Weihnachtliche Hörbuch Erzählung zum Einschlafen für Kinder & Erwachsene "Anton" von Frida Schanz

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Und jetzt viel Spaß beim Zuhören
von Frieder Schanz.
Ein Sonntagnachmittag allein zu Haus.
Es hatte den Kindern anfangs gar nicht in die Köpfchen gewollt.
Und nun war es doch so wundervoll geworden.
Lustig jetzt.
Anton wird nach Tisch zu euch kommen und mit euch spielen,
hatte der Vater gesagt, als die Kinder trübselig zuschauten,
wie der Kutscher den Wagen putzte, indem die Eltern über Land fahren wollten.
Im Nu waren die vier Gesichtchen wie mit Sonnenschein übergossen.
Anton wird kommen.
Das war viel tausendmal schöner als die wundervollste Landpartie.
Das bedeutete die lustigsten Spieler.
Die drollesten Geschichten.
Die herrlichsten Einfäller.
Max warf vor Freude das braune Hütchen hoch in die Luft.
Die kleine schwarzeugige Käthe stieß ihren wildesten Jauchzer aus.
Und selbst Illy, die ernste Große, schlug die Hände freudig zusammen.
Das kleine Görgel krähte vor Lust.
Wer diesen Jubel sah, hätte glauben müssen,
Anton, der so gern erwartete Besuch, sei der größte Spaßmacher der Welt.
In der Tat aber war er ein blasser, ernster, fleißiger Junge,
den niemand außer den Kindern je lachen sah.
Er war ein Weise und wohnte in der engsten,
ärmlichsten Gasse bei einer alten Taubenverwandten,
die zuweilen zu den reichen Fößlers ins Haus kam,
um die zerrissenen Röckchen, Höschen und Strümpfe der Kinder zu flicken.
Als Herr Fößler einmal einen Laufjungen suchte,
hatte sich Anton gemeldet.
Er besorgte nun schon seit Jahren allerlei Gänge
und sonstige kleine Dienste im Geschäft,
wofür Herr Fößler ihm so viel bezahlte,
dass er statt der gewöhnlichen Armendschule
eine bessere besuchen konnte.
Er war bescheiden, ernst und treu.
Und weil in seinem stillen Wesen etwas lag,
das einem immer ein wenig Leid tat
und das man gern leiden mochte,
hatte Herr Fößler,
den die Sorgen seines großen Geschäftes selbst ernst und streng gemacht,
ihn oft und gern mit irgendeinem Auftrag vom Geschäft
in sein Wohnhaus hinausgeschickt,
damit er einmal von der freundlichen Hausfrau ein Liebeswort zu hören bekomme
und mit den vier gutherzigen, lustigen Kindern
ein wenig Freundschaft schließen könne.
Mit Kindern umzugehen musste der stille Junge
nun außerordentlich gut verstanden haben.
Denn wenn er einmal ein halbes Stündchen allein mit ihnen zusammen war,
so wussten sie dann immer stundenlang davon zu erzählen,
wie viel schöne Dinge er wisse,
wie er gut sei und wie wundervoll er mit ihnen spiele.
War jemand Erwachsenes dabei,
so war dies freilich nicht so.
Selbst die Freundlichkeit der Mutter konnte die Schüchternheit des armen Jungen
nicht ganz verbannen.
Du hast ihm vielleicht mit deiner Strenge ein wenig Angst gemacht,
sagte sie zuweilen zu ihrem Mann.
Das möge sein,
gab dieser zu.
Aber in einem Geschäft wie dem seinen
könne es nicht anders sein.
Ernst, strenge,
gehorsam aufs Wort,
das mache so tüchtige Leute, wie er sie brauche.
Anton werde ihm die strenge Schule schon noch einmal danken.
Wenn er brav und strebsam bleibe,
wolle er auch schon in Zukunft für ihn sorgen.
