und auf den Pflegenotstand aufmerksam macht. Ihr erstes Buch »I’m a nurse« wurde 2020 mit dem LovelyBooks Leserpreis in Silber ausgezeichnet.
Mir geht es aktuell sehr, sehr gut. Ich habe eine zweimonatige
Social-Media-Pause gemacht, die auch dringend notwendig war. Ich habe ganz viele Dinge reduziert,
die für mich nicht mehr in mein
Leben gehören oder mich beeinträchtigt haben und deswegen bin ich gerade guten Mutes und mir geht es richtig gut, ja.
Das zweite Buch ist entstanden, weil die Zeit zwischen dem ersten Buch und dem Tag heute
sehr ereignisreich war.
Es sind vier Jahre vergangen und mir war es ein ganz wichtiges Anliegen,
den FollowerInnen, den Menschen da draußen und auch den LeserInnen mitzuteilen, was diese vier Jahre mit mir gemacht haben in der
Öffentlichkeitsarbeit.
Auch
ob dem Umstand, weil ich immer wieder höre, dass das Influencertum oder das Leben in der Öffentlichkeit
erstrebenswert sei und ich wollte meine Erfahrungen darüber
preisgeben.
Der Titel des Buches bedeutet, dass ich nicht aufgegeben habe, dass ich mich nur verändert habe. Ich kümmere mich noch.
Ich kämpfe noch für die Pflege, auch wenn ich das mehr
lokal tue, indem ich viele Vorträge halte,
indem ich an Schulen gehe, indem ich aber auch immer noch berufstätig bin. Ich habe einfach nur den Wirkungskreis
und das Ausmaß der Öffentlichkeitsarbeit
eingeschränkt, um meinetwillen, aber ich habe nicht aufgegeben.
Ich hatte zu Beginn des ersten Buches, beziehungsweise als es überhaupt Thema wurde, ein Buch zu schreiben,
keine Ahnung, von der Öffentlichkeit, von Fernsehen, von TV, von Interviews und
ich bin mit schlotterndem Knie
in diese Welt reingegangen und musste mich an vieles gewöhnen und das Buch erschien dann im
August 2020 und kam unglaublich gut an. Daraufhin folgten viele TV-Auftritte, viele Interviews,
viele Beiträge, Berichte über mich, aber
es kam dann eben mit dem Erfolg auch der Neid.
Ich habe mich natürlich mit manchen Haltungen, gerade während der Corona-Pandemie,
im Wespennest gesetzt, sei das
die Thematisierung der Impfung,
kontroverse Haltungen zu anderen Themen, man muss darüber
sprechen, dass wir innerhalb unserer Berufsgruppe auch Neiddebatten führen und das alles hat zu viel Unruhe geführt und
auch dazu, dass ich,
weil ich immer mein Ziel vor Augen hatte und mir eben Ziele gesteckt hatte, dass ich viel private Zeit geopfert habe.
Zeit, die ich vielleicht mit meinen Kindern hätte verbringen können, müssen,
das sind alles Dinge, die ich mich im Nachhinein gefragt habe
und
es hat mich viel Ressourcen, viel mentale
Energie gekostet.
Ich habe mich unwohl gefühlt.
Ich war nie diejenige, die
auf die Titelseite wollte. Ich war nie diejenige, die ins Fernsehen wollte.
Jede Talkshow-Anfrage, jede Anfrage für
etwas Öffentliches, für was Großes, das hat mir Angst gemacht einfach. Ich bin in dieser Welt nicht groß geworden und ich habe lange gebraucht, bis ich
mich eingelebt hatte und ich habe eben dann auch viele Menschen kennengelernt, die mein Tun und Wirken eben nicht so gut fanden und
das führte dazu, dass es über Morddrohungen bis zu
Totenmeerschweinchen in meinem Garten, bis hin zu defamierenden Berichten über mich, eine breite Palette
an ganz schrecklichen Erfahrungen für mich hagelte
und das hat mich mehr oder weniger in die Knie gezwungen nach ein paar Jahren.
Meine Konsequenz, und das ist das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, dass ich an erster Stelle stehe.
Meine Gesundheit, und das ist eigentlich auch etwas, was ich auf meinen Lesungen den KollegInnen immer sage, dass Kranke keine Kranken pflegen können
und habe aber jahrelang
Wasser statt Wein gepredigt,
weil ich mich selber nicht daran gehalten habe und das musste ich dann eben nach den Jahren schmerzlich selber erfahren.
Ich habe meine Arbeit und meine Ziele einfach reduziert, weil mir
wurde ganz klar, dass ich als Einzelperson nicht die Welt retten kann und auch nicht die Pflege.
Ich kann meinen kleinen Teil dazu beitragen, ich kann gewisse Dinge anstoßen, aber es liegt nicht in meinen Händen, dieses System
und dieses Land zu retten.
Und das muss man sich eingestehen und wenn man das verinnerlicht hat, dann kann man sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren.
