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Hanspeters Weihnachtslied von Charlotte Nieser.
Bei Hanspeter Grimm und seiner Frau wurde Weihnachten gefeiert.
Seine Mutter und Geschwister saßen um den großen Tisch.
Und in der Ecke stand der brennende Weihnachtsbaum.
Das ganze Zimmer duftete nach Weihnachten.
Und als Hanspeters Frau ein Weihnachtslied anstimmte, sangen alle mit.
Draußen fiel der Schnee.
Ganz leise stiebte er ein wenig an die Fenster.
Als wollte er sagen,
Ich muss doch da sein, damit es weiße Weihnachten sind.
Aber ich meine es nicht bös.
Nachher will ich wieder aufhören.
Und dann sage ich den Sternen Bescheid, dass sie auf die weihnachtliche Erde hinab scheinen.
Doch Hanspeters Frau zog die Fenstervorhänge zusammen.
Rief in die Küche, dass der Punsch gebracht werden sollte.
Und dann setzte sie sich wieder neben ihren Mann.
Nun wollen wir uns ein paar Weihnachtsgeschichten erzählen, sagte sie.
Da begannen die jungen Leute zu berichten.
Jeder hatte schon Weihnachten etwas erlebt, das er besonders fand.
Und die Geschichten hörten sich ganz gut an.
Aber im Ganzen waren sie doch ein wenig langweilig.
Wenigstens fand dies die alte Frau,
die still in der Sofaecke gesessen und sich nun an Hanspeter wandte.
Erzähl mal deine Weihnachtsgeschichte, meinte sie.
Ihr Sohn schüttelte den Kopf.
Sie ist auch nicht besonders, Mutter. Nur eine dumme Jungengeschichte.
So dumm ist sie gar nicht, erwiderte seine Mutter.
Erzähl sie nur.
Als dann auch die anderen um die Geschichte baten
und noch zwei Freunde dazu kamen, die eingeladen waren, den Weihnachtsbaum zu sehen
und sich neben seinen knisternden Kerzen hinsetzten,
da warf Hanspeter einen fragenden Blick auf seine Frau, die ihm freundlich zunickte.
Also begann Hanspeter zu erzählen.
Ja, Kinder, wenn ihr jetzt gemütlich Weihnachten bei mir feiert
und ich mein gutes Auskommen in alten Kirchen habe,
vier Kühe im Stall und dann die gute Bäckerei,
dann denkt ihr wohl, dass ich mit nem silbernen Löffel im Mund geboren bin.
Aber da fragt nur die Mutter.
Es ist uns tüchtig knapp gegangen,
als Vater so schnell starb und sie ganz allein mit den fünf Kindern saß.
Damals ist sie zum Arbeiten ausgegangen
und wie ich noch nicht konfirmiert war,
musste ich schon beim Bauern helfen und mit dem Milchwagen durch die Dörfer fahren.
Ich tat's nicht ungern
und manchmal war's ganz nett in den Sonnenschein ganz früh morgens hinauszufahren,
aber meistens war's nicht leicht, so früh aus den Federn zu müssen
und bei jedem Wetter von einem Haus zum anderen zu kutschieren.
Ich hatte auch nur einen Anzug und der wurde so schlecht,
dass ich mich freute, wie Ostern kam und der Dorfschneider mir einen neuen machte.
Halb hatte ich ihn mir verdient, die andere Hälfte blieb mutterschuldig.
Ich sollte sie allmählich abbezahlen.
Ich wurde nämlich konfirmiert
und nun kam ich in die große Gutsmeierei, um die Kühe zu melken.
Darauf freute ich mich natürlich und dann noch mehr über meinen neuen Anzug.
Natürlich trug ich ihn nur sonntags,
aber dann kam ich mir sehr fein vor.
Er war aus blauem Düffel und hatte große, blanke Knöpfe.
Als ich mir von meinem ersten Lohn ein paar neue Stiefel kaufte
und Mutter mir ein selbstgestricktes Paar Strümpfe schenkte,
da wollten meine kleineren Geschwister immer dabei sein, wenn ich mich sonntags fein machte
und ich selbst kaufte mir einen kleinen Spiegel, den ich auf die Erde stellte,
damit ich mich ganz besehen konnte.