Dieser Anton also war es,
der die Kinder heute darüber trösten sollte,
dass die Eltern einmal ohne sie
in dem schönen Wagen mit den goldbraunen Füchsen
zu einem Besuch über Land fahren mussten.
Und wie herrlich gelang dies dem stillen Jungen.
Der ganze, große, schattige Garten
heilte wieder von hellem, seligem Kinderlachen.
Man spielte Räuber und Versteck,
aber Anton wusste alles so schön anzugeben,
so eigen,
so ganz anders, als die Kinder es allein vermocht hätten.
Dann wurden Märchen aufgeführt.
Illy war das Dornröschen und lag oben in der kleinen Borkenlaube
unter lauter wilden Rosen.
Max musste der Prinz sein, der sie befreite.
Es gab eine herrliche Hochzeit mit Sang und Tanz,
wozu die Vesperbrote mit den kleinen Frühbirnen,
die köstlichsten Speisen,
Marzipantorten,
Apfelsinen und Ananas,
vorstellen mussten.
Als es dämmerig wurde und die Abendnebel unter den hohen Bäumen hingen,
wurde im Hause weitergespielt.
Max hatte zu seinem Geburtstag neue Soldatensachen
und ein stattliches Schaukelpferd bekommen.
Natürlich musste nun ein wenig Krieg gespielt werden.
Auch der kleine blonde Görg wollte Soldat sein
und auf einem stolzen Rösschen reiten.
Anton wusste auch dafür Rat.
Der gute Junge gab selbst den Rappen ab,
ließ sich satteln und zäumen und trug den lieben kleinen Reiter
auf seinem eigenen Rücken in vorsichtigem Trabe durchs Zimmer.
Ach, Anton, wie gut du bist!
Du glaubst nicht, wie lieb wir dich haben!
Jauchzte das wilde Kädchen an diesem Nachmittag wohl zehnmal,
indem sie den treuen Spielgefährten in ihrer ungestümen Weise
immer von Neuem mit den runden Ärmchen umschlang.
Wirklich, Kädde?
Fragte er einmal ganz ernsthaft.
Hast du mich lieb?
Furchtbar lieb,
beteuerte sie.
Ich möchte dir einmal etwas Rechtes zu Gefallen tun.
So setze dich einmal einen Augenblick ruhig hin, kleiner Wildfang,
bat er.
Du bist so heiß.
Aber nur einen ganz kleinen Augenblick,
meinte sie lachend.
Gleich darauf schon wirbelte sie wieder durchs Zimmer.
Sie hatte eine wundervolle Idee.
Wir holen die kleine Spieldose aus Mamas Zimmer und tanzen.
Eure Mutterzimmer ist verschlossen,
sagte Anton.
Ich sah, wie sie den Schlüssel abzog.
Aber sie legte ihn hier in ihren Arbeitskorb.
Das tut sie immer,
im Fall eins von uns etwas Wichtiges drüben zu holen hat,
erklärte Illy.
Nun höre einmal,
die Spieldose ist gerade nichts Wichtiges.
Eure Mutter sieht es gewiss nicht gern, dass ihr hineingeht, wenn sie nicht da ist,
wandte der Spielkamerad ein.
Oh, Anton,
rief Kädde.
Verdirb uns doch nicht den Spaß.
Sie erlaubt es schon.
Ich glaube auch, sie erlaubt es,
gab Illy zu.
Obgleich sie wusste, dass die Mutter unter den wichtigen Dingen,
die von drüben zu holen erlaubt waren,
nichts anderes verstand,
als höchstens einmal ein nötiges Stück aus dem Wäscheschrank
oder aus dem kleinen Verbandskästchen,
im Fall eines Malheurs,
wie es den wilden Kindern wohl zuweilen passierte.
Anton wandte,
obgleich ihm die Sache nicht recht war,
nun nichts weiter ein.
Seiner Meinung nach hatten die Kleinen nun genug getäut,
aber die Mutter hatte vor dem Wegfahren so freundlich gesagt,
mach ihnen nur einen recht lustigen Nachmittag.
