Weihnachtliche Hörbuch-Erzählung für Erwachsene " Eine Weihnachtsgeschichte" von Heinrich Seidel

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Eine Weihnachtsgeschichte
von Heinrich Seidel.
Es hatte 14 Tage lang gefroren wie in Sibirien.
Auf dem höchsten Berg im Lande saß der alte Winterkreis mit seinem bläulichen Gewander
und seinen langen, hinstarrenden Schneebad.
Und ihm war so recht behaglich zumute,
wie einem Menschenkreise, wenn er hinter dem Ofen sitzt und das Essen ihm geschmeckt hat
und alles gut geht.
Zuweilen rieb der alte Winter sich vor Vergnügen die Hände.
Dann stäubte der feine, schimmernde Schnee wie Zuckerpulver über die Erde.
Bald lachte er wieder still vor sich hin.
Und es gab Sonnenschein mit klingendem Frost.
Der schneidende Hauch seines Mundes ging von ihm aus.
Und wo er über die Seen strich, zerspaltete das Eis mit flanghindonnerndem Getöse.
Und wo er durch die Wälder wehte, zerkrachten uralte Bäume von oben bis unten.
Habe Erbarmen, alter Winterkreis, flehte ich.
Und flass ab, denn es ist Weihnachten und ich muss pelzlos nach Hause reisen.
Der Alte fühlte ein menschliches Rühren,
lehnte sich mit dem Rücken gegen die uralte Eiche, die auf dem hohen Berg steht,
schloss die Augen und drusselte ein wenig.
So gelangte ich dann ohne Gefährde in meine Vaterstadt zu meiner Mutter.
Wohl dem, der noch eine sichere Stätte hat in der weiten Welt, wo er sich geliebt weiß,
wo die treuen Augen der Mutter auf ihn sehen, die schon voll Liebe auf ihm ruhten,
als er noch klein und hilflos auf ihrem Schoße spielte.
Da bin ich wieder, in den kleinen, wohlbekannten Zimmern.
Und die freundlichen Augen werden nicht müde, mich zu betrachten.
Ich muss erzählen, wie es mir ergangen ist.
Und auch das Kleinste ist dabei und nicht so unwichtig.
Dann stürmt mein Bruder Hermann ins Zimmer, der Primaner und Naturforscher.
Und kaum hat er mich begrüßt, so erzählt er schon.
Du Eduard, die Eislöcher auf dem großen See wimmeln von nordischen Enten,
die hier überwintern, und am Schlossgartenbach habe ich wieder Eisvögel beobachtet.
Polly, der braungefleckte Wachtelhund, ein außerordentlich gebildetes Tier und Zögling meines Bruders,
springt in ausgelassener Wiedererkennungsfreude an mir empor
und muss sofort seine neu erlernten Künste zeigen.
Dann kommt auch Mur, der weiße, gelbgestreifte Kater, reserviert wie Katzen sind,
leise gegangen und reibt sich schnurrend an meinem Knie.
Auch er hat mich nicht vergessen.
Er hat Menschenverstand, wie meine Mutter sagt.
Und wenn er zuweilen des Abends, würdevoll mit dem um die Vorderfüße geringelten Schwanz auf der Sofalehne sitzt
und einen der Sprechenden nach dem anderen aufmerksam anblickt,
so ruft meine Mutter oft plötzlich, wenn von Geheimnissen die Rede ist.
Sprecht doch leise, der Kater versteht ja alles.
Und von Geheimnissen wimmelt das Haus jetzt förmlich.
Da erscheint Paul, der Jüngste, der Obertertianer, der noch gar nicht weiß, dass ich gekommen bin,
plötzlich in der Tür, etwas leicht in Papier geschlagenes in der Hand tragend.
Aber kaum hat er mich erblickt, als er, statt mich zu begrüßen, voll entsetzend wieder hinausspringt
und erst nach einiger Zeit ohne das Paket mit vergnügtem Lächeln wieder zurückkehrt.
Feine Schlittschuhbahn, lautet sein Bericht.
Wir sind gestern schon nach Nosferda gelaufen, der große See ist ganz zu.
Dann wird alles revidiert im ganzen Hause, das Alte, ob es noch das Alte ist, und dann das Neue.