Ich kam mir wirklich großartig vor
und den ganzen Sommer hatte ich Spaß an meinen guten Sachen.
Schön ist es, sich selbst etwas zu verdienen.
Das wisst ihr alle.
Und wenn ich meinen Wochenlohn an Mutter brachte,
dann lobte sie mich immer und sagte,
Hans-Peter, du machst mir Freude.
Endlich bildete ich mir denn ordentlich was ein
und glaubte, ich wäre ein Hauptkerl
und niemand wäre so klug wie ich.
Das ging so bis in den November
und ich dachte schon darüber nach, was ich Mutter zu Weihnachten schenken wollte
und was ich wohl von der Herrschaft kriegen würde,
als der Lange Franz nach Altkirchen kam.
Der hatte auch eine Stelle in der Meierei und fragte mich gleich,
als er mich zum ersten Mal sah,
ob wir nicht zusammen nach Hamburg gehen wollten.
Ich war noch nie in Hamburg gewesen,
obgleich es mit dem Omnibus nur zwei Stunden zu fahren war.
Aber Mutter sagte, ich sollte nicht allein gehen
und sie hatte keine Zeit mitzukommen.
Der Lange Franz konnte es nicht begreifen,
dass ich noch nie in Hamburg gewesen war.
Du bist ja ein Mondkalb, sagte er.
Liegt dir das feine Hamburg vor der Nase und du kennst es nicht
und um diese Zeit fängt doch der Dom an.
Vom Dom hatte ich natürlich gehört,
das war ein großer Jahrmarkt
und Mutter sagte, da könnte man in einer Sekunde sein Geld loswerden.
Als ich dies sagte, lachte Franz noch mehr.
Oh, was für ein Muttersohn,
glaubst alles, was die Frauensleute sagen
und das darf man doch nicht.
Der Hamburger Dom ist mehr als großartig
und wenn du noch kein Schwein gesehen hast, das Klavier spielen kann
und ne Gans, die sagt, wie alt du bist
und den Flohzirkus, wo die Flöhe Polka tanzen,
dann tust du mir leid.
Franz wusste was zu erzählen,
wie schön es in Hamburg war,
wie himmlisch auf dem Hamburger Dom
und ich konnte natürlich nicht genug davon hören.
Mutter, sagte ich am nächsten Sonnabend,
ich wollte gern morgen nach dem Hamburger Dom.
Ich brachte ihr nämlich meinen Wochenlohn
und wollte zwei Mark zurückbehalten.
Aber sie nahm mir das Geld wieder aus der Hand.
Hanspeter, wart bis zum anderen Jahr.
Der Hamburger Dom läuft nicht weg
und dann kannst du mit mehr Geld hin.
Der Anzug ist noch nicht ganz bezahlt
und deine Stiefel haben neue Sohlen gekriegt.
Hamburg läuft nicht weg.
Aber ich glaubte, dass Hamburg wegliefe,
ging brummig zu Bett und zog am anderen Morgen
verdrießlich meinen neuen Anzug
und die frisch besohlten Stiefel an.
Franz hatte gesagt, dass er ganz früh
nach Hamburg mit dem Omnibus fahren wollte
und ich ärgerte mich, dass ich nicht mit durfte.
Den Omnibus abfahren sehen wollte ich aber jedenfalls
und lief zum Dorfkrug, wo er stand.
Er war ganz schön voll.
Alle Menschen wollten entschieden nach dem Hamburger Dom
und Franz saß zwischen zwei jungen Mädchen
und erzählte ihnen so viel, dass er mich nicht sah.
Langsam rappelte der alte Kasten davon
und dann fuhr noch ein Leiterwagen vor,
für die, die im Omnibus keinen Platz gefunden hatten.
Ich stehe, sehe die Menschen einsteigen,
ärgere mich, dass ich nicht mit kann
und sehe mit einem Male mitten auf dem Wege
eine Geldtasche liegen.
Ich nehme sie auf, sehe nach, was drin ist
und dann sitze ich auf dem Leiterwagen
und will auch nach Hamburg.