Er brachte es wirklich nicht übers Herz, ihnen ihre Freude zu verderben.
Kädje nahm den Schlüssel aus dem Nähkorb
und ging über den Flur nach Mamas kleinem Eckzimmer hinüber.
Sie blieb merkwürdig lange drüben,
und als man die Tür von Mamas Zimmer endlich gehen hörte,
erschien noch immer kein Kädchen in der Kinderstube.
Besorgt, dass hier vielleicht etwas geschehen sein könnte,
blickte Anton endlich in den Flur hinaus.
Alles war still,
und nirgends war die Kleine zu erblicken.
»Kommst du denn nicht, Kädchen?«
rief er und eilte rasch über den dunklen Vorsaal weg.
Da sah er plötzlich eine kleine dunkle Gestalt in einer Ecke
und zugleich klang ein leises, klägliches Weinen an sein Ohr.
»Kädchen!« schrie er erschrocken.
»Was hast du denn? Scherzest du?
Oder sprich doch, was ist dir denn geschehen?«
Er bückte sich zu der Kleinen nieder und bemerkte,
dass ihr Gesicht ganz mit Tränen überströmt war.
Ihre weichen, runden Ärmchen schlangen sich um seinen Hals,
und ein leises, flüsterndes Stimmchen flehte.
»Lieber, lieber Anton, hilf mir doch.
Ich habe etwas Schreckliches begangen.
Ich stieß im Dunkeln an die schöne, kleine Engelsfigur,
die Mama so sehr liebte, und habe sie heruntergeworfen.
Sie ist in tausend Stücke zerbrochen.
O Anton, wie wird Mama schelten?
Bitte, bitte sag doch nicht, dass ich drüben im Zimmer war.
»Verschweigen?« fragte Anton.
»Das wäre sehr unrecht.
Auch ist es ja gar nicht möglich.
Deine Geschwister wissen es alle, dass du drüben warst.
»Könntest du nicht sagen, ich sei gar nicht drüben gewesen,
und dir sei, als du mich dort gesucht, das Unglück passiert?«
sagte Käthchen schüchtern.
»Sieh, dich wird Mama gewiss nicht halb so sehr schelten wie mich.«
Erstaunt und traurig sah Anton sein geliebtes, kleines Käthchen an.
»So schlecht kannst du sein?« fragte sein Blick.
Aber er sprach die Worte nicht aus, sondern sagte nur,
»Wenn du es übers Herz bringst, einen anderen anzuklagen,
wenn du selbst ein Unrecht getan hast, so tue es nur.
Ich werde dich gewiss nicht verraten.
Dass es eine große Sünde ist, jemand zu belügen, weißt du ja.«
Auf die letzten Worte hörte Käthchen schon nicht mehr.
»Ich will Mama sagen, dass du es aus Versehen getan hast
und dass du sehr traurig darüber warst.
Sie wird dir gewiss nicht böse sein
und ich will dich noch viel, viel Liebe haben für diesen Gefallen, den du mir tust,«
schmeichelte sie, während sie die letzten Tränen
aus ihrem schon wieder lächelnden Gesicht trocknete.
Anton sagte kein Wort mehr.
Er ließ sich von dem Kinder ins Zimmer ziehen und hörte auch schweigend zu,
wie Käthchen drinnen den Geschwistern die Unwahrheit erzählte,
die sie sich soeben ersonnen.
»Armer Anton, dass dir das geschehen musste,«
sagte Elli.
»Ich will Mama recht für dich bitten,«
versicherte Fritz.
»Ja, das tu nur,«
sagte Anton mit trauriger Stimme.
»Es tut mir sehr leid, eure Eltern zu betrüben, denen ich so viel dankschuldig bin.
Die Freude und Lust des Abends war vorbei.
Käthchen klagte, dass sie müde sei und zu Bett wolle
und auch den anderen Kindern war es auf einmal nicht mehr,
wie spielen und froh sein zu Mutter.