Alle die bekannten Ecken und Äckchen, aus denen die Erinnerung lächelt,
die alten Bücher, aus denen dem Kindersinn der Zauber der Dichtung emporblühte.
Selbst der Garten wird aufgesucht, und dann geht es den Gang zwischen bereiften Hecken hinunter zum See,
der weit in seiner glänzenden Eisdecke schimmernd daliegt.
Denn hier hat es gar nicht geschneit, und es ist eine Schlittschuhbahn wie selten.
Ich probiere einmal vorläufig das Eis, und dann geht es wieder zurück zu den Stübchen meiner Brüder.
Dort sind Hermanns selbst erzogene afrikanische Finken zu bewundern,
ausländische Schildkröten und Molche und andere naturhistorische Errungenschaften.
Paul hatte aus Holz gesägte Sachen vorzuzeigen,
und eine heimliche Zigarrenspitze, deren vorzügliche Angerauchtheit,
und eine unerlaubte Pfeife, deren echten Wechselholzgeruch ich bewundern muss.
Dann kommt nun der Weihnachtsabend selber, und mit ihm die gute Tante Amalie,
die mich schon so oft auf die Strümpfe gebracht hat, denn sie strickt mir immer so schöne Warme.
Und ihr Dienstmädchen trägt einen höchst verdächtigen Korb.
Und mit Tante Amalie kommt Cousine Helena, meine kleine Feindin.
Sie ist nun eigentlich kaum meine Cousine, denn die Verwandtschaft ist so künstlich,
dass Tante Amalie fünf Minuten braucht, um sie auseinanderzusetzen, und ich sie noch nie begriffen habe.
Aber wir nennen uns Cousine und Vetter, und Du,
denn wir kennen uns schon von der Zeit, als Tante Amalie die kleine, zähnjährige Weise zu sich nahm,
und das ist nun gerade acht Jahre her.
Kinder, vertragt euch, ist das Erste, was Tante Amalie zu uns sagt.
Sie weiß aus Erfahrung, dass es dieser Warnung bedarf, denn wir stehen im Allgemeinen auf dem Kriegsfuß.
Oh, ich werde schon mit ihm fertig, sagt Helene mit einem kleinen Trotzblick, der wenig Gutes verspricht.
Die Mutter und Tante Amalie verschwinden zu heimlichen Vorbereitungen in den Festgemärchern,
und ich petitioniere ebenfalls um Zulassung, da ich, mit einem Blick auf Helene,
doch nicht mehr zu den Kindern zu rechnen sei.
Nehmt den alten Mehrkreis nur mit, meint sie, aber es wird nicht gestattet.
Schenkst du mir denn auch etwas, Helenechen, mein Schwänechen?
frage ich mit einem alten Kinderreim.
Sie ist immer schlagfertig.
Ich schenke dir kein Tränechen, doch Tante Malchen schenkt dir was für deine langen Bähnechen,
sagt sie schnippisch.
Ich weiß auch gar nicht, lässt der biedere Paul vernehmen.
Ihr hackt euch doch immer, wo ihr euch seht.
Du ahnungsloser Engel, du,
meint Helene und streichelt sein würdiges Haupt.
Hast du schon mal einen Engel gesehen?
fragt Hermann nun ironisch,
der karierte Hosen anhat und heimlich Zigarren raucht.
Ihr seid schrecklich, alle miteinander,
sagt Helene.
Ist das eine Weihnachtsstimmung und sind das Weihnachtsgespräche?
Das ist nur äußerlich, meine ich.
Innerlich, da sind Lichter in unseren Herzen angezündet
und das Gemüt ist voll Weihnachtsduft.
Um Gottes Willen, seufzt Helene.
Das Klavier steht geöffnet.
Lasst uns singen, bitte ich.
Helene sieht mich fast dankbar an.
Aber was denn?
Unser Weihnachtslied.
Morgen, Kinder, wird's was geben, morgen werden wir uns freuen.
Und nun wird es gesungen, das alte, harmlose Lied,
das eigentlich gar nicht mehr passt, da dies morgen schon heute ist.
Dann singt Helene mit ihrer klaren Stimme.
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.
Und dann?
Es ist ein Ross entsprungen.
Und dann mit einmal tönt die Glocke
und der Moment, der so manches Mal mein Herz mit süßem Schauer erfüllt hat, ist da.