Hans Peter hielt inne
und seine Stirn war rot geworden.
Aber niemand sagte ein Wort
und so sprach er dann bald weiter.
Da waren 20 Mark in Gold im Beutel
und dann noch so viel Silber,
dass ich den Kutscher bezahlen konnte.
Ach, wie langsam fuhr der Leiterwagen
und wie kalt wurde es.
Es war noch kein rechtes Weihnachtswetter,
obgleich es der erste Sonntag im Dezember war.
Aber der Wind wehte scharf
und im Wagen lag kein Stroh.
Da werden alle ganz verklammt
und wenn die Frauen und Mädchen
zuerst vom Hamburger Dom gesprochen und gesagt hatten,
was sie sich kaufen und was sie alles besehen wollten,
so fingen sie allmählich an zu frieren
und wollten irgendwo einkehren,
um was Warmes zu trinken.
Aber das ging nicht
und endlich hielt der Wagen still
und wir waren auf dem Schweinemarkt in Hamburg.
Es liefen dort aber keine Schweine herum.
Überall standen großmächtige Häuser
und wie ich auf dem Pflaster stand,
da taumelte ich etwas,
weil ich so verfroren war.
Aber ich freute mich doch schrecklich,
in Hamburg zu sein
und sah mich um,
wo wohl der Hamburger Dom wäre.
Ich konnte ihn nicht entdecken
und wie ich mich noch umsehe
und mich wundere über die vielen Menschen
und dass keiner nach mir hinsieht
und wie ich gerade jemanden fragen will,
fasst mich einer am Arm.
Guten Tag, Peter.
Ich sehe mich um.
Da steht ein junger Mensch,
den ich nicht kenne.
Er hat einen schlechten Rockern
und sieht blass aus.
Aber ich freue mich doch, dass er mit mir spricht.
Ich heiße Hans-Peter, sage ich
und er lacht.
Ich meine auch Hans-Peter.
Willst du nach dem Dom?
Ja, sage ich.
Hast du denn auch Geld?
Gewiss, erwidere ich trotzig
und er hakt mich unter.
Dann komm nur, Hans-Peter.
Ich will dich wohl unterbringen.
Ich wollte nur erst etwas Warmes trinken,
weil es höllisch kalt ist.
Willst nicht auch was haben?
Natürlich wollte ich das.
Ich war kalt und hungrig.
Und dann wollte ich auch vergessen,
dass mir das gefundene Geld nicht gehörte.
Da sind wir denn zusammen losgezogen.
Mein neuer Freund hieß Albert
und er sagte, dass er letztes Jahr
in Altkirchen gewesen wäre
und meine Mutter auch kennte.
Und er erzählte vom Wachsfiguren-Kabinett
in St. Pauli, wo alle Mörder zu sehen waren
und von einem Schwarzen,
der Feuer fraß
und von noch viel mehr.
Und dann saßen wir zusammen
in einer Wirtschaft und tranken Punsch.
Ich hatte noch niemals Punsch getrunken
und er schmeckte mir wunderschön.
Das war wie Feuer in mir.
Und ich wurde lustig
und erzählte von zu Hause
und von meiner Stelle
und dass ich noch nie in Hamburg gewesen wäre.
Und Albert sagte,
dass ich ein famoser Kerl wäre
und immer bei ihm bleiben sollte.
Dann tranken wir Brüderschaft
und was weiter war,
weiß ich nicht mehr.
Als ich wieder zur Besinnung kam,
da lag ich in einem Bett
und alles war stockfinster um mich her.
Schmerzen hatte ich im Kopf,
dass ich meinte, er müsste kaputt gehen
und übel war ich,
als schaukelte ich auf dem Wasser.
Da schlief ich dann endlich wieder ein
und wie ich nun wach wurde,
steht eine alte Frau vor meinem Bett
und sagt,
Aufstehen, Hans-Peter,
du musst jetzt arbeiten.
Wer sind sie?
fragte ich ganz verdöst und sie lacht.
Ich bin deine Herrschaft
und heiß Frau Brand.