Anton verabschiedete sich bald.
Das Mädchen brachte den Kleinen ihre Abendmilch
und als die Eltern gegen halb neun Uhr von ihrer Besuchsfahrt heimkehrten,
fanden sie ihre kleine Gesellschaft,
die sich sonst immer sehr gegen das Zubettgehen sträubte,
eben ruhig und weich in ihre weißen Nestchen gebettet.
Im Chor erzählten die Kinder, was ihrem Spielgefährten geschehen sei.
Elli und die Knaben schilderten die Sache,
wie sie dieselbe vorhin von Käthchen gehört,
so lebhaft, dass das kleine böse Mädchen beinahe selbst an deren Wahrheit glaubte.
Die Mutter war außer sich über den Verlust der schönen Figur,
die ihr ein liebesteures Andenken war.
Aber die Kinder baten so stürmisch um Verzeihung für ihren lieben Kameraden,
dass Frau Fößler bald gerührt war
und dem armen Jungen seine Unachtsamkeit zu verzeihen versprach.
Die ganze Sache schien am anderen Morgen vergeben und vergessen zu sein.
Umso mehr staunten die Kinder,
als sie vor dem Mittagessen plötzlich in der Mutterzimmer gerufen wurden
und von den Eltern, die beide hier anwesend waren,
im tiefsten Ernst noch einmal
nach dem Verlauf des gestrigen Nachmittags gefragt wurden.
»Ist außer Anton gewiss niemand in meinem Zimmer gewesen?«
fragte die Mutter streng.
»Nein, niemand«, beteuerte Elli.
»Ich habe den Schlüssel Käthe gegeben,
die die Spieldose holen wollte.
Und ich fand das Schlüsselloch nicht im Dunkeln«,
log Käthe.
»Da kam Anton dazu und ich bat ihn,
er solle doch in das Zimmer gehen und die Dose holen.
Als er herauskam, sagte er mir, dass er die Figur zerbrochen habe.
»Es ist gut«,
sagte der Vater mit finsterem Gesicht.
»So haben wir uns in Anton bitter getäuscht.
Wer hätte das von ihm gedacht?«
»Dass er die Vase zerbrochen hat?«
fragte Käthe schnell.
»Hattet ihr ihm das nicht schon verziehen?«
»Gewiss«,
sagte Herr Fößler.
»Aber es kommt nun noch etwas sehr Schlimmes dazu.
Geht nur jetzt. Die Sache geht euch nichts weiter an.«
Die Kinder wussten, dass sie aufs Schnellste gehorchen mussten,
wenn der Vater in so ernstem Tone sprach.
Stillschweigend gingen sie nach dem Kinderzimmer hinüber,
um hier ihrem Erstaunen umso lauter Luft zu machen.
Was war denn geschehen?
Was konnte denn Anton noch Schlimmes getan haben?
Hatte er noch etwas verdorben oder zerbrochen?
Wenn er doch bald käme, dass man ihn fragen könnte.
Alle wünschten dies dringend.
Nur Käthe hatte eine unbestimmte Angst, Anton jetzt wiederzusehen.
Sie hatte seit gestern Abend nicht mehr an ihre Lüge gedacht.
Erst jetzt fiel es ihr schwer aufs Herz,
dass sie Anton doch ein großes Unrecht getan habe
und dass dieser nun doch vielleicht noch Schälte ihretwegen bekommen werde.
Sie hatte fast Angst, ihn wiederzusehen.
Wenn er lieber nicht so bald käme, dachte sie,
wenn die anderen ihn recht lebhaft herbeiwünschten.
Und Anton kam wirklich nicht so bald.
Tage, Wochen vergingen, ohne dass die Kinder ihn wieder sahen.
Anton wird überhaupt nicht mehr kommen,
sagte die Mutter eines Tages, als der kleine Görg sie,
wohl zum hundertsten Mal, mit der Frage quälte, wo Anton denn bleibe,
ob er denn nicht endlich einmal wiederkommen werde, um mit ihm zu spielen.