Der Weihnachtsbaum mit Silber- und Goldketten,
Fähnchen, Netzen und Sternen und mancher verlockenden Fruchtbehangen strahlt mir entgegen.
Ach, nimmer so herrlich wie einst, da sein Glanz durch das ganze Jahr
einen wärmenden Schein bereitete
und schon lange vorher beim Ausblasen einer Weihnachtskerze das Herz in süßem, ahnungsvollem Schauer erbebte.
Es riecht nach Weihnachten.
Wir suchen nun jeder den Ort, wo ihm die Liebe etwas aufgebaut hat.
Selbst Polly und Mur sind nicht vergessen.
Jenem ist unter dem Tisch auf einem Schemelchen die delikate Knackwurst in einem Kranz von Pfeffernüssen zugedacht
und ein eigenes Lichtlein dabei angezündet.
Der würdige Kater dagegen findet seine Bescherung auf seinem Lieblingsplatz, dem Fensterbrett.
Sie besteht in einem Schälchen Milch und einem Halsband mit seinem Familiennamen,
von Helenens kunstfertiger Hand gestickt.
Es ist eigentlich unchristlich für so unvernünftige Tiere,
sagt Tante Amelie, aber lächelt doch im Stillen darüber.
Das heimliche Paket, das Paul vorhin so schnell verbarg,
gibt sich als ein aus Holz künstlich gesägter Gegenstand zu erkennen,
der in Gestalt eines luftigen Schweizer Häuschens meiner Taschenuhr zum nächtlichen Wohnplatz dienen soll.
Er hat überhaupt diesen Industriezweig auf alle Anwesenden ausgedehnt.
Tante Amelie meint,
du hast uns wohl alle besägt.
Plötzlich wird die Tür aufgerissen
und die zu einer unnatürlichen Tiefe verstellte Stimme des Dienstmädchens lässt sich vernehmen.
Julklapp!
Und ein in Papier gewickelter Gegenstand fällt ins Zimmer.
An Eduard ist's adressiert.
Viel Papier fliegt hastig abgerissen zu Boden
und Helene macht sich durch eine schlecht verhehlte Spannung verdächtig.
Endlich kommt ein zierlich in Perlen gesticktes Hausschlüsselfotoral zum Vorschein.
Von dir, Helene?
Nur aus Bosheit, ist die Antwort,
weil ich weiß, dass du gestickte Sachen verabscheißt.
Das musst du anerkennen,
sagt Tante Amelie.
Es ist eine sehr mühsame Arbeit, sie hat drei Wochen daran gearbeitet.
Ach nicht doch,
meint abwehrend Helene.
Ich will es dir zu Ehren alle Abende benutzen.
Sage ich.
Dagegen protestiert nun aber die Mutter.
Was? Ihr wollt meinen Ältesten auf Abwege bringen?
Wieder geht die Türe auf.
Wieder eine andere Nuance von Dorotheas wandelfähigem Organ.
Julklapp!
Und eine große Kiste wird hineingeschoben mit der Adresse
an Helene.
Diese sieht mich voller Verdacht von der Seite an.
Darin ist gewiss eine große Schändlichkeit von dir,
meint sie.
Ich mache es gar nicht auf.
Aber sie hat schon den Deckel der Kiste abgeschoben.
Ein mächtiges Paket, in Papier gesiegelt, kommt zum Vorschein.
Aus dem Papier entwickelt sich eine zweite Kiste.
Helene wird ganz aufgeregt,
denn in dieser Kiste steckt wieder einer
und sofort.
Die Papiere fliegen umher
und das ganze Zimmer steht voll Kisten.
Es ist abscheulich,
sagt Helene.
Gerade wie in dem Märchen von der alten Frau, die ein Haus hatte
und in dem Haus eine Kammer
und in der Kammer einen Schrank
und in dem Schrank eine Kiste
und in der Kiste wieder eine Kiste
und sofort
und in der letzten eine Schachtel und so weiter
und in der letzten kleinsten Schachtel war ein Papierchen
und in dem Papierchen wieder ein Papierchen
und in dem allerletzten Papierchen ein Pfennig.
Der war ihr einziges Vermögen.
Endlich kommt ein runder, in Seidenpapier gewickelter Gegenstand zum Vorschein.