Weißt du nicht mehr, dass du dich bei mir vermietet hast?
Du sollst meinen Keller reinmachen
und mein Essen kochen.
Sie sind wohl verrückt,
rufe ich. Dabei will ich aus dem Bett springen
und nach meinem Anzug greifen,
aber da liegt kein Anzug und meine Stiefel kann ich auch nicht sehen.
Die alte Frau
sieht mich boshaft an.
Ja, Hans-Peter,
du musst schon warten, bis ich dir was hole,
damit du anständig aussiehst.
Du hast nur ein Hemd an, mein Junge.
In so ein Kostüm kann man in Hamburg nicht rumlaufen,
nicht einmal im Zimmer.
Sie hatte recht.
Im Hemd konnte ich nicht herumlaufen
und etwas zum Anziehen war nicht zu finden.
Ich weiß nicht mehr,
wie laut ich geschrien und geheult habe.
Mit einem Male stand der Freund von gestern vor mir
und er trug meinen guten Anzug
und meine neu besohlten Stiefel.
Ich wollte mich auf ihn stürzen,
aber da hielt er mir eine Pistole
vors Gesicht.
Wenn du mockst, dann schieße ich, drohte er
und seine Augen funkelten zornig.
Da bin ich denn still geworden,
denn erstmal wollte ich mich nicht
totschießen lassen und dann hatte
ich solche Schwere in den Gliedern,
dass ich meinte, todkrank zu werden.
Es war wohl Gift oder etwas
Ähnliches in dem Punsch gewesen, den Albert
mir gegeben hatte, und ich
fühlte mich schwach wie ein Kranker.
Sie warfen mir einen alten
rohen Weiberrock hin und eine
schmutzige Nachtjacke und
dann musste ich aufstehen und für Frau Brand
und ihren Albert Kaffee machen.
Dabei lachten sie über mich
und Albert machte nach, wie dumm
ich nach Hamburg gekommen wäre
und dass er wollte, noch mehr
Schafsköpfe wie ich führen mit dem
Omnibus hierher, um den Dom zu sehen.
Er hatte die Macht über mich.
Ich war schwach und krank
und wenn ich mir auch sonst das Weinen
abgewöhnt hatte, so saßen mir
die Augen jetzt voll von Tränen.
Darüber lachte Albert noch mehr,
nannte mich eine Heuliese und
stieß mich mit meinem eigenen Stiefeln.
Ich war wie betäubt.
Ich machte den Keller rein,
ich schälte Kartoffeln, ich musste
alles tun, was Frau Brand und ihr netter
Sohn befahlen und ich musste mich
stoßen und mir befehlen lassen.
Heraus aus dem Keller konnte ich nicht.
Wo ich war, da wurde die
Tür abgeschlossen und ich wusste ja auch
nicht Bescheid in Hamburg.
Wenn ich weglief, griff mich die Polizei
natürlich gleich auf und wenn ich sagte,
dass ich 20 Mark gefunden und nicht
abgeliefert hatte, dann steckte die mich
wohl ins Loch. Ja,
das war grässlich, Kinder
und wenn ich jetzt daran denke,
dann wird mir noch immer komisch zumute.
Hans Peter stieß seine
tiefen Seufzer aus und
sah lange Zeit vor sich hin,
bis seine Frau ihn anlächelte
und er weitererzählte.
Ich bin wohl drei oder
vier Tage bei Albert und seiner Mutter gewesen,
bis ich mich wieder ordentlich besann.
Ich merkte wohl,
das waren Verbrecher, denen ich in die
Hände gefallen war und Albert sagte
schon einmal, wenn ich artig wäre, dann könnte
ich ihm bei einem feinen Geschäft helfen.
Ich konnte mir denken, was dies
für ein Geschäft war. Ich sollte
mit ihm stehlen und betrügen,
aber ich wollte nicht. Ich wollte wieder
nach Altenkirchen und ich dachte an
meine Mutter, wie sie wohl in Angst um
mich war und was mein Herr sagte,
dass ich aus dem Dienst gelaufen war.
Aber im roten Unterrock konnte
ich nicht auf die Straße und ich hatte
noch immer Furcht vor der Polizei.