Überhaupt nicht mehr?
riefen die Kinder aufs höchste Erschrocken.
Ja, weshalb denn?
Waren wir nicht gut zu ihm?
Hat er uns denn gar nicht mehr lieb?
Anton ist nicht mehr in des Vaters Geschäft,
erwiderte die Mutter kurz.
Papa braucht nur ganz treue, ehrliche Leute
und ein solcher ist Anton nicht gewesen.
Er hat ein Unrecht begangen und wurde deshalb fortgeschickt.
Fragt nicht weiter nach ihm, vergesst ihn.
Er war unserer Liebe nicht wert.
Ihr werdet schon einen anderen Spielgefährten finden.
Die Kinder brachen in ein lautes Jammern aus.
Anton vergessen, das war wahrhaftig nicht so leicht.
Ach, und dass Anton schlecht sein sollte,
das konnte man sich doch nicht denken.
Und dass man ihn nie wiedersehen sollte, noch viel weniger.
Nur einer war die Neuigkeit beinahe lieb.
Kätchen hatte Antons Wiederkommen immer im Stillen gefürchtet.
Nun brauchte sie wenigstens nicht Angst zu haben,
dass er sie verriet und dass ihre Unwahrheit,
an die sie immer denken musste, noch ans Tageslicht kam.
Sie hatte damals gar nicht bedacht,
dass es mit dem Lügen ein so unheimliches, schreckliches Ding sei.
Sie hatte nie vorher eine Unwahrheit gesagt
und jene eine war ihr gar nicht als ein so ungeheures Unrecht erschienen.
Nun aber erinnerte sie das böse Gewissen fortwährend daran.
Sie war nicht mehr so froh und ausgelassen, wie sie es gewesen.
Und oft, wenn sie abends ihr Nachtgebet gesagt,
lag sie noch lange wach und dachte an die zerbrochene Engelsfigur.
An Anton und an die ernsten Worte,
die der Lehrer in den letzten Religionsstunden über die Lüge gesprochen hatte.
Am liebsten hätte sie jetzt noch alles gestanden,
aber eine tiefe Scham vor Eltern und Geschwistern hielt sie zurück.
Sie wollte gewiss nie wieder unwahr sein.
Ach, wenn nur niemand von diesem einen Mal etwas erführe!
Ein halbes Jahr verging
und es schien, als ob die Sache wirklich begraben sei.
Auch Kates böses Gewissen begann endlich zu schweigen.
Der Winter kam und brachte so viel Neues und Schönes.
Schlittenfahrten und Schlittschuhbahn,
lustige Kindergesellschaften und die große Freude auf das nahe Weihnachtsfest.
Einige Wochen vor letzterem
kam Fritz einmal sehr traurig und aufgeregt aus der Schule nach Hause.
Es war ein grimmiger, kalter, windiger Tag
und Frau Fößler hatte sich schon um ihren kleinen Sohn geängstigt,
der etwas später als die anderen daheim eintraf.
Fritz war außer sich.
Er hatte Anton unterwegs getroffen
und Anton hatte so blass und traurig ausgesehen,
dass er ihn kaum wiedererkannt.
Er hatte ein dünnes, zerrissenes Jäckchen angehabt
und war mit einem Korb voll Papiersterne und Ketten durch die Straßen geeilt.
An ihm war er so rasch vorübergegangen,
dass er nicht einmal genau wusste,
ob er seinen freundlichen Gruß erwidert hatte oder nicht.
Sollte Anton in Not sein?
fragte die Mutter nachdenklich,
während die Kinder, namentlich Ilse und der kleine Georg,
in lautes Wehklagen ausbrachen.
Vielleicht hat er keine Stelle wiedergefunden,
meinte der Vater, ebenfalls sehr ernst.
Ein gutes Zeugnis konnte ich ihm natürlich nicht schreiben,
aber ich will mich doch einmal erkundigen, was er treibte und wie es ihm geht.