Nun geht's los,
rufen alle.
Es ist aber nur eine runde, große Apothekerschachtel.
Das Seidenpapier fliegt.
Eine Schachtel nach der anderen kommt hervor.
Die Spannung wird fast unerträglich.
Endlich in der zehnten Schachtel ein kleiner, schwerer,
in Papier gewickelter Gegenstand.
Das ist der Pfennig,
ruft Helene.
Die gute alte Frau schenkt mir ihr ganzes Vermögen zu Weihnachten.
Es ist aber kein Pfennig,
sondern ein kleines, zierliches, goldenes Kreuz an einer feinen Kette.
Gerade wie ich es mir gewünscht habe,
ruft Helene verwundert
und ein fragender Blick trifft mich.
Ich nicke
und mit einem Maler hat sie meine Hand mit ihren beiden erfasst
und schaut mir herzhaft in die Augen.
Ich danke dir, Eduard.
So freundlich hast du mich lange nicht angesehen, Helene.
Wenn du immer ein artiges Kind bist,
antwortet sie,
so wirst du noch öfter freundlich angesehen.
Julklapp,
tönte es wieder in Dorotheas höchsten Fisteltönen.
Sie sucht uns offenbar einzubilden,
dass sich ein ganzes Heer von verschiedenen Geschenkspendern draußen ablöst.
Da man jedes Mal vor dem Julklappruf die Haustür klingeln hört,
so habe ich sie sogar im Verdacht,
dass sie zur größeren Wahrscheinlichkeit ihrer oratorischen Darstellung
jedes Mal die Treppe hinabläuft,
zuvor einen Eintretenden zu fingieren.
Die Julklappen nahmen endlich ein Ende
und Dorothea tritt nun selber ein,
ganz rot im Gesicht von der Anstrengung,
aber harmlos,
als wisse sie von nichts,
um auch ihr bescheidenes Weihnachtstischchen aufzusuchen.
Allmählich brennen die Weihnachtskerzen nieder
und eine nach der anderen erlischt knisternd in dem Nadelwerk des Baumes.
Nach der festlichen Aufregung ist eine beschauliche Stille eingetreten.
Die beiden Jungen haben sich über die bescherten Bücher hergemacht
und blättern verkostend darin umher.
Im Nebenzimmer hört man die Stimme der Mutter und der Tante Amalie,
die im Hinblick auf das morgige Festgericht
in einen interessanten Meinungsaustausch
über die Anwendung von saurer Sahne verwickelt sind.
Polly und Mur liegen wohlbehaglich an ihren Lieblingsplätzen,
im innersten Gemüt befriedigt,
ihre Weihnachtsbescherung verdaunt.
Und ich habe mich in meine dunkle Weihnachtslieblingsecke
auf den Lehnstuhl hinter dem Tannenbaum zurückgezogen.
Dort schweifen meine Blicke bald in das grüne,
nur noch stellenweise beleuchtete Geäst des Weihnachtsbaumes
nach den niederbrennenden Lichtern,
bald nach Helena,
die, noch immer vor ihrem Weihnachtstische stehend,
nach Mädchenweise stets von neuem die Geschenke und Geschenkchen
zierlich ordnet und eingehend betrachtet.
Sie steht abgewendet von mir,
und nur zuweilen bei einer Bewegung
zeigt sich das zierliche Profil ihres Gesichtes.
Die kleinen widerspenstigen Löckchen,
die sich nicht dem allgemeinen Gesetz der Haartracht fügen wollen,
umgeben wie ein goldener Schimmer das Köpfchen.
Da knistert wieder eines der Lichter am Baum in die Nadeln,
ein kurzes Aufleuchten,
und es ist erloschen.
Das ganze Zimmer ist schon von dem Weihnachtsduft der Nadeln und Lichter erfüllt.
Meine Blicke wenden sich wieder zu Helena.
Sie blättert gerade in einem kleinen Büchlein,
das ich ihr für ihre Mädchenminiaturbibliothek geschenkt habe.
Meine Gedanken fangen an, eigentümliche Wege zu gehen.
Es ist wieder Weihnachten,
und ein blitzender, strahlender Tannenbaum aufgebaut,
und zwei Menschen stehen davor Hand in Hand
und schauen sich in die Augen,
aus denen es noch viel schöner leuchtet,
denn das Glück schimmert daraus hervor.