Albert sagte, das wären alles schlechte
Menschen und wenn sie mich kriegten,
würde ich viele Wochen im Gefängnis
sitzen müssen, gerade als
ob er gut gewesen wäre, der
jeden Tag ausging, um die Menschen zu bestehlen
und zu betrügen.
Und wenn er mit leeren Händen nach Hause
kam, dann schlug er seine Mutter.
Sie war eine alte,
gräuliche Person, aber als sie
einmal laut weinte, da tat sie mir
leid und beinahe wäre ich
auf Albert losgegangen, aber ich
besann mich noch. Ich wollte nicht
zeigen, dass das Gift aus meinem Körper war
und dass ich darüber nachdachte,
auszukneifen. Die Gedanken
kamen mir mächtig, als ich an einem
Nachmittag allein im Keller war.
Die alte Brand war ausgegangen und ihr Sohn
auch. Natürlich hatten sie mich
eingeschlossen und die Fenster hatten eiserne
Ränder. Aus ihnen konnte ich nicht
steigen. Aber ich wollte alles
versuchen. Ich wollte weg.
Das Leben konnte ich nicht mehr aushalten
und wenn die Polizei mich erwischte,
dann mochte sie es tun.
Ich war ja doch im Gefängnis und vielleicht
war das wirkliche Gefängnis besser als
dieses hier. Ich saß
in der Küche und sollte den Herd reinmachen.
Das war ein stickiger Raum
und so voll von Sachen gepackt,
dass man nicht ans Fenster kommen konnte,
das tief unter der Erde lag.
Aber ich schob einen
großen Schrank zur Seite
und dann suchte ich die Scheibe,
die dahinter lag, einzuschlagen.
Gerade wie ich den Arm mit der
Kohlenschaufel hob, da höre ich singen
Stille Nacht,
heilige Nacht, alles schläft,
nur einer wacht.
Das Lied kannte ich auch.
Ich hatte es doch vorige Weihnacht mit in der
Kirche gesungen und der Lehrer hatte mich
gelobt, weil ich's gut machte.
Und nachher hatte ich's Mutter vorgesungen
und sie hatte sich die Augen gewischt,
wie sie überhaupt weihnachtenleicht traurig
war, weil sie an meinen verstorbenen Vater
dachte. Und nun weinte
sie wohl auch, weil ihr Hanspeter weggelaufen
war und sie nicht wusste, was er mit sich
angefangen hatte. Einen
Augenblick dachte ich, mein Herz würde in zwei
gehen, aber dann sah ich ein, dass mit
Heulen nichts zu wollen war.
Ich wischte lieber die schmutzige Fensterscheibe
ab und versuchte hinauszusehen.
Halb dunkel war's schon,
aber ich sah, dass das Fenster
auf einen Hof ging.
Gerade gegenüber lagen Hinterhäuser.
Zu ebener Erde stand ein Fenster
offen und von dort her kam
der Gesang. Ich dachte,
wer so singen kann, der hilft
dem armen Hanspeter, dass er wieder nach Hause
und zu seiner Mutter kommt.
Ich vergaß, dass ich noch immer im Weiberrock
ging und nur ein paar alte Strohschuhe
an den Füßen hatte.
Ich schlug die Scheibe ein,
bog die eisernen Stangen des Kellerfensters
auseinander, drückte mich
durch und lief nach dem offenen Fenster.
Ich sah eine saubere
Stube, in der ein kleines Mädchen
ganz allein saß und eifrig strickte.
Dabei sang sie ihr
Weihnachtslied und wie ich
plötzlich zu ihr ins Zimmer sprang,
da erschrak sie nicht,
sondern betrachtete mich nur erstaunt.
Was bist du für ein?
fragte sie.
Bist ne Tante oder ein Onkel?
Denn ich sah wohl tüchtig verrückt aus
mit meiner Verkleidung und
meinem Jungenskopf.
Aber ich hörte nicht auf ihre Frage.
Kannst mir ne Hose geben und ein Rock?
Ich geb es wieder, wenn ich kann.
Nun sah sie mich noch einmal an.