Noch an demselben Tag beauftragte Herr Fößler einen seiner Leute,
sich gelegentlich nach Anton umzusehen.
Aber der Mann brachte schlechte Auskunft.
Anton wohnte schon längst nicht mehr in der früheren Wohnung
und niemand konnte sagen, wohin er mit seiner alten Verwandten gezogen war.
Ehe man noch Näheres erfahren konnte,
waren die fößlerischen Kinder eines Nachmittags
zu dem Geburtstagsfest einer kleinen Cousine geladen.
Es sollte eine sehr große Kindergesellschaft stattfinden
und die Mutter entschloss sich, die neun schönen Kleider,
welche die Mädchen zu Weihnachten bekommen sollten,
ihnen heute schon zu schenken und anzuziehen.
Zu Kätes rotem Kleidchen fehlte nur noch ein passendes Scherpenband,
doch war ein solches, noch schön und neu,
an einem gelben Sommerkleidchen vorhanden,
von welchem Frau Fößler es abzutrennen
und auf das neue weiße Wollenkleid zu nähen beschloss.
Als sie das alte Kleidchen auf dem Schoß hielt, um die Arbeit zu beginnen,
fiel auf einmal ein ganz kleines, schweres Paketchen,
das in den Falten des roten Bandes gesteckt hatte, zu Boden,
ging im Fall auseinander
und ließ vier blitzende Goldstücke über die glatte Diele rollen.
Um Gottes Willen, rief Frau Fößler ganz bleich vor Schreck,
das ist ja das Geld, das Anton gestohlen haben soll.
Wie kommt denn dies hierher, in Kätes Kleid?
Ist es denn möglich?
Sollen wir dem armen Jungen ein so schweres Unrecht getan haben?
Käte, Käte, rief sie ins Nebenzimmer.
Komm sofort einmal her!
Käte kam herbei und wusste anfangs gar nicht,
was die Aufregung der Mutter, das verstreute Geld
und das zertrennte Sommerkleid bedeuten solle.
Bald aber wurde ihr alles klar.
Dieses Kleid hattest du zum letzten Mal an,
als die Engelsfigur in meinem Zimmer zerbrach,
sagte Frau Fößler, indem sie fest und streng in Kätes Gesicht sah.
An jenem Tage aber verschwand dies Geld,
das unter der hohlen Figur gelegen hatte.
Und da niemand als Anton in dem Zimmer gewesen sein sollte,
so mussten wir annehmen, dass Anton ein Dieb sein
und das Geld gestohlen haben müsse.
Er leugnete auch nicht.
Er ging betrübt und beschämt von uns,
wie es uns schien noch froh, dass wir ihn unbehelligt gehen ließen.
Aber hier, aber jetzt!
Eine furchtbare Ahnung sprach aus dem erblassten Gesicht der Mutter.
Oh Käthe, sprich die Wahrheit!
War es wirklich Anton, der an jenem Tage in mein Zimmer ging
und die Figur zerbrach?
Oder wärest du es gar gewesen und er nahm die Schuld auf sich?
Im ersten Schrecken sah Käthe auf eine Ausrede,
auf eine neue Lüge, doch nur wenige Sekunden lang.
Nicht umsonst hatte sie während eines halben Jahres
die Last ihrer Lüge, ihres schlimmen Geheimnisses
in sich verborgen getragen,
hatte ihr Gewissen unablässig an ihr kleines verstocktes Herz geklopft,
hatte sie so oft Antons trauriges Gesicht vor sich zu sehen,
seine vorwurfsvollen Worte,
ich werde dich gewiss nicht verraten,
zu hören gemeint.
Nein, Käthe fand den Mut nicht zu einer neuen Lüge,
welcher ihr erglühendes Gesicht und ihre entsetzten Augen
ja doch auch widersprochen hätten.
Aufschluchzend, stoßweise kam das Bekenntnis
ihrer großen Schuld von ihren Lippen.