Und merkwürdig,
diese zwei Menschen sind Helene und ich.
Und meine Fantasie arbeitet weiter,
denn die Fantasie tut nichts halb,
und ich höre ganz deutlich das Blasen von Kindertrompeten
und das Stampfen von kleinen Steckenpferdreiterbeinchen
und glückseliges Kinderlachen.
»Eduard, du schläfst wohl?«
fragt Helene plötzlich.
»Ich träume nur,«
antworte ich mit einem halben Seufzer.
»Kinder, kommt zum Essen,«
ruft die Mutter aus dem Nebenzimmer.
Am zweiten Weihnachtstag war ich zum Mittag bei Tante Amalie eingeladen,
und nachher wollten Helene und ich auf den großen See
zur Einweihung der neuen Schlittschuhe,
die sie zu Weihnachten bekommen hatte.
Aus den kleinen, zierlichen Zimmerchen der Tante
stiegen neue Kindererinnerungen hervor.
Ich kannte dort alles,
das feine geblümte Porzellan,
die alten Kupferstiche an den Wänden,
die alte schwarze Rokoko-Uhr mit dem Sensenmann,
die eine so sonderbare Gangart hatte,
dass man alle Augenblicke meinte, sie müsse stillstehen,
die alten verblichenen Stickereien
und die hundert zierlichen Kleinigkeiten auf der Spiegelkommode.
Am Fenster standen dieselben Lieblingsblumen,
und derselbe feine Duft herrschte in dem Zimmer,
der mich als Kind schon immer so feierlich stimmte
und der mir in der Fremde, wenn ich ihm begegne,
unwiderruflich meine gute Tante vor Augen zaubert.
Nach Tische zog ich Helene das eng anschließende Pelzsäckchen an
und hüllte den Kopf in eine blauseidende Kapuze,
aus deren weißem Schwanbesatz das frische Gesicht
mit dem blonden, widerspenstigen Löckchenkranz
gar anmutig hervorschaute.
»Was siehst du mich denn so an?«
fragte sie plötzlich.
»Ich freue mich über meine hübsche Cousine«, antwortete ich.
Ihr stieg ein klein wenig Rot in die Stirne,
und sie sprach rasch,
»Du gewöhnst dir wohl auf deine alten Tage das Schmeicheln an.
Wir gelangten nach kurzem Wege an den See.
Der alte Winterkreis auf seinem hohen Berge schlief noch immer.
Es war noch nicht Tauwetter.
Allein durch die Stille der Luft erschien es wärmer als es war,
und die Sonne hatte am Tage so viel Macht,
dass sie die gefrorene Erde an der Oberfläche auftaute.
»Wir laufen doch zum Nusswerder?«
fragte Helena, als wir die Schlittschuhe angeschnallt hatten.
»Wie du willst«, war meine Antwort.
»Die Bahn ist ja noch weiter abgesteckt.
« Unterdessen hatten wir uns in Bewegung gesetzt
und waren auf die breite,
mit Büschen und Stangen angedeutete Bahn gelangt,
die jedes Jahr abgesteckt wurde,
um einen ungefährlichen Weg
zu den beliebten Vergnügungsorten zu bezeichnen.
»Wir bleiben doch nicht auf der langweiligen Bahn?«
fragte Helena,
und ihre Blicke schweiften über die weite, schimmernde Eisfläche hinaus.
Plötzlich ward ein fröhliches Stimmengewirr hinter uns hörbar,
und brausend kam ein Schwarm von Schülern herangefahren und zog,
die Mützen schwenkend, an uns vorüber.
Ein Einzelner sonderte sich von ihnen.
Es war Hermann.
»Ich wollte dir nur sagen, Eduard,
geht lieber nicht nach den Entenlöchern
und weicht überhaupt nicht von der Absteckung ab.
Es sind viele von den Vögeln eben verlassenen Stellen da,
die nur ganz leicht überfroren sind
und sich sehr wenig von dem übrigen Eis unterscheiden.
Es tut mir nur leid, dass ich jetzt mit meinen Kameraden laufen muss,
sonst würde ich euch gern dahin geleiten.
Ich weiß genau dort Bescheid,
denn ich habe manche Stunde da selbst mit dem Fernrohr zugebracht
und nach den Enten gesehen.