Mutter ist auf Arbeit und Bruder
Jochen auch und ich soll auf
alles aufpassen. Und ich sing
ein bisschen, weil ich sonst bange bin
und das Fenster hab ich offen gemacht,
weil da ein Sperrling war, der so gern
rein wollte. Aber er ist doch
nicht reingekommen.
Ich hörte nicht auf sie.
Kannst mir nicht Rock und Hose geben?
Mehr konnte ich nicht denken.
Ich musste doch aus dem Unterrock
heraus. Und vielleicht hab ich ein
böses Gesicht gemacht, denn die Kleine
ist mit einmal aufgestanden und an einen
Schrank gegangen. Mutter hat
gesagt, wenn die Diebens kämen, dann sollte
ich ihnen mal alles geben, weil ich mir noch
nicht wehren kann.
Hier, lieber Dieb, bedienen Sie sich.
Da hing ein guter Anzug
und ich weiß nicht, wie ich hineingekommen bin.
Und ich hab nicht Danke gesagt
und Adieu. Ich bin von dem
Zimmer auf die Straße und immer weiter
gelaufen. Und wie ich
aus Hamburg heraus und wieder nach
Altenkirchen gekommen bin, das kann ich
heutigen Tages nicht sagen.
Aber gegen Morgen am anderen Tag war ich
vor Mutters Haus. Und wie ich
leise an die Tür klopfte und sie mir
aufschloss, da hab ich gehofft, sie würde
mir ne Ohrfeige geben und mich gehörig
schelten. Sie sagt kein
Wort und war ganz mager vor Kummer geworden.
Und ich hätte ihr am liebsten einen
Kuss gegeben und sie um Verzeihung gebeten,
aber dann schämte ich mich so, dass ich's nicht
konnte. Das Nachhausekommen
war schrecklich. Die Leute in Altenkirchen
fragten, Hans Peter, bist du
wieder da? Jung, der Hamburger Dom
ist dir schlecht willkommen.
Und das war auch so, denn ich war abgefallen,
hatte einen bösen Husten und lief
noch immer in Strohschuhen. Und in der
Meierei wollten sie mich zuerst nicht wiedernehmen,
weil ich fortgelaufen war.
Und als sie es endlich aus Gnade und
Barmherzigkeit taten, weil ich so jämmerlich
bat, da sagte der Herr gleich,
dass sie mir kein Weihnachtsgeschenk machen könnte.
Dann hörte ich auch, dass
ein armes Mädchen ihren mühsam gesparten
Lohn auf der Straße verloren habe
und die Leute schallten
über den Spitzbuben, der Geld fand und es
nicht ablieferte.
Wie der Weihnachtsabend kam, da hatte Mutter einen
kleinen Weihnachtsbaum angezündet
und die kleineren Geschwister standen darunter
und freuten sich. Mutter aber
stand ganz still davor und weinte.
Die Kinder sangen
Stille Nacht, Heilige Nacht.
Und ich sah ein kleines
Mädchen allein in der Stube sitzen
und sie nannte mich Lieberdieb.
Ich war der Dieb
gewesen. Wenn sie an mich dachte und
von mir sprach, dann sagte sie natürlich
Der Dieb.
An diesem Abend konnte ich keinen Weihnachtsbaum
sehen und kein Weihnachtslied hören.
Aber als die Kleinen zu
Bette gegangen waren und Mutter
vor ihrer Bibel saß, da kam
ich zu ihr und gestand ihr, was alles
gewesen war und versprach,
dass ich alles wieder gut machen wollte.
Da wurde Mutters Gesicht wieder
freundlich und wenn sie auch
traurig war, dass ich das Geld genommen und
nachher mir den Anzug erzwungen hatte,
so meinte sie, wenn ich mir Mühe gäbe,
so könnte ich alles wieder erstatten.
So also habe ich
das neue Jahr mit guten Vorsätzen angefangen
und wenn auch sonst der Weg
zur Hölle damit gepflastert ist, so
habe ich mein Bestes getan, sie auszuführen.