Verzeih, Mama, sei nicht böse,
bat sie am Ende ihres Geständnisses,
schwieg aber, als sie den furchtbaren Ernst
im Gesicht ihrer Mutter sah.
Frau Fössler war außer sich.
Ihr Kind, ihre süße, kleine, unschuldige Käthe
war einer solchen Lüge, einer solchen Verstellung fähig gewesen,
hatte verschuldet und ertragen,
dass man ihretwegen einen Unschuldigen straft.
Und sie und ihr Mann waren durch diese Lüge verleitet worden,
den armen, guten Jungen mit solchem Schimpf vorzujagen,
ins Elend hinaus.
Und er hatte in übermenschlichem Edelmut geschwiegen und geduldet.
Sich rasch erhebend, sagte Frau Fössler ernst und streng,
vorläufig bleibst du heute zu Hause,
und Illy wird allein gehen.
Ich werde erst mit dem Vater reden, was ferner geschehen soll,
wie und wo wir den Ärmsten finden,
um unser Unrecht an ihm wiedergutzumachen.
Oh Käthe, welch bitteres Weh ist deiner ersten Sünde,
deiner ersten Lüge entsprossen.
Und dann stand die kleine, zerknirschte Sünderin allein.
Die Mutter gab draußen einige Befehle,
und Käthe hörte, wie sie eilig die Wohnung verließ.
Nach einiger Zeit vernahm sie auch,
wie Illy mit dem Mädchen fortging.
Im Nebenzimmer spielten die Brüder,
in der Küche war die Köchin,
sonst war niemand in der Wohnung.
Und aus ihrem von Reue, Angst und Schmerz erfüllten Herzen
stieg jetzt der Gedanke auf.
Ich will ihn suchen und ihm sagen, wie sehr, sehr ich bereue.
Ich werde ihn schon finden und zurückbringen.
Hatte Fritz ihn nicht gesehen in dünner Jacke,
wie er Papiersterne feilbot?
Daran muss ich ihn ja erkennen, ja, ganz sicher.
Damit verließ Käthe das Zimmer,
nahm ihr Mäntelchen und Pelzmützchen vom Kleiderständer
und eilte hinaus in den kalten, dämmernden Abend.
Durch die großen, vom Christmarkt Trubel belebten Straßen
eilte nun die kleine Käthe,
mit ihren verweinten Augen
unter dem Pelzmützin hervorängstlich nach allen Seiten sperrend.
Der kleinen Händler mit Christbaumschmuck
in dünnen, zerrissenen Jacken und mit blassen Gesichtern gab es genug.
Aber wenn Käthe auf einen zulief, der Anton zu sein schien,
so war es wohl auch eines jener armen Kinder der Not,
doch nicht der Gesuchte.
Manchem Voruebergehenden fiel das kleine, gut gekleidete Mädchen auf,
welches so engstlich umherspähte.
Aber jeder hatte mit sich genug zu tun,
umso mehr, da es spät wurde und stark zu Schneien begann.
Noch nie war Käthe so weit allein
und unter so viel fremden Leuten gegangen.
Plötzlich fühlte sie sich furchtbar müde und hungrig.
Es fiel ihr ein, dass sie nach Hause müsse
und dass sie durch ihr Davonlaufen
zu ihrem ersten Unrecht noch ein zweites gefuegt habe.
Da war auch gleich ein Seitengässchen,
welches gewiss nach der Straße fuehrte, wo ihre Eltern wohnten.
Gleich bog sie ein, doch als sie ein Stück gegangen war,
kam ihr alles fremd vor.
Ein Weilchen musste sie ruhen,
setzte sich auf eine Turschwelle und schlief gleich ein,
während der Schnee auf sie herabrieselte.
Da kam jemand das Gässchen daher,
sah das kleine Bündel am Wege,
bueckte sich und suchte das schlafende Kind aufzuruetteln.
»Kathe!«
Er toente ein Schreckensruf.