Morgen können wir einmal zusammen dorthin laufen.«
Damit eilte er mit doppelter Geschwindigkeit den übrigen nach
und bald hatte ihn das schwarze Häuflein wieder eingeschlungen.
Wir glitten eine Weile schweigend dahin.
Manchmal schaute ich seitwärts auf Helenens zierliche Gestalt,
wie sie so ebenmäßig und anmutig dahin fuhr
und wie der Luftzug die Kleider
an die schönen Linien ihres Körpers schmiegte.
Endlich standen wir eine Weile.
Vor uns lag Nosferda noch in ziemlicher Entfernung,
von feinem violettem Duft des Winters angehaucht.
Seitwärts über den See hinaus
erblickte man in der Ferne eine dunkle Linie über dem Eis
und darüber schwärmte es ab und zu von unzähligen Möwen.
»Da sind die Enten«, sagte Helena.
»Ich möchte sie gar zu gerne einmal in der Nähe sehen.«
»Du hast ja gehört, was Hermann sagte«, antwortete ich.
»Komm, in einer Viertelstunde können wir auf Nosferda sein.
»Ich fürchte mich gar nicht«, sagte Helena,
indem sie einen kleinen zierlichen Bogen schlug
und mir dann gerade ins Gesicht sah.
»Du bist doch ein rechter Sicherheitskommissarius.«
»Ich für meinen Teil würde mich nicht scheuen.
Das weißt du auch recht gut, Helena.
Ich bin noch im vorigen Jahr allein dort gewesen
und kenne den See.
Allein ich darf es jetzt deinetwegen nicht.
Ich bin dafür verantwortlich, wenn ein Unglück geschieht.
»Ich brauche deine Verantwortlichkeit nicht«,
sagte sie, verächtlich das Köpfchen aufwerfend.
»Und es nützt dir auch gar nicht,
deine Furchtsamkeit durch solche Gründe zu bemänteln.
Wenn du nicht willst, so laufe ich allein.«
Und damit setzte sie sich langsam in Bewegung.
»Helena«, rief ich.
Sie wandte sich um und sah mich spöttisch an.
»Willst du mitkommen?
Ich ziehe dich heraus, wenn du ins Wasser fällst.
»Du krängst mich mit Absicht, Helena«,
sagte ich ruhig.
»Und das ist nicht schön von dir.
Ich gebe nach,
aber nur unter einer Bedingung, die du mir nicht verweigern wirst.
Ich bleibe stets zehn Schritte vor dir,
damit ich dich in genügender Sicherheit weiß.«
Ihr Auge leuchtete plötzlich auf,
jedoch antwortete sie nicht,
sondern neigte nur bejahend das Haupt
und wir setzten uns in der verabredeten Weise in Bewegung.
Es war nun doch eine Verstimmung zwischen uns
und niemand wollte anfangen zu reden.
Das Eis war glatt und jungfräulich, wo wir liefen
und von jenem dunklen Glanz, der auf die Tiefe des Wassers deutet.
Rings war es still bis auf das unablässige Geräusch der Schlittschuhe.
Nur zuweilen ging ein klingendes Hallen durch die Eisfläche
oder ein Eisstückchen von leisem Luftzug getrieben klirrte vorüber.
»Sieh einmal«,
sagte Helene plötzlich und hielt an, indem sie auf den Grund deutete.
Es war eine flachere Stelle des Sees
und durch die klare Eisdecke konnte man bis auf den weißen Sandgrund sehen
und die feinen gefiederten Wassergewächse deutlich erkennen.
Zuweilen sah man große Fische vorüberhuschen.
Ich bemerkte eine heimliche Ängstlichkeit in Helenes Zügen,
denn dieser Anblick des tiefen Grundes,
von dem man nur durch eine durchsichtige Decke getrennt ist,
hat für den Ungewöhnten etwas Schauerliches.
Wir waren den Enten schon ziemlich nahe gekommen
und hörten nun deutlich ihr wirres Geschnatter und das Schreien der Möwen.
Nicht weit von uns bemerkte ich den sogenannten »Großen Stein«,
einen mächtigen Granitblock, der aus dem Wasser hervorragt
und den Kahnschiffern als Wahrzeichen gilt,
denn die Gegend um ihn herum ist voller Untiefen.