Das ist nicht immer ganz leicht
gewesen, denn was man in einer Stunde
Böses getan hat, dazu braucht
es oft Jahre, bis alles wieder gut ist
und manchmal gelingt es überhaupt
gar nicht. Aber ich habe
ordentlich gearbeitet, um Geld zu verdienen
und nach einigen Monaten kriegte das
arme Mädchen, das ihren Lohn verloren hatte,
das Geld mit Zinsen von einem
Unbekannten wiedergeschickt und dann
bezahlte ich dem Schneider meinen Anzug,
mit dem Albert umherjunkerierte
und ließ mir einen anderen machen.
Zwar war er lange nicht so fein wie der
Erste und im Spiegel mochte ich
mich überhaupt nicht mehr besehen, weil ich
das Bild vom lieben Dieb nicht
mehr leiden mochte. Und
dann bin ich einmal gegen Weihnachten mit meiner
Mutter nach Hamburg gefahren und wir haben
versucht, das Haus und die Straße ausfindig
zu machen, indem Albert und seine Mutter mich
gefangen hielten. Denn wenn ich
nur wusste, wo ich im Keller gesteckt hatte,
dann wollte ich auch schon herausbekommen,
wo das kleine Mädchen wohnte, dem ich den Anzug
vor der Nase weggenommen hatte.
Aber wir konnten den Keller nicht finden
und dann haben wir eine Cousine von Mutter
besucht, die einen kleinen Gemüseladen
hatte und bei der wir Kaffee
tranken. Es war eine
rätselige Frau und sie und Mutter
hatten sich so viel zu erzählen, dass ich
schweigend dabei saß und nicht recht wusste,
was ich anfangen sollte.
Bis ich mit einem Male eine Stimme
singen höre. Stille
Nacht, heilige Nacht.
Da bin ich in die Höhe gefahren, dass
mich Tante ganz verwundert ansah.
Magst das Lied nicht hören,
kleiner Jung? Fragte sie.
Wir haben neue Mieter
gekriegt und das kleine Mädchen übt ihre
Weihnachtslieder. Es sind überhaupt
sehr nette Leute, eine Mutter und ihre
zwei Kinder. Sie wohnten früher
in der Marterstraße, aber da hatten
sie solch schreckliches Abenteuer mit einem Dieb.
Der kam am hellen Tage zu dem
kleinen Mädchen, als sie allein war und
nahm einen Anzug von ihrem Bruder aus
dem Schrank. Einen Frauenrock
und eine Nachtjacke hatte er da gelassen
und das kleine Mädchen, Anna heißt sie,
sagte, sie hätte gar keine Angst vor ihm
gehabt. Aber ihre Mutter und ihr
Bruder haben doch die Wohnung gekündigt.
Es war eine zu schreckliche Nachbarschaft.
Und die Tante
erzählte weiter, dass eine Frau und ihr Sohn
in der Nähe gewohnt hätten, die jetzt
beide im Gefängnis wären. Der Sohn
hatte fremde junge Leute an sich gelockt,
sie betrunken gemacht und sie dann zu
seiner Mutter gebracht, die sie eingesperrt
und schlecht behandelt hätte,
bis sie ebenso schlecht wurden wie ihr Sohn.
Die Tante erzählte
lang und breit von der Geschichte und
Mutter hörte schweigend zu.
Mir aber wollte kein Kaffee mehr schmecken
und ich freute mich, als wir bald aufstanden
und auf die Straße gingen.
Tante ging wieder in ihren Laden, in dem
viel zu tun war und wir blieben
stehen und wussten nicht recht, was wir tun sollten.
Ich merkte, dass
es Mutter schwer wurde, zu den Leuten zu gehen,
denen ihr Sohn etwas gestohlen hatte
und ich wäre am liebsten weit weggelaufen.
Dann aber hörte
ich wieder das Weihnachtslied singen und
ich wusste, dass bald Weihnachten war
und dass es besser war, das Fest zu feiern,
wenn das Gewissen ruhig geworden war.
So also fasste ich mir ein Herz
und zog an der Glocke von der Wohnung,
aus der der Gesang kam.