Kathe oeffnete die Augen schlaftrunken
und leilte vor Frost zitternd.
»Anton, lieber Anton,
ich suche dich schon lange.
Ach, bitte, bring mich nach Hause!«
Anton, der eben muede seinem armseligen Heim zuwanderte,
dachte nicht daran, wie weh ihm die kleine boese Kathe getan.
Er bemuehte sich nur, sie zum Gehen zu bringen,
und als das nicht moeglich war,
schob er seinen Korb auf den Ruecken
und trug die fuer seine schwachen Arme schwere Last
viele, viele Straßen weit fort.
Unterwegs fiel ihm ein, dass man ihm verboten hatte,
das Haus wieder zu betreten.
So gedachte er nur zu klingeln,
Kathe dem Dienstmaitchen zu uebergeben
und schnell fortzugehen.
Als er aber keuchend an der bekannten Wohnung ankam,
stand die Eingangstuere offen.
Leise schlich er sich hinein und wollte eben Kathe
auf ein im Vorsaal befindliches Sofa legen,
als die Glocke gezogen wurde.
Gleich darauf Frau Foesler aus der Zimmertuer trat
und die Stimme eines eintretenden Mannes sagte,
»Wir haben sie noch nicht gefunden,
doch werden wir sie gewiss noch finden.«
»Mama«, rief Kathe ploetzlich,
die von der lauten Stimme aufgewacht war.
Da erblickte die Mutter das gesuchte Kind
und Anton daneben,
der wie ein armer, ertappter Suender sagte,
»Ich gehe gleich wieder.
Ich brachte nur Kädchen,
die ich auf einer Tuerschwelle schlafend gefunden.«
»Anton, armer, lieber Junge,
auch das noch tatest du?«
rief Frau Foesler aufs tiefste bewegt.
»Nein, du sollst nicht wieder gehen,
sondern bleibst bei uns.
Wir wissen, dass du unschuldig bist
und wir wollen gut machen, was wir dir leides getan.
Ich schicke zur Mume, dass sie sich nicht sorgt.
Wie wohnt ihr denn jetzt?«
»Die Mume ist tot«,
sagte Anton mit schwacher Stimme,
denn die Erschoepfung und die ploetzliche Freude
ueberweltigten ihn
und er waere umgesunken,
wenn ihn Frau Foesler nicht umfangen
und an ihr Herz gedrueckt haette.
Kathe hatte sich durch ihr Umherstreifen
eine starke Erkaeltung zugezogen
und lag am anderen Tage fiebernd im Bett,
neben welchem der nun schon neu und sauber gekleidete Anton saß.
Denn die kleine reuevolle Kathe ruhte nicht,
wenn sie Antons Hand nicht in der ihren fuehlte.
Und schlief sie ein
und Anton ging zu den anderen Kindern hinueber.
Was war da fuer ein Jubeln und Freuen?
Weder Vater und Mutter,
noch die Kinder wussten,
wie viel Liebe sie dem guten wiedergefundenen Anton erzeigen sollten.
Und dann gab es ein fruehliches, seliges Weihnachtsfest.
Zwei von den Kindern,
die neben den reichen Geschenken unterm Christbaum standen,
waren wohl noch etwas besser als die anderen.
Aber gerade diese beiden waren die gluecksseligsten von allen.
Denn Anton, der arme Waisenknabe,
hatte ein Vaterhaus gefunden.
Und Kathe,
die eben erst von ihrem Krankenlager aufgestanden,
hatte fuer ihre erste
und, wie sie heilig versicherte,
auch zugleich letzte Luege ihres Lebens,
die Verzeihung
ihrer
Eltern erlangt.
Danke fuers Zuhoern.
Wenn dir die Geschichte gefallen hat und du noch nicht schläfst,
wuerde ich mich ueber einen Daumen nach oben und einen Kommentar freuen.
Und falls du noch nicht schlafen kannst,
findest du hier eine weitere Geschichte.
Bis bald.