Indem wir darauf zuhielten,
trafen wir auf die erste offene, von den Enten bereits verlassene Stelle
und umfuhren sie in weitem Bogen.
Zugleich erhob sich in der Ferne mit Geschrei und gewaltigem Flügelschlagen
eine Anzahl der Vögel
und gingen brausend im Flug über den See zu anderen offenen Stellen,
die etwa eine Meile weiter hingelegen waren.
Bei dem »Großen Stein« angelangt,
standen wir und sahen dem Wirren und Schwirren zu.
Die ziemlich große Wasserfläche war bedeckt mit Tausenden von nordischen Enten,
vorwiegend Schnell- und Eisenten,
die hier, unseren Norden als ihren Süden betrachtend,
Winterquartier bezogen hatten.
Eine große Anzahl von Möwen tummelte sich zwischen ihnen,
aus der Luft auf das Wasser niederstoßend
oder wie helle Punkte zwischen den dunklen Enten schwimmend.
In der Nähe auf dem Eise saß ein großer Vogel,
zwischen den kleinen Klauen mit dem Schnabel etwas zerpflückend,
dass die Federn davon stoben.
»Siehst du den Seeadler?«
sagte ich zu Helena.
»Der hat jetzt leichtes Spiel.
Er braucht nur zuzustoßen, wenn er Hunger hat.
Unterdessen war ihm wohl unsere Nähe unheimlich geworden,
denn plötzlich erhob er sich und flog mit gewaltigen Flügelschlägen
über den See dem Lande zu.
Wir hatten eine ziemliche Zeit dort gestanden
und, mit dem Betrachten der Enten beschäftigt,
auf nichts weiter geachtet.
Und so fiel es mir jetzt auf, als ich dem Seeadler nachblickte,
dass das gegenüberliegende Ufer,
das wir vorhin deutlich gesehen hatten,
ganz in bläulichem Dämmer verschwunden war.
Ich schaute mich um nach Nosverda.
Nur noch wie ein matter Schein zeichnete es sich in die dicke Luft
und mit einem Male fing es an,
ganz leise und sanft zu schneien.
»Helene!« rief ich.
»Wir müssen schnell fort,
denn wenn der Schnee stärker wird und unsere Spur verdeckt,
so können wir uns leicht verirren.«
Wir machten uns nun schnell auf,
die Spur der Schlittschuhe auf unserem Herwege verfolgend.
Langsam und stetig mährten sich die Flocken
und kaum waren wir eine kurze Strecke vorwärts gelangt,
so war das Eis von dem Schnee leicht bedeckt und die Spuren verloren.
Wir hielten an und schauten nach der Bahn aus.
Aber nichts war ringsum zu sehen.
Überall nur das leise, stetige Niedersinken der großen Flocken,
das sich weiterhin in einen weißen, wimmelnden Dämmer verlor.
Ich schlug auf Gerate wohl die Richtung ein,
in der ich die Bahn vermutete.
Und dann ging es wieder vorwärts.
Nach einer Viertelstunde war nichts erreicht.
Wir mussten diese Richtung verfehlt haben.
Wir standen nun und heuchten, ob nicht ein Laut uns zu Hilfe komme.
Aber es war ringsum so totenstill,
dass man das leise Geräusch der fallenden Flocken vernehmen konnte.
Nun vermehrte sich auch schon der Schnee
und fing an, beim Laufen hinderlich zu werden.
Und das Schlimmste war, dass die Gefahr der unsicheren Stellen
durch die gleichmäßig alles verhüllende Schneedecke verdoppelt ward.
Wir glitten nach einer anderen Richtung vorsichtig weiter.
So irrten wir eine Weile umher
und ich bemerkte, dass Helene anfing müde zu werden.
Plötzlich sah ich etwas Dunkles vor mir aus dem Schnee ragend
und da waren wir wieder bei dem großen Stein.
Wir waren richtig im Kreise gelaufen.
Während wir eine Weile ruten,
fiel mir plötzlich eine Bemerkung ein, die ich vorhin gemacht hatte.
Es war mir aufgefallen, dass die Entenkolonie,
der große Stein und Nusswerda,
in einer geraden Linie lagen.
Danach konnte man die Richtung bestimmen.