Das ist die Familie
und das sind Menschen, die mir guttun und auch da habe ich mich von vielen Menschen getrennt,
die eben auch in diesen Jahren
von mir profitieren wollten und das waren viele.
Das konnte ich irgendwann nicht mehr unterscheiden, wer ist Freund und Feind und das macht auch was mit einem, wenn man nicht mehr weiß,
meint er es ehrlich mit dir oder will er was von dir und das bringt einen in einen ganz, ganz gruseligen Zwiespalt und
hat viele, viele Vertrauensverhältnisse zerstört.
Und deswegen, ich stehe an erster Stelle und ich muss gucken, dass es mir
gut geht und dass ich meine Arbeit, so wie ich sie mache, in der Öffentlichkeit nach bestem Wissen und Gewissen für mich verrichten kann.
Das ist total wichtig und Hilfe anzunehmen ist auch keine Schande, sondern
es ist eine großartige Einsicht, nämlich die Entscheidung für sich. Man entscheidet sich für sich, für seine Gesundheit, um weitermachen zu können
und dieses Durchhalten um jeden Preis,
das ist das Schlimmste, was man machen kann, weil, und da wiederhole ich mich wieder,
Kranke keine Kranken pflegen können und das gilt für den Beruf, sowie auch für das Private.
Die Franzi von heute
hat überlegt, ob sie der Franzi von 2019 sagen würde, lass das, mach's nicht,
fang das gar nicht erst an, aber das wäre falsch gewesen.
Ich habe mich oft gefragt, ob sich das alles gelohnt hat, ob sich das rentiert hat, ob es das alles wert war und
bestimmt habe ich den Bogen ein bisschen überspannt und hätte früher einfach die Bremse reinhauen müssen, aber
ich würde der Franzi von 2019 sagen, hör auf deine Freunde.
Hör auf deine Freunde, denn die haben schon ganz früh gesagt, das ist zu viel, mach weniger, pass auf und ich habe geantwortet,
ach, kriege ich schon hin, alles gut und das war mantraartig über die ganzen Jahre und ich habe zu lange gebraucht, um
zu verstehen, dass diese Ratschläge wirklich ernst gemeint war, dass sich viele Menschen Sorgen um mich gemacht haben
und das hätte ich ein bisschen früher merken müssen. Das Schlimme ist, dass ich das Buch von
2019 heute genau so schreiben könnte. Das beantwortet, glaube ich, die ganze Frage.
Gewisse Impulse sind gesetzt. Es ist, glaube ich, auch klar, dass wir einen kompletten Umbruch und eine
Umstrukturierung unseres Gesundheitssystems bräuchten, brauchen, immer noch.
Das obliegt aber
anderen Obrigkeiten und Entscheidern.
Aber es ist nicht mehr fünf vor zwölf, so wie vor vier Jahren, sondern Viertel nach.
Als erstes bin ich immer noch, wie die ganzen Jahre auch, befinde ich mich in einem Angestelltenverhältnis, habe
einen unglaublich guten Job, der mir Spaß macht, tolle Chefs, Arbeit, die mich echt erfüllt. Ich gehe total gerne arbeiten.
Ich komme auch, seitdem ich 2020 in der Klinik gekündigt habe,
abends mit einem ganz normalen Pulltime, komme entspannt heim und
bin einfach happy nach jedem Arbeitstag. Das hört sich ganz, ganz cheesy an, ist aber so.
Und dann konzentriere ich mich wirklich darauf,
Vorträge zu halten, in verschiedenen Institutionen, unter anderem auch an Schulen, auch um den Pflegeberuf attraktiver zu machen.
Ich versuche mich wirklich auf das Positive zu konzentrieren, weil das das Einzige ist, das uns unser größtes Problem lösen könnte, nämlich
Fachkräfte, Nachwuchs
auszubilden und sie dafür zu begeistern.
Und dasselbe mache ich natürlich auch noch auf Instagram, aber nicht mehr mit dem Anspruch,
ja, die Welt zu retten und alleine irgendwas,
alleine das Ruder rumreißen zu müssen, weil das schaffe ich nicht und
ich versuche einfach, einen kleinen Teil meinen Beitrag zu leisten.
Mein Buch,
mein Buch ist, glaube ich, etwas für alle,
die ihre Ziele hochgesteckt haben,
die ehrgeizig sind, die etwas erreichen wollen und die vielleicht aber zwischendrin auch mal gemerkt haben, mir geht es nicht gut.
Vielleicht auch die, denen die beste Freundin mal gesagt hat, du siehst nicht gut aus, brauchst du mal eine Pause.
Vielleicht auch die, die denken, sie kriegen das alles nicht hin, das ist alles zu viel.
Vielleicht aber auch die Kollegen, die jetzt noch in der Öffentlichkeitsarbeit sind und abends
auf dem Sofa sitzen und denken, für was mache ich das?
Dass es keine Schande ist, sich Hilfe zu holen
und dass man aus diesem Loch auch wieder rauskommt und vielleicht sogar ein bisschen stärker, als man vorher war.