Wie nun ein kleines Mädchen mir öffnete,
da trat ich schnell auf den
Korridor, freute mich, dass
er dunkel war und sagte ganz
schnell und leise
»Hier sind 50 Mark. Ich wollte den
Anzug bezahlen, den ich voriges Jahr dir weggenommen
habe. Ich war in großer Not und ich
danke dir noch sehr, dass du mir geholfen hast
und ich werde niemals wieder ein Dieb werden.
Darauf kannst du dich verlassen.«
Eilig wollte ich wieder weglaufen,
da fasste mich eine kräftige Hand.
»Bleib mal ein bisschen hier, mein Jung.
Ich will dich genauer ansehen.«
Doch das kleine Mädchen rief laut
»Jochen, tu ihm nichts.
Ich habe es immer gesagt, das war kein böser
Dieb. Er konnte doch nicht im Unterrock
auf die Straße laufen.«
Aber Jochen hatte mich gepackt und schüttelte mich derb
und wenn Mutter nicht gekommen wäre
und alles erklärt hätte, ich würde
wohl noch eine Tracht Prügel besehen haben
und eigentlich hatte ich sie auch verdient.
Aber wie Jochen, der ein großer
junger Mann war, Mutter sah und
ihre bittende Stimme hörte, da ließ
er mich los und die 50 Mark
nahm er gern, weil er natürlich zum Fest
Geld gebrauchen konnte.
Er merkte auch, dass es mir ernst mit meiner
Reue war und schließlich wäre er selbst
auch ungern mit einem Frauenunterrock gegangen
und Albert kannte er von Ansehen
und wusste, dass er wegen vieler Missetaten
im Gefängnis saß und
wenn er frei kam, wahrscheinlich gleich
wieder hineinkommen würde.
So also hat er uns endlich eingeladen, näher
zu treten und als seine Mutter
nach Hause kam, da saßen wir alle um
den Tisch, aßen gebratene Äpfel
und sangen dabei
»Stille Nacht, heilige Nacht«
und wenn die gebratenen Äpfel mir
auch nicht besonders schmeckten,
denn ich kam mir immer noch wie ein
Lumpenhund vor, so sang ich das
Lied von Anfang bis Ende
und jedes Mal, wenn Weihnachten
kommt, freue ich mich, es
wieder und wieder zu hören.
Hanspeter schwieg mit einem
tiefen Atemzug und wischte sich
die Stirn. Er war heiß bei
der Geschichte geworden und sah in
die Lichter des Tannenbaums,
die ein Gutstück niedergebrannt waren.
Der eine von den Freunden
stand auf, putzte an
den Lichtern und sah dann auf Hanspeters
Frau. Und wie geht die
Geschichte weiter? Hanspeter
lachte. Nun willst du wissen,
wie es gekommen ist, dass die kleine Anna meine
Frau und ihr Bruder Jochen mein bester Freund
geworden ist. Aber das ist
eigentlich keine Weihnachtsgeschichte,
wenn sie auch Weihnachten begonnen hat.
Zwölf Jahre habe ich noch
schaffen und arbeiten müssen,
ehe ich mein eigenes Haus einrichten konnte.
Aber jedermann wird begreifen,
dass das Weihnachtslied mir in der größten
Dunkelheit geholfen und vielleicht verhindert
hat, dass ich schlecht wurde wie Albert.
Denn wenn man einmal auf dem schiefen
Wege ist, kommt man nicht so leicht
wieder auf einen Graden.
Deshalb freue ich mich immer, wenn wir das Weihnachtslied
singen, meine gute Mutter neben mir sitzt
und nicht mehr böse auf ihren Hanspeter
ist. Nicht wahr, Mutter?
Er fasste die Hand der alten
Frau und streichelte sie leise.
Dazu knisterten die Weihnachtslichter.
Aber draußen war
es klar geworden. Und
die Sterne begannen
zu glitzern.
Danke fürs Zuhören.
Wenn dir die Geschichte gefallen hat und
du noch nicht schläfst, würde ich mich
über einen Daumen nach oben und einen Kommentar
freuen. Und falls du noch nicht
schlafen kannst, findest du hier eine weitere
Geschichte. Bis bald.