Gelang es uns, diese gerade Linie einzuhalten,
so mussten wir unbedingt auf Nusswerda treffen,
von wo aus die Bahn mit Leichtigkeit zu erreichen war.
Wieder glitten wir in den Schnee hinaus,
Helene immer etwa zwanzig Schritte hinter mir.
Als wir eine Weile gelaufen waren,
glaubte ich vor mir in dem Schneegewimmel etwas Dunkles ragend zu sehen,
wie die Umrisse von Bäumen.
Unwillkürlich vermehrte sich meine Schnelligkeit.
Da plötzlich ertönte hinter mir ein gellender Schrei
und als ich mit scharfem Ruck meinen Lauf anhielt,
ward ein Knistern und Senken zu meinen Füßen bemerkbar,
das mir kaum Zeit ließ, in schneller Wendung zurückzutaumeln.
Wie erstarrt stand Helene hinter mir.
Ich sah sie wanken und eilte sie in meinen Armen aufzufangen.
Dann blickte ich unwillkürlich zurück und sah jenen kleinen dunklen Wasserfleck,
der in der fast zugefrorenen Öffnung noch frei geblieben war
und Helene zu dem Warnungsruf veranlasst hatte.
Sie lag an meiner Brust und schluchzte leise.
Helene, tröstete ich.
Es ist dir alles gut.
Sie schlang plötzlich den Arm um mich und rief leidenschaftlich,
Ich will dich nie wieder necken, Eduard. Niemals wieder.
Ich fühlte die schöne Gestalt in meinen Armen.
Ihr Busen wogte an meinem
und ich beugte mich zu ihr nieder und fragte sie leise,
Auch dann nicht, Helene, wenn wir immer beieinander sein werden?
Immer?
Sie hob fast verwundert den Kopf und schaute mir fragend in die Augen.
Dort mochte sie wohl die richtige Deutung lesen,
denn langsam stieg ein Rot in ihrem reinen Antlitz auf.
Und sie verbarg es wieder an meiner Brust.
Es war eine kleine Pause,
in der sich sie sanft an mich drückte.
Auch dann nicht,
flüsterte sie leise.
Wir hatten beide vergessen, dass wir verirrt in der großen Einsamkeit des großen Schneegestöbers standen.
Was kümmerte uns, dass wir den Weg verloren hatten?
Hatten wir doch den schöneren zu unseren Herzen und zu unseren Lippen gefunden.
Eduard!
Helene!
Eduard!
rief es plötzlich aus der Ferne.
Und fast erschreckt fuhren wir auseinander.
Und weiter rief es.
Ich erkannte die Stimme meines Bruders.
Ich gab Antwort
und ein vielstimmiges Jubelgeschrei war die Folge.
Dann nach einer Weile sah ich die dunkle Gestalt Hermans aus dem Schnee hervortauchen.
Und weiterhin kam dann eine zweite Gestalt
und eine dritte
und sofort.
Alle, wie ich beim Näherkommen bemerkte,
an ein langes Seil aufgereiht,
an das sie sich in Zwischenräumen verteilt hatten,
während der letzte Flügelmann die Bahn innehielt.
Sie hatten uns von dem hochgelegenen Wirtshaus, das sie besucht hatten,
zufällig mit dem Fernrohr beobachtet
und wussten, dass wir vom Schnee überrascht
auf dem Eise sein mussten.
So hatten sie denn die lange Wäscheleine des Wirtes requiriert,
um uns mit Sicherheit aufsuchen zu können.
Als wir zu Hause bei der Mutter,
die uns schon mit Sorgen erwartet hatte, anlangten,
rief Hermann,
der unterwegs eingeweiht war, durch die Tür übermütig hinein
und Helene und ich traten Hand in Hand ins Zimmer.
Ein Blick der Mutteraugen genügte
und ihre Arme umschlossen uns beide.
Mein Lieblingswunsch,
sagte sie glücklich,
und ihr bösen Kinder habt euch so angestellt?
Und was wird
Tante Amelie sagen?
Danke fürs Zuhören.
Wenn dir die Geschichte gefallen hat und du noch nicht schläfst,
würde ich mich über einen Daumen nach oben und einen Kommentar freuen.
Und falls du noch nicht schlafen kannst, findest du hier eine weitere Geschichte.
Bis bald.
